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55. DIE SACHE MIT DER BEZIEHUNG

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oder
Warum läuft der Hund uns hinterher?

Eine Kundin berichtete mir von Ihrer argen Enttäuschung nach einem erfolglosen Versuch, ihren vierbeinigen Liebling in einer Hundeschule von seinen Aggressionen befreien zu lassen und der abschließend resignierenden Bemerkung der Hundetrainerin, mit der diese sie verabschiedete: Sie solle ihrem Hund gegenüber viel Geduld aufbringen und den Mut nicht verlieren. Vielleicht helfe die Intensivierung ihrer Beziehung durch viel Zuwendung, Beschäftigung, Lob und Anerkennung.

Abgesehen davon, dass wir den Hund relativ schnell von seinen Ängsten haben befreien können – denn das ist kein Hexenwerk – und er quasi noch am selben Tag völlig entspannt an Frauchens Seite lief, ist es natürlich für eine Hundeschule kein Ruhmesblatt, dieser Dame mit ihrem Hund, der nur von seiner ihm übertragenen Verantwortung entbunden werden musste, nicht helfen zu können.

Den wesentlichen Grund sehe ich im Unvermögen solcher Hundeschulen, den Grund für des Hundes Aggressionen überhaupt zu erkennen, geschweige denn das „Problem“ als ein Erziehungsproblem und nicht als Ausbildungsproblem zu identifizieren. Und wenn schon die Diagnose schief geht, wie soll dann erst die Therapie gelingen?

Überhaupt habe ich den Eindruck, dass das Thema Aggressionen für viele Hundeschulen immer noch ein Buch mit sieben Siegeln zu sein scheint. Dabei ist es tatsächlich eines der am besten untersuchten und auch in einer Reihe von Dissertationsarbeiten gut dokumentierten Probleme; denn neben nur sehr seltenen pathologisch begründeten Fällen ist jede Aggression – mit einer einzigen Ausnahme, die im Alltag der Hundeerziehung aber kaum eine Rolle spielt – in der Selbstverteidigung des Hundes begründet. Also bräuchte eine Trainerin doch nur eruieren, worin des Hundes Verteidigungsstreben begründet liegt. Eine gut ausgebildete Hundetrainerin sollte dies relativ schnell erkennen.

Aber der eigentliche Grund für den hiesigen Beitrag findet sich in dem Begriff Beziehung – oder manchmal auch als Bindung beschrieben.

Ich komme auch aufgrund eines Kommentars zu einem meiner letzten Beiträge darauf zu sprechen, in dem die Kommentatorin schrieb:

„Ein Hund lässt sich ohne Beziehung wohl einschüchtern, aber nicht erziehen … Das setzt einen sozialen Austausch voraus, ansonsten ist es wertlos, wie …“ (den Rest, der leider wie so oft recht vulgär ausfällt, lasse ich mal weg – der Autor).

Aussagen wie diese zeugen von einer Unkenntnis der theoretischen Zusammenhänge, in diesem Fall derer der Beziehung bzw. Bindung zwischen Mensch und Hund und ihren Auslösern. Es ist schlichtweg falsch und auch durch die Ethologie ausreichend widerlegt, dass das Entstehen einer engen Bindung zwischen Mensch und Hund ein mehr oder weniger langwieriger Prozess sei, der viel Zuwendungen, Beschäftigung usw. bedürfe.

Im Gegenteil.

Ich bin auf dieses Thema auch ausführlich in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen.

Daraus ergibt sich nämlich eine interessante Fragestellung im Kontext der Hundeerziehung:

Ist es für den Erfolg einer Erziehung von Bedeutung, wie intensiv die Beziehung oder Bindungzwischen Mensch und Hund ist?

Meine Antwort lautet Nein.

Denn die Erziehung eines Hundes ist sogar während der ersten Begegnung zwischen Mensch und Hund möglich und sogar sinnvoll. Wenn nicht, hätte kein Hundetrainer dieser Welt die Chance, einen Hund zu erziehen. Ich könnte quasi meinen Job aufgeben. Zumindest spielt die Intensität einer Beziehung für die Erziehung keine solche Rolle wie viele Veröffentlichungen im Netz es den Laien glauben machen wollen.

Ich lese immer wieder – auch in Darstellungen von Hundeschulen oder HundetrainerInnen – wie wichtig es sei, dass Frauchen oder Herrchen zunächst eine enge und intensive Bindung zum Hund aufbauen, und dass ohne eine solche, eine erfolgreiche Erziehung des Hundes kaum möglich sei; und was sie für eine solche Beziehung alles tun können. Die Liste ist lang. Obenan stehen natürlich solche Empfehlungen wie viel Beschäftigung mit dem Hund, viel Lob und Anerkennung und auf keinen Fall Bestrafung, um das Vertrauen nicht zu zerstören usw. usw.

Solche und viele andere Irrtümer sind in erster Linie begründet im Anthropomorphismus – also der Vermenschlichung des Hundes, insbesondere seiner Bedürfnisse – der wiederum seine Ursache hat in der kognitiv begründeten Neigung des Menschen, das vermeintlich komplex begründete Verhalten eines Caniden auf vereinfachende – aber eben leider falsche – Art verstehen zu wollen? Vielleicht steckt dahinter aber auch die Absicht, vertuschen zu wollen, warum man nicht sofort zum Erfolg gelangt oder warum Frauchen eine Zehnerkarte, am besten sogar eine Jahreskarte, kaufen soll.

Zum besseren Verständnis ist es sinnvoll, sich die Genese einer Bindung des Hundes zu einem Menschen vor Augen zu führen. Am besten anhand der Domestikation:

Ganz einig ist sich die Forschung zwar noch nicht, aber mindestens 30.000 Jahre soll es her sein, als es die ersten mutigen Wölfe in die Nähe des Menschen zog. Warum? Sie konnten daraus einen Überlebensvorteil generieren. Ebenso die Menschen. Beide konnten durch diese Art der Symbiose ihre Grundbedürfnisse auf gegenseitig vorteilhafte Weise befriedigen. Und das war der Startschuss einer evolutionsbiologischen Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Kein anderes Tier hat derart erfolgreich die Nähe zum Menschen gesucht und gefunden und daraus einen derartigen Vorteil im Überlebenskampf gezogen.

Und genau darin findet sich auch die sehr ernüchternde Begründung, warum es nicht viel braucht, damit Bello und Co. nicht nur eine sehr enge Bindung zu Frauchen oder Herrchen entwickeln, sondern das Ganze auch sehr schnell passiert. Es bedarf nämlich lediglich der Befriedigung mindestens eines ihrer Grundbedürfnisse durch den Menschen.

Dieser Schritt – und oftmals auch der einzige – ist nämlich schon getan, wenn der Mensch des Hundes Bedürfnis nach Gewährleistung seines Stoffwechsels – sprich Nahrung – befriedigt. Die Bedeutung dessen stellt alle anderen in den Schatten. Es gibt Fälle, in denen dem Hund nur regelmäßig und in zuverlässiger Gleichmäßigkeit Nahrung geboten wurde, aber ansonsten weder Zuwendung, Beschäftigung oder sonstige Liebesbeweise; im Gegenteil, oftmals nur Prügel und Strafe. Trotzdem trachtete dieser Hund nicht danach abzuhauen. Allein die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses motiviert den Hund dazu, sogar eine Beschützerrolle gegenüber dem Menschen einzunehmen. Dieses Verhalten begründet wahrscheinlich auch das Tolerieren des Wolfes Anwesenheit durch den Menschen in seiner Nähe zu Beginn der Domestikation. Der Wolf half ihm wahrscheinlich nicht nur bei der Jagd, sondern hielt ihm auch allerhand unliebsame Gesellen vom Hals.

Die nächste Stufe der Beziehung – oder wenn man so will, nächste Qualität – ist erreicht, sowie der Mensch auch das zweitwichtigste Grundbedürfnis des Hundes befriedigt, nämlich das nach Sicherheit.

Allerdings muss man deren Bedeutung differenziert bewerten zwischen einem Hund, dessen Zuchthistorie darin begründet ist, Veranlagungen wie das Hüten und Beschützen zu entwickeln oder einem Hund, dem im Rahmen der Zuchtlinie diese Veranlagungen nicht ins Genom „geschrieben“ wurden. Für letzteren hat die Gewährleistung seines Schutzbedürfnisses durch den Menschen eine herausragende Bedeutung und stellt für ihn das Schlüsselerlebnis dar für sein Wohlbefinden und damit für sein Bindungsgefühl. Darin ist auch begründet, warum die Erziehung eines Hundes bereits während der ersten Begegnung zwischen Hund und Frauchen möglich ist. Denn beides ist identisch: Die Erziehungund die Gewährleistung der Sicherheit bzw. die Entbindung von der Verantwortung für die Sicherheit.

Für den „Hüte- und Schutzhund“ ist es in diesem Zusammenhang von Bedeutung, ob ihm gleichzeitig auch der entsprechende Entscheidungsspielraum zugestanden wird, wenn er hüten und beschützen soll. Ein Hund, dessen Veranlagungen dazu geeignet sind, Haus, Hof, Kind und Kegel zu beschützen, fühlt sich durchaus wohl und baut zum Menschen eine sehr intensive Beziehung auf, wenn man ihn diesen Job auch machen lässt.

Ich habe den Mut zu behaupten, dass damit gleichsam die höchste Qualitätsstufe in der Beziehungoder Bindung zwischen Mensch und Hund erreicht ist und keiner Steigerung bedarf. Auch nicht mit allerhand Liebesbeweisen, Beschäftigungsorgien oder sonstigem Firlefanz.

Allerdings heißt das nicht, dass das Beschäftigen mit dem Hund oder sonstige Zuwendungen überflüssig wären. Im Gegenteil, sie dienen unzweifelhaft dem Wohlbefinden des Hundes. Insbesondere wenn, wie bei vielen Hunden, ihnen ein besonders ausgeprägtes Bewegungsstreben ins Genom geschrieben wurde, gewehrleisten und steigern Aktivitäten ihre mentale Ausgeglichenheit. In solchen Fällen kann Frauchen natürlich nichts Besseres tun, als mit ihrem Liebling ununterbrochen Frisbeescheiben- oder Stöckchen-Wiederholen spielen. Beispielsweise kann man einem Siberian Husky keine größere Freude bereiten, als sich von ihm auf einem vollgepackten Schlitten, der das Mehrfache seines Körpergewichts beträgt, quer durch Sibirien zerren zu lassen. Aber es ändert oder verbessert nicht wesentlich die Beziehung des Hundes zum Menschen. Zumindest nicht in dem Maße, dass diese – wie behauptet – die ultimative Voraussetzung für den Erfolg der Erziehung wäre. Auf deren Qualität hat nur der Grad der Befriedigung der hündischen Grundbedürfnisse Einfluss.

Und wenn der Mensch die beiden Grundbedürfnisse nach Nahrung und Sicherheit gewährleistet, wozu auch gehört, dass er dem Hund stets ein zuverlässig berechenbarer Partner ist, an dem er sich sicher orientieren kann, wird der Hund eine Bindung entwickeln, die u.U. bis zu seiner Selbstopferung reicht.

Insofern wird aus dem Gegenteil des oben Behaupteten ein “Schuh”: Erst durch eine erfolgreiche Erziehung entsteht eine enge Beziehung bzw. Bindung. Denn im Rahmen der Erziehung – wie ich es bereits in vielen Beiträgen erläutert habe – erfolgt (außer bei Wach- und Schutzhunden)die Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung und dadurch von allerlei Ängsten, in vielen Fällen sogar von purem Stress. Erst das erlaubt es ihm, zu Frauchen ein uneingeschränktes Vertrauen aufzubauen. Und Vertrauen und Bindung sind Substitutive.

Wie einfach und schnell die Genese einer engen Bindung zwischen Hund und Mensch vonstattengeht, beweist das Leben:

Mir wurde kürzlich erzählt von Praktiken in der Polizeihundeausbildung, bei denen auf sehr einfache und effiziente Art bereits die kleinen Welpen motiviert werden, ihren Herrchen bedingungslos zu folgen und ihnen zu vertrauen. Der „Trick“ besteht darin, ihnen das zweitwichtigste Grundbedürfnis auf einprägsame Weise zu befriedigen:

Man stellt den kleinen Vierbeiner auf eine wacklige und rutschige Unterlage, auf der er sich sehr unsicher fühlt. Dann nimmt das künftige Herrchen diesen kleinen „Angsthasen“ in die Arme und bietet ihm Sicherheit. Mehr braucht es nicht!

Ähnliches praktiziere ich in meinen Therapien, indem ich den Delinquenten von seinen Ängsten befreie. Dazu muss Frauchen ihm unter meiner Anleitung nur demonstrieren, dass sie ihren aggressiven, zerrenden oder kläffenden „Helden“ mit sofortiger Wirkung von seiner ihm bisher übertragenen Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die für Frauchen oder irgendeine Ressource entbindet.

Jedenfalls bedarf es dazu keiner vorherigen großartigen Beziehungsentwicklung. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Hund zu Ihnen eine ausreichend intensive Beziehung oder Bindung entwickelt hat, sowie Sie Ihm seine wichtigsten Grundbedürfnisse befriedigen. Denn das liegt bereits in seinem Genom verankert und wurde durch über 30.000 Jahre Domestikation und Zuchthistorie derart manifestiert, dass es keiner zeitraubenden Zuwendungen oder sonstiger Liebesbeweise bedarf.

Und damit sei gesagt, dass eine angeblich eingeschränkte Erziehungsmöglichkeit in einer mangelhaften Beziehung oder Bindung begründet sei, die Erfindung oder das Resultat des Anthropomorphismus ist.

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54. WELCHER HUND MUSS ERZOGEN WERDEN?

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oder
Dialog mit meinem Urgroßvater

Aus Erzählungen meines Opas weiß ich, dass sein Vater – also mein Urgroßvater – wie er selbst, auf seinem Hof stets mehrere verschiedenrassige Hunde gehalten hatte. Dabei kam jedem von ihnen eine bestimmte Rolle oder Aufgabe zu:

Zur Bewachung von Haus und Hof patroullierte ein Hovawart übers Gelände, der – wie schon sein Name aus dem Mittelhochdeutschen verrät: hova für Hof und wart für Wächter – ein perfekter Beschützer war. Und damit hinterher niemand auf die dumme Idee käme, sich zu beschweren, warnte an der Pforte ein kleines Schild mit der Aufschrift: „Vorsicht, bissiger Hund!“

Für das Behüten der Tiere auf der Weide bevorzugte man jedoch einen Schäferhund, der zu der Zeit noch eine sehr junge Rasse war aber genau für diese Aufgabe gezüchtet wurde.

Aber auf die Jagd – mein Urgroßvater war Forstmeister und passionierter Jäger – ging man mit einem Münsterländer, bei dem man im Rahmen seiner Zucht großen Wert auf diejenigen Veranlagungen legte und selektierte, die ihm für diesen „Job“ die perfekten Instinkte verlieh.

Und hätte ich meinen Urgroßvater fragen können, ob er denn seinen Münsterländer so ohne weiteres vom Züchter habe bekommen können, hätte er wahrscheinlich geantwortet:

– „Natürlich nicht. Ich musste dem Züchter versichern, dass ich ein sehr erfahrener Jäger bin und den Hund auch tatsächlich für diese Aufgabe benötige und nutzen werde.“

Meine Genugtuung hätte er mir sicherlich angesehen, denn heute, so scheint es, kann jeder ohne weiteres den Hund erwerben, den er gerade schick findet oder für sein eigenes Ego benötigt, egal ob er dessen Veranlagungen überhaupt nutzen oder seine Bedürfnisse entsprechend dieser Veranlagungen auch nur annähernd befriedigen kann, oder auch nicht. Die Beweise laufen quasi zuhauf auf der Straße:

Oma Hedwig lässt sich mit ihrem Rollator von einem Siberian Husky begleiten, die junge vierköpfige Großstadtfamilie teilt sich ihre kleine Plattenbauwohnung mit einem American Staffordshire Terrier oder eine Hausfrau geht regelmäßig mit einem Barsoi in Berlin über den Ku-damm spazieren.

Deshalb hätte ich meinem Urgroßvater zu gern noch ein paar weitere Fragen gestellt. Unter anderem, ob es zu seiner Zeit auch so viele Hundeschulen gegeben habe wie heute?

Seine Antwort wäre vermutlich – obwohl er ein sehr intelligenter und wortgewandter Herr gewesen sein soll – sehr zögerlich gekommen, weil er sie wahrscheinlich inhaltlich gar nicht verstanden hätte. Und sie wäre sicherlich als Gegenfrage ausgefallen:

– „Was ist denn das?“

Mit anderen Worten: Hundeschulen gab es nicht. Wozu auch?

Meine nächste sich daraus ergebende Frage wäre nämlich gewesen, ob und wie er denn seine Hunde erzogen habe? Vorausgesetzt er hätte auch diese Frage inhaltlich wirklich verstanden, könnte ich mir vorstellen, dass seine Antwort gelautet hätte:

– „Gar nicht. Meine Hunde haben doch genau das getan, wozu man sie auch gezüchtet hatte. Ich wollte ja nicht mit ihnen an einem Hunde-Treffen-Waldspaziergang teilnehmen. Warum sollte ich sie dann erziehen?“

Und da er ein sehr gebildeter Mann war, hätte er mich sicherlich darüber aufklären wollen, was denn eine Erziehung überhaupt sei; und damit den Gedanken an eine Hundeschule ad absurdum geführt:

– Der „Prozess der Veränderung im Dispositionsgefüge von Educanden (Schülern – der Autor)“.

Zugegeben, diese Definition hätte er so noch gar nicht kennen können, denn die hat erst viele Jahre später der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Brezinka formuliert; aber sinngemäß hätte er sich sicherlich so oder ähnlich geäußert. Das heißt also, wenn das Dispositionsgefüge eines Hundes in Gestalt seiner Veranlagungen, mit deren Ausleben er die Bedürfnisse des Menschen ebenso befriedigt wie seine eigenen, quasi wie eine Blaupause mit den zu befriedigenden Interessen des Menschen übereinstimmen, gibt es keinen Grund, an diesem Dispositionsgefüge durch Erziehung etwas ändern zu wollen.

Folglich ist die Erziehung eines Hundes erst dann relevant, wenn beides nicht übereinstimmt; wenn der Hund also aufgrund seiner angezüchteten Veranlagungen ein anderes natürliches Verhalten zur Befriedigung seiner Bedürfnisse an den Tag legt oder legen will, als es im Interesse von Frauchen oder Herrchen liegt.

Ein Beispiel: Frauchen „verliebt“ sich in einen Australian Shepherd und „überredet“ den Züchter zum Verkauf, ohne den Hund anschließend und sofort im Rahmen einer Erziehung von seiner Verantwortung, der er natürlicherweise gerecht werden will, zu entbinden. In diesem Falle natürlich unbewusst, denn sie hatte keine Ahnung, dass dieser Hund speziell als lauffreudiger Hütehund gezüchtet wurde, der also am liebsten Tiere oder Kinder hütet oder das Haus bewacht. Ihre Verzweiflung ist dann riesig, wenn ihr Liebling nicht macht, was er soll. Denn sie wollte eigentlich nur mit ihm spazieren gehen und gerne an Hundetreffen ihrer Freundinnen teilnehmen.

Da aber mein Urgroßvater seine Hunde mit ihren jeweiligen Veranlagungen stets danach auswählte, wozu er sie benötigte, musste er auch nichts an ihnen herumerziehen. Sie machten natürlicherweise und instinktiv immer genau das, was sie auch sollten.

Aber eine Frage hätte mich dann doch noch interessiert, auch wenn es offensichtlich keine Erziehungsnotwendigkeit gegeben hat:

„Haben die Hunde denn auch mal was Böses angestellt?“

– „Na klar!“

„Und was hast du dann gemacht? Hast du sie dann positiv bestärkt, damit sie nie wieder was Böses machen?“

– „Wenn du so willst, ja. Ich habe ihnen ordentlich den Hintern versohlt! Denn das haben schon ihre Hundeeltern mit Erfolg gemacht, wenn sie ihnen auf der Nase herumgetanzt haben.“

„Dann hast du sie auch sicherlich nicht in eine Welpenspielgruppe geschickt, oder?“ Ich hätte mir selbst wahrscheinlich schon, bevor ich die Frage zu Ende gesprochen hätte, das laute Lachen nicht verkneifen können, aber seine Antwort wäre es mir wert gewesen. Natürlich müsste ich ihm zuvor erklären, was denn eine Welpenspielgruppe überhaupt ist. Und wahrscheinlich wäre mir bei seiner Antwort dann das Lachen doch vergangen:

– „Wozu denn dieser Unsinn? Ihr seid offensichtlich in eurer modernen Welt der Profitgier völlig verrückt geworden und denkt euch die irrwitzigsten Dinge aus, nur um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der kleine Hund und sein Schicksal scheinen euch dabei völlig unwichtig zu sein. Habt ihr überhaupt eine Vorstellung, was eine Meute Welpen mit einem kleinen Fremden anstellt? Mobbing ist noch die harmloseste Variante. Selbst wenn alle im gleichen Alter sein sollten. Welchen Sinn sollte das haben? Kommt mir ja nicht mit dem Unsinn Sozialisation. Kein Hund benötigt zur Entwicklung seiner sozialen Kompetenz ein vermeintliches “soziales Training” mit seinesgleichen. Alles was er braucht, ist der Schutz durch sein Frauchen oder Herrchen!”

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53. „BEZIEHUNG STATT ERZIEHUNG“

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und
Die Macht einer falschen Botschaft

In meinem vorletzten Beitrag bin ich auf den notwendig gewordenen Wandel des Hundetrainings eingegangen, der sich aus den Veränderungen in der Mensch-Hund-Beziehung, insbesondere in den letzten 50 Jahren, ergeben hat. Das heißt, die Bedeutung der Erziehung hat der Ausbildung insofern den Rang abgelaufen, als die Erziehung heute notwendiger ist als zu der Zeit, da der Hund noch überwiegend Wach- und Schutzaufgaben hatte und deshalb seinerzeit gar nicht von seiner Verantwortung für die eigene Sicherheit entbunden werden musste – was das Wesen einer Erziehung ist. Das ist mittlerweile deshalb anders geworden, weil er meistens nur noch als „sozialer Begleiter“ und weniger als „Beschützer“ fungieren soll.

Aber die Veränderungen haben neben den beschriebenen Aspekten noch eine weitere Auswirkung: Im Ergebnis seiner neuen Rolle als sozialer Partner im Zusammenleben mit dem Menschen hat auch die Anzahl der Hunde eine noch nie dagewesene Größenordnung angenommen. So ist die Zahl der Hunde allein in Deutschland in den letzten 12 Jahren von 5 Mio. auf 7,6 Mio. gestiegen. Und damit einhergehend ist der Hund zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor geworden. Die Folge: Hundeschulen und HundetrainerInnen sind quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Allerdings sind die fachlichen und behördlichen Hürden zur Ausübung einer solchen Tätigkeit relativ niedrig. Hinzu kommt der Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck.

In letzterem liegt begründet die notwendige Werbung, die jeder für sich machen muss, um aus der grauen Masse herauszuragen. Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn eine Hundeschule aus diesem Grunde mittels eines kernigen Slogans auf sich aufmerksam machen will, um in knapper und prägnanter Form ihr Unterscheidungsmerkmal zu anderen deutlich zu machen, was durchaus legitim ist. Aber man sollte eine solche Kurzform, hinter der sich – wie der Altmeister der Kommunikation Paul Watzlawick schon 1969 in seinem 2. Kommunikationsaxiom beschreibt – neben der sachlichen Nachricht auch immer eine Botschaft verbirgt, sehr kritisch und wohl überlegt auswählen. Denn diese Botschaft kann im schlechtesten Fall verheerende Auswirkungen haben.

Deshalb seien mir ein paar kritische Bemerkungen gestattet zu einem Slogan, den ich kürzlich im Netz entdeckte, mit dem eine Hundeschule auf sich aufmerksam macht:

„Beziehung statt Erziehung“

Vornehmlich vor dem Hintergrund des sich in den letzten fünfzig Jahren notwendigerweise ergebenden fundamentalen Wandels im Hundetraining zugunsten der Notwendigkeit der Erziehung des Hundes, sind die Botschaften, die sich hinter diesem Slogan verbergen natürlich katastrophal.

Jeder Sprach- oder Kommunikationswissenschaftler wird bestätigen, dass die Semantik dieses Slogans zwei Botschaften – und ich behaupte, zwei gefährliche Botschaften – enthält:

1. Die Erziehung des Hundes wird – fatalerweise – mit einem negativen Sinn belegt und
2. die Erziehung des Hundes sei gar nicht notwendig, wenn Frauchen oder Herrchen stattdessen eine vernünftige Beziehung zum Hund aufbauen.

Dazu gebe ich zu bedenken: Wenn man einen Hund, der aufgrund seiner Rasse und Zuchthistorie ein relativ hohes Aggressionspotential besitzt, nicht erzieht – ihm also die ihm angeborene Eigenverantwortung für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse überlässt, wozu insbesondere sein Bedürfnis nach Sicherheit zählt – wird dieser Hund mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sein gesamtes agonistisches Verhaltensrepertoire einschließlich aller Arten von Aggressionen zur Befriedigung dieses Grundbedürfnisses auch ausnutzen. In dem Falle darf man ihn aber nicht als intraspezifisch und interspezifisch sozialisiert betrachten. Er ist dann quasi als „Kuscheltier“ ungeeignet.

Anders ausgedrückt:

Ein Hund, der nicht bewusst und willentlich als Wach- oder Schutzhund eingesetzt werden soll, dazu aber die genetischen Veranlagungen besitzt – und dazu zählen nicht nur die sogenannten Listenhunde – muss zwingend erzogen werden, weil er sich ansonsten naturgemäß wie ein Wach- oder Schutzhund verhält.

Das Nichtbeachten dieses Grundsatzes führt in der Regel dazu, dass dieser Hund wegen seines natürlichen agonistischen Verhaltens – bedauerlicherweise nicht nur vom Laien – fälschlicherweise als verhaltensauffällig eingeschätzt wird und dann fatalerweise für dieses Verhalten reglementiert wird bzw. Sanktionen ertragen muss. Und schon ist der sogenannte Problemhund „geboren“, denn er kommt jetzt in Konflikte.

Wenn diese Besitzerin sich jetzt an diese Hundeschule wendet, mit der Bitte, ihren Hund von diesen „Macken“ zu befreien und die Hundeschule, die offensichtlich eine Erziehung ablehnt, stattdessen den Hund über eine „gute Beziehung“ von seinem ungewollten agonistischen Verhalten abbringen will, kommt nicht nur der Hund in einen völlig unnötigen Stress, sondern der erwartete Erfolg muss ganz einfach ausbleiben. Denn diesen Hund in seinem Verhalten ändern zu wollen, hieße, ihn von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu entbinden. Und da dies nur über den Weg der Erziehung gelingt, denn beides ist miteinander identisch, muss quasi diese Hundeschule an der Lösung des Problems scheitern.

Ich verstehe ja, dass die Verfasser solcher Slogan geschickt die momentane Stimmung pro Tierliebe und contra Tierquälerei ausnutzen und der Hundeliebhaber für solche Botschaften empfänglich ist. Aber ich kann nur dringend davor warnen, die Erziehung des Hundes in diesem Kontext als etwas Negatives zu verdammen oder vielleicht als überflüssig darzustellen, weil es angebliche andere Wege gäbe. Im Gegenteil, ausschließlich die Erziehung ist in der Lage, den Hund von seiner Verantwortung für die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse zu entbinden und damit vor völlig unnötigem Stress zu bewahren oder ihn davon zu befreien.

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52. DER UNTERSCHIED ZWISCHEN ERZIEHUNG UND AUSBILDUNG

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oder
Die Sache mit dem Hammer und dem Nagel

Die rege Diskussion über meinen letzten Beitrag veranlasst mich doch noch einmal, den Unterschied zwischen der Erziehung des Hundes und seiner Ausbildung zu thematisieren, auch wenn ich‘s bereits mehrmals getan habe. Denn ich bin mir relativ sicher, dass im Unverständig darüber die Quelle des Missverständnisses zu finden ist und sich der Streit eigentlich wie in Luft auflösen müsste, wenn jedem dieser Unterschied wirklich bewusst wäre. Ich vermute nämlich, dass meine KritikerInnen ausschließlich die Ausbildung vor Augen haben und nicht konsequent zwischen dieser und der Erziehung des Hundes unterscheiden.

Denn meine Beurteilung solcher Trainingsmethoden wie die der positiven Bestärkung oder sonstiger Motivationen als ungeeignet – worüber der Streit entfacht ist – betrifft ja nicht ihre Legitimität als Mittel der Ausbildung. Im Gegenteil, hier sind sie als Mittel der Konditionierung quasi der Königsweg und durchaus sinnvoll. Jeder Dompteur und Dresseur im Zirkus bedient sich erfolgreich dieser Methoden. Mittels einer in Aussicht gestellten Belohnung kriegen sie sogar einen Löwen zum Tanzen motiviert oder Sie Ihren Hund zum Slalom Laufen durch Ihre Beine. Allerdings, und nur darauf hat sich meine ablehnende Beurteilung bezogen, ist das Tanzen oder Slalom Laufen dann nicht Gegenstand und Ergebnis einer Erziehung, sondern einer Ausbildung. Für die Erziehung eines Hundes sind solche Mittel absolut ungeeignet.

Und da mich überwiegend KundInnen kontaktieren, die eine mangelhafte Erziehung ihres Hundes beklagen, und nicht etwa ihre mangelhafte Ausbildung, und in den Hundeschulen keine Hilfe bekommen haben, beziehen sich meine Artikel, in denen ich als Ursache dafür die ungeeigneten Trainingsmethoden anprangere, auch nur auf ihre Ungeeignetheit als Mittel der Erziehung.

Aber worin besteht nun der Unterschied?

Die Erziehung des Hundes ist die Einschränkung seines Entscheidungsspielraumes zur Nutzung seines agonistischen Verhaltensrepertoires in Abhängigkeit der ihm übertragenen Verantwortung.

Will heißen, ob ein Hund überhaupt, und wenn ja mit welchen Konsequenzen, erzogen werden muss, hängt einerseits von der ihm gewollt übertragenen Verantwortung ab, der er gerecht werden soll, und andererseits von der Ausprägung seiner agonistischen Veranlagungen, die er in Abhängigkeit seiner Rasse und seiner Zuchthistorie besitzt.

Wird beispielsweise einem Schäferhund, dem aufgrund seiner Rasse und Zuchthistorie ein relativ ausgeprägtes agonistisches Verhaltensrepertoire eigen ist, wozu auch ein relativ hohes Aggressionspotential gehört, gewollt die Verantwortung für die Sicherheit von Haus und Hof übertragen, ist seine Erziehung diesbezüglich quasi nicht nur unnötig, sondern wäre sogar kontraproduktiv. Denn ihm muss ein relativ großer Entscheidungsspielraum zugestanden und dieser nicht etwa eingeschränkt werden, damit er die ihm übertragene Verantwortung für die Sicherheit von Haus und Hof überhaupt wahrnehmen kann. Soll er diese Verantwortung jedoch nicht übernehmen, also intraspezifisch und interspezifisch sozialisiert quasi in friedlicher Koexistenz mit Mensch und Tier harmonisch zusammenleben, ist seine Erziehung, also Entbindung von jeglicher Verantwortung einschließlich Einschränkung seines Entscheidungsspielraumes, unabdingbar und zwingend notwendig. Ansonsten wird er aufgrund seiner Veranlagungen sein agonistisches Repertoire naturgemäß ausschöpfen, denn dazu wurde er gezüchtet.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass einem Schäferhund aufgrund seiner Veranlagungen die Verantwortung für seine Sicherheit gar nicht erst übertragen werden muss. Diese wird er, so man sie ihm nicht nimmt, schon naturgemäß selbst übernehmen.

Das alles hat aber mit der Ausbildung des Hundes überhaupt nichts zu tun.

Die Ausbildung des Hundes betrifft das Aktivieren seiner potentiell und latent vorhandenen Fähigkeiten zur Erfüllung irgendwelcher Aufgaben oder Kommandos, die er zuverlässig ausführen oder befolgen soll, aber naturgemäß ohne Ausbildung nicht ausführen oder befolgen würde.

Dazu gehören solche wie „Sitz“, „Platz“, „Komm‘ her“, „Bei Fuß“, „Fass“, „Hole die Zeitung“, „mache zehn Purzelbäume“ usw. bis hin zu Kommandos, die ein Hund im Rahmen seiner Spezialhundeausbildung wie Suchen und Retten oder Begleiten und Führen usw. lernen und beherrschen muss. Wenn eine Hundeschule Ihnen erklärt und gezeigt hat, wie Sie Ihren Hund dazu bringen, Ihnen beim Gehen Slalom durch Ihre Beine zu laufen, haben Sie die Hundeschule für das Erklären und Demonstrieren einer erfolgreichen Ausbildung Ihres Hundes bezahlt, aber nicht für eine erfolgreiche Erziehung.

Mit anderen Worten: Die Ausbildung des Hundes hat so wenig mit seiner Erziehung zu tun, wie ein Kind, welches die drei thermodynamischen Hauptsätze auswendig herbeten kann, gut ausgebildet wäre aber noch lange nicht gut erzogen, wenn es jeden Tag auf dem Schulhof ein paar Klassenkameraden verprügelt.

Bleibt die Frage nach den jeweiligen und geeigneten Trainingsmethoden, mit denen einerseits die Erziehung und andererseits die Ausbildung effizient und effektiv praktiziert werden kann.

Für letztere habe ich die Antwort soeben gegeben. Hier sind alle Varianten der belohnenden Motivation durchaus geeignet. Ihre Wirkmechanismen hat schon der Russische Mediziner und Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow, Mitbegründer der behavioristischen Lerntheorie und Vater der „klassischen Konditionierung“, eindrucksvoll vor hundert Jahren belegt und beschrieben. Insofern ist es auch anmaßend zu behaupten, dabei handle es sich um „moderne“ Trainingsmethoden. Im Gegenteil, sie sind so alt wie die Geschichte der Domestikation.

Bei der Erziehung des Hundes sind diese Mittel aber völlig fehl am Platz. Denn mittels einer Belohnung ist es unmöglich, den Entscheidungsspielraum eines Hundes nachhaltig einschränken zu wollen. Wenn – um beim vorherigen Beispiel zu bleiben – ein Schäferhund die Verantwortung für die Sicherheit eines Grundstücks oder die Sicherheit von Frauchen ausdrücklich gewollt nicht übernehmen soll, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, ihn von seinen natürlichen und in seinem Genom hinterlegten Veranlagungen, sein agonistisches Verhaltensrepertoire auszuschöpfen, abhalten zu wollen.

Ebenso wenig wie man den Schulhofrüpel mit einem Leckerli davon überzeugen kann, dass es sich nicht gehört, Schulkameraden zu verprügeln. Eventuell kann man ihn damit temporär ablenken, aber nachhaltig von seinem Fehlverhalten zu überzeugen, ist sehr unwahrscheinlich und widerspräche allen einschlägigen Erkenntnissen der Pädagogik und Erziehungswissenschaften. Dies funktioniert nur mittels Demonstration und Korrektur.

Wer diese beiden Wirkmechanismen der Erziehung kennenlernen will, dem empfehle ich einen Tierparkbesuch oder, einem Hundezüchter einmal über die Schultern zu schauen und zu beobachten wie Tiermutter und Tiervater ihren Zöglingen auf effiziente und effektive Art und Weise die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens beibringen, die sie beherrschen müssen, um konfliktfrei ihr aufregendes Leben zu meistern. Da werden keine Leckerli gereicht, sondern es wird vorgemacht oder reglementiert. Und die Tierkinder machen dann, was sie am besten können: Nachmachen.

Gestatten Sie mir eine Metapher:

Mit der Hunde-Ausbildung und der Hunde-Erziehung ist es wie mit den Nägeln und den Schrauben. Die Neurowissenschaften haben es eindrucksvoll belegt, dass der Mensch, wenn er in seinem “Werkzeugkasten” nur einen “Hammer” hat, er fatalerweise dazu neigt, in jedem “Problem” einen “Nagel” zu sehen, selbst wenn es sich eindeutig als “Schraube” zu erkennen gibt. Und diese “Fehlleistung” des Gehirns ist dann um so wahrscheinlicher und ausgeprägter, je mehr Aufwand, Mühe oder Kosten er aufgewendet hat, sich den “Hammer” anzuschaffen oder anzueignen. Ähnlich sieht es aus mit dem Wissen eines Hundetrainers. Wenn er sich mühsam und kostenintensiv bedauerlicherweise nur das Wissen über “Hammer” und “Nagel” angeeignet hat, dann steht er nämlich vor einem Problem, wenn selbiges eine “Schraube” ist.

Deshalb sollte sich in jeder „Werkzeugkiste“ einer guten Hundeschule nicht nur ein „Hammer“ befinden, sondern auch ein guter „Schraubendreher“.

Wenn ich allerdings den vielen enttäuschten Schilderungen meiner KundInnen Glauben schenken darf, die teilweise ganze „Orgien“ an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich haben, ohne dass ihr Erziehungsproblem auch nur im Ansatz gelöst wurde, und ich mir schildern lasse, was diese Hundeschulen denn als „Werkzeug“ eingesetzt haben, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass selbst namhafte Hundeschulen und auch sehr populäre Fernsehhundetrainer nicht einmal zu wissen scheinen, dass es überhaupt „Schrauben“ gibt, geschweige denn das notwendige „Werkzeug“ besitzen. Wer beispielsweise nicht erkennt, dass das Zerren an der Leine ein Erziehungsproblem und keines der Ausbildung ist, wird mit traumwandlerischer Sicherheit nach dem falschen „Werkzeug“ greifen.

Oder wenn beispielsweise eine Hundetrainerin es dem staunenden Publikum als Erfolg einer professionellen Erziehung „verkaufen“ will, wenn der Hund mit ständigem Blick zu ihr brav bei Fuß läuft, sie aber vor der Brust in ihrer Faust ein Leckerli versteckt, hat sie nicht etwa die „Schraube“ professionell ins „Holz geschraubt“, sondern versucht, selbige mit dem „Hammer hineinzuschlagen“.

Ob das hält?

Aufgrund der Häufung von Fällen, bei denen mir KundInnen berichten, dass sie von einem Hundeschulbesuch enttäuscht wurden, lässt mich mittlerweile daran zweifeln, ob diese Hundeschulen oder HundetrainerInnen überhaupt in der Lage sind, zu erkennen, ob es sich um ein Ausbildungsproblem oder vielleicht doch um ein Erziehungsproblem handelt. Denn wenn schon die Diagnose nicht gelingt, wie soll dann erst die Therapie gelingen.

Ich werde deshalb in einem der nächsten Beiträge einmal einen konkreten Fall schildern, der nahezu an einen Skandal grenzt, insbesondere weil dieser sich mir eindeutig als ein relativ einfaches Erziehungsproblem dargestellt hat. Jedoch der – übrigens sehr bekannte – Hundetrainer, der sich trotzdem sehr gut hat bezahlen lassen, der Hundebesitzerin resignierend geraten hat, über eine Einschläferung ihres Hundes nachzudenken. Und die Erziehung dieses angeblich aussichtslosen Problemfalles war übrigens in einer einzigen Trainingseinheit aus der Welt geschaffen und Hund und Frauchen laufen heute völlig entspannt durch ihr “neues Leben”.

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51. DER FOLGENSCHWERE ROLLENTAUSCH

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und
Die Konsequenzen für die Hundeerziehung

Neulich kam ich mit einem Kinder- und Jugendpsychologen ins Plaudern und er fragte mich, ob auch bei meiner Klientel, so wie es ihm bei seiner besonders in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren auffalle, Veränderungen festzustellen seien. Ich sah mich veranlasst, ihm spontan zuzustimmen, denn tatsächlich nehme auch ich solche Veränderungen wahr.

Dann schilderte er sehr eindrucksvoll seine Wahrnehmungen:

Er würde beispielsweise bei den Kindern und Jugendlichen, die aus unterschiedlichsten Gründen zu ihm in die Praxis kommen, einen dramatischen Verlust ihrer sozialen Kompetenz registrieren. Insbesondere fehle ihnen heute auffallend häufig die Fähigkeit zur Selbstreflexion, was es in dieser Form und in diesem Ausmaß in den Anfängen seiner Praxis nicht gegeben habe. Das heißt, sie seien kaum noch in der Lage, sich selbst realistisch einzuschätzen. Und dann schilderte er mir mehrere Fälle von 15- bis 18-Jährigen, bei denen neben ihrer psychischen Auffälligkeit auch die schulischen Leistungen nicht einmal für einen Hauptschulabschluss gereicht hätten, aber auf seine Frage nach den Berufswünschen sie voller Selbstbewusstsein solche wie Pilot, Chirurg oder Meeresforscher nannten. Auf seinen Einwand, dass sie dafür doch mindestens das Abitur benötigen würden, polterten sie empört heraus, dass sie das doch machen würden.

Nun gibt es bei meiner Klientel keine Veränderungen mit derart dramatischen Folgen. Und deren Veränderungen sind völlig anderer Natur. Aber auch ich konnte ihm bestätigen, dass sich meine Klientel und ihre Probleme, mit denen sie zu mir kommen, verändert hätten.
Und dann philosophierten wir lange darüber, worin die Ursachen wohl lägen und ob vielleicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sich derart dramatisch verändert hätten.

Auch ich konnte dies, so wie er, eindeutig bejahen:

In den Anfängen meiner Trainertätigkeit hatte ich es überwiegend mit aggressiven Hunden zu tun, die durch den Amtstierarzt zu mir beordert wurden, weil sie andere Hunde und Menschen ernsthaft gefährdet hatten. Diese gibt es zwar heute ebenso noch, sogar in gleicher Häufigkeit, aber der Anteil einer anderen Gruppe ist interessanterweise wesentlich größer geworden. Nämlich die Gruppe derer, die als verhaltensauffällig eingeschätzt werden und bereits mehrfach erfolglose Hundetrainings mit sogar verschiedenen HundetrainerInnen hinter sich haben, ohne dass das „Problem“ beseitigt wurde. Ich kann sogar sagen, dass mich in den letzten beiden Jahren beinahe ausschließlich HundebesitzerInnen kontaktiert haben, die eine regelrechte Leidensgeschichte an erfolglosen Hundeschulbesuchen hinter sich haben.

Woran mag das liegen?

Meine Antwort mag vielleicht verblüffen, aber ich sehe darin den Hauptgrund, warum es heute einerseits so viele vermeintlich verhaltensauffällige Hunde gibt und andererseits die tatsächlichen Ursachen des hündischen Verhaltens nicht beseitigt werden, weil man sie offensichtlich gar nicht erkennt:

Die Rolle des Hundes in der zivilen Gesellschaft – insbesondere in der westlichen Wohlstandsgesellschaft – hat sich grundlegend verändert.
Wenn der Hund noch zu Beginn seiner Domestikation bis weit in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein beinahe ausschließlich dazu diente, Aufgaben wie das Bewachen und Beschützen von Haus, Hof und Tier zu übernehmen oder sogar – wenn ich an den englischen Bullterrier denke – von Kindern, deren Eltern tagsüber in den Industriehallen schufteten, so hat der überwiegende Teil der Hunde in der heutigen Zivilisation so etwas wie eine Begleitfunktion oder teilweise sogar die Funktion des sozialen Partners oder vielleicht sogar Ersatzes für mangelnde soziale Kontakte. Kurzum, seine aufgabenbezogene Rolle ist immer mehr in den Hintergrund getreten und seine soziale Begleitfunktion in den Vordergrund.

Damit einhergehend hat sich die Sichtweise der Menschen auf den Hund grundlegend gewandelt. Sie sehen den Hund heute als etwas völlig anderes an als das, wozu er durch seine Domestikation eigentlich geworden ist bzw. gemacht wurde. Und je mehr der Hund zum beinahe gleichberechtigten Mitglied der menschlichen Familie geworden ist, umso mehr schätzen die Menschen sogar seine Bedürfniswelt ähnlich ein wie ihre eigene. Das Resultat nennt sich „Anthropomorphisierung“, worauf ich bereits ausführlich in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen bin.

Aber im Ergebnis dessen hat sich auch die Anforderung an das Hundetraining grundlegend gewandelt. Bis weit in die Mitte des vorigen Jahrhunderts spielte die Erziehung des Hundes aufgrund seiner damaligen Rolle als Beschützer und Bewacher nämlich so gut wie keine Rolle, weil sie gar nicht notwendig war. Denn seine Rolle und die sich daraus für ihn ergebenden Aufgaben deckten sich 1:1 mit seinen Grundbedürfnissen, insbesondere mit dem nach Sicherheit, und seinem ureigenen Interesse, dieses Grundbedürfnis eigenverantwortlich zu befriedigen. Der Mensch nutzte quasi den Instinkt des Hundes zur Selbstverteidigung geschickt aus, um auch sich selbst und sein Hab und Gut von ihm beschützen zu lassen.

Da die Erziehung nichts anderes ist, als die Entbindung des Hundes von dieser Verantwortung, war sie quasi gar nicht notwendig.

Wenn er also selbst für seine Sicherheit sorgte, indem er Haus, Hof, Kind und Kegel bis aufs Blut verteidigte, sah jeder es als völlig normal an und kam nicht im Traum auf die Idee, er sei verhaltensauffällig, wenn er diese seine Aufgabe ernst nahm.

Deshalb hat man sich im Rahmen eines – wenn überhaupt notwendigen – Hundetrainings ausschließlich mit seiner Ausbildung – was neben der Erziehung die zweite Säule eines Hundetrainings darstellt – befasst und ihm die unmöglichsten Kunststücke beigebracht. Der typische Fall ist seine Dressur mittels unterschiedlichster Stimuli, meistens in Form irgendeiner Art der Belohnung, wovon noch heute das Leckerli übriggeblieben ist. Modernere Varianten verbrämen das schnöde Locken mit Leckerli heute allerdings mit solch wunderschön klingenden Formulierungen wie „positive Bestärkung“ oder ähnlich. Neulich hörte ich in einem Videobeitrag im Netz sogar eine noch weitaus tollere Formulierungskunst: Die sich darin präsentierende „Hundeexpertin“ kündigte einen folgenden Videobeitrag an, in dem sie sogleich demonstrieren werde, wie sie mittels eines von ihr speziell entwickelten „Doppelten Rückrufs unter Verwendung eines im zweiten Rückruf enthaltenen Ankereffektes“ (Welch eine beeindruckende Wortschöpfung!?) ihren Hund erfolgreich und zuverlässig zurückrufen könne, der offensichtlich mehr Gefallen an einem Mauseloch gefunden hatte, als an Frauchens “erstem Rückruf”. Aber meine Neugierde war trotzdem geweckt, was sich dahinter wohl für eine revolutionäre Neuigkeit verberge? Allerdings war meine Enttäuschung wie so oft groß, denn der „Ankereffekt“ entpuppte sich als nichts anderes als ein Leckerli, das dem Hund gezeigt wurde.

Kurzum, es gab somit auch notwendigerweise nur wenige Hundetrainer und kaum jemanden, der sich mit der Erziehung eines Hundes befasste oder befassen musste.

Das sieht heute jedoch völlig anders aus. Abgesehen vom Training einiger Spezialhunde, bei denen die Ausbildung natürlich nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, rückt die Erziehung des Hundes aufgrund seiner veränderten Rolle in der zivilen Gesellschaft in den Vordergrund. Die Ausbildung ist damit zwar nicht überflüssig, aber sie spielt bei der Beseitigung von heute unerwünschten Verhaltensweisen keine Rolle, weil sie es gar nicht kann, denn dafür fehlen ihr ganz einfach die geeigneten Mittel.

Mittels Ausbildungsmethoden kann man keinen Hund erziehen.

Und man muss es auch gar nicht, weil dafür der Erziehung viel effektivere und vor allem effizientere Mittel zur Verfügung stehen.

Heute soll der Hund die ihm klassischerweise zustehende Aufgabe als Beschützer und Bewacher gar nicht mehr wahrnehmen. Er soll sich stattdessen sozial verträglich, also intraspezifisch und interspezifisch sozialisiert, harmonisch in die menschliche Gemeinschaft integrieren. Er soll heute nicht mehr das zu verteidigende Revier nach Feinden aufklären und mögliche Gefahren erkennen und abwehren. Als ihm diese Aufgabe noch zukam, blieb ihm zum Beispiel nichts anderes übrig als schnüffelnd alle Geruchsinformationen am Boden zu sammeln, einschließlich der Hinterlassenschaften seiner Konkurrenten und Feinde, weil darin viele wichtige Informationen enthalten waren, angefangen von ihren Absichten bis hin zu ihren möglichen Krankheiten. Und wenn Bauer Kurt mit ihm den Hof verließ, musste er vorneweg laufend das Revier erkunden, um seinen Chef vor Gefahren zu bewahren.

All das soll er heute in der Regel aber nicht mehr.

Und wenn ein Hund diese urtypischen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen soll, ist es zwingend und ultimativ notwendig, ihn im Rahmen seiner Erziehung von dieser Verantwortung zu entbinden und ihn damit von seinem ihm ureigenen instinktiven Streben nach Befriedigung seines Grundbedürfnisses nach Sicherheit zu befreien. Allerdings wird dem Hund dies nur dann verständlich sein, wenn ihm von Frauchen oder Herrchen auch demonstrativ gezeigt wird, dass es für ihn gar keine Notwendigkeit mehr gibt, beide zu beschützen, weil nämlich sie dies statt seiner tun. Eine notwendige Geste, um dem Hund zweifelsfrei zu demonstrieren, dass Frauchen ab sofort seinen Schutz übernimmt und auch willens ist, beider Sicherheit zu gewähren, wäre ihr demonstratives Stellen vor den Hund, also zwischen Hund und vermeintlicher Bedrohung, sowie der Alltag solche Situation bietet.

Wenn es aber Frauchen oder Herrchen nicht gelingt, ihm verständlich zu machen, dass er keine Verantwortung mehr trägt, wird er weiterhin seinem Urinstinkt folgen und sich und seine ihm anvertrauten Ressourcen verteidigen. Typische Indizien, dass es nicht gelungen ist, sind jegliche Arten von Aggressionen, das Zerren an der Leine, das Weglaufen ohne oder nur schwer wieder abrufbar zu sein, das An- und Verbellen jeglicher Personen und Tiere usw. Dazu gehört auch das Aufklären des Reviers nach Konkurrenten und Feinden, indem der Boden schnüffelnd regelrecht inhaliert wird. Der Laie verwechselt dann aber dieses eigentlich völlig natürliche Verhalten des Hundes fälschlicherweise mit einer angeblichen Verhaltensauffälligkeit, was nicht nur eine falsche Diagnose darstellt, sondern die Grundlage ist für einen verheerend falschen Therapieansatz. Erstaunlicherweise sogar nicht wenige Hundeschulen meinen nun, den Lösungsansatz darin zu sehen, den Hund mittels Leckerli von diesen angeblichen Verhaltensauffälligkeiten durch den Trick der Ablenkung befreien zu können. Sie meinen, wenn Frauchen dies nur oft genug tue und immer wieder wiederhole, würde der Hund irgendwann von seinem Verhalten – was in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Verteidigung seiner eigenen Sicherheit und die von Frauchen – ablassen. Was für eine verheerende Fehleinschätzung.
Jeglicher Versuch, das unerwünschte Verhalten eines Hundes, welches in seiner nicht erfolgten Entbindung von seiner Verantwortung begründet ist, mittels der Verwendung irgendwelcher Stimuli wie Leckerli o.ä. nachhaltig unterdrücken bzw. beseitigen zu wollen, ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

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50. „MIT IMAGINÄRER ENERGIE DEN HUND ERZIEHEN“

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oder
Verwenden Sie doch einfach einen Zauberstab

Ich hatte mich dieses Themas zwar schon einmal angenommen, aber aus aktuellem Anlass drängt es mich, es noch einmal zu tun. Denn in letzter Zeit habe ich mehrmals eine sinngemäß gleichlautende Aussage nicht nur von sich im Netz präsentierenden HundetrainerInnen vernehmen müssen, sondern insbesondere auch von sogenannten FernsehhundetrainerInnen oder zu Talkshows eingeladenen vermeintlichen HundeexpertInnen. Mir kam es vor, sie hätten sich mit Cesar Millan abgesprochen, der ähnlichen Spaß von sich gibt.

Es ging immer um die Antwort auf die Frage, wie man einen verhaltensauffälligen Hund, sei er nun aggressiv oder sonst wie ungehorsam, von diesem ungewollten Verhalten abbringen könne. Oder anders ausgedrückt: Wie kann man einen unerzogenen Hund erziehen? Und nicht selten stellten die JournalistInnen sogar eine sehr konkrete Frage, was man denn als HundebesitzerIn konkret in einem solchen Falle tun könne, wenn der Hund wie verrückt an der Leine zerre oder wie von allen guten Geistern verlassen, jeden anderen Hund oder Menschen ankläffe, als wolle er ihn auffressen?

Auf solche konkreten Fragen hätten die „ExpertInnen“ eigentlich klipp und klar antworten können. Vorausgesetz natürlich, sie hätten klipp und klare Antworten.

Aber entweder sie wollten ihr „Fachwissen“ geheim halten oder – wie ich eher vermute – sie hatten wahrscheinlich gar keines. Zumindest keines, mit dem sie auf diese konkreten Fragen hätten konkret antworten können.

Stattdessen bauten sie verbal voluminös einen regelrechten schleiernen Mythos um sich selbst herum auf und antworteten geradezu salomonisch, dass selbst Sokrates seine wahre Freude gehabt hätte:

Sinngemäß laberten sie alle etwas von einer bestimmten oder gewissen Energie, die der Hundebesitzer ausstrahlen solle. Oder Frauchen bzw. Herrchen sollen durch ihr Selbstbewusstsein ihre Energie auf den Hund übertragen.

Es hätte nur noch gefehlt, sie hätten einen Zauberstab herausgeholt. Das habe ich schon als Kind bewundert, dass der Zauberer mit diesem Stab Energie in einen Hut übertragen kann. Und schwuppdiwup sitzt ein Kaninchen drin.

Das einzig Verwertbare an diesem ausweichenden Rumgelabere, dem man noch einen gewissen Sinn abgewinnen könnte, ist der Begriff „Selbstbewusstsein“. Denn die Sensorik eines Hundes ist durchaus in der Lage, ihn einschätzen zu lassen, ob Frauchen selbstbewusst ist oder nicht. Aber ob Frauchen dieses Selbstbewusstsein auch mit der Übernahme ihrer Führungsrolle bzw. Beschützerrolle gegenüber dem Hund in Übereinstimmung bringt, ist damit noch lange nicht gesagt. Es gibt nämlich durchaus HundehalterInnen, die trotz ihres sehr ausgeprägten Selbstbewusstseins ihren Hund nicht im Griff haben, weil sie es einfach versäumten, ihn zu erziehen. Anders ausgedrückt: Mit Selbstbewusstsein allein erzieht man noch lange keinen Hund. Es ist nur eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Erziehung, wenn der Hund versteht, dass Frauchen ausreichend selbstbewusst ist, um die Verantwortung für sie beide zu übernehmen.

Bleibt also noch offen, was diese angeblichen Experten mit der „bestimmten“ oder „gewissen Energie“ meinen?

Es gibt in der Psychotherapie einen Diagnose- und Therapieansatz der Energie-Psychologie. Das ist einer derer, die eine Verbindung zwischen Energie und Psychologie herstellen. Aber der ist in unserem Falle sicherlich nicht gemeint.

Ich habe eher den Eindruck, dass in den oben genannten Beispielen mangelndes Fachwissen verschleiert werden soll durch einen verbal aufgebauschten Mythos des nur ihnen als Experten zugänglichen Fachwissens oder der nur ihnen zugänglichen Fähigkeiten, um nicht konkret antworten zu müssen oder den Zuhörer als Dummchen dastehen zu lassen nach dem Motto: „Das begreifen Sie sowieso nicht … mit dem Problem müssen Sie zu mir kommen!“ Und schon ist der mediale Experte geboren, den es anzustaunen gilt und dem das Geld in den Rachen geworfen werden soll.

Damit im Zusammenhang steht die Absicht dieser „Experten“, beim Laien die Einsicht zu projizieren, die Hundeerziehung sei ein sehr komplexer und komplizierter Prozess. Denn dann erscheint es auch sofort einleuchtend, dass die Antwort ja gar nicht so einfach und konkret ausfallen könne. Und ehrfurchtsvoll verneigt sich der Laie vor dem gottgleichen „Experten“ und gibt sich (leider) gutgläubig und staunend mit einer solchen Antwort der „imaginären Energie“ zufrieden.

Bedauerlicherweise ist der Mensch für solch eine Expertenvergötterung anfällig. Nicht zuletzt wegen seiner Gutgläubigkeit gegenüber angeblichem Expertenwissen. Jeder kennt das Prinzip des Placebo-Effekts, den auch Ärzte erfolgreich anwenden, indem dem Geist etwas vorgegaukelt wird, was sich dann tatsächlich in selbstheilenden Prozessen des Körpers transferieren lässt. Tatsächlich lässt sich aber Energie nicht auf andere Lebewesen übertragen.

Was allerdings schön wäre, nach dem Motto: Wir übertragen mal kurz die Energie eines Lebenden auf einen Toten, und schon hätten wir zwei halb lebende oder halb tote. Denn nach dem Energieerhaltungssatz kann Energie nicht erzeugt oder vernichtet werden, nur umgewandelt. Wenn ich dem einen also Energie entziehe und dem anderen übertrage, fehlt zumindest dieser Teil dem einen.

Die Wahrheit ist in Wirklichkeit aber eine sehr einfache: Die Hundeerziehung ist nämlich gar keine so komplexe und komplizierte, wie die vermeintlichen HundeexpertInnen es glauben machen wollen. Auf die ihnen konkret gestellte Frage nach der Lösung für einen an der Leine zerrenden oder kläffenden Hund hätten die „Energie-Experten“, wenn sie tatsächlich Ahnung hätten, kurz und knackig antworten können:
Einem solchen Hund wurde offensichtlich – wie am Zerren und Kläffen zu erkennen –die Verantwortung für die eigene Sicherheit und die von Frauchen übertragen, von der er nur entbunden werden muss.

Und wie ein Hund von seiner Verantwortung entbunden werden kann, das sollte zum Einmaleins einer jeden Hundetrainerin oder eines jeden Hundetrainers gehören.

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49. DER HYPERAKTIVE HUND

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oder

„the self-fulfilling-prophecy“

Neulich begrüßte mich eine englisch sprachige Hundebesitzerin, die mich erst nach langem Zögern gerufen hatte, um ihren Hund vielleicht doch noch vom „strain at the leash“ und „hunting“ zu befreien, mit folgenden Worten:

„…I’m afraid it’s no use …thereon several dog-schools had a tough time on …they told me he would be an hyperactive dog …“

Will meinen, dass es wohl nicht mehr viel Zweck habe, denn an ihrem angeblich hyperaktiven Hund hätten sich schon mehrere Hundeschulen erfolglos die Zähne ausgebissen.

Mir kam sofort wieder der Gedanke an das Thema, welches ich im letzten Beitrag aufgegriffen hatte, aber diesmal aus einem anderen Grund:

Die Konsequenzen des ständigen Vorausberechnens der nächsten Geschehnisse durch das Gehirn sind nämlich noch andere, als ich sie in dem Beitrag beschrieben hatte. Sie führen auch zur Herausbildung einer Erwartungshaltung. Und diese beeinflusst daraufhin wiederum die Wahrnehmung.

Anders ausgedrückt: Wenn der Mensch etwas wahrnimmt, wird seine Wahrnehmung wesentlich von seiner zuvor entwickelten Erwartung, was er wohl gleich wahrnehmen werde, beeinflusst.

Einfacher ausgedrückt: Man sieht, hört, riecht, fühlt und schmeckt, was man erwartet, gleich zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Die Wahrnehmung der Realität wird also wesentlich beeinflusst, um nicht zu sagen beeinträchtigt, durch die eigene Vorhersage und die dadurch erzeugte Erwartungshaltung.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie gingen am 31. Dezember gegen Mitternacht durch den Wald und hörten einen Knall. Wenn man Sie am nächsten Tag als Zeuge befragen würde, würden Sie wahrscheinlich Stein und Bein schwören, dass da jemand einen Silvesterknaller gezündet habe. Würde Ihnen gleiches aber am 31. Oktober widerfahren, wäre Ihre Wahrnehmung wahrscheinlich die eines waidmännischen Schusses. Ob aber beides mit der Realität übereinstimmt, wäre fraglich.

Woran liegt das?

Ihr Gehirn hat vorausberechnet, dass in der Silvesternacht sehr wahrscheinlich Knaller in die Luft gejagt werden und im Herbst im Wald die Tiere.

Und so ging es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch meiner Hundebesitzerin, deren Wahrnehmung durch das ihr offensichtlich von den Hundeschulen vermittelte Wissen beeinflusst wurde. Und wenn dieses vermittelte Wissen fragwürdig ist – um nicht zu sagen falsch – ist natürlich die Wahrnehmung auch fragwürdig bzw. falsch.

Der Psychologe nennt das Ganze auch „Selbsterfüllende Prophezeiung“, oder – um der netten Dame in ihrer Sprache zu antworten – um eine „self-fulfilling-prophecy“.
Die komplette Form einer solchen wäre beispielsweise:

Das eigene Denken beeinflusst das eigene Handeln, welches wiederum das Denken und Handeln anderer beeinflusst und somit das eigene Denken vermeintlich bestätigt. Mit anderen Worten: Wenn ich von jemandem denke – vielleicht weil mir dies irgendjemand aus bösem Grunde so suggeriert hat – er sei unsympathisch, verhalte ich mich ihm gegenüber auch so, dass dieser von mir denkt, ich fände ihn unsympathisch und verhält sich dann auch adäquat, so dass ich ihn dann tatsächlich auch als unsympathisch wahrnehme und er damit dann meine Erwartung voll erfüllt. In Wirklichkeit ist er vielleicht ein hoch anständiger Kerl und würde sich auch so verhalten, wenn ich mich ihm gegenüber auch so verhielte, dass er denken könnte, ich fände ihn sympathisch.

Eine verkürzte Form finden wir im Falle meiner Kundin:

Wenn einer Hundebesitzerin beispielsweise durch fragwürdige Experten fragwürdiges Wissen zu den Ursachen des hündischen Verhaltens ihres Lieblings vermittelt wurde – wie beispielsweise im oben genannten Fall, ihr Hund sei hyperaktiv – entwickelt sich bei ihr auch eine solche Erwartungshaltung, ihr Hund sei hyperaktiv und verhalte sich deshalb so, wie er sich verhält.

Das führte dann dazu, dass die gute Frau irgendwann eine Erwartungshaltung entwickelt hatte, dass ihr Hund, wenn er nun einmal hyperaktiv sei, offensichtlich gar nicht anders könne, als an der Leine zu zerren und zu jagen.

Die Wirtlichkeit sah aber völlig anders aus:

Nachdem ich den Hund innerhalb eines einzigen Trainings von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seines Frauchens befreit und dadurch auch seinen Entscheidungsspielraum drastisch eingeschränkt hatte, war von seiner angeblichen Hyperaktivität nicht mehr viel übriggeblieben, um nicht zu sagen gar nichts. Er hatte plötzlich weder Interesse am Zerren an der Leine noch am Jagen hinter seinesgleichen.

So passiert es mir eben sehr häufig, dass mir HundebesitzerInnen von falschen Diagnosen angeblicher Hundeexperten berichten, durch die sich bei ihnen eine völlig falsche Erwartungshaltung herausgebildet hatte und sie dadurch mental kaum noch bereit waren, die tatsächlichen Ursachen des hündischen Verhaltens zu suchen. Dadurch akzeptierten sie den Istzustand sozusagen als höhere Gewalt und ihre Prophezeiung erfüllte sich von ganz allein.

Um so trauriger ist das Ganze ja deshalb, weil eine Fehleinschätzung sowohl des Verhaltens eines Hundes als auch der dieses Verhalten verursachenden Gründe dazu führt, dass der Hund unter einem völlig unnötigen Stress leidet. Ich wage sogar zu behaupten – zumindest belegen dies alle meine Therapiefälle – dass in allen Fällen, wenn ein Hund als störend hyperaktiv eingeschätzt wird, es sich in Wirklichkeit ausschließlich um ein Stresssymptom handelt. Und dieser Stress wiederum ist in einer dem Hund übertragenen Verantwortung begründet, der er gerecht werden will, aber unter seinen konkreten Rahmenbedingungen eben nicht gerecht werden kann. Wenn er seiner Verantwortung gerecht werden könnte, indem man ihm auch den dazu notwendigen Entscheidungsspielraum überlässt, würde er auch diese Symptome nicht zeigen und „locker“ mit der Verantwortung umgehen.

Dass viele HundebesitzerInnen dies aber nicht als solches erkennen, ist meistens darin begründet, dass die Übertragung der Verantwortung unbewusst stattgefunden hat. Dadurch erkennen sie auch nicht, dass das Verhalten des Hundes – beispielsweise das Zerren an der Leine und das Jagen – in der ihm übertragenen Verantwortung begründet und somit ein eigentlich völlig natürliches Verhalten ist. Wenn Frauchen dann versucht, ihn von diesem Verhalten abzuhalten oder ihn sogar mehr oder weniger dafür “bestraft”, kommt er in Konflikte und entwickelt Stresssymptome.

Die bessere Lösung ist aber immer – außer er soll ganz bewusst als Wachhund Bewachungsaufgaben erfüllen – dass man dem Hund gar nicht erst diese Verantwortung überträgt und als HundebesitzerIn selbst die Verantwortung für die Sicherheit des Hundes und seine eigene übernimmt und dies auch dem Hund demonstrativ zeigt.

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48. DER IRRTUM MIT DEM RUTEN-WEDELN

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oder

Warum können wir uns nicht selbst kitzeln?

Wenn HundebsitzerInnen mich rufen, damit ich ihnen helfe, ihre vierbeinigen Schützlinge von irgendeiner ungewollten „Macke“ zu befreien, lasse ich mir in der Regel zunächst das vermeintliche Problem beschreiben; getreu der Marx’schen Erkenntnis, die er in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ formulierte:

„Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess des Werdens begriffen sind.”

Einfacher ausgedrückt: Wenn der Mensch in der Lage ist, das Problem zu formulieren, ist er auch in der Lage, es zu lösen.

Und so erlebe ich nicht selten, dass meine KundInnen den Lösungsansatz für ihr Problem eigentlich schon selbst im Rahmen ihrer Problembeschreibung mit beschreiben; allerdings ohne es zu wissen. Denn daran hindert sie in der Regel ihr falsches Interpretieren des hündischen Verhaltens. Sie erkennen und beschreiben zwar durchaus richtig eine Kausalkette von Verhaltensweisen des Hundes, aber scheitern dann immer an deren falscher Interpretation, um zu richtigen Schlüssen zu kommen. Auf eine der dafür verantwortlichen Ursachen, das Phänomen des Anthropomorphismus (das Vermenschlichen des tierischen Verhaltens), bin ich an anderer Stelle schon eingegangen und will mich nicht wiederholen.

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen betrifft das Wedeln der Rute. Beispielsweise wenn meine KundInnen den Versuch unternehmen, den Gemütszustand ihres Schützlings in einer „Problemsituation“ zu beschreiben und im Zuge dessen – quasi als Beweis – das wilde Rotieren seiner Rute anführen.

Anders ausgedrückt: Gemütszustände wie Erregung oder gar Aggressivität aber auch Freude werden fälschlicherweise am Rutenwedeln festgemacht.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Wedeln mit der Rute kann durchaus mit solchen Gefühlen korrelieren; allerdings ist es nicht kausal miteinander verbunden. Das heißt, das auslösende Moment sind nicht solche Gefühle wie Angst oder Freude. Diese können zwar zufällig simultan präsent sein, aber sie führen nicht ursächlich zum Rutenwedeln.

Ich habe auch diese Zusammenhänge in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ ausführlich beschrieben. Deshalb will ich es an dieser Stelle aus einem etwas anderen Blickwinkel tun, nämlich aus dem der Neurowissenschaften des menschlichen Gehirns. Denn dort ist ein Phänomen, welches zur Erklärung unseres Problems dienlich ist, mittlerweile sehr gut untersucht. Und da die Neurophysiologie beider Gehirne ähnlich ist, kann man mit ausreichender Sicherheit davon ausgehen, dass auch das Canidengehirn gleichermaßen funktioniert.

Das Ganze hat nämlich etwas mit einem kognitiven Prozess unter anderem im Kleinhirn zu tun.

Eine der wichtigsten Funktionen oder Aufgaben des Gehirns ist bekanntlich, seinen Besitzer im Überlebenskampf zu unterstützen bzw. diesen überhaupt zu ermöglichen. Und dazu gehört das Abwehren von Gefahren.

Eine der effizientesten Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr ist deren eventuelle Voraussage. Deshalb berechnet das Kleinhirn alle kommenden Geschehnisse im Millisekundenbereich voraus. Das Ganze läuft natürlich im Unterbewusstsein ab, um die Kapazitäten des Bewusstseins nicht zu überfordern.

Das diesem Prozess zugrundeliegende Modell nennt sich Reafferenzprinzip. Demnach wird bei einem Kommando vom Gehirn, etwa an einen Muskel, eine Kopie dieses Befehls abgespeichert. Die Rückmeldungen werden dann mit dieser Kopie abgeglichen. Stimmt beides überein, ist keine Fehlermeldung an höhere Hirnbereiche nötig und somit keine weitere kognitive Aktivität. Erst wenn beides nicht übereinstimmt, die Voraussage also etwas anderes erwarten ließ, als tatsächlich geschehen ist, kommt eine Art Alarm und die Aufmerksamkeit wird aktiviert. Denn nur von etwas Unerwartetem oder Neuem kann eine Gefahr ausgehen. Und nur dem muss auch Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn Aufmerksamkeit bindet wertvolle Kapazitäten, von denen nicht im Überfluss vorhanden ist.

Dieses Prinzip der Gefahrenvoraussage kennt jeder, der sich schon einmal selbst kitzeln wollte und wahrscheinlich enttäuscht feststellen musste, dass das nicht funktioniert. Denn wenn das Gehirn den Befehl über den motorischen Kortex an die Arm- und Handmuskulatur ausgegeben hat, sich in Richtung Hals zu begeben, um dort eine kitzelnde Tätigkeit auszuführen, hat das Gehirn lange vor Eintreffen der Finger am Ort des Geschehens bereits vorausberechnet, was hier sogleich passieren wird. Treten die Vorausberechnungen dann auch tatsächlich ein, gibt das Gehirn „Entwarnung“ und das Lachen verursachende Empfinden bleibt aus. Denn das kitzlige Gefühl wäre nichts anderes als ein Alarmsignal. Dafür liegt aber kein Grund mehr vor, weil das Geschehen vom Unterbewusstsein quasi schon erwartet wurde.

Anders sieht es allerdings aus, wenn ein anderer den Hals berührt. Deren motorische Aktivitäten kann das eigene Gehirn nämlich nicht vorausberechnen und gibt deshalb aufgrund der unvorhersehbaren Ereignisse „Alarm“ und der unerwartet Berührte lacht sich halb tot.

Was hat das Ganze nun aber mit dem „Rutenwedeln“ zu tun?

Ganz einfach:

Die Aufmerksamkeit, oder besser gesagt die Art der Aufmerksamkeit – denn es gibt eine allgemeine Aufmerksamkeit und eine fokussierende Aufmerksamkeit (letztere betrifft das Konzentrieren auf eine spezielle Sache) – korrespondiert mit dem Prozess des Vorausberechnens insofern, dass wenn ein Ereignis für den Hund eine genügende Bedeutung besitzt, seine fokussierende Aufmerksamkeit aktiviert wird und ab jetzt der Versuch der Vorausberechnung sogar ins Bewusstsein übergeht. Von jetzt an wird das Geschehen von ihm nicht nur teilnahmslos und höchst gelangweilt und entspannt beobachtet, sondern das weitere Geschehen wird dem Versuch unterzogen, in seiner weiteren Entwicklung vorausberechnet zu werden. Und ein Indiz dafür ist das Bewegen der Rute. Je unsicherer sich ein Hund bezüglich der weiteren Entwicklung des Ereignisses ist und je bedeutungsvoller es für ihn ist, umso intensiver „arbeitet“ seine Rute.

Der Grad der Bedeutung ist wiederum situationsabhängig unterschiedlich. Beispielsweise erlangt ein Stock in der Hand von Frauchen in manchen Situationen eine geradezu außerordentliche Bedeutung und die Rute wedelt auf Hochtouren, wenn Bello nicht weiß und nicht vorausberechnen kann, was Frauchen wohl als nächstes mit ihm anstellen wird; und ein andermal ist dieser selbe Stock nicht einmal eines müden Blickes wert und die Rute liegt mit samt seines Besitzers gelangweilt in der Ecke.

Nun können die beschriebenen Situationen natürlich durchaus mit solchen Gefühlen wie Freude oder Angst korrelieren. Das heißt, der Hund wird wahrscheinlich ein Gefühl der Trennungsangst verbunden mit einem Kontrollverlust über die Situation empfinden, wenn Frauchen das Haus verlässt; und er wird unter Umständen herzzerreißend bellen und wild mit der Rute wedeln. Aber der Auslöser für sein Rutenwedeln ist dann nicht das Gefühl der Angst. Der Auslöser ist ausschließlich seine Unsicherheit bezüglich des weiteren Geschehens verbunden mit dem Versuch, dieses vorauszuberechnen.

Ähnlich sieht es aus mit der vermeintlichen Wiedersehensfreude, wenn Frauchen abends nach einem langen Arbeitstag endlich wieder nach Hause kommt. Das wilde und ungestüme Wedeln der Rute ist dann auch nicht im Gefühl der Freude begründet, sondern im Versuch, vorauszuberechnen, was wohl als nächstes geschieht. Denn warum sollte Bello schlagartig das Gefühl der Wiedersehensfreude abhandenkommen, sowie Frauchen Hinweise zum nächsten Geschehen gegeben hat, beispielsweise mit einem Leckerli.

Kurzum, immer wenn Bello und Co. mit der Rute wedeln, überkam sie offensichtlich kurz zuvor ein Gefühl der Unsicherheit und hält an, solange es ihren Gehirnen nicht gelungen ist, die Zukunft vorauszuberechnen zu etwas, was ihre Aufmerksamkeit begründet hat.

Nun könnte man natürlich abwinkend behaupten, dass das alles nur akademisches Theoretisieren ist und kaum Bedeutung für den Therapieversuch eines verhaltensauffälligen Hundes besitzt. Aber weit gefehlt.

Da ich bereits in vielen meiner Beiträge dargestellt und versucht habe zu beweisen, dass eine vermeintliche Aggressivität oder das Zerren an der Leine oder sonsteine Verhaltensauffälligkeit immer etwas mit einer dem Hund übertragenen Verantwortung zu tun hat, der er gerecht werden will und sich deshalb so verhält wie er sich verhält, liegt die Lösung solcher Probleme immer im Entbinden des Hundes von dieser Verantwortung. Aber dazu müssen die HundebesitzerInnen doch zunächst solche Situationen überhaupt erst einmal erkennen, in denen der Hund eine ihm übertragene Verantwortung zu erkennen gibt. Und eine sehr typische Situation ist die, wenn der Hund zerrend an der Leine vor Frauchen daherläuft, die Schnauze schnüffelnd an der Erde und die Rute steil nach oben gerichtet wild rotiert.

Dann ist ein untrügliches Zeichen für die ihm übertragene Verantwortung, neben allen anderen Indizien wie „vorne daherlaufen zerrend an der Leine“, eben genau das Rotieren der Rute. Und erst wenn man erkannt hat, dass dieses Rotieren nichts, aber auch gar nichts mit freudiger Erregtheit gepaart mit einem angeblichen Wunsch nach Kommunikation mit seinesgleichen zu tun hat, sondern ausschließlich mit der ihm übertragenen Verantwortung für beider Sicherheit und er deshalb das Territorium nach Feinden aufklärt und sein Gehirn verzweifelt versucht, das kommende Geschehen vorauszusehen, um Gefahren zu erkennen, wird man begreifen, welchem Stress man seinen Schützling eigentlich aussetzt.

Und die logisch sich daraus ergebende „Therapie“ ist dann seine Entbindung von solcher Verantwortung, deren Erfolg sich darin manifestiert, wenn Bello völlig entspannt mit ruhig nach unten gerichteter Rute neben Frauchen dahertrottelt.

Deshalb ist das korrekte Interpretieren des Rutenwedelns eben keine akademische Spinnerei.

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47. „BELLO, KOMM‘ HER! …

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Bello, kommst du her!?!  …

Donnerwetter nochmal, kommst du jetzt endlich her!“

Gottfried Herder übersetzte 1792 die lateinische Form eines aus dem 16. Jahrhundert stammenden Sprichwortes wie folgt: “Lerne schweigen, o Freund. Dem Silber gleichet die Rede, aber zu rechter Zeit Schweigen ist lauteres Gold.”

Der Volksmund machte daraus: „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“.

Was hat das Ganze mit der Hundeerziehung zu tun?

Ich habe in dem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ auch einen Passus platziert, in dem ich mich vorsichtig kritisch zum in Mode geratenen „nonverbalen Hundetraining“ geäußert habe und ein Plädoyer pro „Reden Sie mit dem Hund“ gehalten. Denn abgesehen davon, dass der Hund im Rahmen seiner Domestikation die Sprache des Menschen als dessen unverwechselbares „Markenzeichen“ nicht nur identifiziert, sondern sie sogar liebgewonnen hat und mittlerweile in einer verblüffenden Vielfalt sehr gut versteht, ist die Sprache auch ein wichtiges Mittel, dem Hund unmissverständliche Anweisungen zu geben, an denen er sich zuverlässig orientieren kann. Und letzteres ist einer der Schlüssel des Erfolges in der konfliktfreien Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Ich kann sogar sagen, dass eine mangelhafte Orientierungsmöglichkeit des Hundes an seiner Bezugsperson der Nährboden ist für seine vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten. Nur dadurch, dass der Mensch ihm keine zuverlässige Bande bietet, an die er zu seiner Korrektur anstößt, übernimmt er selbst die Verantwortung, so z.B. für seine eigene Sicherheit. Aber eben nicht nur die Gewährleistung seiner physischen Unversehrtheit durch Frauchen bietet ihm im Wortsinne Sicherheit, sondern auch die unmissverständliche Lenkung und Führung. Immer wenn es zu Missverständnissen in der Kommunikation kommt, kommt es auch zu vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten. Und zwar im doppelten Sinne. Nämlich auch in dem Sinne, dass der Mensch sogar die folgerichtige Reaktion des Hundes auf das missverständliche Verhalten des Menschen wiederum falsch interpretiert und dadurch erneut falsch reagiert.

Mit anderen Worten: Die unmissverständliche Kommunikation zwischen Mensch und Hund ist das A und O. Und deshalb sollte der Mensch die ihm von Natur aus gegebenen Mittel dazu auch nutzen.

Aber eben nicht nur das, sondern er muss sie auch korrekt nutzen. Und die Kommunikationsmittel korrekt nutzen heißt, es darf zu keinem Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Mitteln der Kommunikation untereinander kommen.

Einer der häufigsten Widersprüche lässt sich beispielsweise erkennen zwischen der Körpersprache bzw. Handlung des Menschen einerseits und seinen verbalen Äußerungen andererseits. Und nicht immer als Quelle der gestörten Kommunikation erkannt wird die mangelnde Konsequenz in Form eines nicht sofortigen, eindeutigen und energischen Reagierens des Menschen bei Nichtreagieren des Hundes auf eine verbale Anweisung.

Ein typisches Szenarium habe ich in der Kopfzeile dieses Artikels wiedergegebenen. Ein Indiz für eine ungestörte Kommunikation wäre nämlich gewesen, wenn Bello auf die allererste Anweisung „Bello, komm‘ her!“ auch reagiert hätte. Jede weitere Anweisung, ohne dass zuvor und sofort eine korrigierende Reaktion des Menschen stattgefunden hat, ist aber eine Störung der Kommunikation, an der sich der Hund nicht mehr zuverlässig orientieren kann.

Um in unserer Metapher zu bleiben, wäre also die Anweisung „Bello, komm‘ her!“ das Silber gewesen. Das anschließende Schweigen – und statt des erneuten Redens ein energisches Handeln – wäre dann das Gold.

Viele meiner KundInnen, die mich rufen, weil ihr Liebling partout nicht macht, was er machen soll, haben die Botschaft „Reden Sie mit Ihrem Hund!“ offensichtlich missverstanden und nicht bedacht, dass zu viel Reden kontraproduktiv ist. Ähnlich wie aus einer Medizin bei richtiger Dosis schnell ein Gift werden kann, wenn die Dosis zu hoch ist.

Denn führen wir das obige Beispiel noch fort:

Bello läuft also davon, was Frauchen missfällt. Ihre darauf folgende reflexartige Reaktion: „Bello, komm‘ her!“ Aber Bello denkt nicht dran, herzukommen, weil er offensichtlich in der Vergangenheit mit keiner unangenehmen Konsequenz zu rechnen hatte. „Bello, kommst du her?!“ Bello würdigt sie nicht einmal eines Blickes. Die wiederholte Anweisung klingt ja auch beinahe schon wie eine Frage. „Donnerwetter nochmal, kommst du jetzt endlich her?!!!“ Irgendwann kommt Bello dann vielleicht. Und Frauchen ist derart erleichtert, dass sie ihn sogar streichelt mit dem Gefühl der tiefen Dankbarkeit.

Für Bello stellt sich letztendlich die Situation sogar so dar, dass er für sein „tolles“ Verhalten eine streichelnde Anerkennung erfährt.

Die Lehre aus der Geschichte: Reden Sie mit ihrem Hund und geben ihm in Form unmissverständlicher Vokabularien, die immer im selben Kontext angewendet, eine zuverlässige Bande bietet wie dem Bobfahrer die Bobbahn, an der er sich sicher ins Ziel des konfliktfreien Zusammenlebens mit Ihnen bewegen kann. Aber denken Sie daran, wenn die Bande aufgrund mangelnder Härte in Form einer ausbleibenden Konsequenz nachgibt, fliegt der Bob aus der Bahn und erreicht nicht sein Ziel.

Deshalb zeige ich meinen KundInnen im Rahmen eines einzigen Trainings, wie sie dem Hund mittels einer unmissverständlichen Einheit von verbaler Anweisung und handelnder Konsequenz eine zuverlässige Orientierung bieten.

Reden Sie also mit ihrem Hund insofern, dass Sie ihm mittels der Sprache eine unmissverständliche Anweisung geben, aber „labern“ Sie ihn nicht „besoffen“, wenn er nicht sofort reagiert. Denn mit letzterem geben sie ihm keine zuverlässige Orientierung. Scherzhaft ausgedrückt, würden Sie damit höchstens einen Psychologen animieren, sie der Logorrhoe oder Polyphrasie (krankhafte Geschwätzigkeit) zu bezichtigen. Ersetzen Sie stattdessen das sinnlose Reden mit einem konsequenten Handeln. Das bietet ihrem Hund diese ultimativ notwendige zuverlässige Orientierung.

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46. SOLLTE EIN HUND IM RAHMEN SEINER ERZIEHUNG AUCH AUSGEBILDET WERDEN?

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oder

Die „Hohe Schule“ der Hundeschule

Ich ernte bekanntlich regelmäßig Kritik oder sogar Unverständnis, wenn ich immer und immer wieder Versuche in der Hundeschulung anprangere, bei denen ein Hund mittels Ausbildungsmethoden erzogen werden soll. Hier und da werde ich sogar als Nestbeschmutzer beschimpft, wenn ich einzelne meiner FachkollegInnen dieses Fehlers bezichtige. Und meine KundInnen reagieren – moderat ausgedrückt – irritiert distanziert, wenn ich auf ihre verzweifelten Schilderungen ihrer erfolglosen Hundeschulbesuche mit der, zugegeben, etwas überheblich anmutenden Aussage reagiere, dass das Scheitern in ihren Fällen doch unvermeidlich gewesen sei und dass das, was sie mir schildern, niemals zum Erfolg hätte führen können, zumindest nicht zu dem, den sie sich eigentlich vom Besuch der Hundeschule erwartet hätten. Und übrigens, wofür sie – was sie mir auf meine Nachfrage auch bestätigen – nicht wenig Geld bezahlt haben.

Denn immer, wenn mir HundebesitzerInnen die Abläufe ihrer erfolglosen und sie nicht selten regelrecht deprimierenden Hundeschulbesuche schildern – und nur von solchen wird mir ja berichtet, und auch nur auf solche bezieht sich meine Kritik – insbesondere, wenn sie mir die durch die Trainer angewendeten Methoden und Mittel erläutern, berichten sie beinahe ausschließlich von Handlungssequenzen der Trainer, die gemeinhin ausschließlich zum Repertoire der Ausbildung eines Hundes zählen sollten. Und das, obwohl man sich angeblich an die Hundeschule gewandt habe mit der ausdrücklich erklärten Absicht, den Hund von seinen ungewollten Verhaltensweisen zu befreien; also eindeutig mit der Absicht seiner Erziehung – und eben nicht seiner Ausbildung. Ergo, dem Liebling sollte nicht „Sitz, Platz und Co.“ beigebracht werden, sondern er sollte beispielsweise nicht mehr an der Leine zerren oder über seine Artgenossen herfallen.

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle eine wiederholte und von mir schon mehrfach gemachte Schilderung des wesentlichen Unterschiedes zwischen Ausbildung und Erziehung in der Hundeschulung. Auch auf die Gefahr hin, ähnlich zu erscheinen wie Professor Crey in der Feuerzangenbowle, der bei jeder unpassenden Gelegenheit auf sein Buch „Die Gerechtigkeit des Lehrers unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalten“ verwies, verweise ich trotzdem an dieser Stelle nochmal auf mein Buch „Problemhunde und ihre Therapie“, denn darin habe ich diesen Unterschied ausführlich geschildert. Insofern erspare ich mir dies an dieser Stelle. Der Extrakt sollte aber im Hinterkopf sein, da ansonsten meine weiteren Erläuterungen u.U. nicht wirklich verstanden werden.

Ich möchte dieses Thema nämlich nochmal zum Anlass nehmen, auf eine Frage einer Kundin einzugehen, die sinngemäß lautete:

„Ist denn – vor dem Hintergrund Ihrer ständigen Kritik der fälschlich angewendeten Ausbildungsmethoden – eine Ausbildung des Hundes im Rahmen seiner Erziehung generell falsch oder sogar überflüssig?“

Ein des Hundetrainings kundiger Advokat würde auf ihre Frage sicherlich antworten: „Kommt drauf an!“

In den mir überwiegend bekannten Fällen, in denen man mich ruft, um den Hund von seinem „auffälligen“ Verhalten zu befreien, müsste ich die Frage allerdings mit einem „Ja“ beantworten. Denn bei der Mehrheit dieser Fälle erübrigt sich eine die Erziehung ergänzende Ausbildung. Weil es sich bei fast allen nur um das folgerichtige Verhalten des Hundes aufgrund seiner nicht erfolgten Erziehung handelt. In der Regel sind sie sogar ganz gut ausgebildet. Anders ausgedrückt: Alle diese Hunde wurden nicht von ihrer Verantwortung entbunden und ihnen wurde dadurch ein zu großer Entscheidungsspielraum überlassen, was grundsätzlich zu einem Verhalten führt, welches viele dann als auffällig empfinden, was es in Wirklichkeit jedoch gar nicht ist. Es handelt sich bei diesen Fällen also ausschließlich um solche, bei denen die Erziehung nicht stattgefunden hat und die Notwendigkeit einer Ausbildung überhaupt nicht zur Debatte steht.

Doch um der Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit meiner Antwort auf die Frage der Kundin gerecht zu werden, müsste ich dem Advokaten insofern aber zustimmen, wie ich in meiner Antwort natürlich auch diejenigen Fälle berücksichtigt wissen will, bei denen der Hund gewollt in der Lage sein soll, in unterschiedlichen Situationen differenziert zu reagieren und ihm dafür gewollt – ein zwar sehr begrenzter aber immerhin – ein Entscheidungsspielraum überlassen wird. Und für die Nutzung dieses eng begrenzten Entscheidungsspielraumes bedarf es dann aber zusätzlich seiner Ausbildung durch Konditionierung. In diesen Fällen ist dann die Ausbildung die Ergänzung der Erziehung.

Damit betreten wir allerdings – wie man so schön sagt – die Arena der „Hohen Schule“ der Hundeschule. Und ich würde auch jedem, der nicht über das notwendige Wissen und die notwendigen einschlägigen Erfahrungen sowohl in der Hundeausbildung als auch in der Hundeerziehung verfügt, insbesondere solcher Hunde, die für die Verteidigung von Personen oder Ressourcen die notwendigen physischen Voraussetzungen mitbringen, wie beispielweise die sogenannten Listenhunde, dringend davon abraten, laienhafte Versuche zu unternehmen, diese Arena betreten zu wollen.

Gestatten Sie mir dazu ein kurzes Gedankenspiel:

Nehmen wir einmal an, eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Sohn häufig allein zu Hause weilt, weil der Mann ständig beruflich umherreist, und der nächste Nachbar nicht unbedingt in Hörweite, ängstige sich in solchen Situationen – auch aufgrund der örtlichen Gegebenheiten – und schaffe sich deshalb einen Hund an, der ihr ein sichereres Gefühl vermitteln und im „Ernstfall“ – der hoffentlich niemals eintrete – ihr und ihrem Sohn als „Alarmanlage“ und Schutz zur Seite stehen solle. Selbstverständlich habe sie sich diesbezüglich umfassend mit den §§32 StGB bzw. 227 des BGB auseinandergesetzt und kenne nicht nur ihre Rechte, sondern beherrsche gleichwohl ihre Pflichten, die sich aus der Selbstverteidigung ergeben.

Und nehmen wir des Weiteren aber auch an, ihre Intension sei nicht nur, einen Hund zu führen, der ihr und ihrem Sohn Schutz zu bieten vermag, sondern der trotzdem intra- und interspezifisch sozialisiert sei, mithin perfekt erzogen.

Mit anderen Worten, er solle auf Befehl entweder aggressiv oder fügsam sein.

Etwas ausführlicher beschrieben: Er solle einerseits auf Anweisung zwar aggressiv aber trotzdem in jeder Situation abrufbar sein und er solle andererseits alle Wesen in seiner ihn umgebenden Faune ignorieren.  

Ein solches Szenarium ist gar nicht so selten; wird aber hinsichtlich seiner Komplexität und der zwingend notwendigen Differenzierung im dazu notwendigen Training sogar von vermeintlichen Fachleuten nicht selten gar nicht oder nur vage erkannt. Denn viele HundebesitzerInnen hätten nämlich gerne einen solchen Hund, der einerseits ein „Beschützer“ sein sollte, der aber andererseits sich nicht grundlos mit jedem seiner Artgenossen in die Wolle kriegt oder andere Menschen ankläfft und auf die Nerven geht oder wie ein Wahnsinniger an der Leine zerrt.

Der Weg zu diesem Ziel ist nicht nur möglich, sondern sollte eigentlich in den genannten Fällen selbstverständlich sein. Ultimative Voraussetzung dafür ist aber das obligat einzuhaltende Prozedere und die richtigen Mittel und Methoden sowohl der Erziehung als auch der Ausbildung.

Ein ebenso zwingendes Muss ist die einzuhaltende Reihenfolge in diesem Prozedere des Trainings, nämlich die der Erziehung vor der Ausbildung. Erst wenn der Hund im Rahmen seiner Erziehung ein uneingeschränktes Vertrauen zu seinem Frauchen aufgebaut hat, darf die Ausbildung beginnen, im Rahmen derer der Hund den eng begrenzten Entscheidungsspielraum für das „Beschützen auf Anweisung“ übertragen bekommt. Das heißt aber auch: Kein Beschützen ohne Anweisung!

Die wiederum ultimative Voraussetzung für das uneingeschränkte Vertrauen ist seine konsequente Entbindung von jeglicher Verantwortung, sowohl für die seiner eigenen Sicherheit oder die von Frauchen als auch die für irgendeine Ressource. Erst wenn der Hund durch seine Erziehung davon überzeugt wurde – und nichts anderes ist seine Erziehung – dass Frauchen nicht nur willens, sondern vor allem auch in der Lage ist, für beider Sicherheit zu sorgen, darf man ihm mittels der Ausbildung einen eng begrenzten Entscheidungsspielraum übertragen, im Rahmen dessen er dann sozusagen „auf Anweisung“ agiert. Erst dann hat der Hund verinnerlicht, einen potentiellen „Feind“ nicht aufgrund Frauchens Schwäche angreifen zu müssen, sondern aufgrund der ihm in dieser Situation von Frauchen erteilten Anweisung.

Wem Zweifel daran kommen sollten, dass dem Hund diesbezüglich die kognitiven Fähigkeiten fehlen sollten, zwischen diesen beiden Situationen unterscheiden zu können, ob Frauchen aus Schwäche so handelt oder nur, weil sie ihm den Befehl dazu gibt, den kann ich beruhigen. Bello und Co. haben diese Fähigkeiten nicht nur aufgrund ihres Genoms, sondern insbesondere durch die Jahrtausende der Domestikation. Sie haben es im Rahmen der Evolution „gelernt“, dass sie von uns sowohl beschützt werden können als auch für uns auf Anweisung Aufgaben zu erfüllen haben, zu denen auch unsere Verteidigung zählt. Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite: Wenn der Mensch nicht für seinen Schutz sorgt, sorgt der Hund instinktiv selbst für seinen Schutz. Und das bezeichnen viele dann fälschlicherweise als „auffälliges“ Verhalten.

Die diesem Artikel beigefügte Videosequenz zeigt einen erst 7 Monate jungen Hund, bei dem die Erziehung bereits erfolgreich abgeschlossen wurde. Er kann somit ohne Leine von Frauchen geführt werden und genießt ihren Schutz. Alle Artgenossen und fremden Personen ignoriert er weitestgehend. Aber, wie in diesem Falle auf das Kommando „Komm rein“ (er soll zwischen die Beine von Frauchen und solange dort bleiben wie sie Druck auf seine Flanken ausübt), übernimmt er dann sozusagen auf Anweisung die Verteidigungsaufgabe. Letzteres ist das Ergebnis seiner Ausbildung. Der nächste Ausbildungsschritt könnte dann beispielsweise das Angreifen auf Anweisung sein, beispielsweise wenn der Druck auf seine Flanken nachlässt.

Aber Achtung: All diese Ausbildungssequenzen setzen zwingend die vorherige Erziehung voraus. Ansonsten wäre der Hund u.U. nur schwer oder gar nicht mehr abrufbar, wenn er seine Aufgabe nicht mehr wahrnehmen soll. Solche Situationen sehe ich nicht selten bei ausgebildeten Schutzhunden, die durch ihren Führer nur mit Mühe wieder aus einer eskalierten Situation zurückgezogen werden können. Das wäre dann zwar nicht der einzige Grund, aber es könnte einer sein.

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