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92. Corona-Pandemie und ihre vermeintlichen Vorteile

oder

Ist jetzt die Zeit zum Scherzen?

Momentan an die Erziehung oder Therapie aggressiver oder verhaltensauffälliger Hunde, die an der Leine zerren, jagen oder alles und jeden verbellen, zu denken, kann auch nur einem Hundetrainer oder Hundetherapeuten einfallen, wird so mancher denken. Ich gebe zu, wenn die Hundeerziehung nicht meine Profession wäre, hätte ich sicherlich ähnliche Gedanken. Aber mich erreichen gerade jetzt Anrufe von HundehalterInnen, in denen sie von ihren unerzogenen Hunden berichten und um Hilfe bitten.

Aber in der jetzigen Zeit geht es mir wie vielen Hundeschulen und HundetrainerInnen, denen das Ausüben ihres Gewerbes weitestgehend untersagt wurde. So gerne ich auch helfen würde; in dieser Zeit kann ich dies, außer in begründeten Fällen, wenn Gefahr für die Gesundheit für Mensch und Tier zu befürchten ist, nur fernmündlich.

Aber trotz Pandemie und schrecklich anzuhörender Nachrichten ist es der menschlichen Natur eigen, selbst in vermeintlich aussichtsloser Lage noch Mut zu fassen und mit etwas Galgenhumor seine Lage zumindest mental etwas aufzupäppeln. Deshalb will auch ich hier einen kleinen Beitrag des Trostes und Mutmachens leisten.

Denn mit ein wenig Phantasie kann man auch als Hundehalter(in) der momentanen Situation, in der eine nahezu vollständige soziale Isolation angesagt ist, sogar noch etwas Positives abgewinnen:

Nämlich den Vorteil des Kontaktvermeidens unserer Hunde in Zeiten der Kontaktsperre.

Diejenigen, die meine Homepage wordpress.hundetrainer-bartz.de/ kennen, wissen, dass ich in der Rubrik FACHARTIKEL in lockerer Abfolge seit vielen Jahren Fachbeiträge veröffentliche zum Thema Hundeerziehung. Und in der Rubrik FACHBÜCHER findet jede(r) an der Hundeerziehung Interessierte(r) zwei meiner Bücher zu selbigem Thema. In ihnen gehe ich nicht nur darauf ein, wie ein Hund effizient erzogen werden kann, sondern auch darauf, warum so viele Versuche, einen Hund zu erziehen, oftmals scheitern oder sogar scheitern müssen. Und eine der wichtigsten Ursachen für das Scheitern findet sich im Anthropomorphisieren, wozu der Mensch von Natur aus neigt.

Von Anthropomorphismus spricht man in der Human-Psychologie, wenn man menschliche Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen überträgt, also auf Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo Tiere vermenschlicht dargestellt werden, wie beispielsweise die vier Bremer Stadtmusikanten. Und nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren. Denn der Mensch ist nämlich nur in der Lage, etwas in Bezug auf sich selbst zu beschreiben bzw. zu erkennen. Jede menschliche Wahrnehmung ist komplett subjektiv und schon gar nicht in der Lage, ein reales Abbild der Wirklichkeit zu produzieren. Das Ergebnis ist stets nur ein kognitives Konstrukt der eigenen Sinnesreize und deren neuronaler Interpretation.

In der Beziehung zum Hund heißt das, dass Frauchen oder Herrchen offensichtlich überhaupt nur durch das Anthropomorphisieren mit ihm erfolgreich interagieren und ein einigermaßen passendes Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne das Vermenschlichen wären sie dazu gar nicht in der Lage.

Das Ganze hat jedoch dann einen merklichen Nachteil, wenn durch das Anthropomorphisieren dem Hund eigene menschliche Bedürfnisse angedichtet werden, die er aber gar nicht hat. Und wenn Frauchen oder Herrchen dann versuchen, ihren Lieblingen die Möglichkeit zu verschaffen, diese vermeintlichen Bedürfnisse auszuleben, bringen sie sie in ernst zu nehmende Konflikte. Dazu zählt insbesondere das angebliche Bedürfnis nach möglichst vielen sozialen Kontakten und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Kommunikation.

Dass dem Menschen diese Bedürfnisse eigen sind, hat seine Ursache in dem evolutionsbiologischen Vorteil, den er im Überlebenskampf aus den vielen und ständig erweiterten sozialen Kontakten und der Möglichkeit der Kommunikation gezogen hat. Dem Hund ist Selbiges aber nicht widerfahren. Im Gegenteil, seine evolutionsbiologische Erfolgsstory basiert auf der Domestikation, im Rahmen derer er über 30.000 Jahre im Idealfall jeweils mit nur einer einzigen Bezugsperson in engem Kontakt stand. Und da eine seiner wichtigsten Aufgaben, die ihm dabei übertragen wurden, darin bestand, uns und unser Hab und Gut zu bewachen und zu beschützen, hatte er ohnehin nur einen einzigen Grund, Kontakt zu anderen seiner Spezies aufzunehmen: Nämlich die Absichten der anderen abzuklären, ob von ihnen irgendeine Gefahr für die eigene Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen ausgehen könnte. Es gab nur eine Ausnahme: Während der Läufigkeit, die eigenen Gene weiterzugeben.

Das heißt, eine auf vermeintlichen Bedürfnissen basierende Kontaktaufnahme, so wie sie dem Menschen eigen sind, gibt es beim Hund nicht. Für ihn sind andere Hunde außerhalb der Läufigkeit nichts anderes als Konkurrenten oder Rivalen.

Deshalb sind auch Annahmen, es würde dem Wohlbefinden des Hundes dienlich sein, ihm die Möglichkeit möglichst vieler sozialer Kontakte zu seinesgleichen zu bieten, eine reine Mär und ausschließlich dem Anthropomorphisieren geschuldet.

Insofern sollte jede(r) Hundehalter(in) in Zeiten wie der heurigen, bei denen menschliche soziale Kontakte auf das zwingend Notwendige reduziert werden müssen und so etwas wie gemeinsame Hundewaldspaziergänge oder Treffen auf der Hundewiese untersagt sind, nicht traurig sein oder gar ein schlechtes Gewissen haben, ihren Vierbeinern etwas zwingend Bedürftiges vorzuenthalten, weil sie ihnen keine Kontakte zu ihresgleichen ermöglichen.

Sehen Sie es vielmehr positiv; denn damit ersparen Sie Ihren Schützlingen unter Umständen sogar sehr viel Stress. Denn Hunde mögen keine anderen Hunde, wenn sie selbst noch nicht erzogen wurden. Will heißen, wenn sie im Rahmen ihrer Erziehung noch nicht von ihrer Verantwortung entbunden wurden, für die eigene Sicherheit und die ihrer Bezugsperson sorgen zu müssen. Dann sind andere Hunde für sie nämlich sogar so etwas wie Todfeinde, die es zu verjagen gilt. Jedes Zusammentreffen mit anderen wird dann zumindest zu einer psychischen Belastung. Ob es sogar Stress auslöst, hängt von der mentalen Stärke des jeweiligen Hundes ab, ob er sich noch in der Lage fühlt, Einfluss auf das weitere Geschehen zu haben. Auf jeden Fall haben solche Zusammentreffen wenig mit Spaß und Freude zu tun.

Und sollten die Hunde erzogen, ihnen also die Verantwortung genommen worden sein, haben sie ohnehin kein Interesse mehr an der Begegnung mit anderen Hunden. Denn dann brauchen sie sie noch nicht einmal zwecks Aufklärung ihrer Absichten kontaktieren. Jede(r) Hundehalter(in) wird dann sogar feststellen, dass ihre Schützlinge keinerlei Interesse mehr an ihresgleichen haben und sie sogar regelrecht ignorieren.

Mit anderen Worten: Corona hat offensichtlich doch etwas vermeintlich positives, zumindest für unsere ansonsten gestressten Vierbeiner. Denn die Kontaktsperre erspart ihnen die ohnehin nicht sehr beliebten Hundetreffen.

Und wenn ich im Moment auch nicht zu Ihnen kommen kann, um Ihnen bei der Erziehung Ihrer „Leinenrambos“ oder sonstigen „Aggressoren“ behilflich zu sein, dann hilft Ihnen vielleicht zunächst die Lektüre eines meiner Bücher weiter, bis ich wieder durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren darf. Ich wünsche Ihnen dabei ein wenig Freude und Ihnen und Ihren Lieben, dass Sie gesund bleiben.

Ihr Hundetrainer Sascha Bartz

91. Warum nehmen Hunde-Beißattacken zu?

Oder Liegt das vielleicht an den „modernen“ Erziehungsmethoden?

Laut des Onlinedienstes nordbayern.de habe die Zahl der vom Bayerischen Innenministerium erfassten Hunde-Angriffe deutlich zugenommen. Demnach seien vor neun Jahren 447 Menschen gebissen worden und 23 weitere das Opfer einer Kampfhund-Attacke geworden. 2018 wären es 659 Angriffe von Hunden gängiger Rassen und 45 durch so genannte Kampfhunde gewesen.

Abgesehen davon, dass aus diesen Zahlen hervorgeht, dass die so genannten Kampfhunde bzw. Listenhunde offensichtlich gar nicht das eigentliche Problem zu sein scheinen, wie immer wieder geunkt wurde, ergeben sich daraus u.a. zwei interessante Fragen: Zum einen die nach dem Warum für die steigenden Zahlen, die nicht nur in Bayern oder NRW zu verzeichnen sind und zum anderen, ob zu erwarten ist, dass die Beißattacken auch weiterhin zunehmen werden?

Die letzte Frage ist relativ schnell beantwortet: Ja, da die Ursachen nicht beseitigt werden, wie meine Antwort auf die erste Frage zeigen wird.

Auch wenn es eine einfache Antwort auf die erste Frage nicht geben kann, denn das Problem ist komplex, und ein solches ist schon laut Definition durch eine Vielzahl an Einflussgrößen, deren Vernetztheit untereinander und ihre Intransparenz, Eigendynamik und Polytelie (unterschiedliche Zielstellungen, die mit ihren Veränderungen beabsichtigt werden) gekennzeichnet, lässt meine Antwort trotzdem den Schluss zu, dass in Zukunft die Beißattacken – oder generell die Übergriffe von Hunden auf Menschen und Tiere – zunehmen werden.

Dass es ein komplexes Problem ist, wird schon an den Erklärungsversuchen deutlich. Beispielsweise wird seitens mancher Fachleute als Begründung gerne angeführt, dass sich allein schon aus der stetigen Zunahme der Anzahl von Hunden rein rechnerisch eine Zunahme an Beißattacken ergebe; was statistisch betrachtet nicht ganz falsch ist aber als nennenswerter Grund nicht wirklich taugt. Ebenso die Erklärungsversuche durch die Vorsitzende des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) in Bayern, wonach immer mehr Hunde aus Osteuropa mit einer fragwürdigen Welpen-Prägungsphase in unser Land kämen oder immer mehr Menschen sich einen Hund kaufen würden, die gar keine Zeit für das Tier hätten. Und auch ihr Ruf nach einem verpflichtenden Hundeführerschein ist nicht falsch, geht aber meiner Erfahrung nach ebenfalls am eigentlichen Problem vorbei.

Und dieses Kernproblem offenbart sich in einem ihrer weiteren Erklärungsversuche, wenn sie sagt, Hunde bräuchten neben ausreichender Betreuung und viel Auslauf aber vor allem auch Erziehung und müssten auf die Kommandos “Sitz”, “Platz” und “Fuß” hören. Denn hierin offenbart sich das eigentliche Dilemma:

Zwar nennt sie richtigerweise die fehlende Erziehung der Hunde als einen Grund aber fehlinterpretiert nicht nur ihre zentrale Bedeutung durch das Wörtchen „auch“, sondern definiert sie obendrein auch noch völlig falsch.

Die fehlende Erziehung nur als eines von vielen Ursachen zu beschreiben, selbst wenn sie es mit der Floskel „vor allem“ einleitet, ist schon sehr fragwürdig, denn ich wage zu behaupten, dass fast alle Beißattacken in der ausgebliebenen Erziehung dieser Hunde begründet ist. Deshalb hätte dieser Grund als allererstes und wichtigstes genannt werden müssen. Denn das Beißen zählt zum natürlichen agonistischen Verhaltensrepertoire fast aller Hunderassen, welches sie auch nutzen, so ihnen zuvor der dafür notwendige Entscheidungsspielraum im Rahmen einer Erziehung nicht genommen oder eingeschränkt wurde. Und wenn ein Hund sein agonistisches Verhaltensrepertoire nutzen darf, ist ihm dieser Entscheidungsspielraum definitiv nicht eingeschränkt worden. Mit anderen Worten: Der Hund wurde schlicht und ergreifend nicht erzogen, denn die Einschränkung des Entscheidungsspielraumes ist neben seiner Entbindung von der Verantwortung das zweite Element seiner Erziehung.

Und zum anderen bestätigt sie mit ihrer Aussage wieder die von mir immer und immer wieder kritisierte Wissenslücke zum Unterschied zwischen Erziehung und Konditionierung. Denn wenn sie das Befolgen von Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ & Co. in einem Kontext mit der Erziehung nennt, liegt der Verdacht nahe, dass auch sie diesen Unterschied nicht wirklich realisiert. Sitz, Platz & Co. haben mit der Erziehung des Hundes nämlich nichts zu tun, sondern sind ausschließlich das Ergebnis hündischer Konditionierungen. Und dass mittels einer Konditionierung kein Hund erzogen werden kann, habe ich bereits nicht nur in meinen beiden Büchern ausgiebig begründet, sondern ebenso in einer Vielzahl von Beiträgen an dieser Stelle.

Den Unterschied zwischen Erziehung und Konditionierung habe ich übrigens ausführlich u.a. im letzten Beitrag Nr. 90 beschrieben und will es deshalb hier nicht wiederholen.

In diesem quasi Nichterkennen des Unterschiedes zwischen Konditionierung und Erziehung sehe ich den Hauptgrund, warum so viele Hunde nicht erzogen sind. Denn dadurch glauben viele, ihren Hund erzogen zu haben oder ihn erziehen lassen zu haben, obwohl das, was mit dem Hund gemacht wurde, nichts anderes war, als ihn auszubilden. Denn Konditionierung und Ausbildung sind quasi identisch. Und ein Hund, der zuverlässig „Sitz“, „Platz“ & Co. beherrscht, oder sich tanzend auf einem Bein zum Clown macht, ist zwar gut ausgebildet (konditioniert), aber noch lange nicht erzogen. Denn nach seiner Konditionierung ist ja der Grund für seine Beißattacken nicht verschwunden, was bei seiner erfolgreichen Erziehung jedoch der Fall wäre.

Der Grund, der mich zu der Annahme veranlasst, die Hunde seien alle nicht erzogen, leitet sich aus der Vielzahl von Berichten enttäuschter HundehalterInnen her, die alle mindestens einen erfolglosen Hundeschulbesuch hinter sich haben, bei denen ihre Hunde entsprechend ihres vorgebrachten Wunsches hätten erzogen werden sollen. Wenn ich mir dann jedoch die Methoden beschreiben lasse, mit denen die Erziehungsversuche seitens der Hundetrainer unternommen wurden, dann kann es sich nur um Konditionierungsversuche gehandelt haben.

Und damit sind wir wahrscheinlich beim eigentlichen Problem, was letzten Endes zu der hohen und weiterhin steigenden Anzahl an Beißattacken führt: Die Hunde werden schlicht und ergreifend gar nicht erzogen. Und das nicht etwa, weil es jemand vielleicht vergisst oder nicht will. So eigenartig es sich anhören mag, der Grund dafür liegt in der fachlichen Unkenntnis vieler Hundetrainer(innen), was eine Erziehung des Hundes eigentlich ausmacht. Die so genannten „modernen Erziehungsmethoden“ führen wahrscheinlich dazu, dass viele Hundetrainer im guten Glauben meinen, den Hund zu erziehen oder erzogen zu haben; tatsächlich ihn jedoch nur konditioniert haben.

Und woran das wiederum liegt, werde ich in einem meiner nächsten Beiträge erläutern. Nur soviel vorab: Es hat im weitesten Sinne etwas damit zu tun, was das Fernsehen heute „im harten Dienst der Volksverblödung Tag um Tag unternimmt“ – wie Eberhard Schwanitz es in seinem Werk „Bildung – alles, was man wissen muss“ nennt.

90. Warum ist ein Hund aggressiv?

Oder was bewirkten 30.000 Jahre Domestikation?

Kürzlich fragte mich eine Kundin – die mich gerufen hatte, um ihren „Leinenaggressor“ zur Räson zu bringen –, warum sich ihr Hund eigentlich so verhalte wie er sich verhalte. „Warum zerrt er wie von Sinnen an der Leine oder bellt und kläfft jeden an, als wolle er ihn auffressen? Oder warum fixiert und jagt er jeden und alles?“ Kurzum, warum sei ihr Hund so aggressiv?

Dazu mussten wir uns die Wirkung von über 30.000 Jahren Domestikation in Erinnerung rufen. Denn um das Verhalten eines Hundes zu verstehen, muss man deren evolutionsbiologischen Einfluss und die daraus resultierenden Konsequenzen akzeptieren. Im Wesentlichen geht es um das Verständnis und die Akzeptanz zweier Sachverhalte:

Zum einen lebt der Hund seit vielen Tausenden von Jahren mit uns Menschen in einer oftmals monogamen Beziehung. Das hat unter anderem zur Folge, dass er mittlerweile kein Rudeltier mehr ist – zumindest nicht mehr im Sinne der Verhaltensbiologie –, denn ihm sind die Vorteile einer solchen Lebensform quasi abhandengekommen. Darüber darf auch nicht hinwegtäuschen, dass er, wenn die Umstände ihn dazu zwingen, durchaus noch in der Lage ist, in einer Gruppe seinesgleichen zusammenzuleben. Aber nicht nur die Instinkte zur Bildung der typischen Strukturen eines Rudels, in der alle aus einer Familie stammen und die Mitglieder nicht beliebig austauschbar sind, sind ihm weitestgehend verlorengegangen, sondern auch das Bedürfnis. Stattdessen entdeckte er für sich die ökologische Nische der intensiven Beziehung mit möglichst nur einer einzigen Bezugsperson und schrieb auf dieser Basis seine in der Tierwelt beispiellose Erfolgsstory. Metaphorisch könnte man sogar sagen, dass er, wenn man ihn fragen und er auch antworten könnte, ob er es bevorzugen würde, lieber mit anderen Mitgliedern seiner Spezies zusammen zu sein oder lieber allein mit einem Menschen, sich immer für Letzteres entscheiden würde.

Und eine daraus resultierende Konsequenz ist beispielsweise, dass solche Ideen wie organisierte Hundetreffen oder Hundeausbildungen in Gruppen mit Sicherheit nicht auf hündischem Mist gewachsen sind. Sie sind eher dem Anthropomorphisieren geschuldet und somit Resultat des Projizierens menschlicher Interessen und Bedürfnisse auf den Hund. Kurzum, der Hund würde es immer bevorzugen, mit uns allein zu sein. Denn er liebt es geradezu, die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Menschen zu genießen; weshalb ihn andere Hunde sogar stören.

Zum anderen hatte der Hund während dieses Zusammenlebens mit uns im Wesentlichen nur drei Aufgaben bzw. wurden ihm nur drei Aufgaben übertragen. Entweder er sollte uns bei der Jagd unterstützen, oder er sollte auf der Weide das Vieh hüten oder unser Hab und Gut bewachen. Später kamen zwar noch eine Reihe weiterer spezieller Pflichten hinzu wie das Zerren eines Schlittens quer durch Sibirien oder das um die Wette-Rennen hinter einem Stoffkaninchen und andere Spür-, Such- und Rettungsspezialitäten bis hin zu sehr unappetitlichen Perversitäten, wenn ich an die sogenannten Kampfhunde oder Hunde im Kriegseinsatz denke, bei denen der Mensch sehr geschickt zu seinem eigenen Vorteil nicht nur die hündischen Fähigkeiten und Instinkte ausnutzte, sondern ebenso seinen unbeugsamen Willen, uns gefallen zu wollen. Aber im Grunde genommen hatten die drei erstgenannten Aufgaben den entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung seiner Psyche. Und eines der sich daraus entwickelten Hauptmerkmale ist sein Beschützerinstinkt. Er will nämlich, indem er sein eigenes Grundbedürfnis nach Sicherheit befriedigt, uns Menschen – besser gesagt seine Bezugspersonen und Ressourcen – stets und ständig vor allen potentiellen Gefahren bewahren.  

Unter dem Einfluss dieser beiden Sachverhalte entwickelte sich dann das typische Dispositionsgefüge eines Haushundes, wie es sich heute in den Veranlagungen, Instinkten, Bedürfnissen und dem Charakter vieler Hunderassen offenbart. Zumindest bei all denen, bei denen die oben genannten Veranlagungen zielgerichtet selektiert wurden. Dazu zählt, dass er für sein Überleben nicht nur andere Hunde nicht benötigt, sondern in ihnen sogar grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder gar potentielle Bedrohungen sieht. Deshalb ist auch sein Interesse, Kontakt zu anderen seinesgleichen aufzunehmen, darauf beschränkt, entweder die eigenen Gene weiterzugeben oder ihre Absichten abklären zu wollen, ob von ihnen eventuell irgendeine Gefahr ausgeht. Insofern ist es sicherlich auch ein Irrtum anzunehmen, es würde seinem Bedürfnis entsprechen, ihn außerhalb der Läufigkeit mit möglichst vielen anderen seiner Spezies zusammentreffen zu lassen. Im Gegenteil, aufgrund seines Beschützerinstinktes möchte er am liebsten alles und jeden von uns und sich fernhalten. Und dazu nutzt er in der Regel sein gesamtes agonistisches Verhaltensrepertoire einschließlich seiner Aggressionen.

Ich habe übrigens diesem Thema des Zusammentreffens von Hunden bei vom Menschen organisierten Veranstaltungen in einem meiner beiden Bücher ein extra Kapitel gewidmet und einmal beschrieben, welches typische Verhalten einschließlich Stressniveau bei den teilnehmenden Hunden beobachtet und registriert werden kann. Das Ganze hat mit Freude oder Glücksgefühlen nicht allzu viel zu tun. Der im Urin dieser Hunde gemessene Cortisolspiegel sollte jeden Hundehalter, der seinen Vierbeiner liebt, dazu veranlassen, jegliche Einladung zu solchen Hundetreffen, die oftmals nur der Bedürfnisbefriedigung der Veranstalter dienen, auszuschlagen. Jedenfalls würde kein Hund außerhalb seiner Läufigkeit jemals auf die Idee kommen, ein Hundetreffen zu organisieren oder gar freiwillig daran teilzunehmen.

Aus diesem Dispositionsgefüge resultiert nun wiederum sein konkretes Verhalten, was dem Laien oftmals als auffällig, störend oder gar unbegründet aggressiv erscheint. Was es objektiv betrachtet aber gar nicht ist. Denn aus hündischer Perspektive ist es nichts anderes, als die Wahrnehmung nicht nur seines legitimen Rechts auf Selbstverteidigung, sondern sogar seiner Pflicht, für unsere gemeinsame Sicherheit zu sorgen. Denn wir haben es seit Tausenden von Jahren so von ihm verlangt. Und die erste Handlung oder Voraussetzung, unsere Sicherheit gewährleisten zu können – wenn mir die Metapher des Militärs einmal gestattet sei – ist die Aufklärung des vor der „Truppe“ befindlichen Geländes. Beim Militär nennt man das Ganze „Truppenaufklärung“. Und das möglichst weit voraus, um rechtzeitig reagieren und potentielle Bedrohungen schon weit vor der nachrückenden „Truppe“ unschädlich machen zu können. Die Begrenzung des Aufklärungsradius geben die technischen Mittel und Möglichkeiten vor. Beim Hund ist es die Länge der Leine. (Deshalb würde ich übrigens auch davon abraten, wie es manchmal in diesem Kontext empfohlen wird, ihm eine Schleppleine anzulegen, um ihm vermeintlich mehr Freiheit zu geben und trotzdem unter Kontrolle zu behalten. Es wäre jedenfalls das falsche Signal, indem ihm nämlich demonstrativ ein noch größeres „Aufklärungsgebiet“ übertragen wird.) Also zerrt er an der ihn eingrenzenden Leine wie von Sinnen, um Bedrohungen schon weit im Voraus identifizieren zu können. Und sollte tatsächlich eine solche am Horizont erscheinen, wird sie nicht mehr aus den Augen gelassen. Falls sie nicht von selbst den Rückzug antritt oder sogar zu nahekommt, wird mit allen Mitteln gedroht und gewarnt und versucht sie zu verjagen. Kommt es trotzdem zu einem direkten Kontakt, wird sie mit allen Sinnen gecheckt und ihre möglichen Absichten aufgeklärt. Und stellt sich heraus, dass von ihr keine Gefahr ausgeht, wird sie in der Regel sofort ignoriert, und jegliches Interesse verblasst von jetzt auf gleich (mit einer Ausnahme: Die Gegnerin ist läufig).

Bleibt die Frage nach der Lösung:

Zunächst einmal müssen jeder Hundehalter und jede Halterin für sich selbst entscheiden, ob dieses natürliche Verhalten ihrer Vierbeiner sie stört und dabei berücksichtigen, ob möglicherweise die Interessen und Rechte anderer beeinträchtigt sein könnten. Falls nicht – beispielsweise, wenn dem Hund bewusst die Sicherheit von Haus und Hof anvertraut und gleichzeitig eine ungewollte Belästigung oder Gefährdung anderer ausgeschlossen wurde – kann eigentlich alles so bleiben wie es ist. Denn das sich aus dieser dem Hund überlassenen Verantwortung ergebende Verhalten ist ein völlig natürliches, weil ursprünglich von ihm erwartetes.

Anders sieht es jedoch aus, wenn dieses Verhalten stört oder die physische und psychische Unversehrtheit anderer Tiere und Personen, insbesondere von Kindern, gefährdet ist. Dann sind Halter oder Halterin zum Handeln verpflichtet. Und das heißt, der Hund muss erzogen werden. Will meinen, ihm muss der Grund für sein jetzt unerwünschtes Verhalten genommen werden.

Und einen Hund zu erziehen, indem man ihm den Grund für sein Verhalten nimmt, heißt, ihm demonstrativ sowohl die Verantwortung für die Sicherheit zu nehmen als auch seinen Entscheidungsspielraum, diese wahrnehmen zu können, drastisch einzuschränken. Dazu müssen Frauchen und Herrchen ab sofort und unter allen Umständen demonstrativ selbst statt seiner für beider Sicherheit sorgen und jegliches unerwünschte Verhalten konsequent unterbinden. Im Ergebnis einer solchen Erziehung versteht der Hund dann, dass er ab sofort für die Sicherheit nicht nur nicht mehr verantwortlich ist, sondern im Gegenteil, es ihm sogar untersagt ist.

Darin unterscheidet sich übrigens auch seine Erziehung wesentlich von seiner Ausbildung. Denn Letztere ist im Gegensatz zur Erziehung dadurch gekennzeichnet, dass dem Hund etwas beigebracht wird, wofür ihm die natürlichen Instinkte fehlen (Sitz, Platz & Co.) Im Ergebnis der Erziehung hingegen soll er etwas unterlassen, was er ansonsten aufgrund des Vorhandenseins von Instinkten tun würde.

Und für viele meiner Kundinnen und Kunden ist es der schönste „Nebeneffekt“ der Erziehung ihres besten Freundes, dass sie ab sofort ein wesentlich entspannteres Leben mit ihm genießen dürfen; denn Konkurrenten, Rivalen oder Bedrohungen existieren für ihn quasi nicht mehr. Und in der Regel kann sogar ganz auf eine Leine verzichtet werden, so örtliche Regularien nicht dagegensprechen. Denn ein Hund, der keine Verantwortung mehr trägt, hat keinerlei Grund und Interesse mehr, sich von seiner alles geliebten Bezugsperson zu entfernen. Für ihn ist es vielmehr das Größte, ihre Nähe und liebevolle Zuwendung zu genießen und mit ihr herumzutollen. Es ist eine Mär, es sei hündisches Bedürfnis und Garant seines Wohlbefindens oder Ausdruck einer ihm zugestandenen Freiheit, im Gelände herumzustöbern und mit seinesgleichen zu kommunizieren. Im Gegenteil, Letzteres ist ausschließlich in seiner ihm überlassenen oder übertragenen Verantwortung begründet und eher Garant für Stress.

Ein von seiner Verantwortung entbundener Hund ist demgegenüber nahezu tiefenentspannt und ausschließlich auf seine Bezugspersonen fokussiert. Denn seine Aufmerksamkeit wird nicht mehr für die Aufklärung des Geländes und dem Erkennen und Abwehren von Bedrohungen in Anspruch genommen, sondern er kann sie von nun an ausschließlich seiner Bezugsperson widmen, deren Schutz und Zuwendung er jetzt in vollen Zügen genießen kann. Der gemessene, oder besser gesagt kaum messbare Cortisolspiegel im Urin solcher Hunde lässt den Schluss zu, dass das Gefühl von Stress weitestgehend abwesend ist. Bei ihnen ist vielmehr das „Kuschelhormon“ Oxytocin anwesend.

Allerdings hat das Ganze nichts mit einer artgerechten oder nicht artgerechten Haltung zu tun wie möglicherweise angenommen werden könnte. Beide hier beschriebenen Hunde, sowohl der, der die Verantwortung trägt, als auch der, der sie nicht mehr trägt, können artgerecht gehalten sein. Denn wie gesagt, die Verantwortung beispielsweise für die Sicherheit von Haus und Hof zu tragen, ist seit Tausenden von Jahren hündische Routine. Die Frage ist nur: Stört mich das daraus resultierende Verhalten und ist mir die psychische Belastung des Hundes egal?

Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten. 

89. Die zum Scheitern verurteilten Versuche der “positiven Bestärkung”

87. “Sollte ich meinen Hund kastrieren lassen?”

86. Erziehung durch das Begrenzen des Entscheidungsspielraums

84. Der Unfug namens „Erziehung durch Belohnung!“

83. Ist die Erziehung aggressiver Hunde ein Hexenwerk?

82. Ist der domestizierte Haushund noch ein Rudeltier?