80. „KRISTALLKLARE FÜHRUNG STATT BESTECHUNG MIT ‘NER BRATWURST“
Warum muss das erst ein Kriminalromanautor verkünden?
Hin und wieder sprechen mich KundInnen auf meine Fachbeiträge an und fragen auch schon mal, was eigentlich der Anlass für mein Schreiben bzw. was mein Motiv sei, solche Beiträge zu veröffentlichen?
Ich gebe dann immer zwei Gründe an, die mich seinerzeit motiviert haben, und dies bis heute tun, mein Wissen kundzutun:
Zum einen waren es die in der Vergangenheit auffallend zunehmenden Fälle, in denen mich enttäuschte und nicht selten nahezu verzweifelte HundehalterInnen ansprachen (manchmal nannten sie es sogar ihren letzten Versuch, den sie noch wagen wollten), mit der Bitte, ihnen vielleicht doch noch helfen zu können, ihren Hund von seinen „Macken“ zu befreien. Mit letzteren meinten sie alle unerwünschten und störenden Verhaltensweisen ihrer Lieblinge wie beispielsweise das Zerren an der Leine; Verbellen aller Wesen und Objekte, die sich ihnen näherten; Jagen und alle Arten von Aggressionen bis hin zu Beißattackten gegenüber Mensch und Tier. Es ging also nicht darum, dass ihre Vierbeiner irgendein Kommando wie Sitz, Platz & Co. nicht befolgten. Vielmehr beklagten sie, dass ein gemeinsames entspannten Zusammenleben nahezu unmöglich sei. Und alle diese HundehalterInnen hatten zuvor nicht nur einen, sondern eine ganze Reihe von erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich gebracht.
Und zum anderen motivierte mich in diesem Kontext natürlich, die Ursachen des Scheiterns zu analysieren und zu erklären, warum so viele Hundeschulen bei der Erziehung sogenannterverhaltensauffälliger Hunde keinen Erfolg haben (mit dem Adjektiv sogenannter will ich andeuten, dass es sich in der Regel – außer in pathologisch bedingten Fällen – nicht um echte Verhaltensauffälligkeiten handelt, sondern in Wirklichkeit um ein völlig natürliches Verhalten, welches allerdings durch die Neigung des Menschen zum Anthropomorphisieren falsch interpretiert oder die sie auslösende Ursache nicht wirklich erkannt wird). Dazu habe ich mir in der Regel von den HalterInnen die Inhalte und Methoden der von ihnen besuchten Trainings schildern lassen; auch um zunächst herauszufinden, ob das Scheitern tatsächlich in den gemachten Fehlern der Hundeschulen zu suchen ist oder sich nicht eher in einer mangelnden Compliance der HalterInnen wiederfindet. Jedoch in fast allen Fällen musste ich zu dem Schluss kommen, dass nicht die mangelnde Therapietreue von Frauchen oder Herrchen die Crux war, sondern tatsächlich die mangelhafte fachliche Kompetenz der TrainerInnen.
Somit sah ich mich motiviert, all diesen enttäuschten und verzweifelten Menschen nicht nur eine Stimme zu geben, sondern auch die Ursachen ihres Schicksals zu benennen und eine Lösung zu beschreiben, wie Hunde, die bisher nicht in einen solchen Genuss gekommen sind, relativ schnell und unkompliziert erzogen werden können.
Ich habe in zwei Büchern nicht nur die Grundsätze meines Trainingsansatzes beschrieben, sondern auch – unter Bezugnahme sowohl auf wissenschaftlich als auch empirisch gewonnene Erkenntnisse – versucht nachzuweisen, dass einige theoretische Ansätze der Hundeerziehung, die heute zu gerne als modern deklariert werden, aus meiner Sicht schlichtweg falsch und zum Scheitern verurteilt sind.
Eine der wesentlichen Irrtümer besteht heute nämlich darin, einen Erziehungssachverhalt mit einem Ausbildungssachverhalt zu verwechseln oder deren Unterschied nicht zu realisieren, wodurch es dann geradezu zwangsläufig zur Wahl eines falschen Mittels kommt. So wird beispielsweise sehr häufig der zweifelhafte Versuch unternommen, einen Hund mit Hilfe eines zu seiner Erziehung ungeeigneten Mittels der Ausbildung sozialisieren zu wollen. Ausbildung und Erziehung bzw. Sozialisierung sind jedoch zwei völlig verschiedene Dinge, die auch die Anwendung völlig verschiedener Methoden des Trainings erfordert. Befördert wird diese Misere dadurch, dass mit dem angewendeten Mittel (in der Regel das der Konditionierung) in der Ausbildung sogar sehr gute Ergebnisse erzielt werden und diese Erfolge dazu verleiten, gleiches auch in der Erziehung tun zu können. Wenn dann durch die HundetrainerInnen das Erziehungsproblem nicht als ein solches erkannt und stattdessen als ein Ausbildungsproblem fehldiagnostiziert wird, kommt es zwangsläufig zur Wahl des falschen Mittels. Denn wie sagt man so treffend? Wer nur einen Hammer besitzt, neigt dazu, in jedem Problem einen Nagel zu sehen.
Die Leidtragenden sind nicht nur die verzweifelten HundehalterInnen, die diesen Irrtum nicht nur mit einem erheblichen und unnützen finanziellen Aufwand bezahlen, sondern ebenso die gestressten Hunde. Denn sie werden durch diesen Dilettantismus in erhebliche Konflikte gebracht, die sich nicht selten in pathologischen Befunden manifestieren; beispielsweise in Haut- und Fellproblemen.
Bedauerlicherweise werden falsche oder zumindest fragwürdige Theorien und Trainingsmethoden oftmals als Axiome maskiert, so dass der Laie zwangsläufig dazu neigt, von ihrer unzweifelhaften Richtigkeit auszugehen. Hinzu kommt, dass sie, sollten sie sogar in der Ausbildung von HundetrainerInnen gelehrt werden, über einen ungeheuren Multiplikator verfügen und dadurch wiederum eine enorme Resistenz gegen Kritik bzw. Falsifikation entwickeln. Ich merke dies immer sofort in einem regelrechten Shitstorm an unsachlichen Kommentaren, den meine kritischen Fachbeiträge auslösen. In einigen Fällen konnte ich sogar nachweisen, dass die VerfasserInnen solcher meistens ohne ein einziges vernünftiges Gegenargument formulierten Kommentare stellvertretend und im Auftrag von betroffenen Hundeschulen ihren Frust ablassen, weil letztere sich offensichtlich nicht zu erkennen geben wollen. Und nicht zu vergessen ist der manifestierende Effekt des ständigen Wiederholens falscher Maxime. Wenn beispielsweise immer und immer wieder das Mittel der Konditionierung als eine Art Allzweckwaffe litaniert wird – wenn auch in einem immer mal wieder neuen Kleid mit sehr markigen und einprägsamen Begrifflichkeiten (Stichwort Anker- oder Markertraining) –, bleibt die Entwicklung eines kritischen Geistes, der eigentlich zur Falsifikation jeglicher Theorien verpflichtet, auf der Strecke. Gerade der Trick mit der Wahl markiger Begrifflichkeiten für etwas, was im Grunde genommen schlicht oder gar unsinnig ist, wird zu gerne angewendet, um dem Ganzen eine gewisse Bedeutsamkeit oder Wichtigkeit zu verleihen; auch um jeglichen Zweifel an der Richtigkeit schon im Keim zu ersticken. Da trifft man schon mal auf sehr irrwitzige Formulierungskünste wie beispielsweise: „Der doppelte Rückruf unter Verwendung eines im zweiten Rückruf enthaltenen Ankers.“ Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der sogenannte Anker jedoch als schnödes Leckerli, was dem “Azubi” vor die Nase gehalten wird.
Aber man kann das Ding drehen wie man will: Die Erziehung, die, wie die korrekte Definition lautet, eine Veränderung des Dispositionsgefüges des Edukanden ist, also die verändernde Einflussnahme auf die Veranlagungen eines zu Erziehenden, bedarf nun mal anderer Methoden als die der Konditionierung wie sie für die Ausbildung typisch und auch angebracht sind. Denn ein Dispositionsgefüge nachhaltig verändern zu wollen, bedarf der Veränderung der Motive. Beim Menschen bedient man sich u.a. der verbalen Argumentation, um eine Veränderung der Einstellungen mit dem Ergebnis der Einsicht des Edukanden zu erreichen. Beim Tier funktioniert dies bekanntlich aufgrund des Fehlens der Sprache nicht. Hier muss man den Umweg über die Manipulation der Bedürfnisse gehen. Dabei spielt jenes nach Sicherheit die entscheidende Rolle. Und da alle, ausnahmslos alle, sogenannten Verhaltensauffälligkeiten (mit Einschränkungen des Jagens) in seinem Bedürfnis zur Befriedigung seiner Sicherheit bzw. die von Frauchen oder einer Ressource, die ihm anvertraut wurde, begründet ist, muss man einen Hund, der erzogen werden soll, von seiner Verantwortung für diese Sicherheit entbinden. Nichts anderes ist seine Erziehung. Das gelingt freilich nicht, indem man ihm ein Leckerli verspricht. Letzteres würde ihn vielleicht, wenn es in seiner Verlockung stark genug sein sollte und den Reiz zur Befriedigung seines Sicherheitsbedürfnisses tatsächlich überlagert, temporär erfolgreich ablenken. Bekanntlich riskiert ein Hund für Nahrung sogar Kopf und Kragen; aber nachhaltig umerziehen wird man einen Hund mit einem Ablenkungsmanöver, und sollte man es noch so oft repetieren, nie und nimmer.
Umso verwunderlicher ist es dann, wenn sogar vermeintliche Laien das offensichtlich Falsche an solchen Standardtheorien erkennen. So las kürzlich meine Frau, getreu Bill Ramseys „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“, neben mir liegend einen Kriminalroman von Michael Frey und fing plötzlich an, schallend zu lachen. Provoziert wahrscheinlich durch meine trottelige Verdutztheit steigerte sich ihr Lachen noch, bis endlich sie mir, wieder zu Luft gekommen, nahelegen konnte, mir unbedingt das Vergnügen zu gönnen, einmal dieses Buch zu lesen, denn der Autor beschreibe genau das, was ich in meinen Artikeln an den zum Scheitern verurteilten Methoden des Hundetrainings immer zu kritisieren versuche. Auf meine Frage, ob der Autor denn Hundetrainer oder sonst wie qualifiziert sei, antwortete sie mit einem „nur bedingt“; er sei zwar laut seiner auf dem Cover zu lesenden Biografie Besitzer zweier Hunde, aber beruflich als Werbetexter tätig. Was die Sache für mich umso reizvoller machte. Denn wenn schon ein schreibender Laie das Falsche erkennt, warum dann nicht all die vielen vermeintlichen Fachleute? Und dann las mir meine Frau zu meinem Vergnügen, quasi als Beleg, einen Passus vor, in dem der Autor einen Hundetrainer namens Wolf zu Worte kommen lässt (das spätere Mordopfer, das offensichtlich nicht nur ein überheblicher Macho zu seien scheint, sondern offensichtlich auch allerhand Dreck am Stecken hat und deshalb von einem auf ihn angesetzten Privatdetektiv namens Hartmann mit samt eines vom Tierheim für seine Legende geborgten Hundes, der einige rüpelhafte Angewohnheiten besitzt, aufgesucht wird, um zum Schein Hilfe bei der Erziehung desselben zu erbeten) und der, wie man gleich hören wird, nicht nur einen rauen Ton an den Tag legt, sondern gerne von sich selbst auch mal in der dritten Person zu sprechen pflegt:
„‘Führung statt Mimimi ist unser Motto‘, dröhnte Wolf. ‚Führung ist das A und O in der Hundeerziehung. Wer nicht führt verliert. Der Alpha ist der Chef! Sie brauchen dieses gewisse Etwas, Herr Hartmann, sonst wird das nichts. Sonst macht der Hund den Molli mit Ihnen. Egal wie klein er ist. Ich habe schon Chihuahuas erlebt, die den Vorstand eines Dax-Konzerns fest im Griff hatten. Der schmiss problemlos einen Laden mit hunderttausend Mitarbeitern und wurde zu Hause jedes Mall von seiner Fußhupe ins Bein gebissen, wenn er an den Kühlschrank wollte. Wenn Sie kein Charisma haben, bringe ich es Ihnen bei. Körpersprache, sage ich nur. Sie können Ihrem Hund natürlich auch eine Bratwurst vor die Nase halten. Für Bratwurst machen Hunde alles. Die sind relativ einfach gestrickt, die Viecher. Aber hat man immer, wenn es heikel wird, eine Bratwurst in der Tasche, fragt der Wolf. Nein, sagt der Wolf…‘“
„…‘Aber um den Gedanken zu Ende zu bringen. Was macht man, wenn man eine Bratwurst braucht und keine hat? Eben. Nichts! Zero! Niente! Da kackt man ab. Direkt neben dem Hund kackt man da ab. Genau darum gibt es beim Wolf keine Erziehung durch Bestechung, kein Konditionieren durch Leckerchen und ähnlichen Unfug. Kristallklare Führung ist angesagt. Trauen Sie sich das zu?“‘
Wenn also schon ein vermeintlicher Laie – ohne seine sicherlich langjährigen Erfahrungen mit Hunden kleinzureden – es als Unfug thematisiert, einen unerzogenen Hund mittels Konditionierung durch Leckerchen von seinem rüpelhaften Verhalten abbringen zu wollen, frage ich mich, warum haben so viele Fachleute mit diesem Verständnis offensichtlich nach wie vor ihre Schwierigkeiten?
79. DIENT DAS MARKIEREN TATSÄCHLICH DEM WOHLBEFINDEN DES HUNDES?
oder
Der Irrtum von der artgerechten Haltung
Ich saß kürzlich mit meiner Frau und einem Sanddorn-Aperölchen in der Hand auf einer der mondänen Promenaden an unserer herrlichen Ostseeküste. Wir genossen den wunderschönen Sommerabend; unsere Hunde lagen tiefenentspannt in unserem Schatten; unsere Blicke gedankenverloren weit weg auf dem weiten Meer, was wollte die Seele mehr. Die Welt war quasi in Ordnung (wenigstens für uns und in diesem Moment).
Dachten wir jedenfalls; zumindest bis dahin. Denn nicht nur das Meer und die weißen Segel da draußen verführten magisch unsere Blicke; auch etwas ganz in unserer Nähe buhlte geradezu um Beachtung:
Die mit viel Mühe, Fleiß und Geschick angelegten bunt blühenden Blumenrabatte und in voller Farbenpracht leuchtenden Beete waren es, die unsere Bewunderung einforderten. Ein besonderer Hingucker waren zwei wunderschön anzuschauende Blumentürme, auch „flower tower“ genannt, wie uns ein am Nachbartisch sitzender Kenner aufzuklären wusste, die ihren nicht unerheblichen Gestaltungs- und Pflegeaufwand wahrlich nicht leugnen konnten.
Allerdings mit einem unschönen Makel, der dadurch ins Auge stach, dass er nur und ausschließlich an den unteren Blumenschönheiten, besser gesagt ehemaligen Schönheiten, seine Spuren hinterlassen hatte, und beim oberflächlichen Hinsehen eine mangelnde Pflege, sprich Wassermangel, vermuten ließ. Was aber verwunderlich schien, weil solche Kunstwerke, wie uns unser Kenner ebenso zu berichten vermochte, für gewöhnlich mit einer aufwendigen Bewässerung am Leben gehalten würden; und da das Wasser von oben nach unten zu fließen weiß, wäre eher zu vermuten gewesen, die Trockenheit fordere zuerst oben statt unten ihren Tribut. Aber bei näherer Betrachtung kamen wir zu dem Schluss, dass wir mit unserer ersten Expertise dem örtlichen Grünflächenamt und ihren fleißigen Händen gründlich Unrecht getan hätten. Zumal dessen MitarbeiterInnen bei einem gefühlten Jahrhundert-Sommer wie dem heurigen schier unmenschliches zu leisten scheinen.
Und es sollte auch nicht lange dauern, bis wir den wahren Grund, sprich Übeltäter, zu Gesicht bekamen: Canis lupus familiaris:
Bello, der sein sichtlich physisch bereits an seine Leistungsgrenze gekommenes und sich mit letzter Kraft ihm entgegenstemmendes Herrchen hinter sich her zerrte (das Bild erinnerte irgendwie an eine Traktor-Pulling Show), strebte mit einem fürchterlich anzuhörenden Röcheln – das Halsband drohte ihn quasi zu erwürgen – zielstrebig auf eine dieser „Flower-tower-Kunstwerke“ zu. Dort angekommen inhalierte er mit all seinen olfaktorischen Sinneszellen die bereits hundertfach hinterlassene Harnsäure nebst zu Ammoniak umgewandelter Duftmarken seiner Rivalen, hob von diesem Ort sofort besitzergreifend seinen Hinterlauf und gab wie selbstverständlich den verzweifelt ums Überleben kämpfenden floralen Ehemals-Schönheiten den vermeintlichen Todesstoß. Sein Herrchen ließ ihn, ebenso selbstverständlich – und sichtlich dankbar für diese Verschnaufpause – ausgiebig gewähren, ohne auch nur ein Fünkchen an Unrechtsempfinden zu offenbaren. Er hinterließ eher den Eindruck eines Sich-absolut-keine-Gedanken-darüber-machenden-Zeitgenossen.
Von diesem Geschehen in seiner demonstrativen Selbstverständlichkeit, als sei es das rechtmäßigste dieser Welt, seinen Hund gegen alles und überall hinpinkeln zu lassen, nahezu gelähmt und einer Reaktion unfähig, konnten wir dem obskuren Schauspiel nur kopfschüttelnd beiwohnen. Wahrscheinlich hätten unsere entgleisten Gesichtszüge jeder Verstehen-Sie-Spaß-Sendung zur Ehre gereicht.
Und es dauerte gefühlt nur wenige Augenblicke, bis Bello 2 mit nicht minderer Zielstrebigkeit – und seinen Besitzer in vergleichbarer Weise hinter sich her schleifend – an uns vorbei keuchte zu exakt gleicher Stelle, um all seinen Konkurrenten unmissverständlich deutlich zu machen, wer hier der Chef auf der Promenade ist. Und auch sein Herrchen ließ nicht nur geschehen, was dort geschah, als sei es unmöglich, dies zu unterbinden, sondern offenbarte zudem ein Selbstbewusstsein und eine zur Schau gestellte Selbstherrlichkeit, als wolle er der ganzen Welt demonstrieren: „Schaut her Ihr Unwissenden, das nenne ich artgerechte Haltung, koste es, was es wolle!“
Jedoch dann, als Protagonistenpärchen 3 die Bühne dieses unappetitlichen Schauspiels betrat, war unschwer ein bis dato noch nicht gezeigtes Herrchen-Verhalten zu beobachten. Zwar kam auch hier das Tier zu seinem ihm zu Unrecht angedichteten und zugestandenen Markierungsrecht, aber Herrchen offenbarte immerhin ein gewisses Unwohlsein verbunden mit dem Wunsch nach einer Am-liebsten-nicht-Dazugehörigkeit. Mit einem völlig missglückten Versuch, der Welt vorgaukeln zu wollen, weder zu wissen noch zu ahnen, was am unteren Ende der sich in seiner Hand befindlichen Leine vor sich ging, wendete er sich – wie nur zufällig stehen geblieben – vom Geschehen ab und angestrengt fokussierend einem in der Ferne fahrenden Segelschiff zu, welches es scheinbar unbedingt zu beobachten und nicht aus den Augen zu verlieren galt. Offensichtlich fühlte Herrchen sich nicht wirklich wohl in seiner Rolle als der auf dem Catwalk der Promenade flanierende Pflanzenvernichter. Sichtlich erleichtert – denn Bello 3 war ein schneller Markierer – eilte er sofort nach Absolvierung des unschönen Geschäftes – und urplötzlich ohne weiteres Interesse an in der Ferne segelnden Booten – sich nicht umblickend und bemühend, jeglichem Blickkontakt mit anderen Menschen aus dem Wege zu gehen, schleunigst davon, wohl auch hoffend, niemandem, der ihn eventuell habe beobachten können, jemals im Leben wiederzubegegnen.
Allmählig löste sich meine Erstarrung, so dass ich es nicht mehr zu unterbinden vermochte, spätestens den vierten im Bunde Opfer meiner längst fälligen Reaktion werden zu lassen; auch wenn man sich an einem solch schönen Sommertag ungern streitend mit seinen Mitmenschen anlegt. Aber was zu viel ist, ist eben manchmal zu viel. Und so überwältigte mich der Drang, den nächsten Pflanzenrabauken-Besitzer auf frischer Tat ertappend anzusprechen und ihn mit der Frage zu konfrontieren – dabei trotzdem um Sachlichkeit bemüht – ob es denn nicht zumutbar wäre, seinem Hund zu untersagen, die Ergebnisse der fleißigen Hände Arbeit vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des städtischen Gartenbauamtes achtlos zu vernichten und somit auch dem Vorwurf aus dem Wege zu gehen, billigend in Kauf zu nehmen, dass Letztere bei der Pflege und Beseitigung der Schäden mit ihren Händen in der Hundepisse herumhantieren müssen? Und ich war sogar gedanklich argumentativ darauf vorbereitet, seine Frage, was mich denn sein Hund überhaupt anginge, mit meinem Mindestmaß an Zivilcourage zu beantworten. Aber wider Erwarten fiel seine Reaktion überraschend hilflos aus. Er zeigte sich sichtlich beschämt und – durch sein schlechtes Gewissen offenbar geplagt – sogar einsichtig. Allerdings habe er keine Lösung für dieses „Problem“, denn es sei doch nun mal ein völlig natürliches Verhalten und Bedürfnis eines Hundes, mit seinesgleichen kommunizieren und das Revier markieren zu wollen. Man könne doch den Hunden nicht alles verbieten. Mit anderen Worten, er befand sich offensichtlich in einem Konflikt und tat mir ob seiner Unkenntnis zu den Voraussetzungen für das Wohlbefinden seines Vierbeiners beinahe schon leid.
Es macht mich manchmal schon traurig, welch falsche Vorstellungen in den Köpfen unzähliger HundebesitzerInnen herumgeistern, worin die Voraussetzungen ihrer Hunde Glückseligkeit bestünden. Und was mich sogar wütend macht, ist die Tatsache, dass ihnen bedauerlicherweise, wie eine Recherche ergab, sogar von Hundeschulen solche Flöhe ins Ohr gesetzt werden. Einer der repräsentativsten „Flöhe“ ist nämlich die Behauptung, es sei Bellos innigster Wunsch und Garant seines Wohlbefindens, das Revier erkunden und nach Herzenslust markieren zu dürfen. Aber ist das wirklich so? Nicht nur die Forschung, im Rahmen derer man das in der Nebenniere produzierte Hormon Cortisol im Urin von Hunden gemessen hat, um Rückschlüsse auf ihr Stressniveau zu ziehen, lassen zumindest Zweifel am zweiten Teil der Aussage, was das Wohlbefinden betrifft, aufkommen. Hunde, die kein typisches Revierverhalten zeigen, genießen offensichtlich eine größere Entspanntheit als ihre ständig das Revier kontrollierenden und ununterbrochen pinkelnden Artgenossen. Die Frage, die sich daraus stellt und deren Beantwortung eine mögliche Lösung für meinen sich im Widerspruch befindlichen Gesprächspartner bietet, lautet also:
Entspricht es einer artgerechten Haltung und ist es tatsächlich Bellos Wohlfühlquelle, ihn aufklären und markieren – manche nennen es auch kommunizieren – zu lassen?
Bevor ich meine Antwort einschließlich Hilfe, die ich dem etwas verzweifelten Zeitgenossen gab und anbot, in Kurzform zusammenfasse, sei mir noch eine Bemerkung zu den Unarten mancher Hundebesitzer und deren Folgen gestattet.
Ich glaube mich zu erinnern, es in einer Zeitung gelesen zu haben, dass 20% der 2011 in einer deutschen Großstadt gefällten Bäume der Säge anheimfallen mussten, weil Hunde sie „kaputturiniert“ hätten. Mal abgesehen vom Umweltschaden, den ein gefällter Baum hinterlässt, weil er als Schadstofffilter und Sauerstoffproduzent ausfällt, ist der Kostenfaktor nicht unerheblich. Die Fällung eines einzigen Baumes kostet die Kommunen und Städte bis zu 2000 € und die Anpflanzung eines neuen bis zu 1000 €. Sollte ein Hundebesitzer zum Schadensersatz verurteilt werden, wäre das ein kostspieliges Markieren. Allerdings erscheint mir hier die Beweislast das Problem, denn ein eimaliges Pinkeln tötet keinen Baum. Wesentlich einfacher und damit greifbarer sieht der Jurist jedoch den Nachweis einer Ordnungswidrigkeit. In solchen Fällen wird beispielsweise die „Ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit“ herangezogen. In Paragraf 6 heißt es: „Wer auf Verkehrsflächen oder in Anlagen Tiere, insbesondere Pferde und Hunde, mit sich führt, hat die durch die Tiere verursachten Verunreinigungen unverzüglich und schadlos zu beseitigen.“ Und dabei wird explizit nicht unterschieden zwischen Kot und Urin.
Urin enthält Harnsäure, die die pflanzlichen Zellen zerstört. Ständiges Urinieren auf die gleiche Stelle bewirkt ein Übersalzen des Bodens und verhindert so, dass Pflanzen Wasser aufnehmen können. Sie verdursten quasi. Aber nicht nur Pflanzen macht der Urin den Garaus. Auch Steine und sogar Bronzestatuen „leiden“ und müssen kostspielig gereinigt oder saniert werden. In einem besonders ekelhaften Fall beschwerten sich Händler darüber, dass Hundebesitzer ihre Vierbeiner – quasi unter Aufsicht – sogar gegen Ausstellungsware haben pinkeln lassen.
Laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs sind Hundebesitzer künftig dazu verpflichtet, auf öffentlichen Plätzen nicht nur den Kot, sondern auch den Urin ihres Haustieres zu entfernen und sachgerecht zu entsorgen. Wer gegen diese Auflage verstößt, muss mit einem Bußgeld sowie im Wiederholungsfall mit dem Entzug des Hundeführerscheines rechnen.
Kurzum, die Unart, seinen Hund an jedem x-beliebigen Ort urinieren zu lassen, verhilft weder uns Hundebesitzern noch den Orten der Hinterlassenschaften zu einem besseren Ansehen, im Gegenteil. Und schon gar nicht entspricht es einer artgerechten Haltung – das ist absoluter Unsinn!
Und damit kommen wir auch schon zu meiner Antwort und meiner Hilfe, die ich dem ratlos wirkenden Zeitgenossen gab (die Antwort hier jedoch nur in Kurzform; die längere können Sie in meinen Büchern nachlesen):
Die Behauptung – selbst von vielen sogenannten Hundeexperten getätigt – das Aufklären und Markieren des Reviers sei ein artspezifisches bzw. arttypisches Verhalten und dessen Gewährung somit Bestandteil einer artgerechten Haltung und Garant des Wohlbefindens des Tieres, ist zumindest in dieser Absolutheit nicht korrekt.
Zunächst müssen wir nämlich differenzieren zwischen dem artspezifischen Verhalten, einer artgerechten Haltung und ihrer kausalen Beziehungen zum Wohlbefinden des Hundes.
Es ist korrekt, dass das Aufklären des Reviers und Markieren ein arttypisches Verhalten eines Hundes ist. Aber – und dieses Aber hinsichtlich seiner einschränkenden Bedeutung ist im hiesigen Kontext wichtig – dieses arttypische Verhalten trifft nur auf Hunde zu, denen die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und eventuell die von Frauchen bzw. Herrchen oder sonstige Ressourcen wie beispielsweise Haus und Hof überlassen oder bewusst übertragen wurde. Ein Hund, der die Verantwortung für seine eigene und sonstige Sicherheit trägt, wird stets und ständig danach streben, das Revier um sich herum unter Kontrolle zu behalten. Typische Indizien dafür sind das Zerren an der Leine, ständiges Kontrollieren der Umgebung, ununterbrochenes Markieren und eventuelles Fernhalten jeglicher Gefahren beispielsweise durch Verbellen. Ein solcher Hund, dem die Verantwortung überlassen wurde, wird durchaus artspezifisch gehalten. Aber ob es gleichwohl seinem Wohlbefinden dient – was in den meisten Fällen erklärte Absicht der Halter ist – ist überhaupt nicht selbstverständlich. Solche Hunde können unter Umständen unter einem enormen Stresspotential leiden. Abhängig ist dies davon, inwiefern der Hund sich in der Lage fühlt, seiner Verantwortung überhaupt gerecht zu werden und inwiefern man ihn auch lässt. In vielen Fällen ist es den Besitzern nämlich gar nicht bewusst, dass sie ihrem Hund diese Verantwortung überlassen haben und maßregeln ihn deshalb regelmäßig, wenn er seiner Verantwortung gerecht werden will. Im Ergebnis dessen kommt der Hund in einen riesigen Konflikt. Und nicht selten sind pathologische Befunde das Ergebnis. Mit anderen Worten: Ein markierender Hund kann unter Umständen weit entfernt sein von seinem ihm angeblich innigst gegönnten Wohlsein.
Anders sieht es aber aus, wenn man dem Hund diese Verantwortung nimmt (beispielsweise, wenn er gar kein Wach- und Schutzhund sein soll – was übrigens in den meisten Fällen, wenn ich die Besitzer darauf anspreche, so ist).
Ausnahmslos alle meine KundInnen, die mich um Hilfe bitten, ihre zerrenden und kläffenden Monster zu bändigen, wünschen sich erklärtermaßen überhaupt keinen Wachhund oder antworten mit einem klaren Nein auf meine Frage, ob sie ihrem Liebling diese Verantwortung bewusst übertragen hätten.
Da mein ratloser Gesprächspartner das eigentlich unerwünschte Verhalten seines Lieblings offensichtlich als einen unlösbaren Konflikt und Resultat höherer Gewalt einstufte, klärte ich ihn zunächst über seinen Irrtum auf und bot ihm als Hilfe und Lösung an, seinen Vierbeiner an Ort und Stelle von seiner ihm offensichtlich unbewusst überlassenen Verantwortung zu entbinden. Eine knappe Stunde später – Herrchen schaute noch etwas ungläubig – schien sich sein Markierer plötzlich für keine einzige Blumenschönheit oder sonstigen Markierungsort mehr zu interessieren und schlenderte in einer sichtlichen Tiefenentspanntheit an lockerer Leine neben seinem Herrchen daher. Da ab sofort keinerlei Verantwortung mehr auf seinen hündischen Schultern lastete und er davon ausgehen konnte, dass Herrchen jetzt und überall Garant ihrer beider Sicherheit ist, interessierte ihn weder irgend ein anderes Hundewesen noch deren angeberisches Reviergebaren.
Und ich konnte meinem – zwar noch immer etwas ratlos, aber jetzt aus einem anderen Grund, dreinschauenden – Gesprächspartner glaubhaft versichern, dass sein Hund sich jetzt ebenso wie zuvor arttypisch verhalte; er ihn jetzt ebenso wie zuvor auch artgerecht halte, jedoch sein Liebling garantiert glücklich sei und sich unter seinem Schutze wohl fühle. Denn er habe ab jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinerlei Stress mehr, seine Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde zu sich selbst und Herrchen auf Distanz zu halten.
78. HABEN HUNDE EINE MORAL?
oder
Der Streit mit den Kognitionsbiologen?
Nachdem wir den Hund von seinen unerwünschten Verhaltensweisen – wie dem nervenden Zerren an der Leine und dem stressigen Ankläffen jedes in Sicht kommenden Wesens – hatten befreien können und er nun quasi wie ausgewechselt, und sogar ohne Leine, an Herrchens Seite daher trottete, war es mir nicht entgangen, dass dem Kunden eine Frage auf der Seele brannte. Offensichtlich traute er dem Frieden nicht so ganz. Denn wie konnte es sein, dass sein „Aggressor“, mit dem bis dato weder ein entspanntes Umherstreifen durch Mutters einsame Natur noch ein genüssliches Bummeln durch urbane Umgebung möglich war, plötzlich und nach einem einzigen Training mutmaßlich zu einem „Lamm“ mutiert zu seien schien? Und das Ganze sogar ohne all die ihm bisher angeratenen Ablenkungs- und Konditionierungsversuche via Leckerli, Klicker oder sonstigen mit wichtig und metaphorisch daherkommenden Begriffen wie Ankereffekt o.ä. betitelten Tricks. Die allerdings, wie er eingestand, auch allesamt und trotz des Verbrauchs mehrerer Zehnerkarten von wenig bis gar keinem Erfolg gekrönt waren. Und nun plötzlich, nach nur einem einzigen „Spaziergang“ (wie er selbst anschließend formulierte), hatte sich sein „Hundeproblem“ gewissermaßen in Luft aufgelöst. Das konnte vermeintlich nicht mit rechten Dingen zugehen.
Deshalb ermutigte ich den Kunden mit den Worten: „Heraus mit der Sprache, was bewegt Sie?“
„Nun ja, es ist mir schlichtweg unerklärlich, wie es sein kann, dass ein Hund im Allgemeinen und meiner im Besonderen sich derart schnell und offensichtlich grundlegend in seinem Verhalten ändern kann. Und das Ganze scheinbar ohne Gewalt; abgesehen von Ihrem konsequent wirkenden Agieren meinem Hund gegenüber. Könnte es sein, dass er deshalb jetzt nur Angst hat oder vielleicht sogar beleidigt ist und deshalb lammartig neben mir herläuft?“
Das mit der Angst konnten wir schnell und für den Kunden nachvollziehbar ausschließen. Denn dazu hätte es entweder der Anwendung oder zumindest der Androhung von Gewalt oder irgendeiner Bedrohung durch mich bedurft, die das Sicherheitsbedürfnis des Hundes zumindest mutmaßlich beeinträchtigt. Er musste aber anerkennen, dass dies mitnichten geschehen war, denn ich habe den Hund lediglich in den entscheidenden Momenten, in denen er sich aus Sicht des angestrebten Erziehungszieles falsch verhielt, konsequent korrigiert und ihm gleichzeitig demonstriert, dass es für sein unerwünschtes Verhalten ab sofort keinen Grund mehr gibt. Von Gewalt, die durch den Hund vermeintlich als unangenehm oder vielleicht gar als bedrohlich hätte interpretiert werden können, konnte in keinster Weise (um semantisch passend einen sogenannten absoluten Superlativ zu verwenden) die Rede sein.
Also blieb noch die Frage nach der Moral; denn beleidigt zu sein setzt eine solche kognitive Fähigkeit voraus. Und so kamen wir auf ein spannendes Thema, welches ich auf Bitten des Kunden hin hier einmal thematisieren sollte:
Haben Hunde eine Moral? Kennen sie Empathie oder Altruismus? Haben sie ein Selbstbewusstsein und sind zur Selbstreflexion fähig? Sind ihre Emotionen denen des Menschen gleich oder ähnlich?
Die kurze Antwort lautet: Man weiß es noch nicht so wirklich. Oder anders ausgedrückt, die Fachwelt streitet sich noch heftig.
Die längere:
Die Wissenschaft teilt sich diesbezüglich – wie in solchen Fällen nicht unüblich, wenn die Forschungsergebnisse noch nicht unwiderlegbar sind – in zwei Lager. Die einen meinen „Ja“ und die anderen „Unmöglich“. Letztere glauben, ihre Kritik damit begründen zu können, dass die subjektiven geistigen Erlebnisse wie Denken und Fühlen durch wissenschaftliche Methoden nicht direkt zugänglich seien und deshalb nicht belegbar. Beim Menschen könne man dies wenigsten partiell durch seine Fähigkeit zum Sprechen kompensieren. Außerdem sei die Sprache, die den Tieren nun einmal nicht vergönnt sei, ohnehin die ultimative Voraussetzung zu höheren kognitiven Leistungen.
Rückendeckung bekommen die Kritiker von den theistischen Vertretern der Spezies Mensch, an deren Ego die Vorstellung ohnehin empfindlich nagt, Tiere seien zu höheren kognitiven Leistungen ähnlich dem Menschen befähigt. Nicht wenige Hardliner der christlichen Schöpfungslehre (aber nicht nur sie) haben ohnehin und existentiell, spätestens seit Darwins Abstammungslehre, ein riesiges Problem damit, anerkennen zu müssen, dass wir nur ein etwas besserer Affe sind.
Und die große Uneinigkeit wird noch dadurch befördert, dass es nach wie vor noch keine einheitlichen Definitionen für grundlegende Begrifflichkeiten wie Bewusstsein oder Selbstbewusstsein gibt.
Demgegenüber sehen die Befürworter in der Unmöglichkeit, subjektive Erlebnisse messen zu können, jedoch kein ausreichendes Argument gegen das Vorhandensein kognitiver Fähigkeiten. Hinzu komme, dass es die evolutionäre Kontinuität im Reich der Organismen es als sehr unwahrscheinlich mache, dass die Kognition ohne Vorstufen erst beim Menschen auftrete.
Meine Sympathie mit dem Standpunkt der Befürworter habe ich bereits in einem meiner Bücher offenbart und mich dort der Auffassung von Marc Bekoff angeschlossen, der sinngemäß dazu rät, allen Tieren, bei denen solche Fähigkeiten wie Trauer, Empathie oder Selbstbewusstsein nicht nachweisbar auszuschließen seien, ebendies sicherheitshalber als vorhanden zu unterstellen.
Es gibt einen noch relativ jungen Wissenschaftszweig namens Kognitive Ethologie, oder in einer allgemeineren Form Kognitionsbiologie, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und bei Tieren bereits ein breites Repertoire an moralischen Verhaltensweisen nachweisen konnte. Wichtige Vertreter dieser Fachrichtung sind neben Marc Bekoff auch José Bermúdez, Allen Collin, J. Goodall, Donald R. Griffin usw.
Der österreichische Kognitionsbiologe Ludwig Huber beispielsweise widerspricht jedenfalls dem Grundsatz der christlichen Ethik, die da meint, dass die Moral den Menschen vom Tierreich trenne.
Für dieses irrtümliche Dogma der Kirche gibt es nämlich allerhand Gegenbeweise. Beispielsweise ist es belegt, dass Hunde spüren, wenn es Herrchen oder Frauchen nicht gut geht. Oder sie scheinen genau zu wissen, wann sie einen Fehler begangen haben. Auch können Hunde nachweisbar einschätzen, ob Frauchen aus ihrer Position etwas sehen kann oder nicht und davon abhängig ein mit Bestrafung sanktioniertes Verbot bewusst umgehen oder eben nicht. Sie stehlen beispielsweise ein Stück Fleisch nur dann, wenn sie wissen, dass Frauchen aus ihrer momentanen Position ihr Fehlverhalten nicht beobachten kann. Damit könnte beispielsweise bewiesen sein, dass ein nichtmenschliches Tier in der Lage ist, etwas wie eine richtige „Theorie des Geistes“ zu entwickeln. Denn Ludwig Huber beschreibt, dass damit die Fähigkeit bezeichnet wird, sich in den anderen hineinzuversetzen oder sogar den Inhalt des Denkens eines anderen Wesens sich als etwas vorzustellen, das sich vom eigenen unterscheidet.
Und es gibt Hinweise, dass Hunde ein Selbstbewusstsein besitzen; also zu wissen, wer sie sind. Dazu bediente man sich in abgewandelter Form des bereits bei Kindern angewandten Spiegelversuchs, mit dem man ursprünglich nachweisen konnte, dass kleine Kinder etwa ab dem zweiten Lebensjahr ein Selbstbewusstsein entwickeln. Man malte oder klebte den Knirpsen unbemerkt einen kleinen farbigen Punkt auf die Stirn und stellte sie vor einen Spiegel. Und erst mit ca. 2 Jahren fassten sie sich daraufhin an die eigene Stirn, um den Punkt zu beseitigen und nicht, wie bis dahin, an das Spiegelbild. Indem man nun Hunde ihr eigenes Spiegelbild vorhielt, sie dieses aber weitestgehend mit Desinteresse quittierten, kam man zu dem Schluss, dass sie sich bewusst sind, sich selbst zu sehen. Denn ansonsten müsste man annehmen, dass sie, wie sonst üblich, zumindest ein Interesse an ihrem Artgenossen zeigen, wenn nicht sogar Aggressionen ihm gegenüber.
Ludwig Huber schreibt, dass die Fülle der empirischen Evidenz es nahelege, dass die menschliche Moral ihren evolutionären Ursprung in den Emotionen und Denkprozessen, die wir mit anderen Tieren teilen, habe. „Verhaltensbiologen und vergleichende Psychologen können heute zeigen, dass beginnend mit der ‚emotionalen Ansteckung’ auch Formen der Empathie (Einfühlung) und sogar der Sympathie auftreten, bei der situationsspezifische Wünsche und Bedürfnisse des anderen von den eigenen unterschieden werden.“
Kurzum – und um auf die eingangs vom Kunden gestellte Frage zurückzukommen, ob sein Hund eventuell beleidigt sei, weil er sich scheinbar wie die berühmte Leberwurst verhielt –, die Frage musste ich differenziert beantworten. Wenn wir sie nämlich dahin gehend verallgemeinern, ob ein Hund generell zu der kognitiven Leistung des Gefühls Beleidigtsein fähig ist, lässt sie sich offenkundig noch nicht wirklich klar beantworten. Da sollten wir der kognitiven Ethologie oder Kognitionsbiologie noch ein paar Jahre Forschung zugestehen. Aber was den speziellen Fall meines Kunden betrifft, dessen Hund nach unserem Training vermeintlich eingeschnappt an seiner Seite trottete; den konnte ich mit ruhigem Gewissen als nichtzutreffend beurteilen. Denn das, was den Eindruck einer vom Hund vermeintlich demonstrativ zur Schau getragenen Emotion hinterließ, entpuppt sich nämlich bei näherer und sachlicher Betrachtung als nichts anderes als das Ergebnis des angestrebten Trainings; nämlich als seine Tiefenentspanntheit.
Warum? Das Ziel eines Erziehungstrainings (nicht einer Ausbildung/Konditionierung) besteht nämlich darin, den Hund von seiner Verantwortung für die Sicherheit (für seine eigene und/oder die seiner ihm anvertrauten Personen und/oder Ressourcen) zu entbinden, die er ansonsten (in Abhängigkeit seiner Rasse und Zuchthistorie) selbstständig übernimmt. Zwei typische Indikatoren dafür, dass der Hund sie übernommen hat sind übrigens (so wie auch bei diesem hier beschriebenen Hund) die beiden unerwünschten Verhaltensweisen Zerren an der Leine (Aufklärungswille) und Verbellen (Abwehr und Einschüchterung potenzieller Rivalen oder Feinde). Indem wir ihm nun im Rahmen des Trainings diese Verantwortung genommen und ihm demonstriert haben, dass ab sofort Herrchen für beider Sicherheit sorgt, fiel, metaphorisch ausgedrückt, quasi eine riesige Last von seinen Schultern. Die Verantwortung, die er zuvor hatte und die ihm u.U. sogar einen oftmals nicht als solchen erkannten Stress bescherte (bei vielen Hunden zeigt sich dieser z.B. in pathologischen Befunden wie Fellproblemen) war jetzt urplötzlich verschwunden.
Und nun stelle man sich einmal vor oder versetze sich selbst in eine ähnliche Situation, man würde uns von jetzt auf gleich von einer schier unerträglichen Last befreien. Wie sehe optisch in diesem Moment wohl unsere Reaktion aus (auch ohne dem Anthropomorphismus auf den Leim zu gehen)?
Und wenn eine solche psychische oder mentale Entlastung eines zuvor gestressten Tieres sich in einer scheinbaren beleidigten Leberwurst manifestiert, denke ich, sollten wir viel mehr Hunde in den Genuss des Schmollens kommen lassen. Dazu brauchen wir sie nur zu erziehen.
Noch eine abschließende Bemerkung, bevor man mir wieder vorwirft, ich wolle allen Hunden den Spaß verderben, weil ich sie angeblich der sie glückselig machenden “Kommunikation” mit ihresgleichen beraube. Solange das Verhalten des Hundes genau dass ist, was Herrchen oder Frauchen von ihm erwarten und sowohl sie als auch andere Teilnehmer am öffentlichen Leben nicht stört, belästigt oder gar gefährdet, sollte meinetwegen jeder Hund das Revier nach Herzenslust aufklären, markieren und mit seinen Rivalen wetteifern. Aber eben nur dann. Allerdings sind das nicht diejenigen Herrchen oder Frauchen, die mich um Hilfe bitten, ihren Hund von seinen vermeintlichen Macken zu befreien. Ich spreche in meinen Beiträgen ausschließlich von solchen Fällen, in denen der Hund zumindest ein unerwünschtes, wenn nicht sogar andere gefährdendes Verhalten an den Tag legt und der Hund sozialisiert werden muss.
77. WARUM BEISST DER HUND PLÖTZLICH ZU
Das fehlende Glied im Handlungsaufschub
Ich habe an dieser Stelle bereits mehrmals darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich als Hundetrainer ausschließlich auf die Erziehung oder Resozialisierung von verhaltensauffälligen Hunden konzentriere und ich auch nur die sich daraus gewonnenen Erkenntnisse hier in meinen Beiträgen thematisiere. Das heißt natürlich nicht, dass diese nicht verallgemeinert und – falls die Erziehung überhaupt notwendig sein sollte – ebenfalls bei unauffälligen Hunden angewendet werden könnten, zumindest selektiv.
Aber die zum Teil sehr kritischen Reaktionen, die auf meine Beiträge folgen, lassen mich vermuten, dass die KritikerInnen dem Irrtum unterliegen, dass die von mir vertretenen Theorien meiner Meinung nach grundsätzlich auf jeden Hund, unabhängig davon, ob er auffällig geworden sei oder nicht, zwingend anzuwenden seien. Das ist aber mitnichten der Fall. Im Gegenteil, denn noch nicht einmal jeder Hund bedarf überhaupt der Erziehung. Dies habe ich auch ausführlich sowohl bereits mehrmals hier an dieser Stelle als auch in meinem Buch, unter anderem im Kapitel „Dialog mit dem Urgroßvater“, begründet. Denn die Erziehung eines Hundes an sich ist vielmehr erst dann angezeigt, wenn es einen Konflikt gibt zwischen seinem Dispositionsgefüge (seine Veranlagungen, Instinkte und angezüchteten Verhaltensweisen) und seinem von ihm im Alltag tatsächlich erwarteten Verhalten.
Ein typisches Beispiel wäre der Deutsche Schäferhund. Er verfügt durch sein Dispositionsgefüge über ideale Voraussetzungen, nicht nur eine Herde von Schafen hüten und beschützen zu können, sondern gleichwohl alles, was ihm an Personen und Ressourcen anvertraut wurde sogar beschützen zu wollen. Wäre nun eine solche adäquate Aufgabe die ihm übertragene und das einzige von ihm erwartete Verhalten, gäbe es keinen einzigen Grund, an diesem Dispositionsgefüge durch Erziehung (was laut Definition Gegenstand und Ziel einer Erziehung ist) irgendetwas ändern zu wollen. Jedoch sieht der typische Alltag eines heutzutage angeschafften Schäferhundes in der Regel völlig anders aus. Kaum ein Schäferhund soll heute noch Schafe hüten. Auch wird ihm nur in wenigen Fällen heute noch bewusst der Schutz von Haus und Hof übertragen. Vielmehr obliegt ihm im Zeitalter der Wohlstandsgesellschaft – zumindest belegen meine Erfahrungen und die typischen Problemfälle, zu denen ich gerufen werde, einen solchen Eindruck – eher die Aufgabe, als familienfreundlicher Sozial- und Schmusepartner zu taugen. In solchen Fällen kommt man dann jedoch an seiner Erziehung nicht vorbei. Denn werden solche Hunde, bei denen ein ausgeprägtes Aggressionspotential als Bestandteil ihres agonistischen Verhaltensrepertoires durch jahrzehnte- oder teilweise sogar jahrhundertelange Selektion und Züchtung fest verankert wurde, nicht erzogen, kommt es unausweichlich zu intraspezifischen und interspezifischen Konflikten. Will heißen, es besteht dann die reale Gefahr aggressiver Übergriffe nicht nur innerhalb ihrer Spezies, sondern insbesondere auch gegenüber Menschen. Warum? Das habe ich bereits in vielen Beiträgen begründet.
Was mich diesmal veranlasst, auf das Thema noch einmal einzugehen, war die Frage einer Kundin, die mich zuvor um Hilfe gebeten hatte, weil ihr Hund plötzlich – und ihrer Meinung nach völlig unerwartet – ein fremdes Kind attackiert hatte. Glücklicherweise hielt sich der Schaden insofern in Grenzen, da das Kind mit dem Schrecken davonkam (was allerdings schlimm genug ist). Und sie betonte ausdrücklich, dass das Verhalten ihres Hundes angeblich niemals zuvor Anlass bot, mit einer solchen Gefahr rechnen zu müssen. Es passierte – wie sie es formulierte – aus heiterem Himmel.
Im Übrigen eine typische Causa oder Anatomie solcher Vorfälle, wenn ein Hund, dessen Dispositionsgefüge alle Voraussetzungen bietet, seine ihm anvertrauten Personen und Ressourcen beschützen und verteidigen zu wollen; er jedoch nicht ausdrücklich durch Erziehung von der sich daraus für ihn ergebenden Verantwortung entbunden wurde. Und zu diesen Hunden zählen nicht nur die sogenannten Listenhunde.
Die Frage der Kundin lautete nun sinngemäß: Warum beiße ein Hund plötzlich und ohne Vorwarnung zu, obwohl er vermeintlich ein ganz Lieber sei?
Die Antworten auf die Frage, warum ein Hund zubeißt, sind heutzutage hinlänglich bekannt und finden sich beispielsweise im Netz in Hülle und Fülle; und ich habe hier weder vor, diese wiederzukäuen noch ihnen neunmalklug etwas hinzuzufügen. Ich will vielmehr versuchen, mit Hilfe der Erkenntnisse aus der Gehirnforschung ein Verständnis dafür zu vermitteln, dass der Hund von Hause aus – wie man landläufig sagt – oder neuroanatomisch begründet eigentlich gar nicht anders kann, als zuzubeißen, so man diesen Reflex nicht durch Erziehung unterdrückt; und damit nochmal die zwingende Notwendigkeit der Erziehung mancher Hunde zu begründen.
Es gibt ein interessantes Buch von John J. Ratey, Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School, dessen Lektüre mich auf einen interessanten Zusammenhang aufmerksam machte und eine alternative Antwort auf die gestellte Frage bietet und damit unbeabsichtigt ein zusätzliches Argument pro Hundeerziehung liefert. Das Buch heißt „Das menschliche Gehirn – Eine Gebrauchsanweisung“. Zugegeben, dem Titel nach ein etwas weit hergeholter Bezug zur Erziehungsnotwendigkeit eines Hundes, aber trotzdem des Überdenkens wert.
Im Kapitel „Sprache“ erklärt der Autor nämlich, welche evolutionsbiologische Bedeutung für den Menschen die Fähigkeit zum Sprechen gehabt habe und inwiefern sich daraus einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Mensch und Tier (in unserem Fall zwischen Mensch und Hund) ergebe. Er weist in diesem Zusammenhang nach, dass erst die Fähigkeit des Menschen zu sprechen ihm die Möglichkeit nicht nur zur hoch komplexen Verständigung offenbarte, sondern er erst dadurch sein zukünftiges Handeln planen und steuern konnte. Und zwar könne man sagen, dass die Sprache ursprünglich als ein Instrument entstand, eine Verzögerung in das Handeln einzubauen, um das Zusammenleben des Menschen in großen und komplexen Gruppen zu ermöglichen und Chaos zu vermeiden. Denn wenn jeder Mensch in diesen Gruppen, ähnlich einem Tier, auf jeden Reiz impulsiv, unmittelbar und reflexartig mit einer Handlung reagiert hätte, wäre das Zusammenleben unmöglich gewesen. „Sprache verfeinert das Denken und entwickelt es weiter. Sie ermöglicht uns, zum gegenwärtigen Geschehen eine Distanz einzunehmen und Objekte im Bewusstsein als Symbole verfügbar zu halten, so dass wir sie im Geiste auf verschiedene Weise anordnen und potentielle Handlungsmöglichkeiten durchspielen können, ehe wir dann tatsächlich zur Tat schreiten. Das Moment des Handlungsaufschubs ist für gezieltes Tun entscheidend. Durch die Sprache wird unser Handeln unabhängiger von den emotionalen Impulsen, die unsere unmittelbaren Wahrnehmungen auslösen.“
Das heißt, erst durch die Sprache sind wir in der Lage, nach einem Reiz die Reaktion hinauszuzögern und erst dadurch moralische Entscheidungen treffen zu können, unseren Ärger im Zaum zu halten und sogar unsere Gefühlsregungen richtig wahrzunehmen. Erst durch die Sprache können wir die Konsequenzen unseres folgenden Handelns abwägen und einer moralischen oder ethischen Bewertung unterziehen bevor wir handeln. Er schreibt, bei Kindern lasse sich am besten beobachten, wie Sprache das Handeln leite. In vielen Untersuchungen sei nachgewiesen worden, dass Kleinkinder, die laut mit sich selbst reden und sich Anweisungen geben, während sie mit einer Aufgabe beschäftigt seien, diese Aufgabe leichter bewältigen und bei dem Versuch, das Problem zu lösen, ihr Verhalten besser steuern können. Im Verlauf der weiteren Entwicklung ebbe das „Selbstgespräch“ dann zum Flüstern ab und sei in der Grundschulzeit schließlich vollständig verinnerlicht und unhörbar geworden.
Störungen dieses Systems können durchaus erhebliche Folgen haben. „Die Fähigkeit zum Selbstgespräch kann im Wesentlichen auf zwei Arten gestört sein. Die erste Störungsquelle ist Impulsivität oder Impulsgetriebenheit, das heißt eine Einschränkung … der Reaktionshemmung, die das Hauptdefizit bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (AD/HS) darstellt.“ Solche Menschen fänden keine Zeit für die sekundären Verarbeitungsprozesse, die notwendig wären, um sich von den momentan auf sie eindringenden Reizen zu lösen. Daraus entstehe das Nichtbezähmenkönnen von Wut und Ärger. „Die zweite Störungsquelle ist eine Einschränkung der Fähigkeit, Sprache ausreichend präzise oder mühelos einzusetzen, um zwischen Reiz und Reaktion ein Verzögerungsintervall einzuschieben.“
Will heißen, durch die Sprache verfügen wir Menschen über die Möglichkeit und das Instrument, impulsives Verhalten zu unterdrücken. Dieses Glied fehlt dem Hund. Er verfügt nicht über ein solches retardierendes Moment, wie der Fachmann sagt. Bei einem Hund folgen in der Regel auf den Reiz sofort die Reaktion und Handlung. Und diese werden biologisch vorgegeben durch sein Dispositionsgefüge.
Kennt man nun das Dispositionsgefüge eines Hundes (beispielsweise durch Kenntnisse über seine Rasse) oder kann man sie nur erahnen (beispielsweise aufgrund seiner suspekten Vorgeschichte) und ergibt sich daraus potentiell ein Konflikt oder Widerspruch zum im Alltag von ihm erwarteten Verhalten, muss man durch Erziehung ein im übertragenen Sinne hemmendes Glied simulieren bzw. ersetzen, so dass sein impulsives Verhalten weitestgehend unterdrückt wird.
Meine Erfahrungen besagen nun, dass ein solches „hemmendes Glied“ nur scheinbar durch eine Konditionierung „eingefügt“ werden kann. Denn durch sie wird in der Regel nicht der Grund für sein impulsives Verhalten beseitigt, sondern maximal der auslösende Reiz durch Überlagerung durch den Konditionierungsreiz vertuscht, die außerdem nur temporär und kaum nachhaltig wirkt. Solange diese Überlagerung stark genug ist, mag die Konditionierung scheinbar von Erfolg gekrönt sein. Aber am Dispositionsgefüge kann eine Konditionierung nur sehr wenig, wenn nicht sogar gar nichts ändern.
Eine erfolgversprechendere Lösung ist – zumindest nach meinen Erfahrungen – die Erziehung, denn sie nimmt direkt Einfluss auf das erwähnte Dispositionsgefüge durch Manipulation eines der Grundbedürfnisse. Allerdings kommt man bei einer solchen Reiz-Reaktions-Unterdrückung, von der ich hier spreche, nicht um eine konsequente und energische Art der Erziehung herum. Will heißen, mit „Wattebällchen und Leckerlies“ hat das dann nichts zu tun; aber auch nicht zwingend mit Gewalt, was man mir zu gerne unterstellt.
Im Übrigen, bevor der eine oder die andere bei der Assoziation des Begriffes Gewalt jetzt tief Luft holen, sollten wir uns noch einmal vergegenwärtigen, von welchen Hunden ich hier in meinen Artikeln ausschließlich spreche. Exemplarisch sind dies nämlich Hunde, die eine reale Gefahr nicht nur für ihresgleichen, sondern ebenso für unbeteiligte Menschen und insbesondere Kinder darstellen. Ich rede hier ausdrücklich nicht von Oma Hedwigs Schoßhund (wenn Sie verstehen, was ich meine). Welche absurden Ausmaße und verschobenen Relationen eine falschverstandene Tierliebe mittlerweile angenommen hat, ist mir vor einiger Zeit wieder einmal widerfahren und hat mir beinahe die Sprache verschlagen. Eine Kundin hatte mich um Hilfe gebeten, weil ihr Bullterrier ein kleines dreijähriges Mädchen angefallen hatte und dieses nur durch ein unvorstellbares Glück der Katastrophe entkommen war. Bevor ich mich mit dem Hund befassen konnte, fragte die Kundin mich nämlich mit einem ängstlichen Unterton: „Aber sie tun ihm doch nicht weh, oder?“ Meine Reaktion brachte sie dann doch etwas zum Nachdenken, denn ich fragte sie, ob denn das kleine Mädchen noch Schmerzen hätte.
Aber Empörung beiseite; wenn ich von „konsequent“ und „energisch“ spreche, dann ist damit mitnichten physische Gewalt in Form von Schlägen o.ä. gemeint. Sondern vielmehr eine sofortige, unmittelbare und unter allen Bedingungen jederzeitige Demonstration des Unerwünscht-Seins dieses Verhaltens dem Hund gegenüber, sowie er auch nur das geringste Anzeichen aggressiven Verhaltens gegenüber Kindern zeigt; so dass ihm verdeutlicht wird, dass Kinder unter dem besonderen Schutz stehen und Aggressionen ihnen gegenüber ein absolutes No-Go ist. Neben allen körperlichen Anzeichen, die der Hund im Rahmen seines Aggressionspotentials zeigt, muss insbesondere bereits auf das Knurren in dieser Weise reagiert werden. Und zwar nicht mit einem ablenkenden Konditionierungsreiz oder gar mit einer defensiven Schlichtungs- oder Rückzugsgeste, die ihm sogar noch ein manifestierendes Erfolgserlebnis verschaffen würde, sondern mit einer offensiven erzieherischen Demonstration, die dem Hund die Kausalität zwischen seinem Verhalten und dem No-Go unmittelbar verdeutlicht. Erst dadurch kann er die soziale Regel erkennen und verstehen. Und glauben Sie mir, ein Hund ist diesbezüglich nicht sentimental nachtragend. Im Gegenteil, in seiner Welt – und dies kennt er nicht nur aus seiner Lehrzeit als Welpe – ist es Routine, dem anderen energisch seine Grenzen zu zeigen, ohne dass der andere einen mentalen Schaden davontrüge. Wenn es nicht so wäre, würden die meisten Hunde deprimiert und beleidigt durch die Welt schlürfen.
76. WARUM KANN DIE BELOHNUNG KEINE METHODE DER ERZIEHUNG SEIN?
oder
Die Mechanismen des mesocortikolimbischen Belohnungssystems
Eine Kundin bemängelte kürzlich, dass ich in meinen Beiträgen, in denen ich immer wieder betone, dass die Mittel und Methoden der Ausbildung eines Hundes zu seiner Erziehung ungeeignet seien, bisher den Beweis schuldig geblieben sei, warum beispielsweise das Mittel oder die Methode der Belohnung, die in der Ausbildung schließlich der Königsweg seien, zur Erziehung des Hundes nicht taugen.
In der Überzeugung, dies aber bereits mehrmals getan zu haben, habe ich daraufhin in meinen letzten Beiträgen nachgeschaut und musste ihr insofern Recht geben, dass sie dazu hätte etwas „zurückblättern“ müssen.
Deshalb hier eine kleine Reprise mit ein paar zusätzlichen Argumenten.
Doch bevor ich diesmal jemanden zu Worte kommen lasse, der am nächstliegenden in der Lage sein sollte, uns den Grund zu erklären – gestützt durch einen gewissen Hauch von Wissenschaftlichkeit –, nämlich einen Experten der Lernpsychologie, muss ich zum besseren Verständnis noch einmal den entscheidenden Unterschied zwischen Ausbildung und Erziehung definieren; denn erst aus diesem Verständnis heraus lässt sich die Tauglichkeit oder Untauglichkeit eines Mittels oder einer Methode zum Erreichen des jeweiligen Ziels herleiten. Außerdem verhindert es, ungewollt über zwei verschiedene Dinge zu reden:
Zunächst zur Ausbildung des Hundes: Sie ist Gegenstand und Ziel, den Hund zu motivieren und zu befähigen, etwas zu tun, was er ohne sie mangels an Instinkten nicht tun würde. Es handelt sich dabei sowohl um Fähigkeiten als auch um Fertigkeiten, die der Hund von Hause aus weder besitzt noch beherrscht. Dazu zählen das Befolgen und korrekte Ausführen aller Grundkommandos wie Sitz, Platz & Co. Am eindrucksvollsten kann man ihre Resultate auf einem Agility Parcours bestaunen oder im Zirkus, wenn Bello in einem Petticoat-Kleidchen sich tanzend auf einem Bein zum Affen macht oder der Dompteur seinen Kopf in den Rachen eines Amerikanischen Pitbull Terriers steckt, ohne dass dieser schluckt. Ebenso ist es ein Resultat der Ausbildung, wenn Hasso Hunderte verschiedener Kuscheltiere ihrem Namen nach kennt und sie korrekt auf Kommando aus einem riesigen Haufen Plüschtiere herausfischt. Für all dies fehlen dem Hund die natürlichen Instinkte. Ein typisches Indiz für die Ausbildung ist das wiederholte Üben. Die Wiederholung gehört quasi zum Einmaleins.
Und die klassische Methode, ihn trotz der ihm fehlenden Instinkte zu solch beeindruckenden Leistungen zu verführen und zu befähigen, ist die Konditionierung, deren Grundlagen uns u.a. der Psychologe B. F. Skinner schon vor mehr als einem halben Jahrhundert erklärte: Bekommt eine Ratte Zucker, wenn sie einen Hebel bedient, so wird sie mit Sicherheit diesen Hebel immer öfter bedienen. Zucker hat einen belohnenden Effekt und verstärkt Verhaltensweisen, auf die Belohnung folgt. Bestrafung bewirkt das Gegenteil. Der Dresseur oder Dompteur nennt das Ganze Zuckerbrot und Peitsche.
Mit der Erziehung hat dies alles jedoch nichts zu tun. Die Erziehung ist vielmehr Gegenstand und Resultat der intra-, inter- und umweltspezifischen Sozialisierung, indem auf das Dispositionsgefüge des Hundes – sprich seine Instinkte, Veranlagungen und Triebe – Einfluss genommen wird. Das heißt, hier ist nicht das Nichtvorhandensein von Instinkten wie bei der Ausbildung das „Problem“, sondern im Gegenteil, das Vorhandensein von Instinkten. Im Ergebnis der Erziehung soll der Hund nämlich etwas unterlassen, was er ansonsten aufgrund seiner natürlichen Instinkte und Veranlagungen tun würde. Daraus resultiert auch, dass der Anlass einer Erziehung ein völlig anderer ist, als bei der Ausbildung. Eine Erziehung ist nur dann angezeigt und überhaupt notwendig, wenn das Dispositionsgefüge des Hundes und seine dadurch initiierten sozialen Verhaltensweisen nicht mit dem übereinstimmen, was man von ihm und seinem Verhalten erwartet. Im Kapitel „Dialog mit dem Urgroßvater“ in meinem letzten Buch habe ich diesen Zusammenhang ausführlich erläutert und nachgewiesen, dass die Notwendigkeit der Erziehung quasi erst ein Resultat der heutigen Entfremdung des Hundes von seiner ihm ursprünglich zugedachten Rolle ist.
Ein Beispiel: Nehmen wir einmal an, einem typischen Wach- und Schutzhund – wie beispielsweise der Rottweiler einer ist und der dafür auch das notwendige Dispositionsgefüge besitzt – würde man tatsächlich die Aufgabe anvertrauen, Haus und Hof oder Kind und Kegel zu bewachen und zu beschützen; quasi ihm die Aufgabe überlassen, für die ihm auch die notwendigen Veranlagungen durch Selektion angezüchtet wurde. Dazu zählt insbesondere sein Bedürfnis nach Sicherheit, welches er instinktiv befriedigt und zu deren Gewährleistung er sein gesamtes agonistisches Verhaltensrepertoire einsetzt. Eine solche Aufgabe müsste man ihm auch gar nicht demonstrativ übertragen, sondern ihn nur gewähren lassen, da er sie aufgrund seiner Veranlagungen von ganz allein übernehmen würde.
Kein Mensch käme doch in diesem Fall auf die Idee, an diesem Hund herumerziehen zu wollen, um sein Dispositionsgefüge zu verändern. Denn warum auch? Er macht schließlich instinktiv mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genau das, was man von ihm erwartet; nämlich einen höllischen Radau, sowie jemand versuchen sollte, sich seinen ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen nähern zu wollen. Und sollte einer seiner Artgenossen auf die Idee kommen, sich ihm zu nähern, wäre dieser gut beraten, das Weite zu suchen, denn er wäre sein potentieller Todfeind.
Aber vollkommen anders sähe und sieht die Welt doch sofort aus, wenn – wie es heutzutage eben in Mode gekommen ist – sein mit gleichen Veranlagungen und Instinkten ausgestatteter Bruder eben nicht als Wachhund, sondern als Kuscheltier taugen oder Frauchen als ihr sozialer Ersatzpartner auf ihren täglichen Begegnungsorgien mit ihren Freundinnen und deren Hunden auf die Hundewiese begleiten soll. Hier wird nun plötzlich selbstredend von ihm erwartet, nicht mehr seinem natürlichen Dispositionsgefüge zu folgen und sich und Frauchen zu beschützen, sondern jetzt seine natürlichen Todfeinde nicht nur zu tolerieren, sondern zu allem Überfluss (und zu Frauchens und ihrer Freundinnen Belustigung) auch noch mit ihnen herumzutollen und so zu tun, als ob er nichts lieber täte, als mit seinen Feinden, die er am liebsten verjagen oder auffressen würde, um ein weggeworfenes Stöckchen zu wetteifern. Wen wundert‘s, wenn es hier zu einem knallharten Konflikt zwischen hündischen Instinkten und menschlicher Bedürfniswelt kommt?
Die Lösung für diesen Konflikt kann dann nur die Erziehung des Protagonisten sein; nämlich seine intra- und interspezifische Sozialisation; sprich Entbindung von seiner Verantwortung zum Bewachen und Beschützen und damit Einfluss zu nehmen auf sein Dispositionsgefüge.
Und die beiden klassischen Methoden, die dafür zur Verfügung stehen, sind die Korrektur und Demonstration; sprich die konsequente Einschränkung seines Entscheidungsspielraums und Übernahme der Verantwortung für die Sicherheit durch Frauchen selbst.
Eine Besonderheit, die quasi eine Kombination aus Ausbildung und Erziehung darstellt bzw. zwingend verlangt, sind alle Formen des sogenannten Spezialhundetrainings wie beispielsweise das der Such- und Rettungshunde oder das eines Jagdhundes. Aber auch das Beherrschen und Erfüllen komplexerer Aufgabenstellungen, wie das sichere und zuverlässige Geleiten eines Sehbehinderten durch die Wirren eines Großstadtverkehrs, fallen darunter. Hier werden nämlich einerseits reine Ausbildungssequenzen trainiert (wie das zuverlässige Befolgen und Ausführen von Kommandos oder Anweisungen) und andererseits reine Erziehungssequenzen. Denn bei diesen Hunden will man zielgerichtet vorhandene Instinkte wie beispielsweise den Jagdinstinkt oder das Aufklären des Reviers mithilfe des Geruchssinnes nutzen, jedoch in einem streng limitierten Entscheidungsspielraum. Ohne Erziehung wären diese Hunde gut ausgebildet aber eben nicht sozialisiert (siehe dazu auch in meinem Buch „Die Erziehung verhaltensauffälliger Hunde“ im Kapitel „Die hohe Schule der Hundeschule oder wann trifft Erziehung auf Ausbildung“).
So weit, so gut.
Aber nun zur Trainingsmethode oder dem Mittel der Belohnung und der Frage, warum sie zur eben beschriebenen Erziehung nicht taugen können. Und ich will noch ergänzen, warum ihre Anwendung im Rahmen einer notwendig gewordenen Sozialisierung oder Resozialisierung eines auffällig gewordenen Hundes, der im schlimmsten Fall Menschen angegriffen hat (und das sind nicht nur die sogenannten Listenhunde), sogar verantwortungslos und gefährlich ist.
Vorweg muss ich allerdings zugeben, aber auch davor warnen, dass es manchmal den Anschein erwecken kann, als würde sich ein Hund durch Belohnung von seinem unerwünschten Verhalten, welches in seinem Dispositionsgefüge begründet ist, abbringen lassen und man somit Einfluss nehmen könne auf seine Veranlagungen, Instinkte und Triebe. Denn nichts anderes wäre ja die Erziehung, wie ich gerade beschrieben habe. Aber all diese scheinbaren Erziehungserfolge sind dann jedoch nichts anderes als die temporäre Überlagerung der instinktiven Intensionen des Hundes durch ein in diesem Moment für ihn höherwertigeren Reiz, der von der Belohnung oder ihrer Inaussichtstellung ausgeht. Einfacher ausgedrückt: Es ist nichts anderes als eine Ablenkung, die temporär ihre Wirkung entfaltet. Und die sich daraus ergebende und nicht zu überschätzende Gefahr besteht halt darin, dass sich die instinktive Intension wieder Bahn bricht, sowie die Wertigkeit des Reizes der Belohnung nachlässt.
Aber lassen wir einmal einen Experten erklären, warum eine Belohnung keinen Erziehungseffekt haben kann:
Seine Expertise in Kurzform würde lauten: Konditionierung führt nicht zur Einsicht!
Und etwas ausführlicher: Beide Trainingsziele, sowohl das der Ausbildung als auch das der Erziehung, nutzen die Motivation des Subjektes. Diese tritt allerdings in zwei unterschiedlichen Formen auf, nämlich einerseits als extrinsisch und andererseits als intrinsisch wirkende; will heißen, die eine entfaltet ihre Wirkung durch äußere Anreize (Belohnung oder Vermeidung von Bestrafung), die andere durch innere Antriebe wie Spaß oder Bedürfnisbefriedigung. Die Belohnung besitzt das typische Merkmal eines extrinsischen Motivators und führt bei ihrer wiederholten Anwendung in der Regel zu einer der beiden Arten der Konditionierung, die da sind die klassische und die instrumentelle bzw. operante.
Die klassische Konditionierung, die in unserem Kontext jedoch keine Rolle spielt, ist uns bekannt geworden durch die Versuche des russischen Physiologen Pawlow, der uns die Erkenntnis hinterlassen hat, dass ein angeborener Reflex (Speichelfluss) auf einen natürlichen Reiz (Futter) gekoppelt werden kann an einen zusätzlichen, eigentlich neutralen Reiz (Glocke), und dieser dann – nach mehrmaligem wiederholten Auftreten in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit dem ursprünglichen Reiz – ebenfalls zu der biologischen Reaktion führt. Der Hund sabbert dann quasi schon los, nur weil er eine Glocke läuten hört.
Für uns ist aber vielmehr von Interesse die instrumentelle bzw. operante. Sie besagt, dass das durch den Hund eingesetzte „Instrument“ des Verhaltens Einfluss hat auf die Reaktion der Umwelt. Der Hund nutzt quasi sein Verhalten, um eine gewünschte Reaktion der Umwelt zu erfahren. Fällt die Reaktion für ihn positiv aus, so wird er sich in Zukunft immer wieder so verhalten. Im umgekehrten Fall wird er es unterlassen. Darin findet sich übrigens auch die Erklärung dafür, warum der Hund – und das gar nicht mal so selten – sogar das Verhalten des Menschen in seinem Interesse manipulieren kann. Der Mensch redet sich dann zwar meistens noch ein, er selbst bleibe stets Chef im Ring, der Hund wolle ihm nur gefallen. Aber in vielen Fällen – wenn ich mir beispielsweise auf der Straße die vielen bedauernswerten an Adipositas leidenden Kreaturen anschaue, die übrigens bereits ein Viertel aller Hunde ausmachen, für die schon der Bordstein ein unüberwindliches Hindernis darstellt – scheint die Überzeugung, Chef zu sein, doch eher auf dem Wunsch als Vater des Gedankens zu basieren. Denn tatsächlich ist das manipulative Verhalten des Hundes eiskaltes Kalkül und Buhlen um Aufmerksamkeit, Anerkennung, Futter oder sonst irgendeinen Vorteil.
In unserem Kontext nennen wir das Ganze „Lernen durch Belohnung oder Vermeidung von Bestrafung bzw. Erfolg oder Vermeidung von Misserfolg“. Der Unterschied zur operanten Konditionierung besteht darin, dass bei Letzterer beliebiges spontanes oder auch zufälliges und unbeabsichtigtes Verhalten mit betrachtet wird. Operant bedeutet, dass der Hund in einer Umwelt „operiert“, also in ihr agiert oder handelt, und dadurch die Reaktion der Umwelt aktiv beeinflusst.
In der Hundeausbildung nutzt man die operante Konditionierung quasi in umgekehrter Richtung, indem der Trainer ein gewünschtes Verhalten des Hundes aktiv belohnt oder provoziert und dadurch verstärkt, so dass sich das veränderte Verhalten für den Hund lohnt und er dadurch motiviert wird, dieses Verhalten, in der Hoffnung auf Belohnung, immer wieder zu zeigen. Der neurologische Wirkmechanismus dahinter ist das sogenannte mesocortikolimbische Belohnungssystem und ermöglicht das assoziative Lernen. Hierbei spielen Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin eine entscheidende Rolle; sie bewirken die Konditionierung.
Manfred Spitzer, Prof. für Psychiatrie beschreibt die Wirkung von Belohnung in seinem Buch „Lernen“ wie folgt: „Das Dopamin … führt zu einer … Freisetzung endogener (körpereigener – der Autor) Opioide im Frontalhirn … Diese Freisetzung stellt subjektiv einen Belohnungseffekt dar (ein angenehmes Gefühl, das im wahrsten Sinne des Wortes süchtig machen kann – der Autor) und im Hinblick auf Informationsverarbeitung eine Art ‚Türöffner‘-Funktion: Die Verhaltenssequenz bzw. das Ergebnis, was zum besser-als-erwarteten Resultat geführt hat, wird weiterverarbeitet und dadurch mit höherer Wahrscheinlichkeit abgespeichert.“
Bei dieser Form des Lernens spielt die Erwartung der Belohnung die entscheidende Rolle. Der Neurotransmitter Dopamin ist quasi der Stoff der Vorfreude, der ausgeschüttet wird, wenn der Hund für ein tolles Kunststück seine Belohnung erwartet und ein Verlangen generiert. Dadurch wird das Belohnungssystem bereits hochgefahren, lange bevor der Erfolg eigentlich eintritt. Versuche haben gezeigt, dass es demgegenüber mit dem Lernen nicht so wirklich klappt, wenn man die Dopaminrezeptoren blockiert.
Allerdings hat das Ganze zwei riesige Haken; und damit kommen wir zu unserem „Problem“: Alle Experten betonen immer wieder, dass die operante Konditionierung nicht zum Lernen durch Einsicht führt. Will heißen, der Protagonist handelt nicht aus intrinsischer Motivation heraus, weil es etwa seiner Bedürfnislage, seinen Instinkten oder Trieben, sprich seinem Dispositionsgefüge, entsprechen würde; nein, er handelt ausschließlich, weil er sich dadurch einen Vorteil verspricht.
Daraus leitet sich der erste Haken ab: Wenn die Belohnung ausbleibt, wirkt die Konditionierung sicherlich oder vielleicht noch eine Weile nach. Aber bleibt sie immer öfter aus, sollte man bedenken, dass sich die Konditionierung wieder verliert. Das bedeutet beispielsweise, wenn man einen mit den Instinkten zum Verteidigen ausgestatteten Rottweiler mittels Belohnung oder positiver Verstärkung davon ablenken wollte, ständig zum Zwecke der Aufklärung an der Leine zu zerren oder jeden beliebigen Feind vertreiben zu wollen, wäre man gezwungen, der Leckerliindustrie und dem Tierarzt einen großen Gefallen zu tun und einen zuverlässigen Beitrag zu deren Gewinnmaximierung zu leisten. Aber noch viel folgenschwerer ist – und daraus leitet sich auch die Gefährlichkeit und Verantwortungslosigkeit eines solchen Unsinns ab, einen Hund durch Belohnung erziehen zu wollen – dass die Konditionierung nichts am Dispositionsgefüge des Protagonisten verändert. Seine Instinkte und Veranlagungen bleiben unverändert bestehen und brechen sich mit Sicherheit wieder Bahn, sowie die Wirkung des extrinsischen Motivators seine Wertigkeit verliert.
Und damit sind wir beim zweiten Haken: Die Erziehung des Hundes, besser gesagt, das Erreichen des Erziehungszieles, bedarf jedoch der Beeinflussung seiner intrinsischen Motivation, weil sie das Ziel verfolgt, eine Änderung seines Dispositionsgefüges zu erreichen. Und das ist mittels extrinsischer Motivatoren nun mal unmöglich. Sie bedarf quasi, ähnlich wie bei der Erziehung eines Kindes, die Einsicht in die Richtigkeit des veränderten Verhaltens. Allerdings können wir nicht, wie bei einem Kind, den Hund durch vernünftige Argumente zur Einsicht bewegen. Hier sind wir gezwungen, den Umweg über seine Bedürfnisse zu gehen, indem wir diese beeinflussen.
Und damit haben wir eigentlich schon die Lösung: Wenn wir wissen, dass die Erziehung des Hundes zum Ziel hat, ihn dahingehend zu beeinflussen, sich nicht mehr entsprechend seiner Veranlagungen oder Instinkte zu verhalten, also nicht mehr Haus und Hof, Kind und Kegel beschützen zu wollen, dann müssen wir ihn von dieser Verantwortung nicht nur entbinden, sondern es ihm auch untersagen. Wir müssen ihm quasi demonstrieren, dass wir statt seiner ab sofort diese Verantwortung übernehmen und ihm jeglichen Entscheidungsspielraum diesbezüglich nehmen, so dass er keinerlei Interesse mehr daran hat, sich und seine Ressourcen verteidigen zu wollen.
Wie das funktioniert, zeige ich jedem Interessierten gerne in nur einer einzigen Trainingseinheit. Denn das ist kein Hexenwerk. Und eines schon vorab: Das viele Geld für die Leckerli können Sie sich sparen und lieber dem Tierheim spenden.
75. WARUM HALTEN SICH FALSCHE THEORIEN IN DER HUNDEERZIEHUNG SO LANGE?
oder
Was hat das mit dem Handy am Steuer zu tun?
Ab und zu ein Plausch mit einem Fachfremden, der mit der Hundeerziehung eigentlich gar nichts am Hut hat, aber auf seinem Fachgebiet wiederum ein Experte ist, eröffnet einem selbst immer wieder neue Horizonte und hilft eigene Sachverhalte und Zusammenhänge, die einem selbst oftmals unerklärlich erscheinen, besser zu verstehen. So auch in diesem Fall, als ich mich wieder mal mit jemandem unterhielt, der sich in der Welt der Kognitionswissenschaften zu Hause fühlt.
Ich erzählte demjenigen nämlich, wie häufig es mir passiert, dass KundInnen mich mit der für mich zwar schmeichelhaften aber trotzdem unangenehmen Frage konfrontieren, warum denn in so vielen Hundeschulen immer noch offenbar falsche und damit erfolglose Trainingsmethoden zur Erziehung verhaltensauffälliger Hunde angewendet werden, obwohl es doch offensichtlich eine erfolgreiche Methode gebe, wie man bei mir sehe. Meistens stellen die KundInnen mir diese Frage – mehr oder weniger ratlos und geschürt durch ein gehöriges Maß an Unverständnis – weil wir zuvor ihren „Rabauken“ in nur einer einzigen Trainingseinheit von seinen „Verhaltensauffälligkeiten“ wie Aggressionen, Zerren oder Kläffen o.ä. befreit haben; sie aber zuvor regelrechte Odysseen an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich bringen mussten. Und das Ganze natürlich nicht ohne einen entsprechenden finanziellen Aufwand; im Gegenteil.
Aber wie gesagt, einerseits schmeichelhaft aber andererseits unangenehm, denn man zwingt mich mit meiner Antwort quasi zu einer Gratwanderung zwischen Diskreditierung und Diplomatie. Denn es ist mir bewusst und eigentlich überflüssig erwähnt zu werden – wozu mir auch ein Marketingexperte einmal dringend geraten hatte – sich niemals auf Kosten eines Wettbewerbers profilieren zu wollen; denn damit diskreditiere ich nur mich selbst. So weit, so schön. Aber andererseits erwarten meine KundInnen eine aufrichtige Antwort; denn ihre Frage ist in der Regel nicht rhetorischer Natur oder lediglich gedacht, ihren Frust loszuwerden. Sie erwarten tatsächlich eine Erklärung, warum, wenn der Lösungsweg, wie man sieht, bekannt zu sein scheint, all die HundeexpertInnen selbigen aber offenbar nicht beschreiten. Und es sei umso unverständlicher, da doch anzunehmen sei, dass sie alle eine Ausbildung absolviert haben; zumindest würden sie damit werben. Zitat: „Wird denn so etwas während der Ausbildung zum Hundetrainer nicht gelehrt?“
Wenn die KundInnen mir dann noch die Methoden beschreiben, mit denen an ihren „Rabauken“ herumgedoktert wurde, bleibt mir, offen gesagt, eigentlich nichts anderes übrig, als ihnen reinen Wein einzuschenken. Aber nichtsdestotrotz sage ich es dann doch lieber nur durch die Blume: „Der Schlüssel zum Erfolg liegt für einen Hundetrainer darin, zu erkennen, ob es sich bei der „Verhaltensauffälligkeit“ des Hundes um ein Ausbildungs- oder um ein Erziehungsproblem handelt.“ Oder anders ausgedrückt: Der Hundetrainer müsse erkennen, ob er ein durch Konditionierung oder ein durch Sozialisierung zu behebendes „Problem“ vor sich habe. Wenn er bereits hier eine Fehleinschätzung treffe, könne er mit der Wahl der Methode nur danebenliegen. Und der Erfolg bliebe aus.
Manchmal geben sich die KundInnen mit dieser etwas ausweichenden Antwort zufrieden, weil sie aus dem Umkehrschluss selbst herleiten können, dass es offensichtlich mit dem Schlüsselfinden nicht geklappt hat. Aber manchmal auch nicht und haken nochmal nach, warum offensichtlich dieser Unterschied durch viele Hundeschulen nicht beachtet werde.
Dazu kann ich natürlich nur Vermutungen anstellen oder spekulieren. Ich habe mich zwar ausführlich zu diesem Thema bereits in meinem letzten Buch im Kapitel „Die Expertise eines Luftfahrtexperten oder warum hat es alternatives Wissen so schwer?“ geäußert; trotzdem möchte ich noch einmal einen anderen Experten, nämlich meinen gerade erwähnten Gesprächspartner, zu Worte kommen lassen.
Er erzählte mir eine Parallele aus seiner Welt. Und zwar ging es um das Telefonieren am Steuer. Es sei nämlich bereits seit geraumer Zeit, unter anderem durch die Neurowissenschaften, widerlegt, dass das Telefonieren am Steuer nur mit dem Handy am Ohr gefährlich sei. Trotzdem bleibe aber nach wie vor nur dieser Umstand strafbar; das Sprechen mit Hilfe einer Freisprecheinrichtung dagegen nicht. Und obwohl wissenschaftlich fundiert das Falsche an dieser Regel belegt sei, tut man sich hier offensichtlich auch schwer, diese Erkenntnis anzuerkennen geschweige denn anzuwenden.
Zum besseren Verständnis erläuterte er mir dann noch den Zusammenhang: Und zwar sei es deshalb unerheblich, ob man sich das Handy ans Ohr hält oder über die Freisprecheinrichtung mit seinem Gesprächspartner kommuniziere, weil der kognitive Effekt in beiden Situationen identisch und somit gleich gefährlich sei. Denn das Gefahrenmoment ergebe sich nicht aus dem Halten des Handys ans Ohr, sondern aus den kognitiven Abläufen und ihren Konsequenzen während eines Telefonats an sich. Gedanklich versetze sich ein Telefonierender nämlich immer an den imaginären Ort des Gesprächspartners, wodurch sein Bewusstsein und seine selektive Aufmerksamkeit weit weg seien vom Hier und Jetzt. Und da das menschliche Gehirn zum Multitasking (sich simultan auf mehrere Dinge konzentrieren) unfähig sei – auch wenn es so scheinen mag, dass Frauen das Gegenteil beweisen können – sei das Hier und Jetzt während des Telefonierens nicht mit Aufmerksamkeit belegt. Zwar könne das Gehirn über das Unterbewusstsein mehrere und auch komplexe motorische Handlungen simultan steuern, ohne das Bewusstsein in Anspruch nehmen zu müssen. Aber eine selektive Aufmerksamkeit, die wie ein Scheinwerfer funktioniert, kann es nur auf eine Sache richten. Um alles andere müsse sich dann das Unterbewusstsein mit seinen Routinen kümmern. Das Autofahren finde dann quasi im Autopilotenmodus statt. Verschärfend hinzu komme noch, dass der Mensch sich, ohne es zu wollen, moralisch unter Druck setze, beim Gesprächspartner nur nicht den falschen Eindruck zu hinterlassen, man höre nicht zu, falls die Verkehrssituation die Aufmerksamkeit verlange und das Antworten sich dadurch eventuell verzögere. Der ungewollte Effekt sei, dass man sich dadurch noch mehr auf das Gespräch konzentriere und sich und seine Aufmerksamkeit erst recht forthole aus der hiesigen Situation.
Das könne jeder an sich selbst überprüfen, indem er beispielsweise nur einmal versuche, sich nach einem Telefonat daran zu erinnern, was in den letzten Minuten um sich herum passiert sei. Man werde mit Sicherheit keine Details wiedergeben können. Und die Gefahr aus dieser Bewusstseinsabwesenheit ergebe sich aus dem notwendigen Zeitaufwand, der durch das Gehirn benötigt werde, um in einer Gefahrensituationen, die eine sofortige Reaktion erfordere, ausreichend schnell die Aufmerksamkeit in das Hier und Jetzt zurückzuholen. Da vergingen schon mal locker mehrere Hundert Millisekunden, die für eine notwendige Reaktion fehlen und über Leben und Tod entscheiden könnten.
Bleibt die Frage nach der Ursache des Festhaltens an der alten aber falschen Regel; ähnlich wie in unserem Kontext das Festhalten an falschen Erziehungsmethoden des Hundes, obwohl die richtige oder bessere bekannt sei.
Hierzu gebe es durchaus Erkenntnisse und somit Begründungen durch die Kognitionswissenschaften, so der Experte. Eine Erklärung könnte sich beispielsweise aus der Tatsache herleiten, dass das menschliche Gehirn stets bemüht sei, die hoch komplexe Welt zu simplifizieren und die Wahrnehmungen in einfache Erkenntnisse umzuwandeln, um in dieser unüberschaubaren Welt entscheidungs- und handlungsfähig zu bleiben. Dabei bevorzuge das Gehirn Erkenntnisse, die keine Widersprüche zu bisherigen Erfahrungen und keine unangenehmen Konsequenzen zur Folge hätten. Je einfacher, widerspruchsloser und angenehmer eine Erkenntnis oder Theorie sei, umso bessere Aussichten hätten sie, „erfolgreich“ zu sein. Der Wissenschaftler spreche dann von einer eleganten Theorie oder These. Hinzu komme, dass eine Theorie umso hartnäckiger überlebe, je mehr sie von anderen Theorien oder Erkenntnissen gestützt werde, selbst wenn es eindeutige Gegensignale gebe. Das heiße, je mehr sie zu einem anderen Kontext oder zur eigenen Erlebnis- und Bedürfniswelt passe, um so robuster sei sie gegenüber Gegensignalen. Und eine weit unterschätzte Macht haben dabei Gefühle, die die eigene Seelenwelt im Gleichklang halten.
Und so könnte man sich auch erklären, warum viele HundetrainerInnen sich derart schwertun, sich von falschen, aber eben angenehm anfühlenden Theorien zu befreien. Eine dieser offensichtlich angenehmen und sich hartnäckig haltenden Theorien ist die Annahme, man könne einen Hund, der die Verantwortung für seine eigene und die Sicherheit von Frauchen besitzt, mittels Konditionierung durch Belohnung erziehen und von seinem Zerren an der Leine und Aggressionen gegenüber jedermann befreien; ergo, ihn von seiner Verantwortung entbinden.
Warum?
Eine solche Theorie klingt halt schön und passt perfekt in den momentanen Zeitgeist, der sich vor allem durch falsch verstandene Tierliebe speist, die seit geraumer Zeit geradezu eine Hochkonjunktur genießt. Sicherlich gestützt durch Berichte über grausam anzuschauende Tierversuche der Pharmaindustrie, Massentierhaltung und rumänische Tierheime. Hinzu kommt, dass der Begriff Erziehung ohnehin schon negativ belegt ist und ungewollt Vorstellungen assoziiert wie Zwang und Gewalt. Da klingt es halt in den Ohren des Tierfreundes – aber wie man sieht, bedauerlicherweise auch in denen der vermeintlichen Fachleute – viel verlockender, wenn behauptet wird, es gäbe angeblich behutsamere Methoden, einen aggressiven Hund zur Räson zu bringen, als die der konsequenten Korrektur und Demonstration. Solche Methodenbezeichnungen wie „Erziehung durch positive Bestärkung“, „durch Belohnung und Anerkennung erziehen“ oder „Kommunikation auf Augenhöhe“, „Erziehung mittels Ankereffektes, „Beziehung statt Erziehung“ oder ähnlich gearteter Unfug, verbrämt unter dem Deckmantel der angeblich „modernen und neuen“ Methoden; so etwas hört jeder Mensch natürlich viel lieber und passt perfekter in die heile Seelenwelt des tierliebenden Menschen als Vokabularien wie Reglementierung, Bestrafung und Korrektur. Geschickt werden dabei auch Vokabularien genutzt wie „sanft“, „gewaltfrei“ und „gefühlvoll“. Es sieht auch auf Bildern geradezu rührend und vertrauenserweckend aus, wenn der Trainer statt einer energischen Korrektur des unerwünschten Verhaltens, dem „Rabauken“ ein Leckerli vor das Schnäuzchen hält oder sich mit einem Lächeln im Gesicht vor ihm hinkniet und sich ein Pfötchen geben lässt. Das Ganze ist aber nichts anderes als Dressur und das Resultat der Perversion des Anthropomorphisierens (Vermenschlichung) der Kreatur Hund, die in der hochindustrialisierten und teilweile gefühlskalten westlichen Welt zunehmend in die Rolle eines sozialen Ersatzpartners gedrängt wird.
Es gibt eine schöne metaphorische Darstellung dieser Entwicklung auf zwei Bildern: Auf dem ersten Bild ist ein Wolf zu sehen, dem eine Sprechblase ins Maul gezeichnet ist mit den Worten: „Ich gehe mal rüber zu den Menschen, was soll schon passieren?“ Und auf dem zweiten Bild sieht man einen Mops, dem ein selbst gestricktes Mützchen mit Kerzen obenauf und buntem Schleifchen aufgesetzt wurde, und der wahrscheinlich noch ein Höschen mit Plüschbesatz am Hintern trägt. Darunter steht geschrieben: 100 000 Jahre später.
Die Erziehung des Hundes gelingt nur und ausschließlich über den Weg seiner Entbindung von der Verantwortung für seine oder anderer Leute Sicherheit oder einer Ressource mit gleichzeitiger energischer Einschränkung seines Entscheidungsspielraumes; jedoch niemals mittels einer Konditionierung, und sei die Gürteltasche mit Leckerlis noch so groß. Einen 60-Kilogramm-Rottweiler, der ein kleines Kind attackiert hat, kann man nie und nimmer mittels einer positiven Bestärkung (was übrigens korrekterweise Verstärkung lauten müsste, wenn man schon Fachvokabular der Lernpsychologie verwendet) oder Belohnung von seinen Aggressionen befreien. Dieser Hund muss stattdessen von seiner Verantwortung entbunden und konsequent korrigiert werden – und zwar “unsanft”.
Aber so lange bei der Ausbildung von HundetrainerInnen offensichtlich, oder wie zu vermuten ist, der Anthropomorphismus alle Vernunft vernebelt und in jeden Hund ein Kleinkind hineininterpretiert wird, so lange werden Hunde sicherlich gut ausgebildet und ihnen alle möglichen Tricks beigebracht; aber ein gefährlich aggressiver Vertreter der Spezies Canis lupus familiaris mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von diesen TrainerInnen weder erzogen noch sozialisiert.
74. KANN EIN HUND EINEN FREMDEN HUND ERZIEHEN?
oder
Was hat das mit Jean de la Fontaine zu tun?
Kürzlich konfrontierte mich eine Kundin mit der Fragestellung, ob es denn möglich sei, dass ein unerzogener Hund durch einen fremden Hund erzogen werden könne. Und da es sich mir aus ihrer Fragestellung nicht sofort erschloss, auf welche Art der Erziehung sie sich bezog, konnte ich ihr zunächst nur mit einem Jein und Kommt darauf an antworten. Denn bevor man diese Frage bejahen oder verneinen kann, muss man klären, welche Art der Erziehung gemeint ist. Streng genommen müssen wir nämlich unterscheiden zwischen zwei Arten der Erziehung: Nämlich einerseits der Erziehung von Hunden untereinander, beispielsweise wenn sie in einer Meute aufeinandertreffen oder zusammenleben sollen, ohne dass der Mensch dabei Einfluss nimmt oder eine Rolle spielt, und andererseits der Erziehung eines Hundes durch den Menschen zum Zwecke des konfliktfreien Zusammenlebens beider. Letzteres wäre die Sozialisierung, die auf intraspezifischer (gegenüber seinesgleichen), interspezifischer (gegenüber anderen Mitgliedern der Fauna einschl. Menschen) und umweltspezifischer Ebene (gegenüber allen möglichen Umwelteinflüssen wie Lärm o.ä.) erfolgt oder erfolgen kann.
Also bat ich sie, mir zunächst den Kontext ihrer Fragestellung zu erläutern. Woraufhin sie von ihrem erfolglosen Besuch einer Hundeschule berichtete, die sie aufgesucht hatte, mit der Absicht, ihren vierbeinigen „Aggressor“ zur Vernunft bringen zu lassen, an der es ihm sowohl gegenüber seinesgleichen mangele als auch gegenüber fremden Leuten. Mit ihren Worten: Sie wollte ihren unerzogenen Hund erziehen lassen, so dass sie sich einigermaßen entspannt und ohne sein nervendes Gezerre an der Leine und aggressives Verhalten gegenüber allem und jedem in der Öffentlichkeit bewegen könne. Somit war klar: Das angestrebte Ziel war demnach nicht die erstgenannte sondern die zweitgenannte Art der Erziehung.
Mit dieser Aufgabenstellung beauftragt, habe daraufhin die Hundetrainerin ihren eigenen sogenannten Therapiehund ins Rennen geschickt und beide Protagonisten zusammengeführt. Sie habe damit bezweckt, so die Erläuterungen der Trainerin ihr gegenüber, dass im Ergebnis dessen der „Unerzogene“ aus dieser Begegnung quasi als „erzogen“ und therapiert hervorgehe, denn ihr „Therapeut“, der ein sehr dominanter Vertreter seiner Spezies sei, werde das schon klären.
Abgesehen von dem daraufhin abgelaufenen riesigen Tohuwabohu dieses Unterfangens, denn beide Kontrahenten waren sich wohl ziemlich ebenbürtig und unser „Aggressor“ nicht sofort „einsichtig“, schien es aber am Ende tatsächlich so auszusehen, als würde er doch klein beigeben und zu einer Art „Lamm“ mutieren. Aber der Schein war trügerisch. Bereits wenige Tage später, quasi als der Delinquent sich in seinem gewohnten Alltag wiederfand, war er wieder ganz der „Alte“.
Das heißt, der Erziehungsversuch ihres unerzogenen Hundes durch einen fremden Hund war faktisch fehlgeschlagen. Und deshalb wollte die Kundin nun von mir erfahren, ob dieses Unterfangen grundsätzlich zum Scheitern verurteilt oder es halt nur in diesem konkreten Versuch nicht geglückt sei.
Ich muss zugeben, während die Frau mir ausführlich ihre Erlebnisse schilderte, schweiften meine Gedanken etwas ab, denn ich musste mich unwillkürlich an eine Episode erinnern, als der Opa meines kleinen Sohnes ihm von der Fabel des Dichters Jean de la Fontaine „Der Bär und der Gartenfreund“ erzählte:
Wer kennt sie nicht, die Fabel, in der sich ein Bär mit einem Einsiedler anfreundet. Als Letzterer eines Tages ein Nickerchen hält, wird er von einer Fliege belästigt, von der ihn sein pelziger Freund zwar eifrig aber erfolglos befreien will. Darüber selbst erzürnt, greift der Bär übereifrig zu drastischeren Mitteln. Er nimmt sich einen großen Stein, nimmt Maß, und platsch, die Fliege ist nur noch Matsch. Leider auch der Kopf seines Freundes, auf dem die Fliege saß.
Jean de la Fontaine sagt es poetischer:
„Gesagt, getan: es packte der treue Fliegenwedel
einen Pflasterstein und warf ihn – hui –
die Fliege tötend, dem Mann auf den Schädel;
ein guter Schütze, doch ein schlechter Denker,
ward er dem Schläfer jäh zum Henker.
Gefährlich ist ein dummer Freund;
weit besser ist ein weiser Feind.“
Wie ich darauf kam? Die Antwort findet sich in meiner Antwort, die ich der Kundin gab:
Denn jetzt konnte ich sie beantworten, nämlich mit einem klaren Nein. Weil das, was in der Hundeschule praktiziert wurde, ein Mischmasch war aus beiden oben genannten Erziehungsarten. Zumindest insofern ein Mischmasch, da der tatsächlich praktizierte Erziehungsversuch die erstgenannte Art, das angestrebte Ziel jedoch das der zweiten war. Denn die Kundin hatte schließlich nicht verlangt, ihren Hund fit zu machen für das konfliktfreie Zusammenleben mit dem „Therapiehund“ der Hundetrainerin, sondern doch wohl eher für ein alltagstaugliches und entspanntes Zusammenleben mit seinem Frauchen und ihren sozialen und sonstigen Kontakten.
Und ein solcher Mischmach ist zum Scheitern verurteil. Denn der in diesem konkreten Fall tatsächlich praktizierte Erziehungsversuch mithilfe des sogenannten Therapiehundes konnte nur darauf abzielen, im besten Fall den Hund der Kundin dazu zu bringen, sein aggressives Verhalten dem „Therapiehund“ gegenüber abzulegen und sich ihm unterzuordnen. Unter bestimmten Umständen, insbesondere wenn der „Therapiehund“ über ausreichend Selbstbewusstsein verfügt, ist dies sogar von Erfolg gekrönt (und war es wohl auch), weil der Unterlegene die Überlegenheit des anderen akzeptiert und in eine Art Meideverhalten flüchtet. Vergleichbar mit einem hierarchischen Verhalten innerhalb eines Rudels. Allerdings betrifft dies in diesem konkreten Fall nur die durch Dominanz geprägte Beziehung dieser beiden Hunde untereinander.
Und damit sind wir beim Problem und dem Grund, warum der Besuch der Kundin bei der Hundeschule letztendlich erfolglos bleiben musste, auch wenn der erste Anschein zunächst etwas anderes vermuten ließ. (Ich bin auf dieses Problem übrigens auch in meinem Buch im Kapitel Die Absurdität einer „Rudeltherapie“ eingegangen und habe das Scheitern ausführlich begründet.)
Das, was die Kundin mit ihrem Hundeschulbesuch anstrebte, war ja nicht, ihren „Aggressor“ in Zukunft mit dem „Therapiehund“ der Hundetrainerin friedlich zusammenleben zu lassen. Dummerweise ist das aber das Einzige, was man mit dem Zusammenführen zweier Hunde erreichen kann. Das hat aber mit dem, was die Kundin von der Hundetrainerin erwartete, nichts zu tun. Denn sie sollte vielmehr ihren „Aggressor“ von seinen „Verhaltensauffälligkeiten“ befreien. Und das wäre seine intraspezifische, interspezifisch und umweltspezifische Sozialisation gewesen.
Wie eine solche Sozialisation bzw. Erziehung erfolgt, habe ich bekanntlich schon in vielen Beiträgen beschrieben. Deshalb an dieser Stelle nur eine Kurzfassung, um meine Antwort, die ich der Kundin gegeben habe, zu begründen:
Eine Sozialisation kann nur erreicht werden, wenn dem Hund der Grund für sein unerwünschtes Verhalten genommen wird. Und dieser Grund findet sich in seiner Verantwortung für die Sicherheit, sowohl für seine eigene als auch für die von Frauchen oder irgendeiner sonstigen ihm übertragenen Ressource wie beispielsweise Haus und Hof oder Kind und Kegel. Eine solche Verantwortung übernimmt ein Hund in der Regel von sich aus, weil dies bereits in seinen Veranlagungen durch die über 30 000 Jahre erfolgte Domestikation angelegt ist, denn seine eigene Sicherheit zählt zu seinen drei Grundbedürfnissen, die er stets und ständig befriedigt wissen will. Und zur Wahrnehmung dieser Verantwortung bedient er sich zweier Methoden: Zum einen der ständigen Aufklärung des Reviers, in dem sich Frauchen mit ihm aufhält, und zum anderen der Abwehr jeglicher Konkurrenten, Feinde oder Gefahren. Aus Ersterem resultiert sein Zerren an der Leine, weil er das Revier bereits weit voraus unter Kontrolle haben will, und aus Letzterem seine Aggressionen gegenüber allem und jedem.
Das heißt also, eine Erziehung im Sinne der zweitgenannten Art ist nichts anderes, als den Hund von seiner Verantwortung zu entbinden und ihm jeglichen diesbezüglichen Entscheidungsspielraum zu nehmen. Dazu muss einerseits Frauchen statt seiner diese Verantwortung übernehmen und ihm dies auch demonstrieren und andererseits jegliches unerwünschte Verhalten, das sich aus seiner Verantwortung ableitet, energisch korrigieren und damit unterbinden.
Das besonders Makabre an dem hier geschilderten Fall ist, dass die von der Hundetrainerin praktizierte Zusammenführung der beiden Protagonisten das genaue Gegenteil von dem bewirkte, was ich gerade als Ziel der Sozialisierung beschrieben habe. Sie tat quasi das Gleiche, was der Bär seinem schlafenden Freund angetan hatte. Denn mit der Konfrontation des „Aggressors“ mit dem „Therapiehund“, bei dem sicherlich der zu Erziehende losgeleint in die Begegnung mit dem anderen geschickt wurde, hat sie ihm die Eigenverantwortung für seine Sicherheit nicht nur nicht genommen – was eigentlich das Ziel einer Erziehung hätte sein müssen – sondern im Gegenteil, sogar noch einmal bewusst übertragen. Metaphorisch und etwas zugespitzt könnte man sogar sagen, Frauchen gab ihm den Befehl: „Los, verteidige uns beide, ich bin zu feige!“
Mit anderen Worten: Grober Unfug! Und ein Bärendienst, den die Hundetrainerin der Kundin erwiesen hat.
73. DIE INTERNA MEINES TRAININGSKONZEPTES
und
Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten
Ich sehe mich veranlasst, meinem letzten Beitrag „In eigener Sache“ noch ein paar Bemerkungen anzufügen. Die Reaktionen und Kommentare auf meine Fachbeiträge im Allgemeinen und auf meinen vorletzten im Besonderen zwingen mich hin und wieder dazu. Dabei geht es mir diesmal nicht um die mangelnde Sachlichkeit oder beleidigende Ausfälligkeit mancher Kommentare. Nein, es geht mir diesmal vielmehr um einen mir gemachten Vorwurf, der meiner Ansicht nach kaum in böser Absicht erfolgte, sondern wahrscheinlich aus Unüberlegtheit gepaart wohl auch mit ein wenig Naivität.
Es geht um den Vorwurf, dass in meinen Fachbeiträgen konkrete Handlungsempfehlungen fehlen würden. Es wird zwar anerkannt, zumindest in einigen Kommentaren, dass ich die theoretischen Zusammenhänge und Hintergründe meines Trainingskonzeptes ausführlich und leicht verständlich erläutere, aber die konkreten Praxishinweise ausblieben; man vermisse quasi die Anleitung zum Handeln.
Als ich darüber nachdachte, kam mir eine Szene aus dem Lieblingsfilm meines Vaters in den Sinn: Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Diesen Film hat er sich wohl mehrere dutzend Male angeschaut und sich immer wieder aufs Neue köstlich amüsiert, wenn Oberst Manfred von Holstein, alias Gert Fröbe im Brustton seiner Überzeugung herausposaunte, dass es nichts gebe, was ein deutscher Offizier nicht könne. Denn es gebe ja schließlich eine „Heeresdienstanweisung zur Bedienung eines Flugzeugs“, Zitat: „Nummer 1: Hinsetzen!“.
Vielleicht kann sich der eine oder die andere noch an diesen Filmklassiker erinnern, in dem Lord Rawnsley im Jahre 1919 einen spektakulären Wettflug über den Ärmelkanal von London nach Paris veranstaltet. Dem Gewinner winkte ein Preisgeld von 10.000 Pfund, das wagemutige Draufgänger aus der ganzen Welt nach London lockte. Allerdings schafften es nicht alle dieser fragilen Flugmaschinen von der Insel auf den Kontinent – die meisten endeten in Misthaufen, Eisenbahntunneln, Heuschobern und übel riechenden Rieselfeldern. Und einer unter ihnen, der preußische Oberst Manfred von Holstein, der sich kurzfristig wegen seines an Durchfall leidenden Offiziers genötigt sah, die Ehre Preußens zu retten und selbst die Flugmaschine zu steuern, sah darin jedenfalls keine unlösbare Aufgabe. Denn obwohl er von den Künsten der Fliegerei weniger als gar keine Ahnung hatte, meinte er voller Selbstüberschätzung, dass einem deutschen Offizier eine Vorschrift genüge, und dann könne es doch nicht so schwer sein, solch eine Flugmaschine durch die Luft zu steuern. Aber das Ganze endete, wie zu erwarten, im Ärmelkanal. Auch wenn das konkrete Scheitern szenisch mit dem plötzlichen Verlust der Heeresdienstanweisung inszeniert wurde, sollte schon der gesunde Menschenverstand das Misslingen eines solchen Unterfangens prophezeien. Zu welchem Zwecke sollte man ansonsten Flugschulen erfunden haben.
Offensichtlich genügt es nicht, ein Handwerk erfolgreich auszuüben, nur mit Hilfe einer Handlungsanweisung unter dem Arm. Und sei sie noch so detailliert.
Ich gebe zu, solch ein Gedanke, den man weiterspinnen und auch auf eine Handlungsanweisung zur Erziehung eines verhaltensauffälligen Hundes beziehen könnte, ist nicht der einzige Grund, warum ich auf die Nennung konkreter Methoden und einzelner Handlungsabläufe verzichte. Denn immerhin handelt es sich dabei um nicht weniger als mein Know-how, das ich mir über viele Jahre Praxis angeeignet und deren theoretische Grundlagen mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode der Falsifikation habe bestätigen lassen. Und mit diesem Know-how bestreite ich meinen Unterhalt.
Aber daraus resultieren noch zwei weitere Gründe, sie mich davon Abstand nehmen lassen, konkrete Handlungsanweisungen zu publizieren.
Ich erinnere mich an eine passende Geschichte dazu, die mir mein Vater einmal erzählte. Er hatte viele Jahre in einem Luftfahrtunternehmen gearbeitet, das als Zulieferer an namhafte Flugzeugbauer Ausrüstungsteile lieferte. Solche Unternehmen, die der Zulassung durch eine Luftsicherheitsbehörde bedürfen, müssen ein spezielles Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben, im Rahmen dessen sie den Nachweis erbringen müssen, dass ihre Produkte stets und ständig eine hohe Qualität in Form der sogenannten Lufttüchtigkeit aufweisen. Dazu betreibe man auch einen enormen administrativen Aufwand in Form des Dokumentierens und Beschreibens des gesamten Managementprozesses. Beispielsweise gebe es für jeden einzelnen Herstellungsschritt eines Produktes detaillierte Verfahrens- oder Handlungsanweisungen einschließlich Prüfkriterien mit sehr genauen Beschreibungen aller wesentlichen Handgriffe. Mit anderen Worten: Es gibt nichts, was nicht beschrieben ist. Der Laie könnte nun vermuten, die Kenntnis solcher Dokumente sollte doch wohl genügen, um ein solches Produkt qualitätsgerecht herstellen zu können.
Aber weit gefehlt. Als dieser Unternehmensbereich an einen amerikanischen Wettbewerber verkauft wurde und ihm alle Maschinen, Werkzeuge und sonstige Produktionsmittel sowie alle Dokumente einschließlich dieser Verfahrens- und Handlungsanweisungen ausgehändigt wurden, sah man sich trotzdem gezwungen, die Mitarbeiter des neuen Herstellers in einem mehrmonatigen Schulungsprozedere fit zu machen. Aber selbst das genügte noch nicht. Man benötigte anschließend immer noch relativ viel Zeit, bis die Produktion am neuen Standort mit den neuen Mitarbeitern einigermaßen störungsfrei und qualitätsgerecht ins Laufen kam.
Was ist der Grund dafür?
Die Antwort lautet schlicht und ergreifend: Dem neuen Unternehmen fehlte etwas, was man weder kaufen, erklären noch erfragen kann. Nämlich das Wichtigste und auch Wertvollste an einem Know-how: Die Erfahrung, oder auch Empirie genannt. Sie ist sowohl ein hoch komplexer und fortlaufender Prozess als auch das Ergebnis der kognitiven Verarbeitung subjektiv wahrgenommener Erlebnisse eines jeden Mitarbeiters, indem diese Erlebnisse mit bereits abgespeicherten Kenntnissen und Erfahrungen in ihren Gehirnen abgeglichen, verknüpft und in veränderter Form erneut abgespeichert werden. Dazu zählen insbesondere auch die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die im sogenannten impliziten Teil des Gedächtnisses der Menschen “abgelegt” und deshalb dem Bewusstsein unzugänglich und somit auch nicht reflektierbar oder erklärbar sind. Allerdings können und werden diese durch das Unterbewusstsein ständig genutzt und offenbaren sich manchmal in Form von verblüffenden Reaktionen und Verhaltensweisen ihrer „Besitzer“, die nicht selten zur eigenen Verwunderung Anlass geben: “Nanu, wie hab‘ ich denn das hinbekommen?“ Aber es gehören auch die vielen unbewusst abgespeicherten – weil erfolgreichen – Verhaltensweisen und Reaktionen in den unterschiedlichsten erlebten Situationen und Entscheidungsmomenten dazu, die erst den gesamten Prozess eines erfolgreich handelnden Unternehmens ermöglichen; die jedoch nie und nimmer beschrieben werden könnten. Mit anderen Worten: Dieser Teil des Know-how kann nur durch eigenes Erleben und eigene erfolgreiche Praxis einschließlich der erlebten Rückschläge der neuen Mitarbeiter selbst im wahrsten Sinne des Wortes „erlernt“ und „erlebt“ werden.
Und adäquat verhält es sich mit dem unmöglichen Versuch, eine Trainingsmethode zur Erziehung oder Sozialisierung bzw. Resozialisierung von verhaltensauffälligen Hunden, die auf viele Jahre persönlich gemachten Erfahrungen basiert, in ihren komplexen Beurteilungs-, Entscheidungs- und Handlungssequenzen beschreiben zu wollen; selbst wenn man wollte.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich in den Anfängen meiner Trainertätigkeit so manches Mal frustriert war über das unbefriedigende Ergebnis meiner Arbeit. Und daran war nicht nur das falsche mir vermittelte Fachwissen Schuld, das heute bedauerlicherweise bei der Ausbildung angehender HundetrainerInnen immer noch zur Anwendung kommt, verbrämt unter dem Deckmantel des „modernen Hundetrainings“, und das ich in meinen Beiträgen ständig versuche, in seiner Falschheit zu entlarven. Nein, die Ursache lag vorwiegend in der mir noch fehlenden Erfahrung.
Denn sie wiegt im hiesigen Kontext umso schwerer, da wir es bei einem verhaltensauffälligen Hund mit einem sogenannten autopoietischen System zu tun haben (wie ich es in meinem letzten Buch auch ausführlich erläutert habe). Das heißt, alle Reaktionen eines Hundes auf die auf ihn einwirkenden Umwelteinflüsse – und damit auch auf jedes Detail im Rahmen seines Erziehungs- oder Sozialisierungsversuches – sind das Ergebnis seiner subjektiven Verarbeitung dieser Einflüsse; und somit kaum oder gar nicht berechenbar wie beispielsweise bei einer Maschine. Quasi reagiert jeder Hund anders auf einzelne Elemente des Trainings. Und dabei haben oftmals kleinste Nuancen sowohl in seinen Wahrnehmungen als auch im Verhalten und Reagieren des Trainers Einfluss auf das Ergebnis. Und diese sind eben kaum oder gar nicht reflektierbar, sondern nur durch die im Unterbewusstsein ablaufenden Prozesse in ihrem Erfolg begründbar.
Und nun nehmen wir einmal an, ich würde mich trotzdem dazu entschließen, eine Art Handlungsanweisung oder Algorithmus zur Sozialisierung oder Erziehung verhaltensauffälliger Hunde – unter Berücksichtigung all ihrer möglichen Facetten – zu veröffentlichen, so dies überhaupt im Rahmen des Möglichen läge. Aber nehmen wir die Machbarkeit trotzdem einmal an. Und nehmen wir jetzt außerdem an, jemand würde versuchen, diesen Algorithmus nachzumachen und würde scheitern. Denn die Wahrscheinlichkeit für Letzteres sollte man aus den oben beschriebenen Gründen nicht unterschätzen.
Mit welchen Reaktionen im anonymen Netz wäre ich dann wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit konfrontiert? Ich glaube kaum, dass ich dann auf die Loyalität der Gescheiterten bauen könnte, indem er oder sie selbstkritisch zur Einschätzung kämen, dass die Methode sicherlich erfolgversprechend sei, jedoch eine Handlungsanweisung allein offensichtlich keine Erfolgsgarantie begründe, weil die eigenen Unzulänglichkeiten und vor allem die eigene Unerfahrenheit dem Erfolg im Wege stünden.
Nein, ich glaube eher, dass ich mich dann seitens solcher Damen, die mir und meinen LeserInnen schon jetzt – unter Ausnutzung der ihnen offensichtlich viel Mut verleihenden Anonymität des Netzes – Äußerungen zumuten, die an Beleidigungen grenzen, erst recht ihrer Häme ausgesetzt sähe. Die Herrschaften, die jetzt schon mit solchen Einschätzungen wie „das sei doch totaler Schwachsinn“ daherkommen, ohne auch nur ein einziges sachliches Gegenargument zu bringen, würden dann sicherlich süffisant genüsslich dieses Forum nutzen, um das Scheitern meiner Trainingsmethode zu verkünden. Und das Ganze, ohne sich in der Pflicht zu sehen, ein einziges fachlich begründetes und falsifiziertes Gegenargument vorbringen zu müssen.
Warum sollte ich meinen LeserInnen und mir so etwas antun?
Vielmehr ist mein Ziel auch weiterhin, meine Trainingsmethode und ihre theoretischen Grundlagen hinsichtlich ihrer fachlichen Begründetheit durch möglichst viele Argumente – auch durch Beweisführungen mithilfe angrenzender Fachgebiete wie der Anthropologie und den Neuro- oder Kognitionswissenschaften – zu erklären und verständlich zu machen. Im Ergebnis dessen möchte ich, dass die LeserInnen auf der Grundlage dieser theoretischen Erläuterungen und Beweisführungen sich in die Lage versetzt sehen, selbst einschätzen zu können, ob sie meiner Trainingsmethode vertrauen können und mich kontaktieren sollten, wenn es darum geht, ihre Vierbeiner von ihren “Macken” zu befreien. Denn das Training selbst bleibt meine Passion.
Und ich werde auch weiterhin den vielen enttäuschten HundehalterInnen eine Stimme geben, die oftmals schon mehrere gescheiterte Hundeschulbesuche hinter sich haben, weil an ihren Vierbeinern mit Methoden herumgedoktert wird, die zur Erziehung eines Hundes faktisch ungeeignet sind. Und in diesem Zusammenhang werde ich auch weiterhin immer wieder erklären, warum Methoden, die zur Ausbildung eines Hundes durchaus geeignet sind, auch trotz sehr verlockender Umschreibungen wie „positive Bestärkung“ o.ä. verführerischer Umschreibungen der Konditionierung, beim Versuch der Erziehung oder Sozialisierung bzw. Resozialisierung eines verhaltensauffälligen Hundes zum Scheitern verurteilt sind.
Also bleiben Sie bitte weiterhin neugierig und kritisch. Und versuchen Sie nicht, ein Flugzeug über den Ärmelkanal zu steuern, ohne eine gültige Fluglizenz ihr Eigen zu nennen.
Ihr Sascha Bartz
72. IN EIGENER SACHE
oder
Warum schreibe ich meine Fachartikel?
Die Reaktionen einer Frau Anja Schm. und einiger anderer auf meinen letzten Artikel veranlassen mich, nun doch noch einmal etwas Grundsätzliches anzumerken zu meinen hier in lockerer Abfolge veröffentlichten Fachartikeln und der damit verfolgten Absichten. Auch wenn ich dies schon einige Male getan habe; aber offensichtlich muss man es hin und wieder erneuern, da die Reaktionen zeigen, dass es nicht offensichtlich ist, um welches Stadium der Verhaltensauffälligkeit es sich bei den Hunden handelt, zu deren „Therapie“ ich in meinen Beiträgen etwas sagen will (ich schreibe “Therapie” deshalb in Anführungszeichen, weil sie laut Definition ein Krankheitsbild voraussetzt, was in meinen beschriebenen Fällen aber nur sehr selten der Fall ist und deshalb stellvertretend für eine Form der Resozialisierung steht).
Ich werde seit vielen Jahren entweder von den HundehalterInnen selbst oder hin und wieder auch von TierärztInnen hinzugezogen, wenn es um scheinbar nicht mehr „therapierbare“ Fälle extrem verhaltensauffälliger Hunde und deren möglicher Sozialisierung oder Resozialisierung geht und die Entscheidung über ihre weitere Zukunft ansteht. Exemplarisch könnte ich den 70kg Rottweiler nennen, bei dem, wie man lachserweise oftmals formuliert, „nur noch das Weiße in den Augen zu sehen ist“, und den der Halter oder die Halterin selbst nicht mehr wagt, aus dem Zwinger zu holen. Es handelt sich um Tiere, bei denen sich die Verhaltensauffälligkeit durch ihr ständig “von Erfolg belohntes Verhalten” bereits derart manifestiert hat, dass sich oftmals niemand mehr an sie heranwagt oder nicht mehr in Eigenregie gehändelt oder gebändigt werden können. Nicht selten steht als Mindestentscheidung an, den Hund abzugeben. Es sind aber bedauerlicherweise auch Fälle darunter, bei denen es zu sehr ernsthaften Attacken des Hundes gegenüber Kindern gekommen ist und das Einschläfern des Tieres zur Entscheidung ansteht. Es handelt sich also um Hunde, die durch ihr Verhalten potentiell die Amtstierärztin auf den Plan rufen.
Mit anderen Worten: Ich spreche in meinen Beiträgen nicht typischerweise von der Erziehung eines „harmlosen“ Labradors, der lästigerweise an der Leine zerrt und Frauchen damit nervt, nicht auf ihre Kommandos zu hören. Sondern ich spreche überwiegend von den Fällen, deren Sozialisierung im Vorfeld allgemein nicht mehr oder kaum noch als realistisch bewertet wurden.
Hinzu kommt, dass insbesondere in den letzten Jahren die Anzahl derjenigen HundehalterInnen, die mich rufen, deutlich zugenommen hat, die zuvor bereits mehrmals erfolglos eine Hundeschule um Hilfe gebeten hatten. Das heißt, frappierend auffallend ist, dass die Erziehung, Sozialisierung oder Resozialisierung von vielen Hundeschulen offensichtlich nicht beherrscht werden.
Da ich mir in solchen Fällen die von den Hundeschulen angewendeten Mittel und Methoden schildern und beschreiben lasse, fiel mir auf, dass dabei ausschließlich solche der Ausbildung zur Anwendung gekommen sind, wozu unter anderem das Belohnen, positive Bestärken, Klickern usw. gehören. So dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Verhaltensauffälligkeiten der Hunde wahrscheinlich durch die TrainerInnen gar nicht als Erziehungssachverhalt diagnostiziert werden. So unglaublich es auch klingen mag, aber zu einem anderen Schluss kann man vernünftigerweise nicht kommen, wenn man weiß, dass die beschriebenen Methoden ausschließlich geeignet sind, eine Konditionierung zu bewirken.
Um eine nachhaltige Erziehung bzw. Sozialisierung eines Hundes zu erreichen, bedarf es aber zwingend einer Erziehungsmethode und keiner Methode der Konditionierung, zu der alle Ausbildungsmethoden zu rechnen sind. Den Unterschied und eine ausführliche Begründung habe ich in meinem Buch DIE ERZIEHUNG VERHALTENSAUFFÄLLIGER HUNDE UND DIE GRÜNDE IHRES SCHEITERNS beschrieben.
Und so kam es dazu, dass mich Kundinnen ermutigt haben, meine Erfahrungen und mein Wissen doch im Netz der sozialen Medien kundzutun und zur Diskussion zu stellen.
Dabei war mir natürlich bewusst, dass ich damit wahrscheinlich gegen den Zeitgeist des angeblich „modernen“ Hundetrainings (was dies auch immer bedeuten mag) verstoße, der momentan sehr geschickt für sich die allgemeine Stimmung gegen Tierquälerei, Tierversuche und das Klischee jugoslawischer Tierheime ausnutzt. Wie diese Stimmung präsent ist, wird an solchen Reaktionen von Leserinnen deutlich, wenn sie mir unterstellen, ich würde der Gewalt gegenüber Hunden das Wort reden. Abgesehen davon, dass ich das in meinen Beiträgen überhaupt nicht tue – und wenn, dann spreche ich von Korrektur oder Bestrafung, die ich aber eindeutig definiert habe und die mit der assoziierten Gewalt, wie die junge Frau es offensichtlich hineininterpretiert, gar nichts zu tun hat (also bitte verstehendes Lesen anwenden und nicht hineininterpretieren). Allerdings erfüllt natürlich Bestrafung schon laut Definition das Kriterium der Gewalt. Das ist auch das, was die Hundeeltern gegenüber ihren Welpen als Erziehungsmittel anwenden. Ich bitte aber in diesem Zusammenhang auch einmal in Erwägung zu ziehen, ob nicht das Verhalten des Halters, den Hund nicht zu erziehen (ansonsten würde der Hund sich ja nicht so verhalten wie er sich verhält) und dadurch ständig in Konflikte zu bringen, nicht eher das Kriterium der Gewalt (zumindest psychisch) erfüllt.
Ein Hund, dem sprichwörtlich „das Weiße im Auge steht“ und ein vierjähriges Mädchen in den Kopf gebissen hat, kann nicht mehr mit Leckerli und positiver Bestärkung oder sonstigem wohlfeilklingenden Firlefanz von seinen Aggressionen befreit werden. Das ist absoluter und grobfahrlässiger Unfug. Bei den Hunden, von denen ich in meinen Beiträgen rede, ist der Verhaltensgrund bereits derart manifestiert, dass er unmöglich durch eine Gegenkonditionierung korrigiert geschweige denn beseitigt werden könnte. Und da eine Sozialisierung oder Resozialisierung nur über die Beseitigung des Verhaltensgrundes des Tieres erreichbar ist, der immer und grundsätzlich auf seinem Sicherheitsbedürfnis basiert, ist jeglicher Konditionierungsversuch mittels ablenkender Maßnahmen, wie es alle Formen der Belohnung sind, ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Verschärfend hinzu kommt, dass solche Konditionierungs- oder Ablenkungsversuche und deren scheinbaren Erfolge ein nicht zu überschätzendes Risiko darstellen, indem eine scheinbare Verhaltensänderung nur vorgetäuscht wird, der tatsächliche Verhaltensgrund aber nicht beseitigt wurde, und das aggressive Verhalten sich in Konfliktsituationen wieder Bahn bricht. Das heißt, hier wird eine Zeitbombe produziert. Einem solchen Hund muss zwingend und energisch der Entscheidungsspielraum eingeschränkt werden. Da geht es nicht mehr darum, ihm eine “Handlungsalternative anzubieten” (wie die Verfechter der falschen „modernen“ Hundeerziehung zu gerne formulieren), sondern ihm sehr deutlich zu zeigen und zu demonstrieren, wo seine Grenzen sind. Letzteres gilt insbesondere hinsichtlich eines absoluten No-Go bezüglich seines aggressiven Verhaltens gegenüber Kindern. Und diesbezüglich bin ich mir auch des Rückhalts der Amtstierärztin sicher.
Der jungen Frau, die sich als Reaktion auf meine Beiträge mit Äußerungen wie, das sei Schwachsinn, was ich schreibe, zu Wort meldete, würde ich einmal raten, an einer Gerichtsverhandlung teilzunehmen, bei der sich ein Hundehalter wegen eines Überfalls seines Hundes auf ein kleines Kind zu verantworten hat. Dann würde ich gerne ihren „Mut“ bewundern wollen, wenn sie gegenüber der jungen Familie, die mit im Gerichtssaal sitzt, deren Liebstes in ihrem Leben unvorstellbares Leid angetan wurde, argumentieren wollte, dass eine autoritäre Erziehung eines Hundes (und für nichts anderes plädiere ich in meinen Beiträgen) für sie nicht infrage käme.
In die gleiche Kerbe hauen bedauerlicherweise auch solche unüberlegten Äußerungen eines Geschäftsführers des VDH, wenn er unkommentiert und ohne Relativierung Äußerungen macht wie: „Einem Hund alles zu verbieten, finde ich nicht mehr artgerecht. Hunde müssen ihr normales Verhalten ausleben dürfen.“ Solche Äußerungen müssen, wenn sie schon offensichtlich zur Befriedigung des Zeitgeistes gemacht werden, um Anerkennung zu erhaschen, zumindest relativiert werden. Ohne zu differenzieren und damit in Kauf zu nehmen, dass der Zuhörer auch einen per Gesetz als gefährlich oder potentiell gefährlichen Hund wie Bullterrier und Co. gedanklich mit einschließt, „sein normales Verhalten ausleben“ zu lassen, halte ich für grob fahrlässig, auch wenn mir bewusst ist, dass kein Bullterrier von Geburt an gefährlich ist.
Ich halte der zuvor erwähnten jungen Frau und allen anderen meiner Kritiker zugute, dass sie wahrscheinlich nicht, oder nicht mehr wussten, über welche Hunde und ihre Resozialisierung ich in meinen Beiträgen eigentlich spreche.
Aber zurück zu meinen Beiträgen und der von mir verfolgten Absicht:
Nachdem ich mich habe von meinen KundInnen überzeugen lassen, mein Wissen und meine Erfahrungen zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen, galt es noch einen entsprechenden Rahmen zu finden, um das Lesen auch ein wenig interessant und vielleicht sogar etwas witzig zu gestalten. Dazu folge ich den Empfehlungen eines Kommunikationsexperten und versuche, das trockene Fachwissen immer möglichst in eine assoziative Rahmengeschichte einzubetten. Dass dabei manchmal – wie eine Leserin zuletzt so trefflich formuliert hat – „der Gaul mit mir durchgeht“ und ich es mit der Assoziation hier und da übertreibe (Einsteins Relativitätstheorie), passiert dabei sicherlich. Man möge mir verzeihen.
Und wenn der Eindruck entsteht, dass ich ALLE anderen Hundetrainer – wie Frau Anny A. sinngemäß in einer Kritik äußert – für unfähig halte, nur mich nicht, ist das wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass ich in meinen Beiträgen ausschließlich Fälle derjenigen HundehalterInnen verarbeite, die halt an eine(n) Hundetrainer(in) geraten sind, die ihren Job nicht gut beherrschen. Ich habe aber andererseits immer wieder betont, dass ich viele gute und kompetente HundetrainerInnen kenne, die einen tollen Job erledigen und unserer Branche alle Ehre machen.
Noch eine Bemerkung zum Zweck meiner Beiträge: Unter anderem versuche ich, ungeeignete Erziehungsmethoden zu entlarven, die zur Beseitigung von extremen Verhaltensauffälligkeiten eines Hundes ungeeignet und zum Scheitern verurteilt sind und meine Erkenntnisse und Erfahrungen zur Diskussion zu stellen. Das heißt, ich rechne auch damit, dass ich nicht ausschließlich auf uneingeschränkte Zustimmung stoße, wie ich es allein schon aus der Tatsache akzeptieren und erwarten muss, dass ich gegen den zuvor erwähnten Zeitgeist verstoße. Aber ich kann nicht akzeptieren, wenn meine Darstellungen ausschließlich pauschal und teilweise in beleidigender Form in Bausch und Bogen abgelehnt werden, ohne auch nur den Versuch einer Gegenargumentation zu unternehmen. Nicht ein einziger der ablehnenden Kommentare enthält bisher ein einziges vernünftiges Gegenargument. Warum nicht, wenn meine Darstellungen doch so falsch sein sollen? Ich würde mich über jede sachlich geführte Diskussion freuen und wäre der Letzte, der sich nicht korrigiert. Aber dann bitte in Form sachlicher und fachlich belegbarer Argumente. Behauptungen, ohne sie argumentativ zu belegen, nützen ausschließlich dem Ego des Kritisierenden.
Und noch eine allerletzte Bemerkung sei mir gestattet: Es wurde mir auch vorgeworfen, dass ich die Theorie der Hundeerziehung in meinen Beiträgen, ebenso wie in meinem Buch, zwar ausführlich erläutere, aber konkrete Handlungsanweisungen, wie diese umzusetzen sei, nicht darstelle und dafür nur Kohle haben wolle. Dazu gebe ich zu bedenken, dass es mir in meinen Beiträgen um den konkreten Erziehungsablauf auch gar nicht gehen kann, da es sich dabei doch wohl verständlicherweise um mein Know-how handelt. Ich würde quasi das Ziel meiner Gewerbeanmeldung ad absurdum führen. Und mir vorzuwerfen, ich wolle mit meinem Beruf Geld verdienen, ist schon etwas befremdlich. Dann müsste man auch dem Bäcker vorwerfen, seine Brötchen zu verkaufen, nur um seine Familie zu ernähren. Der Zweck der Veröffentlichung meiner Beiträge besteht vielmehr darin (neben dem, was ich bereits beschrieben habe), meinen LeserInnen und potentiellen KundInnen Hintergrundinformationen zu meinen theoretischen Ansätzen der Hundeerziehung zu vermitteln, so dass sie auf dieser Grundlage selbst entscheiden können, ob es Sinn macht, zum Zwecke der Erziehung ihrer verhaltensauffälligen Hunde zu mir Kontakt aufzunehmen.

