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45. BABYSCHWIMMEN UND WELPENTREFFEN –

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alles

„Dummes Zeug“

Kürzlich las ich einen Beitrag in der Schweriner Volkszeitung, in dem sich der Neurobiologe Prof. Dr. Ralph Dawirs den Fragen der Journalistin Sina Wilke zum Sinn oder Unsinn von Babyschwimmen, PEKiP, Englisch im Kindergarten und sonstigen Kinderförderprogrammen äußerte.

Was PEKiP bedeutet, musste ich natürlich erst einmal ergoogeln: „Das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, das im Rahmen einer Krabbelgruppe den Prozess des Zueinanderfindens unterstützen soll und auf eine Frühförderung der Babys sowie einen Erfahrungsaustausch der Eltern abzielt.“

Der Ehrgeiz der Eltern scheint keine Grenzen zu kennen und reicht von Babymassage über Babyturnen bis hin zum frühkindlichen Faktenwissen-Training; und alles möglichst immer in Gruppen.

Bei allen angeführten Begründungen des Wissenschaftlers zum Unsinn solcher neurobiologisch sehr fragwürdigen Praktiken musste ich unwillkürlich an Welpenspielgruppen, Welpenschulen oder sonstige Welpenförderprogramme aller Art denken, die nur einen einzigen Nutzen haben: Der Anbieter verdient sehr leicht und gutes Geld.

Interessant für mich waren die Parallelitäten, die ich in den ablehnenden Begründungen erkannte zu meinen Missbilligungen, die ich vorbringe, wenn mich eine Kundin fragt, ob sie die soziale und emotionale Kompetenz ihres kleinen Schützlings nicht in einer Welpenspielgruppe fördern lassen solle.

„Delfi (ähnlicher Quatsch wie PEKiP – der Autor), Babyrhythmik oder Yoga mit Kind? ‚Dummes Zeug‘, sagt Ralph Dawirs. ‚Damit wird ein Riesen-Reibach gemacht, aber für die Entwicklung des Kindes bringt es nichts. Im Gegenteil: Es schadet ihm, weil es die Eins-zu-Eins-Bindung stört. … Und Säuglinge stören andere Säuglinge.“

Auf die Frage, was ein Baby dann stattdessen braucht, antwortet der Neurobiologe: Das Baby brauche zunächst einmal die Erfüllung seiner Bedürfnisse, die Sicherheit, nicht allein gelassen zu werden und viel Körperkontakt; also nichts anderes, als die enge Bindung zur Bezugsperson. „Hier wird der Grundstein für emotionale Kompetenz und Empathie gelegt. Hauptsache Mutter und Kind sind zusammen.“

Treffender könnte man es bezogen auf kleine Welpen kaum ausdrücken. Die Begriffe „Baby“ und „Welpe“ könnten gegeneinander ausgetauscht werden.

Auch kein Welpe braucht zu seiner Persönlichkeitsentwicklung – und schon gar nicht für seine Sozialisation, wie es von den Befürwortern immer gerne vorgebracht wird – irgendeine Begegnung mit anderen Welpen in Form von Welpentreffen aller Couleur. Der Grundstein hierfür  wird stattdessen bereits in seiner Geburtsfamilie gelegt. Und hier sollte er auch möglichst bis zu seiner neunten Woche verbleiben. Alle anderen wichtigen Erfahrungen zur Erlangung seiner intra- und interspezifischen Sozialisation sammelt er in der Eins-zu-Eins-Beziehung mit seiner Bezugsperson, mit der er im Idealfall sein Leben lang zusammenbleibt. Diese Bezugsperson gibt ihm Nähe und körperlichen Kontakt und sorgt in erster Linie für seine Sicherheit. Wenn letzteres der Fall ist, benötigt kein Welpe dieser Welt Kontakt zu anderen Hunden, um seine soziale Kompetenz zu entwickeln. Denn wozu auch? Wenn Frauchen oder Herrchen stets für die Erfüllung seiner Bedürfnisse sorgt, muss er deren Befriedigung ja nicht in der Auseinandersetzung mit seinesgleichen durchsetzen. Er kann völlig entspannt auf die Unterstützung seiner Bezugsperson setzen.

Ein untrügliches Indiz dafür, ob Frauchen oder Herrchen dieses Ziel in der Erziehung ihres Schützlings erreicht haben, ist seine Ignoranz anderen Hunden gegenüber; wenn er ihnen gegenüber ein scheinbar völliges Desinteresse an den Tag legt. Außer während der Läufigkeit.

Die Gefahr, dass ein kleiner Welpe bei einem vom Menschen organisierten „Welpen-Spiel-Treffen“ einen mentalen Schaden nimmt – beispielsweise durch ein vom Menschen kaum wahrnehmbares Mobbing innerhalb dieser sogenannten Spielgruppe – ist ungleich größer als irgendein vermeintlicher Nutzen. Diesen Schaden trägt der kleine Leidtragende aber unter Umständen sein Leben lang mit sich rum und ist der Grundstein für Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen in seinem Jugend- und Erwachsenenalter. Und ein solcher kann später nur sehr mühsam oder sogar gar nicht durch eine aufwendige Erziehung im wahrsten Sinne des Wortes lediglich „unterdrückt“ oder „überspielt“ werden.

Wesentlich sinnvoller ist stattdessen die demonstrative Übernahme seines Schutzes durch die Bezugsperson, indem diese ihm alle seine Konkurrenten, Rivalen und Feinde vom Leibe hält und sich, auch im wahrsten Sinne des Wortes, demonstrativ vor ihn stellt, wenn einer seiner Artgenossen seinen Weg kreuzt. Wenn Frauchen oder Herrchen stets in seiner Nähe sind und ihn beschützen, ist dies die beste und erfolgreichste Sozialisation, die er sich nur wünschen kann.

Denn Sozialisation bedeutet, konfliktfrei mit seinesgleichen oder anderen Spezies seiner Faune zurechtzukommen. Und die konsequenteste Form einer solchen „friedlichen Koexistenz“ ist die gegenseitige Nichtbeachtung, weil eine gegenseitige Kontaktaufnahme immer nur einem einzigen Zweck dient: Klärung der Absichten des Anderen. Wenn aber die Absichten des Anderen nicht mehr von Interesse sind, weil Frauchen oder Herrchen dies klären, zeigt kein Hund dieser Welt mehr Interesse an einem Kontakt zu einem anderen Hund. Wie gesagt, außer zum Zwecke der Replikation und Weitergabe des eigenen Genoms.

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44. DER HUND ZERRT NICHT MEHR AN DER LEINE

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oder

Die unerfüllte Sehnsucht vieler HundebesitzerInnen

Folgender Beitrag war im Netz der Facebook-Community von einer Corinna zu lesen und hat mich zu diesem Artikel motiviert.

Sie schreibt: „…trotz professioneller Hilfe und Konsequenz bis zum Erbrechen glaubt unser Monsterlabbi immer noch, wer zerrt, gewinnt. Aber ich vertraue auf das Versprechen unserer Tierärztin, die meint, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus, auch wenn es die ersten zehn Jahre nicht danach ausschaut. In diesem Sinne bleibe ich mit stoischem Optimismus gelangweilt stehen, wechsle die Laufrichtung, trainiere an der Schleppleine, belohne jedes Fußlaufen, als wäre es nobelpreisverdächtig…“

Immer wenn ich solche – zwar wie in diesem Falle, mit einem Schuss selbstironischem Humor versehen, aber doch eher verzweifelte – Äußerungen lese oder von ihnen höre, kribbelt es in mir und ich möchte es laut hinausschreien:

Warum wird seitens vermeintlicher Fachleute den ahnungslosen HundebesitzerInnen heute immer noch solch ein zum Himmel schreiender Unsinn geraten, wie sie ihre zerrenden Hunde angeblich von selbigem abhalten können?

Und aus Sicht des Hundes möchte ich noch hinterherschreien:

Warum mutet man der Kreatur Hund so lange und vollkommen unnötig eine solche psychische Belastung und fügt ihm damit ein solches Leid zu?

Wenn das Ganze ihr gegenüber auch noch als professionelle Hilfe deklariert wird, wie Corinna durch ihre Darstellung unsereins glauben lässt, ist es umso erbärmlicher.

Warum?

Ausnahmslos alle von ihr aufgezählten vermeintlichen „Umerziehungsmaßnahmen“, die man ihr offensichtlich seitens der Tierärztin oder einer Hundeschule angeraten hat, sind in Wirklichkeit absolut ungeeignete Mittel, ihren „Monsterlabbi“ vom Zerren abzuhalten. Im Gegenteil, sie dienen sogar der Konditionierung und damit der Manifestation und Verstärkung seines ungewollten Verhaltens.

Ich habe den Mut – auch wenn es wieder einmal viele meiner Kritiker auf den Plan ruft – es wie folgt auf den Punkt zu bringen:

Ein an der Leine zerrender Hund kann in wenigen Minuten zu einem völlig entspannt an der Seite von Frauchen laufenden und damit psychisch entlasteten und glücklichen Wesen erzogen werden. Und damit könnte auch Corinna in nur wenigen Minuten zu einer wahrscheinlich glücklichen Hundebesitzerin „gemacht“ werden, die auf eine Leine sogar völlig verzichten könnte.

Böswillig könnte ich behaupten, dass dies aber offensichtlich nicht im wirtschaftlichen Interesse ihrer Hundeschule ist. Denn dann würde eine zahlende Corinna ja nur ein einziges Mal kommen.

Das Schlüsselwort oder die Lösung des Problems, was aber offensichtlich auch in der Fachwelt einiger weniger meiner KollegInnen immer noch nicht durchgängig verstanden wurde, lautet:

Erziehung.

Alle von Corinna erwähnten „Gegenmaßnahmen“ wie stehen bleiben, Laufrichtung wechseln, Trainieren an der Schleppleine und insbesondere Belohnen sind aber definitiv keine geeigneten Mittel der Erziehung und damit zum Scheitern verurteilte Sinnlosigkeiten. Sie sind allesamt, wenn überhaupt, reine Ausbildungsmethoden. Mit solchen Methoden ist aber ein Hund von seinem Zerren an der Leine mit Sicherheit nicht abzuhalten. Denn davon kann ich ihn nur durch eine Erziehung abbringen. Außer, er gibt vielleicht nach über zehn Jahren aus Altersgründen auf, weil er meint, jetzt keinen Bock mehr haben zu müssen, weiterhin die Verantwortung zu tragen. Die ahnungslosen Klugscheißer würden dann aber sicherlich voller Selbstüberschätzung rufen: „Na siehst du, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus!“

Damit bin ich aber beim eigentlichen Problem. Es gibt nämlich nur einen einzigen Grund, warum ein Hund an der Leine zerrt:

Ihm wurde eine Verantwortung übertragen, bewusst oder unbewusst.

Welche, das muss und kann im Einzelfall relativ schnell eruiert werden. In der Regel ist es aber die Verantwortung für seine eigene und die Sicherheit von Frauchen bzw. Herrchen. In einigen Fällen kann es auch die Verantwortung für eine Ressource wie Haus und Hof sein. Ein guter Trainer sollte dies aber relativ schnell diagnostizieren können.

Also liegt doch eigentlich die Lösung sonnenklar auf der Hand:

Wenn der Hund nicht mehr an der Leine zerren soll, muss man ihn lediglich von seiner ihm übertragenen Verantwortung im Rahmen einer Erziehung entbinden.

Zum besseren Verständnis sollte sich aber jede(r) Hundebesitzer(in) bewusst machen, dass ein Hund aufgrund seiner genetischen Veranlagungen – mit wenigen Ausnahmen in Abhängigkeit seiner Rasse – grundsätzlich erst einmal die Verantwortung zumindest für seine eigene Sicherheit selbst übernehmen will und übernimmt, wenn man ihn nicht bewusst von selbiger entbindet. Deshalb beinhaltet jede Erziehung als erstes, ihn davon zu entbinden.

Vorausgesetzt natürlich, Frauchen oder Herrchen will es überhaupt. Wenn sie stattdessen aber einen Wachhund ihr eigen nennen wollen, ist diese Entbindung natürlich nicht notwendig.

Andernfalls aber, wenn der Schützling kein Wachhund sein soll und die Entbindung von seiner Verantwortung aber ausbleibt, wird er immer zum Zerren an der Leine neigen, um seiner Verantwortung gerecht zu werden. Denn zur Wahrnehmung dieser Verantwortung gehört nun mal, zumindest aus seiner Sicht, die Aufklärung des vor ihm befindlichen Reviers nach Konkurrenten, Wettbewerbern oder gar Feinden. Wenn ihm dann noch das verstärkende Signal „Straffe Leine“ gegeben wird, sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht zerrt.

Eine Entbindung von seiner Verantwortung erreicht man aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mittels der erwähnten Maßnahmen. Im Gegenteil. Wenn man den Hund beispielsweise an der Schleppleine laufen lässt, übergibt man ihm sogar demonstrativ die Verantwortung für seine eigene Sicherheit, die von Frauchen und sogar fürs nach Feinden und Konkurrenten aufzuklärende Revier.

Übrigens, die Absurditäten können sogar noch gesteigert werden. Wenn nämlich der Hundebesitzerin – wie ich es erst kürzlich von einer Kundin hörte – seitens vermeintlicher Fachleute obendrein noch der Rat gegeben worden sei, zum Schutze des empfindlichen Kehlkopfes, dem Hund doch wenigsten ein Hundegeschirr um den Oberkörper zu würgen, damit, wenn er schon zerre, sich selbst wenigstens keinen physischen Schaden zufüge. Wenn man das macht, sollte man sich aber des Signals bewusst sein, welches dem Hund damit gegeben wird: Der Befehl, jetzt erst recht zu zerren, weil er jetzt viel mehr Kraft entfalten kann.

Ein Hundegeschirr sollten Sie ihrem Liebling nur anlegen, wenn sie planen, mit ihm gemeinsamen einen Fallschirmsprung zu absolvieren oder er sie auf einem Schlitten durch Sibirien zerren soll.

Ich habe das Ganze etwas ausführlicher in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ beschrieben – siehe Shop.

Ich kann allen verzweifelt hinter ihrem Zerrer Herlaufenden den Mut machen, mich anzurufen. Ich verspreche Ihnen, in nur wenigen Minuten und nur einer einzigen Trainingseinheit kriegen wir das in den Griff. Und Ihr Zerrer wird anschließend – vorausgesetzt, Sie übertragen ihm nicht wieder die Verantwortung – sogar ohne Leine neben Ihnen hertrotteln. Warum? Er sieht nach seiner Erziehung und Entbindung von der Verantwortung keinen Grund mehr, vor Ihnen davonzulaufen, um nach Feinden Ausschau zu halten.

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43. DER ZEITLICHE AUFWAND EINER HUNDEERZIEHUNG

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oder

Die durchschaubare Manipulationsabsicht eines Schlagwortes

Zwei Dinge haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben.

Das erste war ein Beitrag, den ich in der Facebook-Community entdeckte, in dem eine Hundebesitzerin offensichtlich voller Freude und Glückseligkeit postete, dass sich ihr Hund nun endlich, nach „hunderten von Stunden des Trainings und Übens“, so verhalte wie sie es sich schon lange wünschte.

Welches konkrete Verhalten sie damit meinte, war leider nicht zu lesen. Aber nachdem ich mir das dazugehöre Bild, welches sie sozusagen als Beleg mit ins Netz stellte, anschaute – vorausgesetzt, ich interpretiere die Szene richtig – bestand der „Trainingserfolg“ dieses sehr langen und aufwendigen Bemühens offensichtlich darin, dass ihr Schützling jetzt einem anderen fremden Hund nicht mehr, so wie er es wahrscheinlich zuvor tat, hinterherjagte, sondern ihn nur noch aus der Distanz beobachtete.

Das zweite war eine Mail, die mir eine meiner Kundinnen schickte, in der sie zwar ihre Zufriedenheit mit dem Ergebnis meiner Arbeit äußerte, aber doch ihr Erstaunen zum Ausdruck brachte über den Preis, den ich verlangte. Dieser stand nach ihrem Empfinden offensichtlich im Widerspruch zur Kürze meines Trainings. Ich war nämlich, verglichen mit ihren bisherigen Hundeschulbesuchen, nicht sehr lange bei ihr „zu Gast“.

Die rhetorische Frage, die sich mir nun aus beiden Fällen hinsichtlich des zeitlich sehr unterschiedlichen Aufwandes für einen Trainingserfolg stellte, lautet also:

Wie lange dauert oder sollte die erfolgreiche Erziehung eines verhaltensauffälligen Hundes dauern? (Schauen Sie dazu auch einmal in mein Buch “Problemhunde und ihre Therapie” – siehe Shop)

Meine Antwort mag salomonisch anmuten:

Sie dauert solange wie der Trainer benötigt, Herrchen oder Frauchen davon zu überzeugen, was sie falsch machen und sie ihr Verhalten dem Hund gegenüber ändern.

Oder anders ausgedrückt: Die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes nimmt so viel Zeit in Anspruch wie die Befreiung von seinen Konflikten dauert. Denn seine Konflikte, die das unerwünschte Verhalten verursachen, sind begründet im falschen Interpretieren seiner Bedürfnisse durch Herrchen oder Frauchen und ihrem daraus resultierenden falschen Verhalten ihm gegenüber.

Eine „Hundeerziehung“ ist nichts anderes als das Unterfangen, die HundebesitzerInnen nicht nur von ihren Verhaltensfehlern zu überzeugen, sondern sie auch erfolgreich zu motivieren, ihr Verhalten dem Hund gegenüber sofort und konsequent abzuändern.

Deshalb ist übrigens das Verhalten des Hundes auch nur in den seltenen Fällen, in denen eine pathologische Ursache diesem zugrunde liegt, ein tatsächlich auffälliges. Und es sollte übrigens auch nur in diesen Fällen von einer Therapie gesprochen werden. Denn eine solche setzt die Diagnose eines Krankheitsbildes voraus. Alle Fälle, die mir in meiner Trainerpraxis bisher bekannt geworden sind, erfüllen dieses Kriterium jedenfalls nicht. Das „auffällige“ Verhalten meiner „Klienten“ waren ausschließlich nur vermeintliche Auffälligkeiten, also keine tatsächlichen. In allen Fällen entpuppten sie sich nur als eine durch den Menschen empfundene und als eine von ihnen fälschlicherweise so interpretierte. Der Hund hat sich nämlich in allen Fällen nur so verhalten, wie es zur Wahrung seiner Bedürfnisse notwendig und demzufolge ethologisch auch normal ist.

Selbst aggressive und durch Beißattacken auffällig gewordene Hunde, zu deren “Erziehung” ich hinzugezogen werde, sind nicht im pathologischen Sinne, oder weil sie ein schlechteres Wesen als andere hätten, auffällig. Nein, sie verhalten sich nur deshalb beispielsweise aggressiv oder sonst wie unerwünscht, weil sie offensichtlich auf anderem Wege ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, nämlich die nach Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit.

Und da die Bedürfnisse nach Nahrung und Fortpflanzung entweder als grundsätzlich befriedigt gelten können oder nur temporär wirken, reduzieren sich die meisten der genannten Fälle auf das Bedürfnis nach Sicherheit als Auslöser ihres „komischen“ Verhalten.

Will meinen: In den überwiegenden Fällen, in denen der Hund als verhaltensauffällig gilt, kann davon ausgegangen werden, dass sein Bedürfnis nach Sicherheit aus seiner Perspektive nicht erfüllt oder durch Herrchen oder Frauchen nicht gewährleistet ist. Er muss demzufolge selbst für seine Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Ressource sorgen.

Im Umkehrschluss heißt letzteres aber, dass die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes sogar innerhalb weniger Minuten möglich wäre, so es dem Trainer gelänge, Herrchen oder Frauchen innerhalb weniger Minuten verständlich zu machen, was sie falsch machen und er sie sofort und unmittelbar zum veränderten Verhalten dem Hund gegenüber motivieren könnte. Denn die logische Schlussfolgerung aus der Behauptung, der Hund verhalte sich nur aufgrund des falschen Verhaltens von Herrchen oder Frauchen „falsch“, wäre ja, dass der Hund sich, so sich das Verhalten von Herrchen oder Frauchen ändert, auch anders verhält.

Und das ist tatsächlich der Fall.

Einen ungewollten Beweis für die Richtigkeit meiner These liefern sogar meine Kritiker, die es vehement ablehnen zu glauben oder gar anzuerkennen, dass ein “verhaltensauffälliger” Hund in nur einer einzigen Trainingseinheit „therapierbar“ sei. Meine schnellen Erfolge, die sie übrigens nicht in Abrede stellen, seien deshalb aber nur scheinbare, weil der Hund sich nur in meiner Gegenwart anders verhalte als zuvor, und anschließend, wenn Herrchen oder Frauchen wieder das „Kommando“ übernehmen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in sein altes Verhaltensmuster zurückfalle; der anfänglich schnelle Trainingserfolg deshalb also kein nachhaltiger und damit auch kein wirklicher sei. Und als einprägsames und populistisch wirkungsvolles Schlagwort verwenden sie in diesem Zusammenhang zu gerne das Catchword „Trainereffekt“, mit dem sie den nur kurzfristigen Erfolg meinen, begründet zu wissen.

Abgesehen davon, dass ich den sogenannten Trainereffekt und das, was damit schlechterdings gemeint ist, bereits in einem meiner vorherigen Beiträge ad absurdum geführt und aus verhaltenstheoretischer und ethologischer Sicht widerlegt habe, ist aber der Effekt, der dabei unterstellt und auch anerkannt wird, ein Beweis dafür, dass ein Hund sich sofort und unmittelbar auf eine Veränderung des Verhaltens seiner Bezugsperson einstellt und sein Verhalten ihrem Verhalten auch sofort anpasst.

Eine Bemerkung sei mir noch gestattet zum Thema „Schlagwort“: Wenn jemand in seiner Argumentation ein solches verwendet, hat das für mich immer einen faden Beigeschmack. Es gibt dazu in der Sprachwissenschaft sogar einen Forschungszweig, der den Sinn und die Wirkung von Schlagwörtern, im Englischen  buzzwords und Französischen slogan genannt, untersucht. Schlechterdings werden sie verwendet zugunsten des Wohlklangs und zu Lasten der vermittelten Information. Ihre Verwendung ist oftmals einem manipulativen Zweck geschuldet, der die eigene Glaubwürdigkeit steigern soll. Wenn also jemand den Begriff „Trainereffekt“ verwendet, sollte man vorsichtig sein, ob derjenige nicht mangelnde Fachkenntnisse mit einer Art stellvertretendem Autoritätsbeweis beschönigen will.

Bleibt noch die Frage: Warum hat es dann im oben aus dem Facebook-Netz zitierten Fall so unendlich lange gedauert, bis der Hund sein Frauchen glücklich machte?

Ich denke, die Antwort liefert ihr mitgepostetes Foto. Es zeigt nämlich den vermeintlich „umerzogenen“ Protagonisten, wie er seinen Rivalen aus der Ferne beobachtet und dabei aber eine steil nach oben aufgerichtete Rute präsentiert.

Deshalb ist meine erste Vermutung, dass ein tatsächlicher Erziehungserfolg gar nicht vorliegt, sondern nur ein scheinbarer. Ein tatsächlicher wäre es nämlich erst dann, wenn der Hund ein erkennbares Desinteresse an seinem Rivalen demonstriert. Sowohl seine fixierende Aufmerksamkeit, die dem anderen Hund sichtlich gilt, als auch seine aufgestellte Rute lassen aber das Gegenteil vermuten.

Und meine zweite Vermutung lautet: Sein unterlassenes „Hinterherjagen“ ist nicht das Resultat seiner erfolgreichen Erziehung, sondern könnte vielmehr in einer erfolgreichen Konditionierung begründet sein, wofür auch die lange Zeitdauer bis zum vermeintlichen Erfolg spricht. Denn man kann einen Hund durchaus durch Konditionierung wie positiver Bestärkung, oder wie man es auch nennen mag, zu einem veränderten Verhalten bewegen. Dies dauert aber seine Zeit, denn sie ist durch viele Wiederholungen gekennzeichnet. Man sollte dann aber immer bedenken, dass der vermeintliche Erfolg nicht das Ergebnis seiner Erziehung ist, was es, um nachhaltig zu wirken, aber sein sollte. Es wäre dann vielmehr das Ergebnis einer Ausbildung mit Pawlow’schem Effekt. Also das Ergebnis einer Überlagerung des eigentlichen instinktiven Verhaltens durch einen ablenkenden und konditionierenden Reiz. Problematisch ist ein solcher scheinbarer Erziehungserfolg deshalb, weil die Wirkung des Reizes nicht nachlassen darf.

Übrigens ein untrügliches Indiz dafür, ob ein Training der Ausbildung und nicht der Erziehung dienen soll, ist der „Patronengürtel“ voller Leckerli. Was nicht heißen soll, dass ich den Erfolg eines Trainings mittels Leckerli in Abrede stelle. Hunde sind sogar bereit, für ein Leckerli auf einer Pfote zu tanzen oder sich sonst wie zum Affen zu machen. Aber wenn ich stolz darauf bin, dass mein Schützling, statt anderen seiner Artgenossen hinterherzujagen, brav neben mir herläuft und mich dabei ständig anblickt und ich beide Fäuste voller Leckerli habe, ist sein Verhalten mitnichten das Ergebnis einer erfolgreichen Erziehung. Wenn der Hund erfolgreich erzogen und sozialisiert ist, bedarf es keiner ablenkenden Mittel. Denn er verhält sich dann aus intrinsischen Motiven so wie er sich verhält, nicht aus extrinsischen.

Ich empfehle in solchen Fällen, in denen man sich nicht wirklich sicher ist, ob eine Erziehung mit dem Ziel der intraspezifischen Sozialisation erfolgreich war, immer einen kleinen „Aufmerksamkeits-Check“: Beobachten Sie Ihren Schützling bei einem Spaziergang in fremdem Revier dabei, wenn Sie ihn losgeleint seinen Bedürfnissen überlassen. Fängt er reflexartig an, das Revier schnüffelnd wie eine Kehrmaschine zu inhalieren und an der erstbesten Stelle mit erhobenem Hinterlauf – so es ein Rüde ist – zu markieren und schenkt jedem seiner Artgenossen zumindest eine erkennbare Aufmerksamkeit? Dann ist er noch weit entfernt vom Erziehungsziel, in anderen seiner Artgenossen keinen Konkurrenten, Rivalen oder gar Feind mehr zu sehen. Denn er klärt immer noch das Revier nach Feindesinformationen auf.

Oder aber zeigt er diesbezüglich ein völliges Desinteresse und schlendert stattdessen sichtbar entspannt mit herabgelassener Rute neben ihnen her, konzentriert sich nur auf Sie und genießt Ihre Anwesenheit? Und entleert er seine Blase auch als Rüde wie ein „Mädchen“ und nur dann, wenn es notwendig ist? Nur dann können Sie sicher sein, dass die Erziehung im Interesse seiner intraspezifischen Sozialisation von Erfolg gekrönt ist. Denn erst jetzt sieht er in anderen seiner Artgenossen keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr. Sein “Lohn”: Ein stressfreies und völlig entspanntes Leben an Ihrer Seite mit dem Genuss des Hier und Jetzt. Ein „auffälliges“ Verhalten wird er sicherlich nicht mehr an den Tag legen, denn er weiß jetzt, für seine Sicherheit sorgen Sie.

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42. WIE WIRD UND WANN IST EIN HUND SOZIALISIERT?

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oder

Die Ursachen menschlichen Fehlverhaltens

Laut Definition ist die Sozialisierung ein „Prozess der Eingliederung bzw. Anpassung des [Heranwachsenden] in die ihn umgebende Gesellschaft und Kultur. Da [er] nicht über [entsprechende] Instinkte verfügt, die sein Handeln steuern, muss er im Prozess der Sozialisation soziale Normen, Verhaltensstandards und Rollen erlernen, um ein im jeweiligen sozialen Kontext handlungsfähiges und verhaltenssicheres soziales Wesen zu werden und seine soziokulturelle Persönlichkeit zu entwickeln.“

Wenn ich diese Definition meinen Kunden, die mich wegen ihres vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes gerufen haben, vortrage und sie frage, ob diese Definition wohl auch auf den Hund zutreffe, kommt in der Regel die Antwort: „Ich denke schon.“

Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran es wohl liegen mag, dass solche Erkenntnisse, die eindeutig nur den Menschen betreffen, völlig unkritisch auch für Tiere und insbesondere Hunde als zutreffend angesehen werden.

Die Antwort liefern unter anderen die Neuro- oder auch die Kognitionswissenschaften: Das menschliche Gehirn steht nämlich vor einem Dilemma. Denn einerseits liefern ihm die Sinnesorgane nur einen winzig kleinen Bruchteil an Informationen von der realen Welt da draußen. Nehmen wir beispielsweise die visuelle Wahrnehmung: Die Retina in den Augäpfeln mit ihren Stäbchen und Zapfen kann überhaupt nur den kleinen Bereich von ca. 380 nm bis ca. 780 nm Wellenlänge der elektromagnetischen Photonen, die von der Oberfläche eines Objektes reflektiert werden, registrieren. Schon bei den angrenzenden UV- oder Infrarotbereichen ist sie hoffnungslos überfordert.  Andererseits treffen aber immerhin noch rein rechnerisch mehr als ca. 100 Mio. Sinneseindrücke pro Sekunde auf unsere „Antennen“. Selbst diese zwar objektiv sehr wenigen aber subjektiv sehr vielen kann das Gehirn noch nicht einmal ansatzweise verarbeiten. Man geht von etwa 40 dieser 100 Mio. aus. Also muss das menschliche Gehirn quasi ein Wunder vollbringen und aus dieser objektiv sehr begrenzten Anzahl an Informationen, diejenigen herausselektieren, mittels denen es dann ein zwar extrem vereinfachtes aber trotzdem noch halbwegs brauchbares Bild von der Realität produziert, um seinen „Chef“ handlungs- und entscheidungsfähig zu machen.

Dass bei dieser extremen Vereinfachung leider auch eine Vielzahl an falschen Vorstellungen oder „Abbildern“ produziert werden, nahm die Evolution großzügig in Kauf. Nach dem Motto: Lieber überhaupt eine Vorstellung als gar keine. Denn die Konsequenz wäre, nicht handeln oder entscheiden zu können. Typisches Beispiel ist die dunkle Unheil verheißende Gestalt hinter dem Gartenzaun, die sich später, nachdem man sich panikartig in Sicherheit gebracht hat, als harmlose Vogelscheuche entpuppt. Lieber einmal grundlos weggelaufen als einmal zu wenig. Denn diejenigen, die diese Reflexe nicht besaßen, gehören nicht mehr zu unserem Genpool.

Zusätzlich bedient sich das Gehirn beim Versuch, die Realität  in Form einer Vorstellung abzubilden, auch sehr gerne der Anwendung von vereinfachenden Regeln. Der englische Psychologe James Reason hat eine Reihe von Fehlertypen, die dabei auftreten, analysiert und systematisiert. Einer dieser Fehlertypen ist das Anwenden falscher Regeln oder das falsche Anwenden ansonsten richtiger Regeln. Letzteres heißt, der Mensch wendet Regeln auf Situationen fälschlicherweise an, die sich in einem anderen Kontext zwar als richtig bewährt haben, in der jetzigen Situation aber nicht passen. Ein Phänomen übrigens, das auch bei Tieren nachweisbar und offensichtlich eine zumindest beim Säugetiergehirn typische Erscheinung ist. So konnte man Kühe dabei beobachten, die wie selbstverständlich abends bei Eintritt der Dunkelheit von der Weide in ihren Stall trotteten. Gleiches taten sie aber auch, als mittags um zwölf eine Sonnenfinsternis auftrat. Eine Stunde später, als das Spektakel vorbei war, standen sie dann wie verdattert wieder vor dem Stall.

In diese Fehlerfamilie passt auch das Anwenden von Erkenntnissen, die sich zwar in der menschlichen Welt bewährt haben, aber auf die tierische oder hündische Welt nicht anwendbar sind. Ein typisches Beispiel ist der von mir schon mehrfach angesprochene Anthropomorphismus; also das vermenschlichen anderer Wesen. Eine beliebte Methode in der Märchenwelt, wenn wir an die Bremer Stadtmusikanten denken. Kinder können sich aufgrund ihrer noch stark eingeschränkten Assoziationsmöglichkeiten halt die Welt der Tiere besser vorstellen, wenn sie vermenschlicht wird.

Wenn also der Mensch Erkenntnisse aus seiner eigenen Erlebniswelt auf eine andere ihm unbekannte, in unserem Fall die der Hunde, anwendet, ist dies keine böse Absicht, sondern der Versuch, diese andere fremde unbekannte Welt besser verstehen zu können. Wenn der Mensch die Welt des Hundes nicht wirklich kennt, wendet er der Einfachheit halber seine eigene Erlebniswelt auch auf die des Hundes an. Selbst auf die Gefahr hin, sich zu irren. Denn prähistorisch hat es sich ja als Vorteil erwiesen, überhaupt eine Vorstellung zu haben als gar keine.

Die nicht sehr unwahrscheinliche Konsequenz ist dann aber auch, sich hin und wieder zu irren.

Und so passiert es, wenn beispielsweise die oben zitierte Definition der menschlichen Sozialisation eins-zu-eins auch auf den Hund angewendet wird. Denn dann läuft man Gefahr, Welpenspielgruppen, Hundespielwiesen oder sonstige Hundetreffen mit Kindergarten, Spielplatz oder Schule zu verwechseln und für etwas zu halten, was der Sozialisierung diene. Dies ist aber nicht der Fall; im Gegenteil.

Die Sozialisation des Hundes ist nämlich völlig anders begründet und verfolgt damit auch eine völlig andere Zielstellung.

Zwar lässt sich die zitierte Definition teilweise mit etwas Fantasie auf die Erziehungsmaßnahmen einer Hundefamilie adaptieren, wenn Hundevater und Hundemutter ihren Schützlingen durch Vormachen und Korrigieren ein Grundverständnis für den Überlebenskampf vermitteln und sie so auch die Grundregeln des Zusammenlebens in einem Rudel erfahren lassen; denn dafür fehlen auch ihnen die Instinkte.

Aber was heute oftmals mit der beabsichtigten Sozialisierung verbrämt wird, indem beispielsweise Welpenspielgruppen oder Hundetreffen aller Couleur in ihrer Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit mit ihr begründet werden, ist reinweg falsch.

Bedauerlicherweise wird dies auch immer wieder durch sogenannte Fernsehhundetrainer, die scheinbar eine große Vorbildwirkung haben, behauptet, dass dem kleinen Welpen im frühen Alter möglichst viele Kontakte zu seinen Artgenossen ermöglicht werden sollten, um ihn auf das spätere „harte Leben“ vorzubereiten. Oder viele Hundefreunde treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Hundetreffen und Spaziergängen, um ihren Schutzbefohlenen die Möglichkeit vielschichtiger „Kommunikationen“ zu verschaffen.

Man nehme mir mein Vokabular bitte nicht übel, aber das ist Quatsch. Und ich bringe es gerne auf den Punkt, auch wenn es für so manch einen Fan der „Hundekommunikation“, der meint, sie sei für das Wohlbefinden des Hundes unabdingbar, eine fette Kröte sein mag:

Kein Hund würde freiwillig zur Steigerung seines Wohlbefindens zu einem fremden Hund, der nicht zu seinem Rudel gehört, Kontakt aufnehmen, um sein Bedürfnis nach Kommunikation befriedigen zu wollen.

Es gibt nur eine einzige Ausnahme, die eine freiwillige Kontaktaufnahme begründet: Die Befriedigung des Bedürfnisses nach Fortpflanzung.

Alle anderen Arten von Kontaktaufnahmen, die fälschlicherweise mit seinem ihm angeblich innewohnenden Bedürfnis nach „freudebereitender Kommunikation“ begründet werden, sind unfreiwillig und nur eine Folge seines instinktiv determinierten Bedürfnisses nach Sicherheit oder Wahrnehmung einer ihm übertragenen Verantwortung.

Das heißt, ein Hund, der zu einem fremden Hund selbstständig Kontakt aufnimmt, will entweder seine Gene weitergeben oder abklären, welche Absichten der andere hegt.

Der Mensch kann dies deshalb so schwer nachvollziehen und sträubt sich offensichtlich mit Händen und Füßen gegen diese Vorstellung, weil ihm selbst im Rahmen der Evolution eine andere Sequenz ins Genom geschrieben wurde. Er ist nämlich regelrecht süchtig nach kommunikativem Kontakt zu seinen Mitmenschen, weil ihm dies im Überlebenskampf einen Vorteil geboten hat. Der Hund aber hat durch den Kontakt zu fremden Hunden keinen Vorteil. Im Gegenteil, sie sind für ihn grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Der einzige, der ihm im Überlebenskampf einen Vorteil geboten hat, war der Mensch, also sein Frauchen. Deshalb anvertraut er sich ihr auch in Form eines bedingungslosen Andienens bis hin zur Selbstopferung.

Sogar die Wissenschaft hat diesen Unterschied zwischen Mensch und Hund längst nachgewiesen. Wenn Menschen sich begegnen und sympathisch finden, schüttet das Hormonsystem zwei Bekannte aus, Dopamin und Oxytocin; bekannt als Glücks- und Kuschelhormone. Gleiches passiert im Hundegehirn, wenn er Frauchen entdeckt oder beide sich in die Augen schauen. Begegnet er aber fremden Artgenossen, kann man in seinem Urin unter Umständen Katecholamine und Cortisol nachweisen, typische Stresshormone.

Die Sozialisation bei Mensch und Hund ist deshalb nicht identisch, weil nicht nur die Zielstellungen sich voneinander unterscheiden, sondern auch der Grund.

Beim Menschen besteht das Ziel seiner Sozialisation im Kennenlernen und Beherrschen von Regeln, um sozial verträglich miteinander klar zu kommen, um die Vorteile des gemeinsamen Zusammenlebens nutzen zu können. Der Mensch hatte dadurch einen Vorteil im Überlebenskampf, wenn er sich in Gruppen zusammentat. Und der Grund, warum er diese Regeln im Rahmen der Sozialisation erst erlernen muss, liegt in seinen fehlenden Instinkten.

Völlig anders sieht es beim Hund aus. Das Ziel seiner Sozialisation besteht eben nicht in seiner Befähigung zum sozial verträglichen gemeinschaftlichen Zusammenleben mit Fremden, um deren Vorteil im Überlebenskampf zu nutzen. Bei ihm besteht vielmehr das Ziel der Sozialisation darin, ihn von seiner Verantwortung für die eigene oder anderer Sicherheit zu entbinden, weil nur in der Wahrnehmung dieser Verantwortung sein Interesse begründet ist, Kontakt zu fremden Hunden aufzunehmen, bei der es dann unter Umständen zu Aggressionen kommen kann. Wie gesagt, mit einer Ausnahme: Seine Replikationsabsicht.

Wenn beim Menschen die Sozialisation in der Definition mit den fehlenden Instinkten begründet wird, muss sie beim Hund mit ihrem Vorhandensein begründet werden. Das ist ein wesentlicher Unterschied, ob der Mensch aufgrund fehlender Instinkte etwas erlernen muss oder ob der Hund aufgrund vorhandener Instinkte etwas, was er aufgrund dieser Instinkte machen würde, unterlassensoll. Beides ist aber mit dem Begriff Sozialisation belegt.

Der Mensch muss im Gegensatz zum Hund nicht von Urinstinkten befreit werden, die ihn ansonsten sozial unverträglich machen (außer in pathologisch begründeten Fällen), sondern er muss Regeln lernen, die er aufgrund fehlender Instinkte noch nicht kennt. Der Hund aber muss von instinktiv determiniertem Verhalten befreit werden. Und dazu bedarf es keiner sozialen Kontakte zu fremden Hunden.

Der Hund ist im Gegensatz zum Menschen – natürlich graduell unterschiedlich in Abhängigkeit seiner Zuchthistorie – mit Anlagen ausgestattet, die ihn in einer Konkurrenzsituation, in der es von Feinden und Rivalen nur so wimmelt, zurechtkommen lassen. Wir nennen sie das agonistische Verhaltensrepertoire. Wenn wir an all die Hunde denken, bei denen wir aggressive Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Beißattacken auch gegenüber dem Menschen registrieren, müssen wir nicht nur von ihrer Existenz ausgehen, sondern im Gegenteil, wir sollten bedenken, dass diese Anlagen sogar zielgerichtet vom Menschen im Rahmen ihrer Züchtung selektiv verstärkt wurden. Beispielsweise um Haus und Hof zu verteidigen.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Der Hund ist durch die Domestikation mit einer Anlage „ausgestattet“ worden, die ihn nicht nur befähigt, sondern geradezu danach streben lässt, sich und sein Frauchen ständig beschützen und verteidigen zu wollen. Demnach muss ihm diese Aufgabe gar nicht erst durch Training oder Ausbildung übertragen werden; im Gegenteil, es ist bereits als Urinstinkt vorhanden.

Nun wäre das alles überhaupt kein Problem, wenn dem Hund, der mit diesen Veranlagungen auf die Welt gekommen ist, auch eine adäquate Aufgabe übertragen werden würde. Das heißt, wenn ein Schäferhund hüten und bewachen oder ein Bull Terrier Kinder beschützen sollte. Denn bemerkenswerterweise spricht kein Mensch bei einem typischen Wachhund, dem auch tatsächlich die Aufgabe zur Bewachung eines Grundstückes übertragen wurde, von seiner notwendigen Sozialisierung. Aber das Übertragen einer adäquaten Aufgabe entsprechend seiner Züchtung ist heutzutage kaum noch der Fall bzw. meistens sogar unerwünscht. Die Liste der Hunde mit ihren angezüchteten unterschiedlichen Fähigkeiten ist bekanntermaßen sehr lang. Aber wenn ich mir die faktischen Aufgaben der Hunde anschaue, zu deren Therapie ich gerufen werden, weil sie vermeintlich verhaltensauffällig sind, und diese mit den ihnen im Rahmen der Rassezucht mitgegebenen wie zwei Blaupausen versuche aufeinanderzulegen, stimmt keines davon überein. In der Regel wird heute ein Großteil der Hunde nicht mehr entsprechend ihrer Fähigkeiten angeschafft, sondern vorwiegend als Begleithund oder gar als eine Art sozialer Ersatz. Er soll heute dem Menschen als Partner dienen, der den Alltag verschönert und zu gemeinsamem Spiel und Spaß motiviert.

Die notwendige Konsequenz ist, wenn der Hund nicht mehr die ihm eigentlich angezüchteten Fähigkeiten nutzen soll, dass ihm demonstrativ gezeigt werden muss, dass er diese Aufgaben nicht mehr hat. Er muss also durch Sozialisation von seinen Aufgaben, die er instinktiv determiniert wahrnehmen will, entbunden werden.

Im Ergebnis einer erfolgreichen Sozialisation wird der Hund alle anderen fremden Hunde ignorieren und ab sofort keinerlei Interesse mehr an ihnen zeigen. Denn warum auch? Sie sind ab sofort keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr. Das ist sowohl der Grund als auch das Ziel seiner Sozialisation.

Demzufolge ist die Sozialisierung des Hundes nicht seine Gewöhnung an fremde Hunde, um mit ihnen in einer Art friedlichen Koexistenz zusammenzuleben, sondern die Entbindung von seiner Verantwortung, die er instinktiv übernehmen würde, wenn man ihn davon nicht bewusst befreit. Ob sie erreicht ist, lässt sich unschwer daran messen, ob er Fremde ignoriert. Rennt er allerdings bei einem Hundetreffen oder auf der Hundespielwiese vermeintlich freudig erregt auf sie zu, ist er von seiner Sozialisierung noch weit entfernt.

Eine abschließende und positive Nachricht für alle Skeptiker, die an der Machbarkeit einer solchen Sozialisierung zweifeln, habe ich noch:

Was nämlich den Hund wesentlich von seinem Urvater, dem Wolf, unterscheidet, ist seine relativ widerspruchslose Bereitschaft, die Verantwortung für seine eigene Sicherheit in die Hände von Frauchen oder Herrchen zu legen. Ein Wolf hingegen wird kaum seinem Betreuer, selbst wenn er ihn per Flasche aufgezogen haben sollte, die Verantwortung für seine eigene Sicherheit anvertrauen. Der Hund sieht das aber relativ entspannt, denn es ist ihm seit über 30.000 Jahre demonstriert worden, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, ihn nicht nur zu ernähren, sondern ihn sogar zu beschützen. Im Gegenzug erfüllt er ihm alle möglichen und unmöglichen Aufgaben.

Allerdings ist dieses Anvertrauen der eigenen Sicherheit in die Verantwortung des Menschen kein Selbstläufer. Zunächst einmal, wenn ihm diese Verantwortung nicht demonstrativ abgenommen wird, sieht er sich grundsätzlich in der Eigenverantwortung und strebt instinktiv selbst nach Schutz der eigenen Unversehrtheit. Im Rahmen der Sozialisation muss und kann dieser Instinkt aber in relativ kurzen Erziehungseinheiten in seiner Wirkung unterdrückt werden. Und seine Bereitschaft wird mit einem völlig entspannten Leben an der Seite von Frauchen honoriert. Stress ist für den Hund ab sofort ein Fremdwort. Und sollte ein Vertreter seiner Artgenossen seinen Weg kreuzen, wird er allenfalls höchst gelangweilt die Augenbrauen heben. Außer die Schönheit kokettiert mit Läufigkeit.

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41. VERURSACHT BESTRAFUNG BEI DER ERZIEHUNG VERHALTENSAUFFÄLLIGER HUNDE TATSÄCHLICH FRUSTRATION?

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oder

Ein weiteres Beispiel für den Leim des Anthropomorphismus

Auf meinen vorherigen Beitrag, in dem ich auf die Erziehung von Hunden eingegangen bin, denen teilweise schwere Beißattacken auch gegenüber Menschen zur Last gelegt werden, reagierte eine Leserin mit der Meinung, dass Gewalt oder Bestrafung beim Hund Gegengewalt bzw. Frustration erzeuge und sie selbige deshalb ablehne.

Ich habe sogar Verständnis dafür, wenn jemand instinktiv geneigt ist, dieser Aussage sofort zuzustimmen. Insbesondere wenn er oder sie sich gedanklich gerade in unserer gesellschaftspolitischen Welt, also der der Menschen, befindet.

Aber ist diese Weisheit der Kausalität von Bestrafung und Frustration auch so einfach anzuwenden auf die Welt der Hundeerziehung? Ich meine, nein. Denn nicht einmal in der humanen Welt ist sie so eineindeutig, wenn man bedenkt, dass selbst da das Gefühl der Frustration immer durch das Element der zumindest gefühlten Ungerechtigkeit bedingt ist. Fehlt dieses Element, ist selbst da der Frust nach einer Bestrafung nicht obligat. Auch wenn diese Weisheit lieb gemeint ist und scheinbar in den Zeitgeist passt, wonach vermeintliche Erziehungsmethoden mit „positiver Bestärkung“ o.ä. Hochkonjunktur zu haben scheinen, sie ist nicht so einfach anwendbar. Nicht nur Laien, bewusst oder unbewusst, projizieren immer wieder unberechtigt den Maßstab der humanen Welt auch auf die Welt der Kaniden und werden dadurch – oftmals sicherlich unwillentlich – „Opfer“ des Anthropomorphismus und gehen diesem auf den Leim. Das „Vermenschlichen“ des Hundes ist übrigens eine der wichtigsten Gründe, wenn nicht sogar der wichtigste, für das Missverstehen zwischen Mensch und Hund (siehe dazu auch mein Buch „Problemhunde und ihre Therapie“).

Wir sollten uns aber immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Erkenntnisse aus der Erziehungswissenschaft des Menschen, insbesondere natürlich die der Kinder, nicht eins zu eins auch auf die Welt des Hundes angewendet werden können und dürfen.

Denn zunächst einmal sollten wir uns vergegenwärtigen und akzeptieren – selbst wenn es nicht in die Welt des modernen und aufgeklärten Menschen passt: Bestrafungen, Sanktionen oder Korrekturen sind in der animalischen Welt völlig legitime und selbstverständliche Mittel der Erziehung. Selbst wenn einige dieser Mittel sogar Elemente von Gewalt enthalten. Man kann sogar sagen, dass eine Erziehung ohne diese Mittel in einer Familie der Kaniden ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Wie wollten ansonsten Hundemutter und Hundevater ihren Schützlingen die Welt erklären und ihnen die notwendigen Regeln für ein erfolgreiches Überleben vermitteln? Sie haben nur zwei Möglichkeiten: Vormachen und Korrigieren. Verbale Erklärungen, Erläuterungen oder gar meinungsbildende Diskussionen als Mittel der Erkenntnisfindung gehören bekanntermaßen nicht zu ihrem Repertoire. Und Leckerli als Mittel der Erziehung kennen sie schon mal gar nicht. Die hat sich nur der Mensch als probates Mittel zur Ausbildung von Hunden oder anderen Tieren einfallen lassen, um ihnen irgendwelche Tricks wie das Tanzen auf zwei Pfoten beizubringen; wo sie übrigens auch völlig legitim sind. Als Mittel der Erziehung sind selbst sie aber ungeeignet und haben hier auch nichts zu suchen.

Vielleicht liegt die Ablehnung dieser Vorstellung auch in der Assoziation begründet, die der Begriff „Gewalt“ in unserem cerebralen Cortex produziert. In meinem Beitrag, auf den sich die eingangs erwähnte Leserinnen-Kritik bezieht, habe ich auch bewusst den Begriff „Gewalt“ verwendet. Nicht nur, um eine Diskussion zu provozieren, sondern auch um deutlich zu machen, dass die meisten Mittel der Korrektur durchaus Merkmale von Gewalt enthalten. Aber bitte unterstelle man deshalb nicht, dass die hier gemeinte Gewalt grundsätzlich gleichbedeutend wäre mit Schlägen oder Tritten. Eine solche Gewalt ist von mir auch überhaupt nicht grundsätzlich gemeint gewesen. Aber ein kräftiger Ruck an der Leine beispielsweise trägt eben auch Züge von Gewalt. Deshalb müssen auch solche Mittel mit dem Begriff „Gewalt“ belegt werden dürfen, ohne dass man dabei gleich vor Scham im Boden versinken müsste.

Aber nun zur eigentlichen und eingangs erwähnten Frage: Verursacht Bestrafung – die auch Züge von Gewalt in sich tragen kann – grundsätzlich Gegengewalt oder Frustration?

Um die Antwort nicht zu verkomplizieren, beschränke ich mich in der Beschreibung auf die Frustration. Sinngemäß gilt es aber auch für die Gegengewalt.

Zunächst müssen wir uns die Definition von Frustration anschauen:

Ich zitiere dazu einen Passus aus dem Lexikon der Psychologie: „Frustration bezeichnete zunächst in psychoanalytischem Kontext das emotionale Resultat einer verhinderten Triebreduktion … und schuf dadurch einen ersten engen Bezug zur Aggression. Allgemein- bzw. alltagspsychologisch verwendet beschreibt Frustration hingegen das komplexe Erlebnis einer wirklich erlittenen oder auch nur als solcher wahrgenommenen Benachteiligung. Dies rückt Frustration … in die Nähe sozialpsychologischer Ansätze der (Un-) Gerechtigkeit und birgt andererseits eine Verbindung zum motivationspsychologischen Begriff der Erwartung.“

Da sich diese Definition auch wieder nur auf den Menschen bezieht, müssten wir eigentlich erst einmal diskutieren, ob sie auch auf den Hund anwendbar ist. Dies verkneife ich mir aus zwei Gründen der Einfachheit halber, weil zum einen auch beim Hund tatsächlich Anzeichen von Frustration, die mit dem menschlichen Empfinden vergleichbar zu sein scheint, beobachtet werden können. Insbesondere durch Abreaktionen sind diese erkennbar. Und zum anderen würde uns eine solche Grundsatzdiskussion nicht wirklich bei der Klärung des eigentlichen Problems helfen. Allerdings müsste das Zutreffen des zweiten Teils der oben zitierten Definition schon diskutiert werden. Denn aus ihm geht ein Moralaspekt der Frustration hervor. Das bedeutet, wir müssten klären, ob auch Hunde Moralkriterien kennen. Bei Primaten sind sie eindeutig belegt. Bei Hunden kann man sie bisher nur vermuten oder allenfalls vage belegen. Deshalb lasse ich diesen Aspekt an dieser Stelle beiseite und konzentriere mich auf den ersten Teil der Definition: „… das Resultat einer verhinderten Triebreduktion …“. Denn dies reicht aus zur Erklärung des Problems.

Das Gefühl der Frustration entsteht demzufolge dann, wenn der Hund den Trieb, dem er in einer bestimmten Situation folgt, nicht abbauen bzw. reduzieren kann. Denn im Ergebnis einer von Trieben gesteuerten Handlung soll immer deren Befriedigung stehen. Wenn nicht, kommt es zur Frustration.

Also gilt es zunächst zu klären, von welchen Trieben wir im hiesigen Kontext eigentlich sprechen bzw. ich in meinem vorherigen Beitrag gesprochen habe? Es geht und ging nämlich um die Befriedigung des Bedürfnisses des Hundes nach seiner eigenen Sicherheit bzw. die seines Herrchens oder Frauchens oder irgendeiner Ressource, für die er bewusst oder unbewusst die Verantwortung übertragen bekommen hat. Gleiches gilt auch für irgendeine ihm übertragene Aufgabe wie beispielsweise das Beschützen oder Behüten.

Wenn nun der Hund, wie ich beschrieben habe, in seiner unerwünschten Handlungsabsicht oder nach einer unerwünschten Handlung korrigiert wird, entweder durch eine Bestrafung oder Sanktion, kann es nur zu einem Gefühl der Frustration kommen, wenn nicht simultan eine Triebreduktion stattfindet. Und wer meinen Text aufmerksam gelesen hat, wird sich erinnern, dass ich ausdrücklich darauf hingewiesen habe, dass eine Korrektur oder Sanktion nur dann sinnvoll ist, wenn dem Hund gleichzeitig der Grund für sein beabsichtigtes oder tatsächliches Handeln genommen wird. Und indem ihm der Grund genommen wird, wird ihm quasi auch der Trieb “genommen”.

Insofern wäre es doch absurd zu behaupten, ein Hund empfinde Frustration, obwohl ihm der Trieb, den er befriedigen bzw. reduzieren wollte, „abhandengekommen“ ist.

Wird ein Hund allerdings bestraft oder ihm gegenüber Gewalt angewendet, ohne dass ihm der Grund für sein unerwünschtes Verhalten genommen wird, er also weiterhin noch den Trieb besitzt, kommt es tatsächlich zu Reaktionen, die sich seinerseits in Frustration oder sogar in einer Art Gegengewalt offenbart. Denn er fühlt sich zu „Unrecht“ bestraft (ob der Begriff „Unrecht“ in der hündischen Welt verwendet werden kann, müsste ebenfalls diskutiert werden, denn laut Definition bedingt er einen sozialpsychologischen Moralaspekt; zumindest aber kommt der Hund in einen Konflikt, wenn die Bestrafung für ihn nicht logisch ist und im Widerspruch zu seiner ihm übertragenen Aufgabe steht).

Wenn also beide „Maßnahmen“ grundsätzlich gleichzeitig stattfinden, 1. die Korrektur (bzw. Bestrafung) und 2. die Entbindung von der Verantwortung, ginge es, salopp ausgedrückt, mit dem Teufel zu, wenn der Hund trotzdem noch „wütend“ werden sollte. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher: Entbindet man ihn seiner Verantwortung, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von nun an regelrecht entspannt und relaxt neben Frauchen dahertrotteln und schon gar nicht auf die Idee kommen, fremde Kinder attackieren zu wollen. Warum auch? Wenn Frauchen selbst für ihre und sogar seine Sicherheit sorgt, warum soll er dann selbst noch diesen „Stress“ auf sich nehmen.

Somit will ich abschließend noch einmal das in meinem vorherigen Text gegebene Statement wiederholen und bekräftigen:

Sollte ein Hund einem kleinen Kind gegenüber auch nur das kleinste Zeichen von Aggressionen zeigen – und dazu gehören schon das Knurren oder alle übrigen Indizien seiner Körpersprache, die bedauerlicherweise oftmals vom Laien gar nicht erkannt werden – muss ihm sofort, unmittelbar und kompromisslos durch eine energische Korrektur (Sanktion oder Bestrafung, die auch weh tun darf) demonstriert werden, dass dies für ihn ein absolutes „No Go“ ist. Allerdings muss ihm simultan zwingend!!! und demonstrativ der Grund für seine Aggression genommen werden. Denn er ist nicht grundlos aggressiv. Es gibt keinen Trieb ohne Grund oder Auslöser. Und dazu bedarf es einer Analyse hinsichtlich der ihm bewusst oder unbewusst übertragenen Verantwortungen. Denn der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Beseitigung des Grundes für die Aggression. Nur ein Hund, dem die Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder die seines „Rudels“ oder die einer Ressource übertragen wurde, entwickelt Aggressionen. Denn diese zählen zu seinem natürlichen agonistischen Verhaltensrepertoire. Insofern gebe ich auch niemals dem Hund die „Schuld“ für seine Attacken. Die tatsächliche „Schuld“ lastet auf Herrchen oder Frauchen, die ihm – meistens unbewusst – eine Verantwortung übertragen haben, der er nur gerecht werden will.

Eine abschließende Bemerkung kann ich mir aber nicht verkneifen:

Man sollte sich bei der Beurteilung oder Bewertung von Erziehungsmaßnahmen, bevor man sie sofort in Bausch und Bogen verurteilt und ablehnt, auch immer mal wieder vor Augen halten, wie man sich als HundebesitzerIn gegenüber einer jungen Familie rechtfertigen wollte, deren kleines vierjähriges Kind durch den Hund bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Ob man dann auch diesen Eltern gegenüber den Mut aufbringen würde zu sagen, es tue einem zwar Leid, was dem Kind wiederfahren sei, aber Gewalt oder Bestrafung lehne man in der Erziehung seines Hundes kategorisch ab?

Ich würde auch allen Kritikern, die so vehement das Mittel der Bestrafung verurteilen und dabei auch immer gerne die Keule der Moral schwingen, zu gerne die Begleitung eines Amtstierarztes ans Herz legen, wenn dieser dem oder der  betreffenden HundebesitzerIn die Konsequenzen der Beißattacke ihres Hundes klar macht und nicht selten die Einschläferung als Option in Erwägung zieht.

Ist es da nicht sogar moralisch die bessere Option, auch oder insbesondere im Interesse des Tieres, im Rahmen seiner konsequenten Korrektur – auch unter Nutzung bestrafender Methoden, die durchaus auch mit Schmerz korrelieren – dem Ganzen ein Ende zu bereiten, in dessen Ergebnis der Hund erfahrungsgemäß in einer völligen Entspanntheit sein weiteres Leben genießen darf? Denn – auch wenn ich mich wiederhole – die korrekte und von mir gemeinte Korrektur wird immer flankiert durch die Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Eine andere Art der Bestrafung habe ich auch nie gemeint, auch wenn man dies gerne in meine Texte hineinlesen möchte.

Wenn mein Hund – und ich liebe ihn sehr – einem fremden Kind Leid zufügen würde, würde ich ihm sicherlich sogar sehr wehtun. Allein schon aus Scham den Eltern gegenüber. Allerdings müsste ich mir dann auch eingestehen, bei der bisherigen Erziehung meines Hundes völlig versagt zu haben.

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40. DIE ENERGISCHE KORREKTUR

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versus

Ressentiments der Moralapostel

Ein Reizthema ist nach wie vor die Erziehung durch Anwendung von Gewalt. Sogar Papst Franziskus hat hierzu seinen heftig umstrittenen Beitrag geleistet, als er auf die Aussage eines Vaters, dass er seine Kinder manchmal ein bisschen schlage, antwortete: „Wie schön“.

Ich rede hier zwar nicht von der Erziehung der Kinder, sondern im Gegenteil, von der der Hunde. Doch auch da ist die Anwendung von Gewalt bei so manch einem ein absolutes „No-Go“. Ganz zu schweigen von den medialen Angriffen und ganzen Foren im Netz gegen einen Cesar Millan und seinen heftig kritisierten Erziehungsmethoden.

Zur thematischen Einschränkung und zum besseren Verständnis meiner Position ist es notwendig, dass ich die Erziehungsfälle, von denen ich hier rede, sehr konkret benenne. Denn nur von diesen und ähnlich gelagerten Fällen rede ich und von keinen anderen. Ich rede nicht von Oma Hedwigs Schoßhund, der jeden Fremden mit seinem ohrenbetäubenden Kläffen belästigt und wie ein Wahnsinniger an der Leine zerrt, als wolle er flüchten.

Sondern bei den Fällen, von denen ich hier spreche, handelt es sich um Beißvorfälle, die nach meiner festen Überzeugung hätten verhindert werden können, wenn die HundebesitzerInnen bereits bei den ersten signifikanten Verhaltenssymptomen ihrer Hunde adäquat und konsequent reagiert hätten. Was sie aber offensichtlich nicht taten, weil irgendwelche selbsternannten Moralapostel ihnen erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeredet haben. Interessant war, dass die Auswertung aller Fälle ein einheitliches Bild über die Einstellung der HundebesitzerInnen zur Erziehung ihrer Hunde unter Anwendung von Gewalt ergaben: Alle gaben an, diese abzulehnen, um dem Hund nicht weh zu tun oder sogar, ihn nicht zu erniedrigen.

Um welche Fälle handelt es sich?

Ich verzichte im Folgenden bewusst auf die Nennung der jeweiligen Hunderasse, weil nach meinen Erfahrungen diese nur sehr eingeschränkt kausal mit dem konkreten Vorfall in Verbindung stehen. Sicherlich hat die Größe und Rasse etwas mit dem Verhalten und vor allem mit deren Folgen zu tun. Aber die Nennung der Rasse würde von der eigentlichen Ursache sehr schnell ablenken und den Laien veranlassen, voreingenommen der eigentlichen Ursachenanalyse aus dem Wege zu gehen und zu behaupten: „Na typisch, das ist doch klar, dass diese Bestien unberechenbar sind.“ Aber ob ein Hund beißt oder nicht, ist kein Resultat eines genetischen Programmiercodes in Abhängigkeit seiner Zuchthistorie.

Es handelt sich um Fälle mit sehr unterschiedlichen Hunderassen. In einem Fall biss die Hündin, die bereits mehrere Jahre bei dem Ehepaar lebte, in Gegenwart des Ehemannes der Ehefrau in den Unterarm. Im anderen Fall verbiss sich das Tier, ein Rüde, in den Rücken eines vierjährigen fremden Kindes und verletzte es schwer. In einem weiteren Fall attackierte der Hund ein dreijähriges Kind in der eigenen Familie und entstellte es derart, dass das Kind nicht nur physische sondern vor allem psychische Folgeschäden davontrug. Und in einem Fall bissen zwei im Rudel lebende Hunde einen fremden Hund, der auf sie zu rannte, in Folge dessen dieser eingeschläfert werden musste. Die Liste solcher Vorfälle ließe sich weit und lang fortsetzen. Ich will mit diesen wenigen nur auf die Art und Schwere der von mir gemeinten Aggressionen hinweisen.

Und nun versuche man sich einmal vorzustellen, in solchen Situationen bei der Mutter oder dem Vater eines drei-, vier- oder fünfjährigen Kindes, das durch eine Hundeattacke schwer verletzt wurde, um Verständnis bitten zu wollen, dass sie doch einsehen mögen, dass man einen Hund mittels Strafe nicht erziehen dürfe, denn das tue ihm doch weh oder erniedrige ihn. Würde ein Hund meinem kleinen Sohn so etwas angetan haben, würde ich ihm auf der Stelle sehr wehtun und erniedrigen. Und das, obwohl mir Hunde und ihr artgerechtes Wohlergehen sehr am Herzen liegen; ansonsten würde ich meinen Job wohl auch nicht machen können.

Bevor ich die aus meiner Sicht einzige effiziente und nachhaltige Erziehungsmaßnahme zur Vermeidung aggressiven und beißwütigen Verhaltens von Hunden beschreibe, müssen wir zunächst die Gründe für ihre Aggressionen verstehen. Denn im Umkehrschluss ist die Beseitigung dieser Gründe der Schlüssel zum Erfolg und erfahrungsgemäß die Voraussetzung, die Möglichkeiten ihres Vermeidens oder Beseitigens auch zu akzeptieren.

Wenn wir die pathologisch begründeten Aggressionen einmal vernachlässigen und außer Acht lassen, reduziert sich die auslösende Situation für aggressives Verhaltens immer auf drei Bedingungen, die gleichzeitig in dieser Situation bestehen oder da sein müssen:

  1. Bedingung: Der Hund fühlt sich selbst für seine Sicherheit verantwortlich oder ihm wurde diese Verantwortung übertragen und genießt nicht den Schutz des Besitzers bzw. der Besitzerin. Dazu zählt auch die Verantwortung für die Sicherheit anderer Tiere oder Menschen oder das Revier oder irgendeine Ressource. Dabei spielt es natürlich keine Rolle, ob ihm diese Verantwortung willentlich oder unbewusst durch die HundebesitzerInnen übertragen wurde. Meine Erfahrungen belegen aber, dass diese Verantwortungsübertragung meistens unbewusst geschieht, denn wenn ich in solchen Fällen die BesitzerInnen darauf anspreche, diese mit Unverständnis reagieren und mir entgegnen, dass sie dies nicht bewusst getan hätten.
  2. Bedingung: Der Hund fühlt sich akut in der konkreten Situation in seiner Sicherheit bedroht oder sieht die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen als akut bedroht an. Zugegebenermaßen ist dies zu identifizieren bei der Ursachenanalyse die schwierigste Herausforderung. Denn dazu bedarf es immer der Kenntnis seiner „Geschichte“ oder Lebensumstände. So war es beispielsweise in einem der oben genannten Fälle die psychische Erkrankung der Ehefrau, die durch ihr „unnormales“ Verhalten für den Hund eine Bedrohung darstellte und der Ehemann, der die eigentliche Bezugsperson für den Hund war, ihm offensichtlich nicht das Gefühl vermittelt hat, ihm genügend Schutz zu bieten. Auch Kinder hinterlassen durch ihr oftmals unberechenbares Verhalten oder Reagieren beim Hund den Eindruck, seine Sicherheit oder die seiner Ressource zu gefährden. Fatalerweise kommt hier noch hinzu, dass Kinder die Drohsignale des Hundes als Freundlichkeit fehlinterpretieren.
  3. Bedingung: Ihm wurde ein zu großer Entscheidungsspielraum überlassen oder zugestanden, indem ihm im Rahmen der Erziehung oder Sozialisierung bisher keine Grenzen oder gar Tabus gesetzt wurden, an denen er das Nutzen seines agonistischen Verhaltensrepertoires ausrichten kann. Dieser Punkt korreliert direkt mit dem erstgenannten und ist mit ihm teilweise identisch. Denn das Übertragen einer Verantwortung geht immer einher mit dem Übertragen eines dazugehörigen Entscheidungsspielraums. Diesen Zusammenhang habe ich auch in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ beschrieben. Auch deshalb ist hier oftmals die Irritation der HundebesitzerInnen groß, wenn ich sie darauf anspreche und ihnen erkläre, dass sie offensichtlich dem Hund den Entscheidungsspielraum überlassen hätten, sein agonistisches Verhaltensrepertoire auszunutzen, wozu auch seine Aggressionen einschließlich das Beißen zählen. Denn wie soll er ansonsten seiner ihm übertragenen Verantwortung gerecht werden. Das wäre ja vergleichbar mit einem Polizisten, den man all seiner hoheitlichen Mittel beraubt hätte.

Wenn einem diese drei Rahmenbedingungen als Voraussetzung für eine Beißattacke oder irgendeine sonstige Aggression bewusst geworden sind, lässt sich auch leicht die Erziehungsmethode verstehen, mittels derer der Hund im Rahmen seiner Sozialisierung oder Resozialisierung zu einem friedfertigen Wesen gemacht werden kann.

Und die positive Nachricht: Es bedarf keinerlei langwieriger Konditionierungsverfahren oder Übungen, sondern in der Regel nur einiger weniger Korrekturen. Allerdings müssen diese nicht nur konsequent sondern vor allem auch demonstrativ energisch erfolgen. Dazu muss man natürlich auch akzeptieren, dass solche modern gewordenen und mit wunderschön klingenden Namen verbrämten aber zum Scheitern verurteilten Methoden wie „positive Bestärkung“ oder das Reichen von Leckerli oder sonstige Firlefanz-Ablenkungsmanöver hier völlig fehl am Platze sind.  Stattdessen muss konsequent und energisch gehandelt werden:

  1. Man entbindet den Hund kompromisslos von der Verantwortung und bietet ihm simultan in allen Lebenssituationen einen demonstrativen Schutz. Dazu gehört zum Beispiel das energische Verweisen des Hundes hinter oder wenigstens neben sich. Und das insbesondere in Situationen, in denen andere Personen oder Artgenossen auftauchen. Der Grundsatz muss lauten: „Ich als HundebesitzerIn befinde mich immer zwischen der Gefahr und meinem Hund – niemals dahinter!“ Das konterkarierende Gegenteil wäre, den Hund an der „langen Leine“ vor sich herlaufen zu lassen und ihn dadurch schon objektiv immer als ersten mit der Gefahr oder Bedrohung zu konfrontieren, während ich mich gesichert hinter ihm unter seinem Schutz befinde. Für den Hund wäre dies eine unmissverständliche und demonstrative Verantwortungsübertragung mit einem adäquaten Entscheidungsspielraum inklusive der Aufgabenübertragung zur Gefahrenabwehr.
  2. Man entzieht ihm rigoros seinen Entscheidungsspielraum, indem er bei jeglichem Verstoß gegen ein Tabu oder Überschreiten einer Grenze sofort korrigiert wird. Und dieses Korrigieren ist in seiner Konsequenz unabhängig vom Grad des Verstoßes. Je konsequenter und energischer umso effizienter und effektiver. Wichtig dabei ist, dass dem Hund bereits beim kleinsten Anzeichen wie beispielsweise dem Knurren unmittelbar und ultimativ das Tabu demonstriert wird. Und sollte er aggressive Signale einem Kind gegenüber zeigen, müssen die HundebesitzerInnen erst recht und betont konsequent ihre Korrektur anbringen, um dem Hund den besonderen Schutz des Kindes zu verdeutlichen.

Nun kommt es natürlich einem akademischen Philosophieren gleich, darüber zu diskutieren, ob es überhaupt noch notwendig wäre, den Hund zu korrigieren, wenn ihm doch bereits die Verantwortung entzogen wurde. Damit wäre ihm ja schon der Grund für seine Aggressionen genommen. Einem solchen Einwand würde ich natürlich sofort zustimmen. Aber wir reden hier ja nicht nur von der Erziehung des Hundes bevor etwas passiert ist, sondern ebenso von Hunden, die bereits extrem auffällig geworden sind und denen Beißattacken vorgeworfen werden. In diesen Fällen muss beides simultan erfolgen, nämlich das energische Korrigieren – oder nennen wir es ruhig Bestrafen – und anschließende demonstrative Entbinden von der Verantwortung in Kombination mit der Demonstration seines Beschützens.

Zwei abschließende Bemerkungen seien mir noch gestattet zur Korrektur oder Bestrafung.

  1. Wir sollten im Interesse insbesondere unserer Kinder die scheinheiligen Ressentiments ablegen und nicht fälschlicherweise die Erziehung eines Kindes mit der Erziehung eines Hundes auf eine moralische Stufe stellen. Wenn ich ein Kind unter Anwendung oder sogar nur Androhung von Gewalt erziehe, beschädige ich seine Persönlichkeitsrechte. In der Tierwelt ist es aber das probateste und effizienteste Mittel einer Erziehung. Ohne sie wäre beispielsweise in der Welt der Säugetiere eine Erziehung undenkbar. Und seien Sie versichert, der Hund ist robust genug, um auch eine relativ grobe physische Sanktion zu verkraften.
  2. Erfahrungsgemäß laufen die meisten Korrekturen und Sanktionen ins Leere und bewirken keinerlei Veränderung im Verhalten des Hundes, weil die HundebesitzerInnen den eigentlichen Grund für das ungewollte hündische Verhalten als ultimative Voraussetzung nicht beseitigen, nämlich die dem Hund übertragene Verantwortung. Wenn nicht beides simultan geschieht, die Entbindung von der Verantwortung und die Korrektur, also Einschränkung seines Entscheidungsspielraumes, nützt kein Schimpfen, Hauen, Zerren oder Greifen in den Nacken. Im Gegenteil, der Hund, dem die Verantwortung weiterhin gehört aber korrigiert wird, kommt in einen Konflikt und verstärkt unter Umständen sein auffälliges oder aggressives Verhalten. Mit anderen Worten: Wenn man den Hund an der Leine vor sich herlaufen und an jeder nur denkbaren Stelle schnüffeln und markieren, ihn an jeden anderen seiner Konkurrenten heran lässt und sich freut wie toll er mit vielen anderen seiner Rivalen „kommuniziert“, kann man sich nicht nur jegliche Korrektur verkneifen, sondern sollte es sogar. Eine versuchte Korrektur ohne Ursachenbeseitigung hat ebenso fatale Folgen wie gar kein Handeln.
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39. DIE LECKERLI-FRAKTION

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und

der Irrtum mit der Erziehung

Nach wie vor scheint die Frage, ob ein Hund mittels Leckerlis erzogen werden kann, immer noch ein kontrovers diskutiertes Thema zu sein. Dass dies bei der Ausbildung ein effektives, also erfolgreiches Mittel ist, steht außer Frage. Aber nach Aussagen meiner KundInnen sei dies immer noch und sogar in Hundeschulen eine vertretene Praxis und erklärtes Mittel der Hundeerziehung. Deshalb sei mir an dieser Stelle gestattet, dass ich dazu aus meinen Erfahrungen aus der Resozialisierung von Hunden, noch einmal meine Kenntnisse formuliere. Denn die Resozialisierung ist eine klassische Erziehung und keine Ausbildung.

Um die Unmöglichkeit der Erziehung eines Hundes mittels Leckerlis zu begreifen, ist es zunächst notwendig, den Unterschied zwischen Ausbildung und Erziehung zu verstehen:

Dieser besteht nämlich im unterschiedlichen Umgang mit den handlungsauslösenden Reizen bzw. Motivatoren, die beim Hund eine determinierte Reaktion bewirken:

  • Im Gegensatz zur Erziehung setzt man bei der Ausbildung einen Reiz, um eine gewünschte Reaktion des Hundes zu initiieren. Beispielsweise wird der Hund mittels eines Leckerlis (Reiz) zur Ausführung eines Kommandos in Form eines gewünschten Handelns (Reaktion) motiviert oder nach Ausführung quasi belohnt. Man nennt das Ganze im Falle des Erfolges eine gelungene Konditionierung.
  • Bei der Erziehung ist genau das Gegenteil der Fall. Hier nimmt man ihm einen Reiz, der ihn ansonsten zu einem Verhalten veranlassen würde, welches man aber nicht will. Da bei der Erziehung in der Regel das Ziel verfolgt wird, den Hund von einem unerwünschten agonistischen Verhalten abzubringen, geht es darum, den Reiz, der den Hund zu diesem Verhalten von Natur aus veranlasst, zu beseitigen. Dabei nimmt man ihm quasi den Reiz in Form des Handlungsgrundes durch dessen Beseitigung.

Demzufolge geht es im ersten Fall darum, dem Hund etwas beizubringen, was er von Natur aus noch nicht kann. Wir nennen das Ganze deshalb Ausbildung; vergleichbar mit dem, was ein Kind in der Schule erfährt, im Falle des Erfolges es dann vielleicht den dritten Hauptsatz der Thermodynamik perfekt herbeten kann, weil es dafür eine Eins plus oder sonstiges „Leckerli“ bekommt. Den Reiz, der die Motivation darstellt, nennen wir in diesem Falle „extrinsisch“. Er kommt also von außen.

Im Gegensatz dazu geht es aber im zweiten Fall, also bei der Erziehung, darum, den Hund von einem Verhalten abzubringen, welches er von Natur aus an den Tag legen würde, aber nicht soll. Im Erfolgsfall wäre der Hund dann gut erzogen und legt beispielsweise ein sozial verträgliches Verhalten an den Tag. Wieder vergleichbar mit dem Kind, welches sich anständig verhält und nicht bei jeder unpassenden Gelegenheit seine Mitschüler verprügelt, weil man ihm beigebracht hat, dass es dafür keinen Grund gibt. Den Reiz, der die Motivation zum Verprügeln der Mitschüler darstellen würde und im Rahmen der Erziehung beseitigt werden müsste, nennt man „intrinsisch“. Er kommt also von „Innen“ und wäre sozusagen natürlich vorhanden.

Daraus wird übrigens auch deutlich, dass ein sehr gut ausgebildeter Hund, der alle möglichen Hundeschulsequenzen erfolgreich durchlaufen hat, noch lange nicht gut erzogen sein muss. Selbst wenn er auf Befehl auf Zehenspitzen tanzen könnte, kann er trotzdem noch eine aggressive Bestie sein, der Kindern das Gesicht zerfleischt.

Somit liegt doch zumindest schon die Vermutung nahe, dass auch die Mittel und Methoden zur jeweiligen Zielerreichung zumindest unterschiedlich sein könnten.

Und so ist es tatsächlich. Sollte also jemand den Versuch unternehmen, ausgestattet mit einem „Patronengürtel“ voller Leckerli, mit seinem Inhalt einen Hund in dessen Verhalten beeinflussen zu wollen, wäre er gut beraten, sich bewusst zu sein, dass er auf keinen Fall im Sinn haben sollte, einen Hund erziehen zu wollen. Sein Ansinnen sollte vielmehr die Konditionierung des Hundes sein. Und das kann wiederum nur bedeuten, dass er ihn ausbilden will.

Erstaunlicherweise ist die Fraktion der Leckerli-Anbeter in der Szene, die trotzdem vorgeben, einen Hund mittels Leckerli erziehen zu können, offensichtlich immer noch relativ stark. Und sie würden sicherlich nicht im Brustton der Überzeugung von der Richtigkeit ihres Handelns sprechen, wenn sie nicht glaubten, genügend Beweise in der Hinterhand zu haben. Woraus sich die Frage herleitet: Aus welchem Topf der Erkenntnis füllt sich ihr Füllhorn der guten Nachrichten über ihre Erfolge?

Die Antwort findet sich in deren Eigenschaft. Sie sind nämlich nur scheinbare Erfolge.

Warum?

Es ist unstrittig, dass mittels des Reichens eines Leckerlis das Verhalten eines Hundes beeinflusst werden kann. Aber nehmen wir einmal an, dass Bello von Frauchen die Verantwortung übertragen bekommen hätte, für beider Sicherheit zu sorgen. Und nehmen wir weiterhin an, dass dies durch Frauchen unbewusst geschehen sei, indem sie Bello in einigen Schlüsselszenen durch ihr Verhalten gezeigt habe, dass sie entweder nicht willens oder nicht in der Lage sei, für beider Sicherheit zu sorgen. Jedenfalls interpretiert Bello ihr Verhalten so. Die Folge wäre, dass Bello diese Aufgabe intrinsisch motiviert auch sofort enthusiastisch übernimmt  und seiner Verantwortung gerecht wird, indem er nun jeden feindlichen Artgenossen, der in seine Toleranzgrenze droht einzudringen, bekämpfen will. Dazu hat ihm die Natur alle Möglichkeiten eines agonistischen Verhaltens mit in die Wiege gelegt, und auch den Willen dazu. Das heißt, ein agonistisches Verhalten muss man dem Hund nicht beibringen; über ein solches Repertoire verfügt er bereits von Geburt an. Sein Verhalten zur Verteidigung beider ist also eine ihm angeborene Verhaltensbegründung und wäre für einen Hund, mit dem jeder Spaziergang im Park, in dem auch andere Hunde verkehren, für Frauchen zu einer kräftemessenden Tortur an der Leine ausartet, eine logische Erklärung. Summa summarum hätten wir hier also einen typischen Erziehungsfall und keine Ausbildung vor uns.

Da Frauchen ihr falsches Verhalten als Auslöser für Bellos Aggressionen nicht bewusst ist, denn ansonsten würde sie es ja einfach nur ändern, käme sie nun stattdessen vielleicht auf die tolle Idee, immer wenn ein „Feind“ am Horizont auftaucht, ein Leckerli zu zücken und Bello zu überlisten, statt des Feindes doch lieber das Leckerli zu fressen. Und nehmen wir auch einmal an, Bello ließe sich tatsächlich dazu verleiten, dem Leckerli den Vorzug zu geben.

Ist das Ergebnis dann tatsächlich der Erfolg einer Erziehung, also der Beseitigung des intrinsischen Motivs zur Verteidigung von Frauchen bzw. seiner eigenen Unversehrtheit?

Mit Sicherheit nicht!

Denn der scheinbare Erfolg entpuppt sich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als das Ergebnis eines erfolgreichen Ablenkungsmanövers. Und er stellt sich auch nur ein, so der Reiz des Leckerlis in Bellos Motivationssystem eine größere Wirkung hinterlässt, als der Reiz, seiner Verantwortung zur Gewährleistung beider Sicherheit gerecht zu werden. Mit anderen Worten, der eine Reiz überlagert den anderen.

Das eigentliche Ziel der Erziehung, nämlich den handlungsauslösenden Reiz zu beseitigen, also den Grund für seine Verteidigungsabsichten, wäre mitnichten erreicht. Der Reiz, Frauchen verteidigen zu wollen, bleibt latent weiterhin vorhanden, unabhängig davon, wie viele Kilogramm Leckerli sie ihn auch zu fressen nötigt. Ein solcher Hund wäre nach wie vor latent eine Gefahr für andere, denn der Grund seines Verteidigungsstrebens wäre ja durch die Leckerli nicht verschwunden. Sowie deren Reiz ihre Wirkung nicht mehr erzielen sollte, bricht sich der natürliche Reiz zum Angriff wieder Bahn.

Die aus meiner Sicht und Erfahrung einzige Möglichkeit, eine solche „Bombe zu entschärfen“ ist die tatsächliche Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Dies geschieht durch ein verändertes Verhalten Frauchens ihm gegenüber, indem sie ihm demonstrativ klar macht, dass sie selbst ab sofort für ihre beider Sicherheit sorgt und es demzufolge für ihn potentiell keinen Feind mehr gibt, den es zu bekämpfen gilt. Der Hund quittiert dies anschließend mit einem absoluten Desinteresse an seinen Artgenossen oder anderen Mitgliedern der Fauna, weil er weiß, dass Frauchen alles im Griff hat.

Dies sollten sich zumindest all diejenigen bewusst machen, die sich bei der Wahl ihres hündischen Lebensabschnittsbegleiters für eine Rasse entschieden haben, denen ein Hüte-, Bewachungs- oder Beschützer-Gen mit in das Genom gezüchtet wurde. Insbesondere in diesen Fällen sollte man davon ausgehen, dass den Hunden im Rahmen ihrer Erziehung ihre intrinsische Motivation zur Verteidigung genommen wird, indem man sie bewusst von dieser Verantwortung entbindet. In allen anderen Fällen geht es dann höchstens darum, sie von ihrer notwendigen intrinsisch motivierten Selbstverteidigung zu entbinden, indem ihnen in Schlüsselsituationen demonstrativ vorgelebt wird, dass sie sich auch darum „keinen Kopf zu machen haben“, weil Frauchen oder Herrchen zuverlässig und stets für ihre Sicherheit sorgen.

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38. FELL- UND HAUTERKRANKUNGEN

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und

ihre Vermeidung durch Stressvermeidung

Als medizinischer Laie sich zur Diagnostik oder sogar zur Therapie von pathologischen Symptomen zu äußern, ist nicht nur in der Humanmedizin leichtfertig, sondern in der Veterinärmedizin nicht minder. Insofern liegt es mir fern, mich auf ein solches „Eis“ zu begeben. Jedoch halte ich es für legitim, Erkenntnisse aus meiner langjährigen Praxis als Hundetrainer kundzutun, die zumindest erwähnens- und diskussionswürdige Schlüsse nahelegen, weil sie auf einer derartigen Fülle an Fällen basieren, die kaum noch mithilfe von möglichen Korrelationen – also zufällig gemeinsam auftretenden Erscheinungen – erklärbar sind, sondern durchaus den Schluss von Kausalitäten – also Ursache und Wirkung – zulassen.

Es handelt sich um die Wahrnehmung von Zusammenhängen zwischen zwei Merkmalen, nämlich einer besonderen Form der psychischen Belastung, dem Stress, und den gleichzeitig auftretenden Krankheitssymptomen wie Haut- und Fellerkrankungen. Und wie so oft werden solche Kausalitäten – übrigens auch in der Wissenschaft – erst durch das zufällig beobachtete gleichzeitige Verschwinden beider Merkmale erkannt. Will meinen, wenn sie gemeinsam präsent sind, registriert man sie eventuell nur als zufällig gemeinsam auftretende Merkmale; erst wenn sie auch gemeinsam verschwunden sind, liegt der Schluss ihrer Kausalität nahe.

Aus einer Vielzahl von Rückmeldungen meiner KundInnen, deren Hunde wir erfolgreich von ihren vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten „befreit“ haben, geht hervor, dass mit der Verhaltensänderung ihrer Hunde in einer relativ kurzen zeitlichen Nähe auch die Symptome ihrer Haut- und Fellerkrankungen einschließlich entsprechender Verhaltensweisen wie Kratzen und Nagen verschwanden.

Nun ist ein solcher Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Erscheinungen in der Humanmedizin hinlänglich bekannt und bewiesen; in der Veterinärmedizin sind entsprechende Studien allerdings kaum zugänglich. Zwar wird hier und da bei der Beschreibung von Krankheitsbildern und ihren möglichen Ursachen seitens der Veterinäre auch mal der Stress als eine mögliche erwähnt, aber meistens nicht als primäre, sondern als eine von vielen. Aus der interdisziplinären Forschung von Endokrinologie (Lehre von den Hormonen) und Psychologie ist aber längst bekannt, dass es ein Zusammenspiel von Neuronen und Hormonen gibt. Insofern können wir davon ausgehen, dass auch bei einem Hund sich eine psychische Belastung auf seinen Hormonhaushalt auswirkt und dieser wiederum sich auf den Stoffwechsel des Tieres. Und letzterer steht im direkten Zusammenspiel mit den Zellaktivitäten und deren Replikation. Die Endokrinologen sagen sogar, dass nicht nur Hormone das Verhalten beeinflussen, sondern auch anders herum, das Verhalten die Hormone. Das heißt ein Hund, der sich aus welchen Gründen auch immer durch seinen sich ändernden Hormonhaushalt aggressiv verhält, durch sein aggressives Verhalten selbst wiederum seinen Hormonhaushalt beeinflusst. Es kommt also zu einer Spirale der sich gegenseitigen Beeinflussung.

Ich halte es deshalb für nicht sehr unwahrscheinlich, dass sich die psychische Belastung eines Hundes, insbesondere wenn diese in Stress übergegangen ist, in Haut- und Fellproblemen manifestiert.

Das für mich erstaunlichste und bemerkenswerteste an dem hier geschilderten Sachverhalt ist, dass es keinem der HundebesitzerInnen bewusst war, dass ihre Hunde Stress hatten. Wenn ich ihnen gesagt habe, dass ihre Schützlinge typische Stresssymptome zeigen, reagierten sie ungläubig.

Zwei interessante Fragen, die sich daraus ergeben, lauten nun: Was ist Stress und woran erkenne ich ihn bei meinem Hund? Bevor man dann der Frage nachgeht, wie er im konkreten Fall verursacht wurde und wieder beseitigt werden kann.

Ich bin auf das Thema Stress auch in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen und habe in dem Zusammenhang Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer aus seinem Buch „Rotkäppchen und der Stress“ zitiert, weil er nach meiner Meinung hier nicht nur eine der treffendsten Definitionen zum Stress formuliert, sondern insbesondere seine Abgrenzung gegenüber der allgemeinen psychischen Belastung auf den Punkt bringt. Letzteres ist deshalb so wichtig, weil vielfach die Bezeichnung „Stress“ für viele Situationen inflationär verwendet wird, obwohl es sich im konkreten Fall oftmals nur um eine gewöhnliche psychische Belastung handelt. Das führt dann nicht selten dazu, dass tatsächlicher Stress, wenn es zwingend notwendig wäre, nicht erkannt wird und dann fatale Folgen hat.

Laut Manfred Spitzer ist der Stress nämlich an eine besondere Rahmenbedingung der psychischen Belastung gekoppelt: Der Protagonist muss nämlich das Gefühl haben, nicht mehr Herr der Lage zu sein oder keinen Einfluss mehr auf den Ausgang des Geschehens zu haben. Als Beispiel bringt er den Fall der beiden Affen, die in einen voreinander getrennten Käfig gesperrt wurden, aus denen sie sich gegenseitig aber beobachten konnten. Affe A wurde nun dahingehend konditioniert, blitzschnell, sowie eine Lampe aufleuchtet, innerhalb eines kurzen Zeitfensters einen Taster zu betätigen, um dadurch zu verhindern, dass beide Affen über ihre Metallkäfige einen zwar nicht schlimmen aber immerhin unangenehmen Stromstoß verabreicht bekommen. War Affe A schnell genug, blieb beiden, also auch Affe B, dieses unangenehme Erlebnis erspart. Wenn nicht, mussten beide die „Strafe“ gemeinsam ertragen. Affe B war allerdings zur Untätigkeit verdammt und konnte das Geschehen nur beobachten, ohne selbst Einfluss nehmen zu können; während Affe A unter einem vermeintlich enormen psychischen Druck stand, ständig auf der Hut zu sein, auf die Lampe zu achten, um sofort reagieren zu können.

Am Ende des Experiments wurden beide Affen auf Stresssymptome untersucht. Und siehe da, die Verblüffung war groß. Nicht wie erwartet wies etwa Affe A, der ständig unter einer hohen psychischen Belastung stand, solche Symptome auf, sondern im Gegenteil, ausschließlich Affe B. Dieser hatte offensichtlich puren Stress, weil er, im Gegensatz zum Affen A, völlig hilflos dem Geschehen ausgeliefert war, also keinerlei Einfluss nehmen konnte auf dessen Ausgang.

Insofern ist es anders herum sehr gut nachvollziehbar, wenn ein Hund, dem eine ihn psychisch hoch belastende Aufgabe übertragen wurde – beispielsweise die Bewachung eines Grundstückes, die seine permanente Aufmerksamkeit und Aktivität erfordert – trotzdem keinerlei Stresssymptome entwickelt. Warum? Er hat es offensichtlich im Griff und auch das Gefühl, Chef am Ort des Geschehens zu sein. Es wäre also ein Irrtum anzunehmen, dass psychische Belastungen grundsätzlich etwas Negatives seien, also Stress. Im Gegenteil, das vegetative Nervensystem ist dazu da, mit Reizen aller Art klarzukommen, entsprechende Reaktionen auszulösen und diese im Sinne des Überlebens seines „Chefs“ zu nutzen. Wichtig ist nur, dass es zwischen dem Sympathikus (Action) und dem Parasympathikus (Erholung) stets zu einem Ausgleich kommt, weil der Organismus nicht ununterbrochen in Action sein kann. Ansonsten kann auch eine permanente psychische Belastung, ohne Stress zu sein, negative Folgen auf den Organismus haben. Aber davon reden wir hier nicht.

Hinzu kommt, dass vielen Hunderassen ein solches aufgabenbezogenes Verhalten, welches potentiell als eine ständige psychische Belastung interpretiert werden könnte wie das Bewachen, Beschützen oder Hüten, ihnen bereits durch ihre Zuchtlinie in die Gene geschrieben wurde und sie bei deren Erfüllung sogar regelrechte Befriedigung erfahren. Von einer negativen Belastung kann hier also keine Rede sein. Und ein solcher Hund, der unter einer hohen psychischen Belastung steht, aber die sie verursachende Situation gefühlsmäßig und tatsächlich unter Kontrolle hat, wird sicherlich auch keine Haut- und Fellprobleme entwickeln; zumindest nicht aus diesem Grund.

Problematisch wird es erst dann, wenn der Hund entweder mit der ihm übertragenen Aufgabe überfordert ist, oder – und das ist meistens der Fall – es einen Konflikt gibt zwischen der ihm übertragenen Aufgabe bzw. Verantwortung einerseits und dem ihm zugestandenen Entscheidungsspielraum andererseits. Eine der so am häufigsten durch Herrchen oder Frauchen verursachten Konflikte, die dann beim Hund zu Stressreaktionen führen, ist die dem Hund unbewusst übertragene Verantwortung entweder für die Sicherheit oder für irgendeine Ressource, der er aber durch den ihm eingeschränkten Entscheidungsspielraum nicht nachkommen oder gerecht werden kann, indem man ihm entweder nicht die Erlaubnis gibt oder nicht die Möglichkeit, für diese Sicherheit auch tatsächlich sorgen zu können.

Was heißt das nun für unsere eingangs geschilderte Beobachtung?

Ich will damit nur die Empfehlung aussprechen, sollte ihr Hund solche Symptome wie Hautirritationen, Fellprobleme oder unnormalen Juckreiz zeigen, dass sie nicht nur ihren vertrauten Tierarzt konsultieren, der nach organischen oder Stoffwechselproblemen, die durchaus auch im falschen Futter zu finden sind, sucht, sondern sich der kritischen Analyse eines erfahrenen Hundetrainers oder Therapeuten stellen, ob ihr Hund vielleicht einem solchen Stress wie beschrieben ausgesetzt ist. Der Großteil meiner Therapiearbeit bezieht sich jedenfalls auf diese Stressanalyse bzw. die sich daraus ergebende Befreiung des Tieres von den ihn auslösenden Konflikten. In der Regel liegt die Lösung im veränderten Verhalten der HundebesitzerInnen, mit dem sie ihrem Schützling demonstrieren, dass er ab sofort keinerlei Verantwortung mehr trägt, weder für seine eigene oder ihre gemeinsame Sicherheit noch für irgendeine Ressource.

Bevor sie also ihren Liebling mit allerlei Salben und Cremes, Spritzen und sonstigen therapeutischen Experimenten traktieren, lassen sie lieber mal sein psychisches Umfeld unter die Lupe nehmen.

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37. HUNDEERZIEHUNG AUS DEM BAUCH

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oder

der Kampf zwischen Intuition und Ratio

„Ich frage mich, was diese ganze Theorie der Hundeerziehung eigentlich soll. Der eine predigt dies und der andere predigt jenes. Und alle meinen, sie hätten Recht. …Ich mach‘ das lieber intuitiv.“

So in etwa lauten hin und wieder mal die Reaktionen von HundebesitzerInnen oder auch LeserInnen meiner Beiträge. Und ich gehe davon aus, sie würden nicht so reagieren, wenn sie nicht zumindest das Gefühl hätten, damit Erfolg zu haben.

In ähnliche Richtung tendieren auch Äußerungen wie: „Ich verhalte mich dem Hund gegenüber instinktiv immer richtig. Da brauch‘ ich keine Theorie!“

In diesen Fällen stellt sich mir immer die Frage nach der Berechtigung solcher Auffassungen ohne sie gleich in Bausch und Bogen abzulehnen. Ich mache zwar keinen Hehl daraus, eher ein Anhänger wissenschaftlicher oder zumindest durch ausreichende Empirie – also durch methodisch-systematische Sammlung von Daten – bewiesener Kenntnisse zu sein. Aber wenn sich jemand wie oben aus Überzeugung äußert, sollte es doch wenigstens Wert sein, seinen oder ihren Argumenten auf den Grund zu gehen. Vorausgesetzt es gibt sie.

Somit stellt sich die Frage: Was sagt die Theorie oder Lehre zu Meinungen dieser Art? Oder gibt es vielleicht sogar Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die die Berechtigung solcher Überzeugungen belegen?

Und siehe da, ein ganzer Wissenschaftszweig befasst sich mit dem Thema „Intuition“ oder allgemeinverständlicher „Bauchgefühl“.

Die Frage lautet also: Macht es mehr Sinn für Herrchen oder Frauchen, einen Hund aus dem Bauchgefühl heraus zu erziehen, oder ist es sinnvoller, ihn nach Methoden, die auf wissenschaftlichen oder empirisch gewonnenen Erkenntnissen basieren, zu einem sozial verträglichen Wesen zu machen?

Die Antwort, die sich aus der Wissenschaft ergibt, wird vielleicht verblüffen: „Sowohl als auch“!

Deshalb zunächst ein kleiner Exkurs in die Erkenntnisse der Psychologie oder Kognitionswissenschaft zum Thema „Intuition“:

Aus der Anzahl der Nervenzellen ergibt sich rein rechnerisch, dass pro Sekunde etwa zehn Millionen Sinneseindrücke auf den Menschen einprasseln. Diese alle bewusst zu verarbeiten, wäre natürlich für unser Gehirn, das nur über sehr eingeschränkte Kapazitäten verfügt, ein Ding der Unmöglichkeit. Gerade mal vierzig davon schafft schätzungsweise unser Arbeitsspeicher. Um aber eine rational begründete Entscheidung zu treffen, wäre jedoch die Verarbeitung von weitaus mehr Informationen notwendig. Die Theorie des sogenannten Homo oeconomicus, dem alle Informationen über seine Handlungsalternativen zur Verfügung stehen und er dann diejenige wählt, die ihm den größten Nutzen bringt, ist ja bekanntlich eine Illusion oder eben nur ein theoretisches Modell. Die vollkommene Information gibt es quasi nicht. Uns fehlen in der Regel sogar die meisten Informationen, um rational richtig zu entscheiden. Abgesehen davon, dass selbst unsere Sinnesorgane nur einen Bruchteil aller möglichen Informationen überhaupt empfangen können, weil sie nur für einen Bruchteil aller möglichen Reize sensibel sind. Und dann reden wir noch gar nicht von der schier unglaublichen Menge an Entscheidungssituationen, vor denen der Mensch und sein Gehirn im alltäglichen Leben stehen.

Mit anderen Worten: Es ist gar nicht möglich, alle Entscheidungen rational zu treffen, weil entweder nicht alle Informationen zur Verfügung stehen oder gar keine Zeit dafür da ist.

Also müssen andere Entscheidungshilfen her. Und dazu zählen Gefühle und Intuitionen. Wie verbreitet das Entscheiden aus dem Bauchgefühl ist, belegen Studien wie z. B. die von Gary Klein, der mit seinem Forscherteam Entscheidungen von Menschen untersucht hat, die unter hohem zeitlichen Druck und einem großen Risiko für Leib und Leben arbeiten. 80 Prozent ihrer Entscheidungen treffen sie demnach intuitiv. Oder die Psychologin Kathy Mosier von der Universität von Kalifornien in San Francisco beobachtete Piloten in schwierigen Situationen im Flugsimulator. „Praktisch keine Zeit wurde damit vergeudet, verschiedene Möglichkeiten zu vergleichen.“

Der Mensch entscheidet und handelt offensichtlich in der überwiegenden Mehrheit der Situationen aus dem Bauch oder nach seinem Gefühl. Das würde er nicht machen, wenn die Evolution ihm nicht Recht gegeben hätte; er also durch dieses Verhalten keinen Überlebensvorteil gehabt hätte. Und wenn wir die eingangs geschilderte Misere zwischen der schier unendlichen Fülle an potentiellen Entscheidungseinflüssen und der sehr begrenzten kognitiven Kapazität und Zeit des Gehirns bedenken, bleibt der Schluss nur übrig, dass es von Vorteil sein muss, überhaupt zu entscheiden und zu handeln als ehrfurchtsvoll zu erstarren.

Allerdings muss es einen Mechanismus geben, der dem Gehirn ermöglicht, die offensichtlich wichtigsten Entscheidungseinflüsse blitzschnell aus der Fülle herauszufiltern. Und diesen Mechanismus gibt es tatsächlich. Er läuft allerdings im Unterbewusstsein ab, auf das das Bewusstsein keinen Einfluss und keinen Einblick hat.

Solche Prozesse werden einem dann besonders bewusst, wenn man in komplexen Entscheidungssituationen eine Entscheidung getroffen hat, über deren Richtigkeit man im Nachhinein selbst erstaunt ist. Und man sich dann fragt: „Wow, wer hat meine Hand denn da geführt?“ Und nicht selten fängt selbst der eingefleischteste Atheist an, in solchen Fällen an Gott zu glauben.

Noch krasser wird die Bedeutung des unbewussten Entscheidens in Gefahrensituationen. Wenn also Gefahr für Leib und Leben im Spiel ist. Dann läuft der Entscheidungsprozess nicht über den zeitaufwändigen oberen Weg über den Cortex, bei dem das Bewusstsein zunächst alle Vor- und Nachteil, Für und Wider gegeneinander abwägt, sondern über den unteren und wesentlich schnelleren, bei der die Amygdala des Limbischen Systems das Kommando übernimmt. Weil jetzt Gefühle im Spiel sind, die die Entscheidung wesentlich mit beeinflussen, geht der Handlungsbefehl unter Ausschluss des Bewusstseins direkt an die ausführenden Organe. Wer kann sich nicht die Situation vorstellen, wenn man abends im Dunkeln durch den Garten geht und beim Wahrnehmen einer Schlange beinahe zu Tode erschrickt und entweder erstarrt oder reflexartig flieht. Erst später sagt der Cortex: „Bleib cool, das war der Gartenschlauch.“ Und der Puls geht wieder runter.

Die Frage ist allerdings, woraus sich die Gefühle oder Intuitionen speisen und auf welcher Grundlage das Unterbewusstsein aus der Fülle der Faktoren die für die Entscheidung offensichtlich wichtigen herausfiltert?

Die Antwort findet sich einerseits im angeborenen, also vererbten, sogenannten Weltwissen und im persönlichen Erfahrungsschatz. Beides sind Entscheidungs- und Wissensquellen, die aus den Erfahrungen unserer Vorfahren gespeist oder im Zuge unseres eigenen Lebens abgespeichert wurden. Und diese Erfahrungen sind in vielen Fällen Ereignisse oder Nuancen von Ereignissen und Zusammenhängen, die uns überhaupt nicht bewusst sind. Die das Gehirn aber vorsorglich abgespeichert hat, um im Bedarfsfall als Entscheidungshilfe in Form eines wiedererkannten Musters zu dienen.

Die Wissenschaft hat für den Wiedererkennungsprozess sogar zwei Regionen im Gehirn ausgemacht, die dafür unter anderem verantwortlich sind: Genannt Corpus Striatum, ein Bestandteil des Großhirns, das Emotionen, Motivation und Denken miteinander verbindet und Anteriorer Cingulärer Cortex, welcher vergangene Erfahrungen mit neuen Eindrücken zusammenfügt. Sie reagieren blitzschnell und sehr zuverlässig, sobald sie ähnliche oder gleiche oder aber auch widersprechende Muster einer Situation erkennen. Beide Regionen sind auch in der Lage, Vorausahnungen zu treffen, sobald sie ähnliche Muster erkennen, die sie in der Vergangenheit registriert und gespeichert haben. Und all das läuft im Unterbewusstsein ab, ohne dass unser Bewusstsein davon etwas mitbekommt.

Aber warum interessiert uns das alles im Zusammenhang mit der Hundeerziehung?

Ganz einfach: Wenn wir meinen, intuitiv besser zu handeln als auf der Grundlage rationaler Entscheidungen, dann stimmt das nur in solchen Situationen, die wir in ähnlicher Weise schon einmal erlebt haben und uns dabei richtig oder vorteilhaft verhalten haben, ohne dass uns dies bewusst ist. Ansonsten ist und bleibt es ein Zufall, wenn sich ein Verhalten als richtig herausstellt, ohne dass das Unterbewusstsein sich in seinen Entscheidungen auf abgespeicherte Erfahrungswerte berufen konnte.

Alle anderen Entscheidungen und Verhaltensweise bleiben das Spielfeld der Rationalität. Wenn das Gehirn sich also auf ausreichende Fakten und ausreichendes bewusst zugängliches Wissen berufen kann und genügend Zeit zur Verfügung steht, hat die Ratio seine gut begründete Berechtigung.

Wenn uns also heute bekannt ist – und das sollte als ausreichend wissenschaftlich und durch Empirie belegtes und damit auch bewusst zugängliches Wissen akzeptiert werden – dass das soziale Verhalten eines Hundes einerseits durch seine Grundbedürfnisse bestimmt wird und andererseits durch die ihm entweder im Zuge der Domestikation oder während der jetzigen Haltung vom Menschen übertragenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten, dann macht es mehr Sinn, bei einem verhaltensauffälligen Hund in diesen beiden Bereichen nach den Ursachen zu suchen, als aus dem Bauchgefühl oder intuitiv zu handeln. Wer beispielsweise einen verhaltensauffälligen Hund mit dem Reichen von Leckerli von seinem Verhalten abhalten will, weil er in anderen Situationen ihm damit erfolgreich das Tanzen auf einem Bein beigebracht hat, handelt zwar intuitiv, aber in diesem Falle falsch. Hier führt eine rational getroffene Entscheidung, basierend auf knallharten und dem Bewusstsein zugänglichen Kenntnissen eher zum Erfolg.

Insofern macht es schon Sinn, auf den Rat erfahrener und mit viel Wissen ausgestatteter HundetrainerInnen zu hören, falls der Erfahrungsschatz des eigenen Unterbewusstseins noch ziemlich klein ist.

Aber eine Botschaft an alle Fans des intuitiven Handelns habe ich noch: Wenn ein sogenannter Hundetrainer ihrem verhaltensauffälligen Vierbeiner seine Macken mit Hilfe von Leckerli austreiben will, vertrauen sie doch lieber ihrem Bauchgefühl.

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36. DER ANTHROPOMORPHISMUS

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oder

Ist die Vermenschlichung des Hundes eine berechtigte Schelte?

Zunächst einmal zur Erklärung der Begrifflichkeit:

Unter Anthropomorphismus versteht die Psychologie das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen, also Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo oftmals Tiere vermenschlicht dargestellt werden wie bei den Bremer Stadtmusikanten.

Nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren, denn er ist nur in der Lage, sich selber zu beschreiben bzw. alles nur in Bezug auf sich selbst zu erkennen. Denn jede Wahrnehmung ist komplett subjektiv und kann kein Abbild einer Realität produzieren, sondern ist immer nur ein Konstrukt seiner eigenen Sinnesreize und Gedächtnisleistung.

Bei jeder menschlichen Wahrnehmung werden die Sinnesreize nicht nur in elektrische Impulse umgewandelt, sondern zwischen den Neuronen zusätzlich in chemische Stoffe und wieder zurück. Diese Verarbeitung im Nervensystem macht es somit unmöglich, einen Rückschluss zu ziehen auf die natürliche und tatsächliche Beschaffenheit des auslösenden Dinges. „Niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstands mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen“. (Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität.) Das bedeutet, die Wahrnehmung und Erkenntnis sind konstruktive, nicht abbildende Vorgänge.

Die beiden Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel führten bereits im Jahre 1944 ein Experiment zum Anthropomorphismus durch, in dem sie in einem Zeichentrickfilm ohne Ton drei geometrische Figuren – ein kleines und ein großes Dreieck und einen kleinen Kreis – als Protagonisten zeigten. Anschließend befragten sie die Probanden nach dem vermeintlichen Inhalt. Die Schilderungen zeigten, dass selbst einfachste bewegte Objekte als soziale Akteure wahrgenommen und interpretiert werden. Die Probanden meinten, eine Liebesgeschichte mit Happy End gesehen zu haben zwischen dem kleinen Dreieck und dem kleinen Kreis, die das böse große Dreieck versucht habe zu sabotieren.

Es ist uns Menschen offensichtlich eigen, sogar toten Gegenständen eine Persönlichkeit anzudichten. So bauen wir beispielsweise auch eine emotionale Bindung nicht nur zu unserem Auto auf sondern sogar zum Rasentraktor oder Staubsauger.

Der Anthropomorphismus ist ebenso wie die kognitive „Kunst“ zur Heuristik (siehe meinen Beitrag „30. Das Fehlinterpretieren hündischen Verhaltens…“) Fluch und Segen zugleich. Der Segen besteht in den sich daraus ergebenden Vorteilen im Überlebenskampf; dass wir uns also trotz unserer Begrenztheit in der Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt doch relativ erfolgreich in ihr zurechtfinden und überleben können.

In der Beziehung zu unserem Hund heißt das, dass wir mit ihm deshalb überhaupt erfolgreich interagieren und ein Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne sein Vermenschlichen wären wir dazu gar nicht in der Lage.

Aber wir dürfen den Fluch solcher menschlichen Beschränktheit nicht vergessen. Denn das Ganze hat dann einen dummen Haken, wenn die Konsequenzen nicht nur nachteilig sind sondern sogar vermeidbar wären.

Und damit zu meiner eingeschränkt berechtigten Schelte am Vermenschlichen des hündischen Wesens.

Machen wir ein Gedankenspiel, welches uns mit Hilfe des Anthropomorphismus nicht schwer fallen sollte:

Nehmen wir einmal an, wir würden hundert HundebesitzerInnen fragen, wie ihre Schützlinge wohl auf die Frage antworten würden – vorausgesetzt sie könnten unsere Frage verstehen und sie auch beantworten – ob sie gerne gemeinsam mit anderen Hunden und deren BesitzerInnen einen Spaziergang durch Wald und Flur unternehmen möchten.

Ich vermute, dass die überwiegende Mehrheit annehmen würde, dass ihre Hunde dies mit „Ja“ beantworten würden, wenn sie könnten. Denn wenn man sich allein die vielen bewusst organisierten Hunde-Treffen vor Augen führt oder die sogar von Hundeschulen regelmäßig initiierten Zusammentreffen von Bello und Co., bleibt einem kaum eine andere Vorstellung, oder?  Diese Treffen werden ja sicherlich nicht organisiert, um Bello und Co. bewusst zu ärgern.

Worin mag diese eklatante Fehlinterpretation hündischen Interesses begründet sein? Die Antwort liefert offensichtlich der Anthropomorphismus; in diesem Falle nicht das Übertragen menschlicher Eigenschaften, sondern das irrtümliche Projizieren menschlicher Wünsche und Interessen auf den Hund. Herrchen und Frauchen gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Schützlinge zumindest den gleichen Spaß am Zusammentreffen mit Gleichgesinnten haben wie sie selbst.

Der Mensch sucht und findet Kontakt zu seinesgleichen auch außerhalb sexueller Interessen, weil dies ein wichtiges Überlebenselixier ist und Grundvoraussetzung für sein Wohlbefinden. Der Mensch hatte evolutionsbiologisch nämlich einen Vorteil davon, wenn er nicht nur in der Gemeinschaft lebte und agierte, sondern auch immer wieder Kontakt zu Fremden aufnahm. Einsiedler waren und sind biologische Ausnahmen und keine Garanten des erfolgreichen Fortbestehens der menschlichen Gattung.

Aber treffen diese Zusammenhänge auch auf den Hund zu? Selbst sein Vorfahre Meister Isegrim hat kaum Interesse am Kontakt mit seinesgleichen außerhalb seines Rudels. Für ihn ist das Rudel der Inbegriff und Hort des Wohlbefindens. Fremde sind für ihn sogar Todfeinde. Nur vereinzelte Alleingänger suchen in weiten Odysseen ihr Glück; meiden dabei aber auch jeden unnötigen Kontakt, außer zur Fortpflanzung.

Der Schritt des Wolfes auf den Menschen zu hat ihm evolutionsbiologisch einen riesigen Vorteil gebracht. Wenn heute vielleicht noch weltweit an die 130.000 Wölfe leben, so sind es mindestens 7 Millionen Hunde allein in Deutschland; also eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Aber diese Erfolgsstory beinhaltet auch eine Veränderung seines Wesens und seiner Interessen. Die ohnehin schon vorhandene Skepsis gegenüber Fremden, die sein Vorfahre ihm mit in die Gene „geschrieben“ hat, ist noch einmal verstärkt worden.

Der Hund ist in erster Linie auf seine menschliche Bezugsperson orientiert und hat dadurch eine ökologische Nische gefunden, die ihm im Überlebenskampf einen entscheidenden Vorteil bietet. Wenn er Hilfe braucht, beispielsweise bei der Lösung von schwierigen Aufgaben, sucht er diese bei seinem Menschen. Anders der Wolf, der löst das Problem entweder allein oder mit Hilfe seines Rudels. Und diese regelrechte Fixierung auf seine Bezugsperson Mensch hat den Hund geradezu desinteressiert gemacht an seinesgleichen. Alle anderen Hunde sind für ihn nur eines: Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Und Konkurrenten möchte man entweder aus dem Wege gehen oder sie verjagen.

Befördert wird die falsche Vorstellung vom hündischen Interesse am Kontakt zu anderen seiner Art außerdem durch die von vielen Hunden abverlangte Aufgabenerfüllung im Sinne einer Schutz- oder Wachfunktion. Viele Rassen haben eine Zuchthistorie hinter sich, die sie nicht nur befähigt haben, Ressourcen einschließlich Haus und Hof oder Herrchen und Frauchen zu bewachen, sondern ihnen auch den Willen und Ehrgeiz dazu anerzogen. Deshalb wird ihre wahrgenommene Beschützerrolle auch oftmals fehlinterpretiert als ein Interesse, gerne mit anderen ihresgleichen Kontakt aufzunehmen. In Wirklichkeit ist es nur ihr Aufklärungswille, ob die anderen etwas Böses im Schilde führen oder nicht.

Aber um auf das zuvor genannte Gedankenspiel und die erwähnte Frage an Bello und Co. zurückzukommen. So manch ein(e) HundebesitzerIn würde wahrscheinlich große Augen machen, wenn er oder sie die sicherlich unerwartete Antwort ihres Schützlings hört. Die würde nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lauten: „O.k., wenn die anderen HundebesitzerInnen ohne ihre Hunde kommen, komme ich mal mit.“

Will meinen, es ist ein großer Irrtum und sogar Quelle von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden, wenn man meint, ihnen etwas Gutes zu tun, indem man an irgendwelchen Hundemeetings teilnimmt oder zu gemeinsamen Waldspaziergängen aufruft.

Der gemeinsame Waldspaziergang mit Gleichgesinnten tut dem Wohlbefinden von Frauchen und Herrchen sicherlich gut, ohne Zweifel, denn dies korreliert mit ihren Urinstinkten und Interessen und führt zur Ausschüttung des Wohlfühlhormons Dopamin. Eine gleiche Gefühlswelt aber den Hunden anzudichten, weil auch sie die Nähe und Anwesenheit vieler anderer Hunde zu ihrem Wohlbefinden bräuchten; das wäre Anthropomorphismus, der einen Tadel verdient.

Denn schauen wir uns einmal gedanklich als Beobachter so ein Hundewaldspaziergangstreffen an. Wie läuft ein solches  Meeting ab, wenn alle pünktlich am vereinbarten Ort mit ihren angeleinten Schützlingen erscheinen? Und wir beobachten jetzt nur einmal Bello und Co. und nicht ihre BesitzerInnen, von denen die Mehrheit verzweifelt versucht, sie an straffer Leine vom gegenseitigen Übereinander-Herfallen abzuhalten.

Wird allen Protagonisten trotzdem genügend Leine gelassen, zeigt sich mit Sicherheit ein wildes und aufgeregtes gegenseitiges Abchecken, worin denn wohl die Absichten des anderen bestehen. Am wilden Rutengewedel meint der Laie Freude festzumachen; was allerdings ein weiterer Irrtum ist. Denn das Wedeln mit der Rute ist nichts anderes als ein Indiz dafür, dass Bello und Co. unsicher sind, wie die Geschichte weitergeht. Freude ist wahrscheinlich komplett abwesend. Anwesend sind dagegen die Psychische Anspannung und u.U. sogar der Stress, falls jemand der Protagonisten meint, keinen Einfluss mehr zu haben auf das, was hier passiert. Wenn man in dieser Situation die Möglichkeit hätte, den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu messen, würden alle, die ihre Hunde lieben, ihre Schützlinge sofort und unverzüglich aus diesem Scharmützel herausholen und sie aus dieser durchaus von Angst erfüllten Situation befreien.

Sind die Absichten der anderen dann – hoffentlich, aber nicht selbstverständlich – als friedlich und harmlos identifiziert, von ihnen also keinerlei Gefahren auszugehen scheint, löst sich dieses wilde Getümmel relativ schnell wieder auf und alle laufen sternförmig auseinander. Von jetzt an scheint sich plötzlich niemand mehr für den anderen zu interessieren. Auch das wilde Rutengewedel lässt nach. Warum? Ist etwa schlagartig die Freude abhandengekommen?

Nein, vielmehr ist es wohl so, dass die Absichten der anderen abgeklärt und als harmlos identifiziert wurden und es jetzt keinen Grund mehr gibt, unsicher zu sein.

Beachtenswert sollte dabei für den Beobachter aber auch sein, dass nicht alle Protagonisten an diesem Ritual teilnehmen. Einige wenige bleiben offensichtlich, statt an der wilden Begrüßungsorgie lebhaft teilzuhaben, an dem Geschehen scheinbar völlig desinteressiert, lieber bei ihren Frauchen und Herrchen.

Sind das etwa die, die keinen Spaß haben wollen, so wie alle anderen?

Im Gegenteil, das sind die, die in den Genuss einer Erziehung gekommen sind, im Rahmen derer Frauchen oder Herrchen sie von jeglicher Verantwortung für ihre eigene oder gemeinsame Sicherheit einschließlich des Reviers entbunden haben. Das sind also diejenigen, die nicht im Auftrage ihrer BesitzerInnen die Absichten anderer rivalisierender und konkurrierender Spezies aufzuklären haben, weil sie stattdessen von ihnen Schutz und Fürsorge erfahren. Sie zeigen deshalb auch keinerlei Interesse, einem anderen Hund seine Beschwichtigungssignale abzuverlangen oder selbst zu zeigen. Sie sind diejenigen, die anschließend auch nicht an straffer Leine vorne weg zerren und das Revier aufklärerisch inhalieren und markieren. Im Gegenteil, sie genießen im Gefühl des Wohlbefindens und völliger Entspanntheit die wohltuende Nähe von Frauchen und Herren und schlendern genüsslich an ihrer Seite durch den Wald.

Aber alle Hunde, ob sie nun erzogen sind oder nicht, würden nach der Beantwortung der ihnen zuvor gestellten Frage noch ergänzend hinzufügen, dass sie viel lieber mit Frauchen oder Herrchen allein einen Waldspaziergang machen würden. Denn sie allein und nur der Kontakt zu ihnen sind Garanten ihres Wohlbefindens; aber kein fremder Hund.

Ich bin in meinem Buch auch kritisch auf den nicht wirklich nachvollziehbaren Sinn einer Welpenspielgruppe als besondere Form des „Hundetreffens“ eingegangen. Welpen sollten stattdessen möglichst lange im Rudel der Mutter bleiben, mindestens bis zur 12. Woche, um die wichtigsten „Spielregeln“ zu erlernen. Welpen-„Spiel“-Gruppen  (was für ein irreführender Begriff!) bergen in erster Linie Stress, wenn nicht sogar die Gefahr von Traumatisierungen. Wenn stattdessen der neue Besitzer ab sofort seine Beschützerroller dem Hund gegenüber wahrnimmt und ihn auch von jeglicher Verantwortung für irgendeine Ressource entbindet, läuft der Hund auch nicht Gefahr, irgendeine Aggression zu entwickeln. Alles was der kleine oder später auch junge Hund an Lebenserfahrung “sammeln” muss, sollte er zwingend in Anwesenheit und unter dem Schutz von Frauchen oder Herren “zusammentragen”. Das alleinige und “losgeleinte” Sammeln von Erfahrungen beim Begegnen mit seinesgleichen kann durchaus schiefgehen.

Mir ist bisher kein einziger wissenschaftlicher Nachweis untergekommen, der belegt hätte, dass ein Hund grundsätzlich das Verlangen hätte, mit anderen und ihm fremden Hunden Kontakt aufnehmen zu wollen oder einen solchen zu suchen, um sein Wohlbefinden zu steigern. Im Gegenteil, es gibt eine Studie eines internationalen Forscherteams der Emory University, die belegt, dass Hunde die Gerüche von Menschen favorisieren vor denen ihrer Artgenossen. Es zieht sie also eher hin zum Menschen als hin zu ihren Konkurrenten. Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn sie ihrem Grundbedürfnis nach Replikation nachgehen wollen.

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