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25. DIE FRAGLICHE NOTWENDIGKEIT EINES ANTIJAGDTRAININGS

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oder

Das Märchen vom tapferen Schneiderlein

Neulich fragte mich eine Kundin mehr suggestiv als wissbegierig, ob ich auch ein Antijagdtraining anbiete. Suggestiv war ihre Frage deshalb, weil sie sie nicht als offene oder geschlossene Frage formulierte, sondern meine zu erwartende Antwort schon mit in ihre Frage hineinformulierte:

„Sie bieten doch sicherlich auch ein Antijagdtraining an, oder? Mein Rabauke jagt nämlich alles, was in sein Beuteschema passt und ist dann nicht mehr abrufbar. Und das nervt mich ungemein.“

Meine Antwort war zugegeben etwas süffisant, wofür ich mich auch sofort entschuldigte. Aber ich wollte ihrer Aufmerksamkeit einen kleinen Stupser verpassen, um meine Antwort und insbesondere deren Botschaft auch auf fruchtbaren Boden fallen zu lassen. Diesen Trick hat mir ein Kommunikationswissenschaftler verraten, wenn man befürchten muss, dass der Gesprächspartner die Antwort meint schon zu kennen und deshalb nur noch halb oder gar nicht mehr hinhört und eine in der Antwort eventuell enthaltene wichtige Botschaft dadurch gar nicht wahrnimmt.

Ich antwortete ihr nämlich mit einer Gegenfrage:

„Wenn Sie ein Fluglehrer wären und wollten Werbung für ihre Flugschule machen, würden Sie dann auch mit dem Slogan werben: Ich biete allen Fluginteressierten und künftigen Piloten eine Ausbildung zur Beherrschung der Landeklappen an?“

Woraufhin sie mich sichtlich veräppelt gefühlt fragte, was denn beides miteinander zu tun habe.

„Nun ja, eine separate Ausbildung zur Beherrschung der Landeklappen ist für einen künftigen Piloten genauso überflüssig wie ein Antijagdtraining bei einem Hund. Beides sind nämlich selbstverständliche Nebeneffekte der eigentlichen Ausbildung des Piloten bzw. Erziehung des Hundes.“

Wenn ich als Hundetrainer ihr als meine Kundin ein separates Antijagdtraining anbieten und mir bezahlen lassen würde, wäre es vergleichbar mit dem Verkaufen einer Flugausbildung in all ihren Einzelteilen. Es wäre für mich zwar ein lukratives Geschäft, aus der Perspektive der Kundin aber nicht.

Durch diesen Aufmerksamkeitscheck war der Cortex der Kundin für Botschaften sichtlich empfänglich genug und ich konnte ihr erklären, dass wir ihren Hund doch stattdessen nur zu erziehen bräuchten. Denn ihr Hund sei offensichtlich nicht sozialisiert, zumindest nicht interspezifisch. Dann wäre ein Antijagdtraining völlig überflüssig, weil dessen Effekt als schönes Nebenprodukt mit abfallen würde. Und dann würden wir nämlich auch, wie das tapfere Schneiderlein in Grimms Märchen sieben auf einen Streich, alle anderen Verhaltensauffälligkeiten noch gleich mit beseitigen. Denn meine Vermutung, dass es noch andere geben muss, resultierte aus der offensichtlich noch nicht erfolgreich abgeschlossenen interspezifischen Sozialisation – sprich Erziehung ihres Lieblings. Auch der finanzielle Reiz für sie bestünde darin, nicht für jedes Einzeltraining zur Beseitigung aller möglichen Auffälligkeiten einzeln bezahlen zu müssen, sondern „alle sieben Probleme“ mit einem Streich beseitigen zu lassen.

Abgesehen davon, dass ein separates Antijagdtraining gar nicht notwendig ist, ist ein solches auch falsch, wenn – wie ich zwar selten aber manchmal beobachten kann – dabei mit Hilfsmitteln wie dem Reichen von Leckerli gearbeitet wird.

Das Unterdrücken des Jagdinstinktes sollte ausschließlich das Ergebnis einer Erziehung sein und nicht das einer Ausbildung. Und bei der Erziehung haben Leckerli nichts zu suchen, wenn ich an meine Aussagen zu den intrinsischen Motiven in meinem letzten Beitrag erinnern darf. Sie sind vielmehr ein Mittel zur Konditionierung und somit geeignet zum Erreichen eines Ausbildungszieles. Wenn man Leckerli zur vermeintlichen Unterdrückung des Jagdinstinktes einsetzen würde, wäre es ja immer eine Art von Ablenkung und somit eben ein typisches Mittel zur Konditionierung eines bedingten Reflexes. Beim Hund würde im Erfolgsfalle sein Jagdinstinkt durch die stärkere Wirkung des Leckerlis nur überlagert werden. Aber was passiert, wenn später ein Hase auftaucht und die Tasche mit Leckerli ist leer? Eine Weile mag die Konditionierung noch nachwirken, aber ob dies von Dauer sein wird, wage ich zu bezweifeln. Oder es könnte durchaus passieren, dass Bello plötzlich und unerwartet ein Leckerli einfordert, nur weil am Horizont ein Langohr auftaucht.

Wesentlich effizienter zu erreichen und vor allem nachhaltig effektiv ist das Unterdrücken des Jagdinstinktes im Rahmen der interspezifischen Sozialisation des Hundes, sprich im Rahmen seiner Erziehung und nicht im Rahmen seiner Ausbildung. Dabei wird ihm sein Entscheidungsspielraum drastisch eingeschränkt bzw. sogar vollständig genommen, indem Frauchen ihm alle Verantwortlichkeiten sowohl für jegliche Ressourcen als auch insbesondere für sein Grundbedürfnis nach Sicherheit abnimmt. Und simultan muss jedes unerwünschte Verhalten reglementiert und korrigiert werden. Das Reichen von Leckerli wäre in diesem Kontext nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv, weil der Hund dann nicht aufgrund einer ihm bewussten Regel handeln würde, sondern aufgrund eines extrinsischen Stimulus. Dass letzterer durchaus wirksam sein kann und somit einen vermeintlichen Erfolg vorgaukelt, steht außer Frage; aber wirkt dieser Stimulus auch in allen Situationen? Da habe ich erfahrungsgemäß Zweifel.

Ob und dass die Erziehung erfolgreich abgeschlossen ist, kann man daran erkennen, wenn der Hund ständig und in allen Entscheidungssituationen den Blickkontakt zu Frauchen sucht. Denn das ist ein untrügliches Indiz dafür, dass er die Regel des konfliktfreien sozialen Zusammenlebens mit Frauchen beherrscht, alle Entscheidungen ihr zu überlassen und erst danach zu handeln. Das Übermitteln einer solchen Entscheidung während des Blickkontaktes kann in Form jeglicher Art von Gestik oder Mimik erfolgen. Bei einem erzogenen Hund wäre zwar der Jagdinstinkt dann nicht verschwunden, denn er ist ein natürlicher und kann nicht gelöscht werden, aber ein erzogener Hund würde gar nicht mehr auf die Idee kommen, einem Hasen hinterherzujagen, ohne zuvor Frauchens Erlaubnis eingeholt zu haben. Denn seinem Instinkt ungefragt und unerlaubt nachzugehen würde nicht mehr in seinem Entscheidungsspielraum liegen.

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24. IST DIE AUSBILDUNG DES HUNDES DAS GLEICHE WIE SEINE ERZIEHUNG?

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oder

Die zwei Seiten einer Medaille

Hundebesitzer(innen), die mich zu sich und ihrem sogenannten verhaltensauffälligen Hund rufen, beklagen in der Regel nicht den mangelnden Ausbildungsstand ihrer Schützlinge, sondern beklagen eher die mangelnde Erziehung ihrer „Rüpel“: So beklagen sie beispielsweise ihre mangelhafte Leinenführigkeit wie das kräftezehrende Zerren an der Leine oder ihre Aggressivität anderen Menschen und Tieren gegenüber. Nicht selten sind auch sehr ernst zu nehmende Fälle von Beißattacken und Übergriffe auf Kinder zu beklagen. Ebenso ist das nervende Kläffen am Gartenzaun oder hinter der Wohnungstür, wenn Herrchen oder Frauchen sie verlassen haben, ein oft genanntes Problem. Aber sie beklagen auch die Angsteskapaden ihrer Schützlinge, wenn diese irgendwelchen Schreck einflößenden Umwelteinflüssen ausgesetzt sind wie Silvesterlärm, Feuerwehrsirenen oder ähnlichen Schreckgespenstern.

Mit anderen Worten, es geht nicht darum, dass die Hunde solche Kommandos wie Sitz, Platz und Co. nicht beherrschen oder sonstige Befehle nicht befolgen und bestimmte Aufgaben nicht lösen würden, sondern dass sie ein Verhalten an den Tag legen, welches man bei Kindern als unerzogen beschreiben würde. Bei Hunden beschreiben wir es als nicht oder nicht ausreichend sozialisiert. Eine Sozialisation sollte auf drei Ebenen stattgefunden haben, um sagen zu können, dass die Erziehung des Hundes erfolgreich abgeschlossen sei.

Die drei Ebenen der Sozialisationen sind:

  1. die intraspezifische,
  2. die interspezifische und
  3. die umweltspezifische.

Die intraspezifische Sozialisation betrifft das verträgliche Verhalten des Hundes gegenüber anderen Artgenossen seiner Spezies. Aus meiner Sicht gilt sie dann als abgeschlossen, wenn er in anderen Hunden keine Konkurrenten oder Rivalen mehr sieht bzw. sie weitestgehend ignoriert, außer während der Läufigkeit. Die interspezifische Sozialisation ist die Verträglichkeit mit anderen Mitgliedern der Fauna einschließlich Menschen; er in ihnen also auch keine Bedrohung sieht. Und die umweltspezifische ist die angstfreie Verhaltensweise gegenüber allen Umwelteinflüssen.

Damit sei verdeutlicht, dass allein schon die Zielstellungen einer Erziehung völlig andere sind als die der Ausbildung, bei der das Beherrschen bestimmter Aufgaben im Vordergrund steht. Ob dies auch Auswirkungen hat oder haben muss auf die Methoden zum Erlernen oder Beherrschen der entsprechenden Zielstellungen werden wir noch sehen.

Nun sind die Übergänge zwischen Ausbildung und Erziehung sicherlich an manchen Stellen fließend und demzufolge auch die in den Methoden. Aber entscheidend ist der signifikante Unterschied in der Art der Motivation des Hundes für sein Handeln und deshalb Methoden der Ausbildung für seine Erziehung oftmals als ungeeignet entlarvt, auch wenn diese über einen längeren Zeitraum angewendet mehr oder weniger zum scheinbaren Erfolg führen:

Die Sozialisation des Hundes ist nur dann nachhaltig erfolgreich, wenn sein Verhalten durch seine intrinsische Motivation gesteuert wird; er sich also aus ureigenem Interesse so verhält wie er sich verhalten soll und nicht aufgrund irgendwelcher äußerer Stimuli. Immer wenn extrinsische, also von außen wirkende Motivatoren das handeln steuern müssen, um ein bestimmtes Verhalten des Hundes zu initiieren, sollte man von einer Konditionierung, also dem Ergebnis einer Ausbildung ausgehen und nicht von einer Erziehung im hier gemeinten Kontext.

Insofern sind alle Methoden der Belohnung keine reinen Erziehungsmethoden, sondern immer Formen der Konditionierung. Dass diese irgendwann auch zu einem gewünschten Verhalten des Hundes führen können, ist völlig unstrittig. Aber das entscheidende Element der Erziehung, die intrinsische Motivation, fehlt in der Regel.

Bei der Erziehung des Hundes hingegen wird, anders als bei der Ausbildung, ausschließlich die Befriedigung eines seiner Grundbedürfnisse ausgenutzt, um das Erziehungsziel zu erreichen. Denn nur so kann das Kriterium der intrinsischen Motivation erfüllt werden. Und dabei spielt das hündische Bedürfnis nach Sicherheit – im engeren wie im weiteren Sinne – die entscheidende Rolle.

Man kann verallgemeinernd sagen, dass der Hund sich immer dann aus der Urteilsperspektive des Menschen unauffällig oder verträglich verhält, wenn sein Grundbedürfnis nach Sicherheit für ihn als befriedigt gilt. Im Umkehrschluss heißt dies, dass der Hund immer dann vermeintlich verhaltensauffällig ist, wenn sein Grundbedürfnis nach Sicherheit nicht erfüllt ist. Allerdings ist dieses Verhalten nur vermeintlich auffällig, weil es aus seiner Perspektive betrachtet als völlig normal zu bewerten ist, denn er will durch dieses Verhalten nichts anderes, als sein Grundbedürfnis befriedigen. Nur der Mensch empfindet es als auffällig, weil oder wenn er den wahren Grund nicht durchschaut.

Insofern sind alle die Methoden für die Erziehung eines Hundes geeignet, mittels derer dem Hund demonstriert wird, dass Herrchen oder Frauchen immer und überall für seine und ihre eigene sowie die Sicherheit aller zu ihrem “Rudel” gehörenden Mitglieder sorgen oder mittels derer dem Hund jegliche Verantwortlichkeit für irgendeine Ressource genommen wird, für deren Sicherheit auch er ansonsten selbst zu sorgen hätte. Und diese Methoden haben mit Sicherheit nichts mit Leckerlies oder sonstiger positiver Bestärkung zu tun, sondern ausschließlich mit Demonstration und gleichzeitiger Korrektur des hündischen Verhaltens. Wichtig dabei ist allerdings die Simultanität beider Faktoren. Der Mensch muss dem Hund durch die Korrektur seines Verhaltens zeigen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist und ihm gleichzeitig demonstrieren, dass es keinen Grund mehr für ihn gibt, sich so zu verhalten wie er sich verhält.

Am Beispiel der Aggressivität gegenüber anderen Hunden kann deshalb der Aberwitz solcher Methoden wie die positive Bestärkung oder das Reichen von Leckerlies und ihre Nichteignung als Erziehungsmethode verdeutlicht werden: Wenn der Hund beispielsweise anderen Hunden begegnet und er sie aufgrund seiner noch nicht erfolgten Sozialisation nicht ignoriert, also noch als Rivalen oder Konkurrenten betrachtet, würde das in dieser Situation beispielsweise getätigte Reichen von Leckerlies nur eine reine Ablenkungsmaßnahme sein. Der eigentliche Grund, die anderen Hunde noch als Konkurrenten oder Rivalen zu betrachten, wäre damit ja in keiner Weise beseitigt. Denn der Hund betrachtet andere Hunde immer dann als Rivalen oder Konkurrenten, wenn er selbst für seine Sicherheit im engeren und weiteren Sinne zu sorgen hat. Und das Reichen von Leckerlies wird ihn ja wohl kaum von seinem Verantwortungsgefühl befreien. Bedauerlicherweise kommt die irrige Vorstellung, dass durch Konditionierung in solchen Situationen doch eine Erziehung erfolgen könnte, dadurch zu Stande, dass bei ständiger Wiederholung und ausreichender Stärke des Stimulus, der Hund irgendwann soweit konditioniert sein kann, dass er schon Speichelfluss bekommt, nur wenn seine Rivalen um die Ecke kommen. Nicht etwa aus Fleischeslust, sondern wegen des zu erwartenden Leckerli, denn der unbedingte wurde zu einem bedingten Reflex und unterdrückt sein agonistisches Verhalten gegenüber seinen Rivalen. Das geht aber u.U. nur so lange gut, wie die Stärke des Stimulus stark genug ist. Mit Erziehung hat das Ganze jedoch nichts zu tun.

Wenn aber Herrchen oder Frauchen statt seiner diese Sicherheitsaufgabe für ihn übernehmen würden und ihm dies auch eindeutig demonstrieren, wäre damit der Grund für seine Rivalität sofort verschwunden. Und er hätte sicherlich ab sofort keinerlei Interesse mehr an seinen Artgenossen. Erst dann sollten wir aber von Erziehung reden.

Der interessierte Leser kann dies exemplarisch auf einer „Hundespielwiese“ – wie dieser Ort übrigens falscher und heuchlerischer kaum beschrieben werden kann – beobachten. Sollte sich hier eine Horde fremder Hunde begegnen, wird es im besten Falle zunächst zu einem wilden Ritual des gegenseitigen Kontrollierens und Schlichtens kommen, um sich gegenseitig zu beteuern, sich kein böswilliger Feind zu sein. Ich betone, im besten Falle. Sowie dieses Ritual dann aber ohne größere Konflikte und Schäden überstanden wurde – was nicht selbstverständlich ist – wird man sehr bald beobachten können, dass alle Beteiligten sternförmig auseinander rennen und  kaum noch ein Hund sich für einen anderen zu interessieren scheint. Sie haben – außer während der Läufigkeit – halt keinerlei Interesse aneinander. Nun könnte man entgegenhalten, dass dieses gleiche Ritual aber bei jeder neuen Begegnung wieder so ablaufen würde, sogar wenn die gleichen Hunde sich am nächsten Tag wieder begegnen würden. Das sei doch ein Indiz dafür, dass sie sehr wohl aneinander ein Interesse zeigen; denn dass sie keine Feinde sind, hätten sie sich doch schon gestern beteuert. Aber mitnichten; diese nur scheinbare Wiedersehensfreude lässt sich damit erklären, dass die Hunde nicht einschätzen können, ob sich über Nacht nicht irgendetwas an den Absichten der anderen geändert haben könnte.

Und übrigens, das mit Sicherheit durch den interessierten Beobachter zu beobachtende wilde Gewedel aller Ruten der an diesem Ritual Beteiligten hat nicht etwa was mit deren unsagbarer Freude zu tun. Im Gegenteil, es ist Ausdruck extremer Unsicherheit und grenzt an Stress.

Somit kann man sagen, dass das gesamte Verhalten eines Hundes zwar das Resultat und Spiegelbild sowohl seiner Ausbildung als auch seiner Erziehung ist. Allerdings sind beides zwei verschiedene Seiten einer Medaille. So wie man sagen kann, dass ein Kind, welches Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorie erklären könnte, gut ausgebildet wäre, aber deshalb noch lange nicht gut erzogen sein muss. Trotz Beherrschung der Gravitationstheorie könnte das Kind jeden Tag bösartig andere Kinder verprügeln oder Ladendiebstähle begehen. Die Ausbildung hat immer etwas mit dem Beherrschen von Fähigkeiten und Fertigkeiten zu tun. Die Erziehung hingegen ist das Akzeptieren von Regeln, um in einer sozialen Gemeinschaft miteinander konfliktfrei klarzukommen.

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23. DARF ICH MEINEN HUND BESTRAFEN?

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oder

Das wahre Gesicht hinter der schönen Maske der Tierliebe.

Eine mir häufig gestellte Frage ist die nach der Legitimität der Bestrafung. In ihr schwingt zwar meistens ein schlechtes Gewissen mit; ebenso aber auch ein Wunsch nach Legitimität in der leisen Hoffnung auf einen Rest an Zulässigkeit, denn ansonsten würde man mir die Frage ja nicht stellen. Und Hand aufs Herz, wer wollte behaupten, nicht selbst auch schon mal hätte ausrasten können, wenn der Vierbeiner den größten Unsinn angestellt hat, den ein Hund sich nur ausdenken konnte oder scheinbar überhaupt nicht mehr zu machen schien, was er eigentlich machen sollte. Dann könnte man doch schon mal … und den Frust rauslassen, oder?

Aber der Gedanke an Bestrafung ist noch nicht einmal zu Ende gedacht, da erscheinen promt zwei selbstbewusst anmutende Gestalten namens Tierliebe und Tierschutz mit der abschreckenden Keule der Gewalt in der Hand und flüstern mit strengem Blick und erhobenem Zeigefinger Herrchen oder Frauchen ein furchtbar schlechtes Gewissen ins Ohr. Und das mit einem Erfolg, insbesondere in jüngster Zeit, der schon bemerkenswert ist.

Aber verbirgt sich hinter diesen Gestalten auch tatsächlich das, was sie zu sein vorgeben? Erkennt man nicht bei genauerem Hinschauen, dass es sich in Wahrheit nur um zwei sehr schön anzusehende Masken handelt, die die wahren Gesichter dahinter nur verbergen? Bei kritischer Betrachtung entlarven sie sich nämlich sehr schnell als zwei uns sehr gute Bekannte, nämlich Unkenntnis und Unwissenheit.

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Erfolge sie erzielen. Und da stellt sich die Frage nach dem Grund ihres Erfolges.

Eine plausible Antwort gibt uns die Sozialpsychologie oder auch die kognitive Psychologie: Immer wenn Gefühle im Spiel sind, haben Rationalität und Fakten offensichtlich nur schlechte Karten. Ein Verkaufspsychologe kann ganze Bücher darüber schreiben, wie beim Konsumenten erfolgreich der Verstand ausgeschaltet werden kann, wenn die Gefühle nur stark genug aktiviert werden. Dann kann man auch einem Piloten einen Rundflug verkaufen. Die meisten Entscheidungen werden nämlich im Bauch getroffen und nicht aufgrund rationaler Abwägungen. Und genau dieses Phänomen nutzen die beiden ganz geschickt aus, ihr mangelndes Wissen und ihre Unkenntnis zu vertuschen. Sie nutzen ganz geschickt die Gefühlswelten, die durch Stimmungen gegen Massentierhaltung und grässlich anmutende Tierversuchsforschung der Pharmaindustrie oder Bilder aus rumänischen Tierheimen geprägt sind, quasi als Hintergrundrauschen, um dem gutgläubigen Hundehalter vor dem Hintergrund dieser diffusen Gefühlspampe einzureden, dass eine Bestrafung etwas sehr Böses sei.

Herrchen und Frauchen sollen stattdessen gefälligst auf ihren wohlfeilen Rat hören und lieber mit solch probaten Zaubermitteln herumexperimentieren, die mit ebenso verlockenden Begriffen verbrämt daherkommen wie „positive Bestärkung“ oder sonstiger Firlefanz. Äußerungen von selbsternannten Tierliebhabern wie, „Bei mir kommt Gewalt und Härte in der Hundeerziehung nicht in Frage“ und ähnlich gelagerter Bullshit verführen den Hundehalter sehr leicht zur Demut. Denn ein Narr, wer heute etwas gegen Tierliebe oder Tierschutz sagen wollte.

Wenn man mich in solchen oder vergleichbaren Situationen nach dem Grund fragt, warum beispielsweise jemand so etwas Widersinniges äußert, obwohl schon der gesunde Menschenverstand dagegen rebelliert, kommt mir immer ein lateinisches Zitat in den Sinn, welches mein Vater mir für solche und ähnliche Situationen mit auf den Weg gegeben hat: Wenn du dir den wahren Grund hinter einer Absurdität nicht sofort erklären kannst, frage dich immer: Cui bono? – Wem zum Vorteil? Oder anders ausgedrückt: Wem nützt es? In diesem Falle liegt bei mir der Verdacht nahe, dass derjenige, der so etwas äußert, entweder mangelndes Wissen vertuschen oder jemanden in seinem Sinne manipulieren will.

Ich bin in meinem Buch ausführlich auf die Legitimität der Bestrafung als Erziehungsmittel und ihr Vorbild in der Natur eingegangen. Die Bestrafung ist das effizienteste Mittel der Erziehung. Wer das nicht glaubt, dem empfehle ich einen Tierparkbesuch, oder einem Hundezüchter über die Schultern zu schauen. Wer hier einen Blick hinter die Kulissen eines Rudellebens wirft, dem wird sehr schnell klar: Eine Erziehung ohne Bestrafung wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Welpe beispielsweise würde niemals die gesamte Komplexität und Vielfalt aller notwendigen Regeln eines intakten Rudellebens begreifen, ohne Sanktionen zu erfahren. Selbst das Spielen wird ständig durch Maßregelungen unterbrochen, wenn der Protagonist über die Stränge schlägt. Denn ihm bleibt nicht viel Zeit, dies alles zu verstehen und zu lernen. Was die Natur dem kleinen Neuankömmling mitgegeben hat, ist zwar ein ziemlich umfangreiches Repertoire an Verhaltensweisen, mittels derer er sich im Wettbewerb gegenüber Konkurrenten und Rivalen durchsetzen kann. Man nennt es auch das agonistische Verhaltensrepertoire. Was die Natur ihm aber nicht mitgegeben hat, und er sich somit erst mühsam aneignen muss, sind die Regeln, nach denen er sie einsetzen darf. Und dazu gehört das Wissen über den ihm zustehenden Entscheidungsspielraum, welches Mittel er wann oder überhaupt anwenden darf. Dieser Erkenntnisgewinn wird entweder durch Methoden des Lernens, also der Nutzung von Vorbildern und ihrer Nachahmung initiiert, oder eben durch Sanktionen im Rahmen der Erziehung. Es erfolgt quasi immer eine Reglementierung, wenn die Grenzen der Zulässigkeit erreicht oder überschritten sind.

Aber lassen Sie mich zunächst den Versuch einer Erklärung geben, was in diesem Kontext unter Bestrafung zu verstehen ist. Weil einige Leser mich ansonsten als Baseballschläger-schwingenden-Tierquäler sehen, wenn ich mich als Befürworter der Bestrafung zu erkennen gebe.

Unter Bestrafung sind alle Mittel der Sanktionen und Reglementierungen zu verstehen, mit deren Hilfe Tiere sich untereinander ihren jeweiligen Entscheidungsspielraum begrenzen. Man könnte sie auch als Korrekturen bezeichnen; das heißt, wenn geklärt wird, wer was machen und wie weit gehen darf. Und ähnlich sieht es in der Beziehung zwischen Hund und Mensch aus. Auch der Mensch muss dem Hund seine Grenzen zeigen, indem er ihm demonstriert, welcher Entscheidungsspielraum ihm zusteht. Und sollte der Hund über diese Grenzen hinausgehen, gilt es ihn zu korrigieren. Welches konkrete Mittel der Maßregelung oder Sanktion einzusetzen ist, ergibt sich aus der Situation und der „Schwere“ der Spielraumverletzung. Aber es darf auch nicht vergessen werden, dass solche Korrekturen für den Hund nicht zwingend etwas Unangenehmes sein müssen. Im Gegenteil, sie geben ihm Orientierung und damit Sicherheit. Und Sicherheit ist für ihn bekanntlich ein sehr wichtiges Grundbedürfnis. Insofern ist es aus meiner Sicht doppelt gefährlich, bei Bestrafung von etwas Schlechtem zu reden.

Allerdings – und damit zur alles entscheidenden Bedingung, um eine Bestrafung nicht nur erfolgreich sein zu lassen, sondern insbesondere auch legitim – muss sie zwingend simultan durch das Beseitigen des Grundes des hündischen Fehlverhaltens begleitet werden. Weil erst dann, wenn der Grund für sein Fehlverhalten nicht mehr existent ist, der Hund auch den Sinn der Reglementierung versteht, ohne in einen Konflikt zu geraten.

Will heißen, ohne dem Hund den Grund für sein vermeintliches Fehlverhalten zu nehmen, wäre die Bestrafung ein ungeeignetes Erziehungsmittel. Wenn ich beispielsweise einem Hund durch mein falsches Verhalten demonstriert habe, dass ich nicht willens oder in der Lage bin, für seine Sicherheit zu sorgen und er demzufolge selbst durch die Nutzung seines agonistischen Verhaltensrepertoires wie beispielsweise die Aggression dafür zu sorgen hat, wäre es widersinnig, ihn aufgrund seines aggressiven Verhaltens zu bestrafen. Denn ich würde ihn dann quasi für ein völlig normales Verhalten maßregeln. Es wäre doch absurd, einen Wachhund für sein Verhalten zu bestrafen, wenn er ein zu bewachendes Revier erfolgreich bewacht.

Wenn ein Hund sich vermeintlich falsch verhält, ist es demzufolge zunächst notwendig, zu hinterfragen, ob sein Verhalten auch aus seiner Perspektive falsch ist und nicht etwa als normal gelten muss und der Mensch auch tatsächlich dafür gesorgt hat, dass es für dieses Verhalten eigentlich gar keinen Grund mehr gibt. Erst dann wäre eine Reglementierung angezeigt:

So beispielsweise im Falle eines kleinen Jack Russel Terrier; nicht größer als anderthalb Handflächen aber ein „Wadenbeißer“ wie er im Buche steht. Mit gefletschten Zähnen, Knurren und Kläffen verbannte er jeden aus seinem Wirkungsbereich, so dieser sich in seine Aggressionsdistanz wagte und biss sogar die Kinder in der eigenen Familie. Dieses Verhalten war bereits deutlich manifestiert, denn er erzielte mit seinen Aggressionen regelmäßig Erfolg. Immer wenn sich ihm jemand näherte, wich dieser reflexartig zurück, sowie die kleine „Bestie“ seine Drohgebärden zeigte. Diesen Hund für seine Aggressionen ausschließlich zu bestrafen, ohne den Grund für seine Aggressionen zu beseitigen, wäre also ein falsches und sinnloses Unterfangen. Der erfolgreiche Therapieansatz bestand demzufolge vielmehr darin, sich ihm zu stellen und auf keinen Fall zurückzuweichen und für sein Verhalten zu reglementieren. Aber unmittelbar danach musste ihm demonstriert werden, dass Herrchen oder Frauchen auch zuverlässig für seine Sicherheit sorgen. Denn dass dies zuvor nicht der Fall war, war offensichtlich der Grund seiner Aggressionen. In solchen Fällen hilft mir immer mein Therapiehund Neo, der quasi auf Kommando Feind oder Ignorant sein kann. Nachdem der Delinquent korrigiert wurde demonstriere ich ihm meinen Schutz.

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22. WARUM STOSSEN NEUE ERKENNTNISSE DER HUNDEERZIEHUNG ANFÄNGLICH AUF ABLEHNUNG

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oder

Warum hat der Mensch Angst vor einem Irrtum?

Warum stößt beispielsweise meine Aussage, dass Hunde in einer einzigen Trainingseinheit erzogen werden könnten, auf massive Ablehnung? Oder es kommt zu einem regelrechten Sturm der Entrüstung, wenn ich behaupte, dass Hunde, wenn sie erzogen sind, keinerlei Interesse mehr an der Begegnung mit anderen Hunden hätten, im Gegenteil, ein regelrechtes Desinteresse zeigen.

Ich hatte zu diesem Phänomen der Ablehnung ein interessantes Gespräch mit einem Piloten und Experten aus der Luftfahrtbranche, der mir dazu eine verblüffende Erklärung gab, und zwar aus Sicht der Neurowissenschaften:

In der Luftfahrt befasse man sich nämlich schon seit langem im Rahmen eines Forschungs- und Schulungs-Projektes, das sich „Human-Factors“ (menschliche Faktoren) nennt, mit den Ursachen menschlichen Fehlverhaltens. Das Ziel bestehe darin, nicht nur die Ursachen eines Unfalles oder Vorkommnisses zu klären, sondern daraus ableitend Fehlervermeidungsstrategien zu entwickeln. Dabei gehe man u.a. der Frage nach: Warum passieren dem Menschen Fehler? Und im Rahmen dessen sei man auf interessante Erkenntnisse gestoßen zum “Umgang” des Gehirns mit eigenen Fehlern – oder anders gefragt: Verfügt das Gehirn über ein eigenes Fehlermanagement, wie funktioniert dies und welche Folgen hat dies für das menschliche Handeln?

Die Evolution hat den Menschen bekanntlich zur erfolgreichsten Spezies werden lassen. Der Mensch ist quasi ihre Erfolgsstory. Keine andere Spezies hat sich derart flexibel an ungünstige und sich stets ändernde Lebensräume angepasst und diese dadurch erfolgreich erobert. Dabei spielte das Gehirn die entscheidende Rolle.

Eine der wichtigsten Aufgaben, die dem Gehirn dabei zugekommen ist, ist die Motivierung seines “Chefs”, ihn ständig und stets nach Neuem streben zu lassen, um so die Grundvoraussetzung für seine Weiterentwicklung zu schaffen. Denn sie ist wiederum die Voraussetzung für eine mögliche Anpassung. Stagnation wäre gleichbedeutend gewesen mit seinem Untergang. Und damit der Mensch stets nach Neuem strebt, hat die Evolution sich die Neugierde einfallen lassen.

Diese Neugierde ist das Ergebnis eines Tricks der Evolution, genannt Belohnungssystem. Es ist in seiner Wirksamkeit ähnlich wie die der Drogen, nach denen der Abhängige süchtig wird. Die dabei aktivierten Stoffe werden deshalb auch endogene (körpereigene) Opioide genannt, denn sie sind in ihrer chemischen Zusammensetzung tatsächlich dem Opium ähnlich. Sie werden vom Gehirn dann aktiviert und führen zu den gleichen angenehmen Gefühlen wie auch der Fixer sie kennt, wenn bestimmte Bereiche des Gehirns Neurotransmitter wie Dopamin oder Oxytocin produzieren.

Nun musste sich die Evolution nur noch einfallen lassen, wann es denn Sinn macht, solche endogenen Opioide zu aktivieren, damit sie auch den gewünschten Effekt erzielen. Und das tun sie dann, wenn das Ergebnis einer Handlung besser ist als die Erwartung; also immer dann, wenn der Mensch mit dem, was er getan hat, erfolgreich war. Und umso größer der Abstand zwischen erreichtem Ergebnis und vorheriger Erwartung sich darstellt, desto intensiver verschafft das Gehirn sich quasi selbst eine Belohnung. Man könnte auch sagen, der Mensch sei süchtig nach endogenen Opioiden und strebe deshalb nach Neuem, infolgedessen er sich weiterentwickelt.

Aber wie vieles in der Natur, hat auch diese evolutionäre Erfindung eine dumme Kehrseite. Und die sieht so aus, dass der Mensch das Gegenteil des Erfolges ganz und gar nicht mag, nämlich den Misserfolg. Will heißen, er scheut Niederlagen oder Enttäuschungen und Irrtümer wie der Teufel das Weihwasser. Wenn quasi das Ergebnis seines Handelns unterhalb der Erwartung oder hinter ihr zurückbleibt. Der Extremfall ist der, bei der das Ergebnis genau das Gegenteil von dem ist, was eigentlich erwartet wurde. Und das Gefühl wird dann umso grässlicher, je mehr der Irrende in den Irrtum investiert hat. Sei es Mühe, Geld, Zeit oder sonstiger Aufwand. Wissenschaftler können ganze Bücher darüber schreiben, wie sie sich verbissen an eigentlich längst aufzugebende Thesen klammern, obwohl der Verstand schon lange sagt, dass es ein Irrtum sei. Deshalb gibt es in der wissenschaftlichen Arbeit das Kriterium der Falsifikation. Sie verlangt, dass nach Aufstellung einer These immer zunächst der Versuch ihrer Widerlegung gemacht werden soll und nicht nach Bestätigungen gesucht wird. Weil der Mensch sich halt zu gerne in eine schön und logisch klingende These verliebt und sich dann außerordentlich schwer tut, bei Gegensignalen kritisch zu bleiben. Und ähnlich wie sich der Abstand zwischen Erwartung und Ergebnis auf die Intensität des Glücksgefühls auswirkt bis hin zur Euphorie, quält das Gegenteil den Irrenden umso mehr, je größer die Konsequenzen aus dem Irrtum sind oder je intensiver er zuvor seinen Aufwand für die Erlangung seiner falschen These betrieben hat.

Das treibt bekanntlich Blüten, die jeder Leser mit Sicherheit kennt: Selbst wenn der Verstand schon zweifelt, klammert sich der Wille noch lange an die Lüge. Denn er will die Gefühle des Irrtums, der Enttäuschung oder gar der Angst, die mit der neuen Erkenntnis vielleicht verbunden sind, so lange wie möglich hinauszögern. Und das, obwohl es rational viel vorteilhafter wäre, sich mit der neuen Erkenntnis schnellstmöglich auseinanderzusetzen.

Piloten, so der Experte, würden dieses Phänomen des Klammerns an die falsche Wahrheit noch sehr gut aus der Zeit kennen, als es noch kein GPS und ähnlich moderne Navigationssysteme gab. Als sie sich noch anhand von Karte und Kompass orientieren und ihr Ziel finden mussten. So fürchteten sie beispielsweise, ähnlich wie der Teufel das erwähnte Wasser, nichts so sehr wie einen Orientierungsverlust und die damit einhergehenden Konsequenzen. Wenn sie sich dann verflogen hatten und die Darstellung der Natur auf ihrer Karte mit der realen Welt verglichen und beides stimmte nicht wirklich überein, kam Unruhe auf, die ein Vorbote der Panik war. Und obwohl der Verstand sagte, „Du, wir haben uns verflogen und sollten uns schleunigst auf die Suche nach einem Ausweg machen“, kam es zu solch irrwitzigen Reaktionen des Willens, dass Seen und Flüsse da unten, die auf der Karte völlig anders aussahen oder gar nicht da waren, so lange uminterpretiert wurden, bis sie „richtig“ aussahen. Denn das sich Eingestehen des Irrtums wäre ein schrecklich hässliches Gefühl.

Man kann auch sagen, dass der Mensch hier ein angeborenes Meideverhalten an den Tag legt, um dem widerlichen Gefühl des Sich-geirrt-Habens aus dem Wege zu gehen.

„Und nun“, sagte der Luftfahrtexperte zu mir, „stelle man sich einmal folgende Situation vor:

Der Irrende würde sich seinen Lebenstraum erfüllt und eine Hundeschule eröffnet haben. Um die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, hätte er all sein Hab und Gut in seine eigene Ausbildung und Qualifikation investiert, hätte sich Wissen angeeignet, wo er nur konnte, hätte an allen möglichen Lehrgängen und Seminaren teilgenommen und schließlich und endlich mit viel Aufwand und Mühen, verbunden wahrscheinlich auch mit erheblichen Kosten, seiner Einschätzung nach alle notwendigen Kenntnisse für eine erfolgreiche Führung seiner Schule zur Ausbildung und Erziehung von Hunden erlangt. Dann habe er sich noch ein Marketingkonzept einfallen lassen, wie man Hundebesitzer dazu animieren könnte, nicht nur zu ihm in seine Hundeschule zu kommen, sondern dies auch noch möglichst häufig und immer wieder zu tun. Denn, wie er sich ausgemalt haben könnte, sei der Stammkunde der zahlungsfreudigste. Also lässt er sich einige sogenannte Kundenbindungsmaßnahmen einfallen wie Zehnerkarten, allsonntägliche Welpentrainings, Raufergruppen oder gemeinsame Rudeltrainings und kollektive Hunde-Gruppen-Wald-Spaziergänge sowie sonstige witzige Hund- und Herrchen-Frauchen-Treffen. Und damit der brave Hundeschulbesucher nicht irgendwann Lust und Laune verliere oder meine, dass es ihm jetzt doch langsam zu teuer werde oder gar Zweifel an der Erfolgsaussicht dieser mittlerweile sehr lang andauernden aber nicht wirklich erfolgreichen Schulungsmaßnahmen hege, müsse ihm nur noch überzeugend klar gemacht werden, dass die Hundeerziehung ein sehr komplexer und damit ein sehr komplizierter und deshalb eben vor allem lang andauernder Prozess sei. Voraussetzung, dass der Irrende dabei aber kein schlechtes Gewissen bekäme, ist allerdings seine eigene Überzeugtheit von der Richtigkeit seiner Theorie, sprich These. Denn wir reden hier nicht von einem Hundeschulbetreiber, dem seine Irrtümer bewusst sind, denn dann müssten wir ja von Schwindel, Betrug oder arglistiger Täuschung sprechen. Adäquat wie wir in der Luftfahrt im Rahmen der Human-Factors-Forschung nicht die Fehler untersuchen und analysieren, die jemand bewusst macht. Sondern wir befassen uns ausschließlich mit den Fehlern, die jemandem passieren, ohne dass derjenige, dem sie passieren, es wollte, dass sie ihm passieren.

Mit anderen Worten: Der Irrende sei zutiefst von der Richtigkeit dessen, was er weiß und was er tut, überzeugt. Nichts auf dieser Welt könnte ihn vom Gegenteil überzeugen, denn er habe schließlich einen riesigen Aufwand betrieben, um sich dieses Wissen mühsam anzueignen und darauf sogar seine Existenz aufgebaut.

Aber nun, nehmen wir einmal an, geschehe für ihn etwas völlig katastrophal Unerwartetes, was das Kartenhaus des Wissens und der Überzeugungen urplötzlich drohe einstürzen zu lassen: Es käme ein Klugscheißer um die Ecke, der behaupten würde: ‚Es ist alles ein Irrtum!‘

Was würde jetzt wohl im Gehirn des Irrenden im Rahmen des endogenen Fehlermanagements ablaufen? Kann man sich in etwa vorstellen, welch eine riesige Enttäuschung es bedeuten würde, verbunden mit der Angst vor all den Konsequenzen, wenn das stimmen sollte, was der Klugscheißer da sagt?

Also wehrt sich der Wille mit Händen und Füßen vor diesem furchtbaren Irrtum. Und das führt in manchen Fällen, wenn der Irrtum fundamental ist, sogar zu drastischen Reaktionen bis hin zum Angreifen oder sogar versuchten Vernichten des Klugscheißers. Schon im alten Griechenland wurde der Überbringer der schlechten Nachricht bestraft und im Mittelalter wurde er geköpft. Bei Konfuzius kann man lesen ‚Ein Mann, der die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd.‘ Daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Wenn stattdessen der gesunde Menschenverstand die Oberhand im Krisen- oder Fehlermanagement behalten würde, wären die Folgen eines Irrtums wesentlich harmloser. Die bis zum Eingeständnis des Irrtums verstrichene und wertvolle Zeit hätte inzwischen in eine effektive und effiziente Lösungssuche investiert werden können. Und damit wäre allen Beteiligten geholfen, in unserem Falle Hund und Herrchen oder Frauchen, die nicht mehr durch ein zermürbendes und zeitaufwendiges und obendrein noch erfolgloses Martyrium an Ausbildungsmaßnahmen, die zur Erziehung eines Hundes ungeeignet sind, gehen müssten. Methoden der Ausbildung, die hier durchaus ihre Berechtigung haben, aber im Rahmen der Erziehung ungeeignet sind, führen nicht nur zu sehr viel Frust und finanziellem Aufwand auf Seiten der Hundebesitzer(innen), sondern führen im schlimmsten Fall zu vermeidbarem und unnötigem Stress bei den Hunden. Oder sie führen sogar dazu, dass aufgrund der Erfolglosigkeit diesen Tieren das Tierheim oder schlimmeres droht.

Selbst wenn sich die neue These als falsch erweisen sollte, lohnt es doch des Aufwandes der Auseinandersetzung, anstatt immer wieder die alte These mit der Vorstellung, „Was nicht sein darf, nicht sein kann“, zu verteidigen. Ich finde, wir sind diesen Aufwand und diese Ehrlichkeit der Kreatur Hund schuldig.

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21. WAS IST EIN “PROBLEMHUND”?

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oder

Gibt es ein normatives Verhalten des Hundes?

Sie kennen sicherlich solche Sprüche wie: „Es gibt keine Problemhunde, sondern nur Problemherrchen“ oder „Das Problem befindet sich nicht unten, sondern am oberen Ende der Leine!“ oder „Therapiert werden sollten nicht die Hunde, sondern deren Besitzer!“.

Sind das nur tierliebende Meinungen aus dem Bauchgefühl, die dann zwar für den Hund lieb gemeint wären, aber keiner seriösen Überprüfung standhalten würden? Oder gebe es für solche Aussagen sogar eine sachliche Begründung?

Ich habe aus meiner Praxis für alle Sympathisanten solcher Sprüche eine positive Nachricht:

Wenn alle Verhaltensweisen eines Hundes am Maßstab ihrer Normalität gemessen werden, gibt es tatsächlich kaum ein anormales oder Problemverhalten. Die wenigen Ausnahmen sind eher genetischer, medizinisch-klinischer oder pathologischer Natur und können weitestgehend vernachlässigt werden. Jedenfalls spielen diese statistisch, zumindest aus meiner Erfahrung, so gut wie keine Rolle.

Warum ist das so? Oder warum gibt es eigentlich gar keine Verhaltensauffälligkeiten, an denen ein “Problemhund” festgemacht werden könnte?

Wenn man das Verhalten eines Hundes bewerten und zu einer Aussage kommen wollte, ob es „normal“ oder „anormal“ ist, ob der Hund ein „Problemhund“ ist oder nicht, müsste man zuvor einen Maßstab definieren, an dem man sein Verhalten hinsichtlich seiner Normalität oder Anormalität bemessen kann. Das ist ähnlich wie der Versuch, etwas als dick, dünn, groß oder klein zu beschreiben. Ohne einen Maßstab, worauf sich der Vergleich bezieht, wäre die Aussage sinnlos. Denn was für den einen groß ist, muss für den anderen noch lange nicht groß sein. Und was für den einen Hundehalter normal ist, muss für den anderen eben noch lange nicht unproblematisch sein.

Bezogen auf das hündische Verhalten wäre es somit notwendig, eine Art Norm zu definieren, anhand derer man das Verhalten des Hundes bewerten kann. Da stellt sich allerdings die Frage, ob es denn überhaupt ein normatives oder normales Verhalten des Hundes geben und dann als Maßstab oder Norm gelten kann?

Ich bin der Meinung: Ja, es gibt einen solchen Maßstab. Und dieser ist das Verhalten des Hundes zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Alles Verhalten, welches der Hund an den Tag legt, um seine drei Grundbedürfnisse zu befriedigen, müssen wir, ob wir das nun für gut befindet oder nicht, zunächst als normal bewerten. Auch wir Menschen würden es als normal ansehen, wenn wir uns Nahrung besorgen, weil wir Hunger haben oder eine Familie gründen, um uns fortzupflanzen. Und sogar das Strafgesetzbuch gewährt uns die Freiheit – und sieht es übrigens als normal an – uns zu verteidigen, wenn wir uns in unserer Sicherheit bedroht sehen.

Der Hund hat drei Grundbedürfnisse: Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit. Die ersten beiden können aber im hiesigen Kontext, wenn wir über vermeintliche Verhaltensauffälligkeiten sprechen, die das Zusammenleben von Mensch und Hund stören, ignoriert werden, da sie nur einen vernachlässigbaren Einfluss auf ein problematisches Verhalten haben.

Bleibt das Bedürfnis nach Sicherheit. Und zwar im engeren wie im weiteren Sinne. Im engeren Sinne ist damit seine eigene Gesundheit oder physische Unversehrtheit gemeint. Im weiteren Sinne ist es einerseits die Sicherheit seines „Rudels“, sprich Herrchen oder Frauchen einschließlich Kind und Kegel oder sonstige Familienmitglieder, zu denen auch weitere Hunde gehören können. Und andererseits die Sicherheit jeglicher Ressource, die ihm zugestanden oder für die ihm die Verantwortung übertragen wurde.

Zur Gewährleistung seines Bedürfnisses nach Sicherheit steht dem Hund ein relativ großes Repertoire an Verhaltensweisen zur Verfügung, mittels derer er im Rahmen seines ihm zustehenden oder zugestandenen Entscheidungsspielraumes agiert. Dazu zählen alle agonistischen Verhaltensweisen wie Aggressionen, Angriff oder Verteidigen und Beharren bis hin zu Flucht oder Schlichtung. Auch das Imponiergehabe oder die Demutsgebärden und Beschwichtigungssignale gehören dazu. Es betrifft demzufolge alle Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit Konkurrenz und  Rivalität stehen.

Somit gilt im Umkehrschluss: Wenn der Hund seine Sicherheit bedroht sieht, im engeren wie im weiteren Sinne, müssen wir es als normal akzeptieren, wenn er eines dieser Verhaltensweisen nutzt, um die Bedrohung abzuwenden.

Und damit haben wir einen Maßstab, an dem wir jedes Verhalten relativ zuverlässig hinsichtlich ihrer Normalität bewerten können:

Wenn beispielsweise der Hund wie ein Geisteskranker an der Leine zerrt und Frauchen wie eine Fahne hinterherflattert, ist es mitnichten ein Problemverhalten. Im Gegenteil, es ist ein sicheres Indiz dafür, dass Frauchen ihm die Verantwortung für die gemeinsame Sicherheit übertragen hat und er nun zu ihrer Gewährleistung die dazu im Revier notwendige Aufklärungsarbeit leisten will, ob vielleicht irgendwelche Gefahren da vorne lauern, die es gilt zu erkennen und zu bekämpfen. Also ein völlig normales Verhalten. Oder wenn der Hund hinterm Zaun des Grundstücks wie bekloppt fremde Menschen ankläfft, obwohl er sie schon hundertmal gesehen hat, ist es normal, weil er dies zur Verteidigung des ihm übertragenen Reviers tut. Es ist ebenso vollkommen normal, wenn ein bis dahin entspanntes Schlendern durch den Park plötzlich zu einer Tortur des Kräftemessens zwischen Herrchen und Hund ausartet, weil letzterer am Horizont einen Feind entdeckt und meint, sich von der Leine reißen und diesen bekämpfen zu müssen, weil er um seine und die Sicherheit des Herrchens fürchtet, denn dieser hat ihm dazu offensichtlich den Auftrag erteilt und den entsprechenden Entscheidungsspielraum überlassen. Auch ist es absolut normal, wenn Bello allein in der Wohnung zurückgelassen selbige zerlegt, weil er sich des Verlustes der Kontrolle über Frauchen bewusst wird, welche sie ihm zuvor zugebilligt hat. Und es ist genauso normal, wenn Hasso sich ängstlich verkriecht, weil die Silvesterknaller ihm Angst einflössen und Herrchen ihm nicht eindeutig signalisiert hat, ihn jederzeit und vor jeder nur möglichen Gefahr zu bewahren.

Warum erscheint es dem einen oder anderen dann aber trotzdem als Verhaltensauffälligkeit oder Problemverhalten, obwohl der Verhaltensbiologe sagen würde: “Kenn’ ich; alles normal; Entwarnung!”?

Die Antwort finden wir in der Tatsache, dass Herrchen oder Frauchen ihren eigentlich Schutzbefohlenen solche Verantwortlichkeiten unbewusst oder unwillentlich übertragen. Es ist ihnen nicht bewusst. So ist es immer wieder verblüffend, wie die Kunden mich ungläubig anschauen, wenn ich sie zu Beginn des Trainings frage, warum sie ihrem Hund denn diese Verantwortungen übertragen haben oder warum sie ihn nicht beschützen. Es ist den Hundehaltern, wenn sie ein bestimmtes Verhalten ihrer Lieblinge als unnormal empfinden, in der Regel nicht bewusst, dass ausschließlich sie selbst und ihr Verhalten die Ursache dafür sind. Dass es ihnen unbewusst ist oder sie es unwillentlich getan haben, erkennt man gerade daran, dass sie das Verhalten ihrer Hunde als auffällig oder problematisch beschreiben, obwohl es verhaltensbiologisch der Norm entspricht.

Das Gegenbeispiel macht es doch deutlich: Kein Hundehalter würde es als Verhaltensauffälligkeit bewerten, geschweige denn, seinen Hund therapieren wollen, wenn er ihn zum Spürhund hat ausbilden lassen und der Hund dieser Aufgabe nachkäme und wie ein Wilder herumschnüffelt. Und es wird auch kein Wachhund zur Therapie geschickt, wenn er ein Grundstück aufmerksam kontrolliert, aufklärt und potentielle Eindringlinge verscheucht.

Ergo liegt die „Entpuppung“ beinahe aller sogenannten Verhaltensauffälligkeiten auf der Hand und sie geben sich als normales Verhalten zu erkennen. Immer wenn der Hund ein Verhalten zeigt, welches sein Besitzer als auffällig oder störend empfindet, sollte selbiger sich fragen, durch welche Gesten oder Handlungen er dem Hund die Verantwortung für seine Sicherheit übertagen hat. Dass er sie ihm übertragen hat, steht außer Frage, denn ansonsten würde der Hund sich nicht so verhalten wie er sich verhält.

Und daraus ergibt sich mein Therapieansatz: Wenn dem Hund eindeutig demonstriert wird, dass Herrchen oder Frauchen für ihn stets berechenbare Führungspersönlichkeiten sind, an denen er sich zuverlässig orientieren kann und die ihm ständig und stets sein Grundbedürfnis nach Sicherheit befriedigen, ihm also auch keine Verantwortlichkeiten für irgendeine Ressource übertragen, wird der Hund ihnen dies mit einer schier unglaublichen Gelassenheit und Ausgeglichenheit danken. Im Ergebnis dessen verliert der Hund beispielsweise auch jegliches Interesse an anderen Artgenossen, weil sie nicht mehr seine Rivalen, Konkurrenten und Feinde sind. Aggressionen oder sonstige Auffälligkeiten werden diesem Hund fremd sein. Und er wird auch kein Verlangen mehr haben, mit anderen Rivalen auf der Hundewiese zu „spielen“ oder an “Raufergruppen” oder sonstiger “Hundetreffen” teilhaben zu wollen. Außer er will sich fortpflanzen.

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20. DER FRAGLICHE STIL EINER NIVEAUVOLLEN DISKUSSION

[et_pb_section fb_built=”1″ _builder_version=”4.0.2″][et_pb_row _builder_version=”4.0.2″][et_pb_column type=”4_4″ _builder_version=”4.0.2″][et_pb_text _builder_version=”4.0.2″ header_2_text_color=”#4bcaff” header_3_text_color=”#4bcaff” hover_enabled=”0″]

Ich habe mich in letzter Zeit gezwungen gesehen, den einen oder anderen Diskussionsbeitrag von meiner Facebookseite zu löschen. Ganz gewiss nicht, weil er mir fachlich unangenehm war und ich die Auseinandersetzung scheue, weil mir vielleicht die Argumente fehlen. Im Gegenteil, dafür habe ich diese Seite eingerichtet. Ich will mit meinen Beiträgen auch provozieren und freue mich über jede kontroverse Diskussion. Es wäre naiv anzunehmen, dann nur Speichelleckereien und Zustimmung zu ernten. Maßstab sollte aber ein Mindestmaß an Sachlichkeit und ein ehrliches Interesse an einem beiderseitigen Erkenntnisgewinn sein.

Wenn ich dann aber Beiträge lese, die ausschließlich und offensichtlich das Ziel verfolgen, mich zu beleidigen oder gar zu diffamieren, sehe ich keinen Sinn, sie im Netz zu lassen. Denn sie nützen niemandem, außer vielleicht dem Ego desjenigen, der sie äußert. Dabei gibt es sogar solche, die sehr geschickt ein ehrliches Informationsinteresse heucheln, aber in Wirklichkeit nur das oben erwähnte Ziel verfolgen und möglicherweise sogar Kriterien einer Geschäftsschädigung erfüllen. Besonders makaber wird es dann, wenn wie in einem Fall, eine Gruppe von Facebooknutzern, zwar nicht auf meiner Seite, sondern auf ihrer, einerseits für sich selbst einen Verhaltenskodex für ihre Umgangsformen in der virtuellen Welt formulieren wie (ich zitiere): „Vergiss niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!“ und „…insbesondere sollten Unhöflichkeiten, Doppeldeutigkeiten oder gar Beleidigungen nicht die Kommunikation … erschweren.“ Und andererseits dann aber ihre Mitglieder über meine Beiträge sich äußern wie (ich zitiere): „…einfach ein Spinner…“; „…wat is’n dat für ne Hohlbratze?…“; …das kannste höchstens im Strahl kotzen…“ oder „Da kotze ich zum zweiten Mal im Strahl…“ Sollten solche oder ähnlich geartete Beiträge auf meiner Seite veröffentlicht werden, werde ich sie natürlich löschen.

Bedauerlicherweise führen solche Praktiken dazu, dass ich mich entschieden habe, einige wenige, aus meiner Sicht aber eigentlich sehr wichtige Erkenntnisse, im Netz nicht mehr zur Diskussion zu stellen, weil sie mit Sicherheit gegen den Mainstream verstoßen. Ich werde sie nur noch in Individualtrainings meinen Kunden vorstellen. Das ist zwar schade, da die kontroverse Diskussion sicherlich zu interessanten Erkenntnissen führen würde; aber ich sehe es momentan als sinnlos an.

Ein Beispiel für eine solche Erkenntnis, die es eigentlich Wert wäre, diskutiert zu werden, für die ich aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geradezu einen Sturm der Empörung ernten würde, wäre folgendes Gedankenspiel:

Nehmen wir einmal an, ich würde es wagen zu behaupten, es sei grundsätzlich falsch anzunehmen, Hunde hätten das Bedürfnis, mit anderen Hunden zu kommunizieren oder gar ihre Nähe zu suchen. Und ich stattdessen in meinen „Studien“ herausgefunden hätte, dass Hunde anderen Hunden, wenn man sie vor die Wahl stellen würde, eher aus dem Wege gehen würden.

Dann stelle ich mir bildlich vor, was in den Köpfen derer für „Filme ablaufen“, die die Hundespielwiese als einen den Hund am meisten glückselig machenden Ort auf dieser Welt empfinden oder sonstige Hundetreffen organisieren.

Solche „Trainings“ könnten dann nämlich ad absurdum geführt werden, sowie man folgendes Grundprinzip akzeptieren würde:

Ein Gedankenspiel

Nehmen wir einmal an, dass beinahe das gesamte Verhaltensrepertoire eines domestizierten Hundes einschließlich seines agonistischen Verhaltens ausschließlich auf die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse ausgerichtet sei. Und nehmen wir darüber hinaus an, dass die Domestikation dazu geführt hätte, dass er dazu zwingend den Menschen benötige und nur deshalb seine Nähe suche. Aber, und diese Annahme wäre besonders wichtig, er zu seiner Bedürfnisbefriedigung keinen anderen Hund benötige. Im Gegenteil, andere Hunde wären diesbezüglich für ihn sogar Konkurrenten oder Rivalen (mit nur einer Ausnahme, die aber auch nur temporär wirken würde, nämlich sein Fortpflanzungsinteresse). Will meinen, jede Begegnung mit anderen Rivalen oder Konkurrenten würde dann sogar eindeutige Merkmale von Stress aufweisen und nicht etwa wie geglaubt Freude. Das wäre dann eines der wesentlichen Unterscheidungen zwischen Hund und Wolf. Der Wolf benötigt zu seiner Bedürfnisbefriedigung das Rudel, der Hund aber, so würden wir unterstellen, nicht. Eine Begründung könnte sein, dass es seit Tausenden von Jahren nicht mehr zu seinen Überlebensstrategien gehört, im Rudel zu jagen und so überleben zu wollen. Auch wissenschaftlich geführte Studien, die belegen, dass Hunde im Gegensatz zu Wölfen in schwierigen Situationen immer die Hilfe des Menschen suchen und nicht die eines anderen Hundes, würden diese Annahmen stützen.

Und nehmen wir in unserem Gedankenspiel weiterhin an, dass für den Hund die Bedürfnisse nach Nahrung und Schutz oberste Priorität hätten und er zu deren Befriedigung die Nähe des Menschen suche und zu ihm aber nur dann Vertrauen aufbauen würde, wenn dieser ihm diese Bedürfnisse auch befriedigt. Und täte er es nicht, der Hund deshalb Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würde. Dann wäre es vielleicht auch sofort verständlich, warum sich der Hund vermeintlich komisch verhält, obwohl er eigentlich nur seine Grundbedürfnisse befriedigen will. Und sein komisches Verhalten würde sich plötzlich als gar nicht so komisch entpuppen, sondern als Folge eines enormen menschlichen Missverständnisses über die Zusammenhänge der Bedürfnisbefriedigung und der Rolle des Menschen dabei.

Der Erfolg eines solchen Gedankenspiels hängt aber davon ab, ob der Mensch bereit ist, sich von den Vermenschlichungen der Hundeseele zu verabschieden.

Da mein Gedankenspiel über den Grundsatz, der Hund brauche keinen anderen Hund zu seiner Bedürfnisbefriedigung, dem menschlichen Verständnis der Bedürfnisbefriedigung aber widerspricht, weil der Mensch immer andere seiner Artgenossen benötigt und dazu deren Nähe sucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, fällt ihm die Einsicht offensichtlich so schwer, dass dieser Grundsatz nicht auf Hunde zutrifft. Und wenn der Mensch von dem einen zutiefst überzeugt ist, wird ihm der Glaubenswechsel zum anderen halt nicht gelingen.

Aber wäre es nicht interessant und spannend, über solche Thesen, derer es noch mehrere gibt, die aber der konservativen Auffassung des Hundetrainings u.U. widersprechen, einmal sachlich zu diskutieren und dann wertvolle Schlussfolgerungen für die Hundeerziehung abzuleiten? Die Hunde wären jedenfalls die Nutznießer. Selbst wenn einige Thesen sich im Ergebnis der Diskussion sogar als falsch herausstellen sollten, war die Diskussion das Nachdenken doch wert. Als stattdessen mit abfälligen Bemerkungen, die teilweise noch nicht einmal verständlich formuliert sind, zu reagieren ohne auch nur den Ansatz eines intellektuellen Inhalts preiszugeben. Es gibt ein Grundprinzip des Fortschritts: Stelle immer und alles infrage. Nur, sich von seiner Überzeugung zu trennen, tut offensichtlich weh.

Dazu gibt es eine nette Bemerkung vom Nobelpreisträger Konrad Lorenz, dem berühmten „Entenforscher“: „Überhaupt ist es für den Forscher ein guter Morgensport, täglich vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese einzustampfen – das erhält jung.“

Ich freue mich jedenfalls weiterhin über geistreiche Diskussionsbeiträge, auch und insbesondere, wenn sie widersprüchlich sind aber uns dadurch jung halten.

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19. DIE ABSURDITÄT EINER VERMEINTLICHEN “RUDELTHERAPIE”

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Kürzlich bat mich ein Kunde um meine Meinung über eine so genannte „Raufergruppe“, in die „unsoziale“ Hunde geschickt würden, mit der Absicht sie zu therapieren. Er beschrieb mir dieses Prozedere sinngemäß so, dass angeblich verhaltensauffällige und insbesondere aggressive Hunde, die gegenüber anderen Hunden also nicht sozialisiert sind, losgeleint in ein Rudel fremder Hunde geschickt würden, um anschließend, quasi durch das Rudel „geheilt“, aus diesem Scharmützel therapiert wieder herauszukommen. Und damit sie bei dieser Aktion keinen Schaden anrichten, würden sie mit einem Maulkorb ausgerüstet. Auf meine ungläubige Nachfrage bestätigte er mir, dass dies sogar in Hundeschulen so praktiziert werde.

Nun kenne ich solche Praktiken aus den mir bekannten Hundeschulen zwar nicht, aber ich wollte auch nicht an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Deshalb wollte ich ihm zumindest eine Bewertung aus meiner Sicht geben, bevor er tatsächlich auf die absurde Idee käme, seinem Schutzbefohlenen ähnliches antun zu wollen:

Sollte so etwas wie beschrieben tatsächlich praktiziert werden, wären zwei Sachverhalte zu bedenken:

  1. Einen Hund, bei dem eine so genannte intraspezifische Sozialisierung nicht oder noch nicht stattgefunden hat, losgeleint und seitens des Hundehalters willentlich in eine agonistische Auseinandersetzung mit einer Meute seinesgleichen zu schicken, käme einem massiven Bruch des eigentlich in einer Therapie aufzubauenden Vertrauens zwischen Hundehalter und seinem Hund gleich. Es wäre also der Worst Case.
  2. Die eigentliche Ursache des „unsozialen“ Verhaltens des Hundes würde dadurch nicht nur nicht beseitigt, sondern im Gegenteil, auf dramatische Weise sogar noch verstärkt.

Zur Erklärung dessen und zum Verstehen dieser Zusammenhänge macht es Sinn, sich zwei Fragen zu beantworten:

  1. Welche Einflussfaktoren begründen das soziale Verhalten eines Hundes und verursachen bei ihm u.U. Auffälligkeiten wie Aggressionen?
  2. Welche notwendigen Schlussfolgerungen müssen sich daraus für seine Erziehung oder u.U. eben für seine Therapie ableiten?

Das soziale Verhalten des Hundes wird im Wesentlichen durch sein Streben nach  Befriedigung seiner Grundbedürfnisse beeinflusst. Dabei können wir aber vereinfachend das Bedürfnisse nach Stoffwechsel, also Nahrung, und das nach Fortpflanzung im hiesigen Kontext außer Acht lassen, da ersteres als grundsätzlich befriedigt gelten kann, wenn er mit einem Menschen in Gemeinschaft lebt, und letzteres nur temporär wirkt, wenn wir an die Läufigkeit denken. Jedenfalls spielen sie im Zusammenhang mit zu therapierenden Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen nur eine unbedeutende Rolle.

Ergo bleibt das Grundbedürfnis nach Sicherheit. Dieses Bedürfnis spielt nach meinen Erfahrungen tatsächlich die Hauptrolle, wenn es um Verhaltensauffälligkeiten geht, insbesondere bei Aggressionen aller Art. Dabei darf aber Sicherheit nicht nur im engen Sinne verstanden werden, wie das Bedürfnis nach physischer Unversehrtheit, sondern auch im weiteren Sinne. Damit ist sowohl die Sicherheit von Herrchen oder Frauchen gemeint, für die sich der Hund durchaus verantwortlich fühlen kann, so er dies signalisiert bekommen hat, als auch eine Art Sicherheit, die sich aus der Verteidigungsabsicht irgendeiner bedrohten Ressource ergibt, für die er die Verantwortung trägt.

Demzufolge sollte das Erziehungsziel eines Hundes und insbesondere das Ziel seiner Therapie, im Rahmen dessen seine intraspezifische, interspezifische oder umweltspezifische Sozialisation angestrebt wird, immer sein, ihn von allen Verantwortlichkeiten, die sein Sicherheitsbedürfnis betreffen, zu befreien. Denn ein Hund, bei dem dieses Bedürfnis als befriedigt und von Herrchen oder Frauchen als gewährleistet gilt, wird kaum eine Verhaltensauffälligkeit entwickeln, außer es liegen genetische oder sonstige pathologische Befunde vor. Somit ist das A und O der Erziehung oder Therapie eines Hundes, ihm zu zeigen, dass er sich in allen Lebenssituationen zuverlässig an Herrchen oder Frauchen orientieren kann, sie also für ihn stets berechenbare Führungs- oder Leitfiguren sind und er ihnen uneingeschränkt vertrauen kann, insbesondere was die Gewährleistung seiner Sicherheit betrifft.

Ich unterstelle, dass es sich im oben beschriebenen Fall um Hunde handelt, deren intraspezifische Sozialisation bisher nicht erfolgt ist, sie also andere Hunde als Konkurrenten, Rivalen oder sogar Gefahr ansehen. Denn warum sonst wollte man sie zu therapeutischen Zwecken in ein Rudel fremder Hunde schicken? Und ich unterstelle weiterhin, dass die Hundehalter ihnen die Verantwortung für ihre eigene oder sogar ihre gemeinsame Sicherheit oder einer Ressource unbewusst übertragen haben. Dass sie dies unbewusst getan haben, zeigt sich daran, dass sie das Verhalten ihrer Hunde als auffällig oder „unsozial“ beschreiben oder empfinden, was sie andernfalls nicht täten. Als Beispiel nenne ich gerne den ausgebildeten Wach- und Schutzhund. Denn diesem wurde im Rahmen seiner Erziehung bewusst diese Verantwortung zur Verteidigung oder Gefahrenabwehr übertragen und ihm im Rahmen seiner Ausbildung das entsprechende Handlungsrepertoire für den ihm zugestandenen Entscheidungsspielraum antrainiert. Niemand würde hier auf die absurde Idee kommen, diesen Hund aufgrund eines angeblich „unsozialen“ Verhaltens therapieren zu wollen. Im Gegenteil, seine Aggressionen werden in diesem Falle als normal empfunden.

In den hier gemeinten Fällen geht es aber um Hunde, denen offensichtlich seitens ihrer Halter unbewusst demonstriert wurde, dass sie entweder nicht willens oder nicht in der Lage sind, für ihre eigene Sicherheit und die ihrer Hunde zu sorgen und dies stattdessen von ihren „Schützlingen“ verlangen. Das daraufhin seitens der Hunde gezeigte Verhalten wird dann aber fälschlicherweise als „unsozial“ bewertet, obwohl der Hund tatsächlich nur einen tollen Job macht, wenn er zur Erfüllung seiner ihm übertragenen Aufgaben andere Hunde attackiert. Ein solcher Hund ist weit davon entfernt, seinem Besitzer zu vertrauen, er werde ihn in Gefahrensituationen zuverlässig beschützen.  Er wird seine Sicherheit immer in die eigenen Pfoten nehmen, was sich dem Laien aber als vermeintliche Aggressionen darstellt.

Insofern wäre es doch absurd, einen solchen Hund, dazu noch willentlich, in eine weitere „Schlacht“ zur Verteidigung ihrer beider Sicherheit zu schicken. Denn als nichts anderes als eine solche stellt sich die Situation für den Hund dar, wenn Herrchen ihm die Leine löst und damit den Befehl erteilt, die feindliche Meute aufzumischen. Dem Hund wird damit jedenfalls wiederholt seitens des Hundehalters demonstriert, und somit manifestiert, dass er, der Hundehalter, zu feige ist, ihn und sich selbst zu beschützen. Als verstärkendes Element kommt sogar noch hinzu, dass der Hund sehr wohl die Geste des bewussten Lösens der Leine versteht. Er wird im Ergebnis dessen also in seinem bisherigen Verhaltensmuster sogar noch bestärkt und nicht wie eigentlich vorgegeben, korrigiert, geschweige denn therapiert.

Eine solch vermeintliche “Rudeltherapie” kann durchaus zur Verhaltensänderung des Delinquenten führen. Aber das ist dann eher das Ergebnis einer situationsabhängigen Unterdrückung seines Verhaltensmusters, bedingt durch ein starkes und selbstbewusstes Rudel, so dass er in eine Vermeidungsstrategie übergeht. Der eigentliche Grund seines bisherigen Verhaltens wäre damit aber mitnichten beseitigt.

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18. MEIDEVERHALTEN VERSUS DESINTERESSE

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„Das ist doch nur ein Meideverhalten à la Cesar Millan!“ …

…tadelte mich neulich ein offensichtlich fernsehgeschulter Kritiker, nachdem er von meiner erfolgreichen Resozialisierung aggressiver Problemhunde erfuhr.

Oberflächlich betrachtet konnte ich seine Meinung sogar nachvollziehen. Aber eben nur oberflächlich. Abgesehen davon, dass das Meideverhalten eines Hundes nicht unbedingt kritikwürdig sein sollte, wenn wir an das angeborene oder auch angelernte Verhalten eines Hundes denken, um sich seine physische Unversehrtheit zu bewahren. So wird beispielsweise ein gesunder Hund ab einem Alter von ca. 30 Tagen kaum einer Katze gleich auf dem Rand einer Dachrinne langspazieren, sondern solch ein riskantes „Manöver“ durch ein angeborenes Verhalten umgehen. Oder er wird, um bei Katzen zu bleiben, nach einem schmerzhaften Angriff einer solchen, künftig einen weiten Bogen um selbige machen. Letzteres wäre ein angelerntes Meideverhalten.

Aber die Kritik des guten Mannes zielte sicherlich auf etwas anderes ab. Nämlich auf meine vermeintlich bestrafende Erziehungsmethode à la Cesar Millan, um den Hund von seinen Aggressionen abzubringen, so dass er seine Aggressionen unterbindet, um einer Bestrafung aus dem Wege zu gehen oder eben, sie zu meiden.

Aber bei genauerer Betrachtung ist dies in dem hiesigen Kontext mitnichten weder mein Erziehungsmittel noch mein Erziehungsziel. Wobei ich damit, um nicht das nächste Missverständnis zu generieren, auf gar keinen Fall gesagt haben will, dass ich die Bestrafung als Mittel der Erziehung ablehne. Im Gegenteil, es ist ein völlig legitimes Erziehungs- und Korrekturmittel, wie ich es übrigens auch in meinem Buch beschreibe und in einem weiteren Text in meinem Ratgeber beschreiben werde. Aber im hiesigen Kontext würde es von dem eigentlichen von mit angewendeten Mittel der Erziehung ablenken.

Wenn im Rahmen des Erziehungsversuches dem Hund infolge seines falschen Verhaltens ausschließlich eine Bestrafung angedroht wird und er diese Kausalität sogar verstanden haben sollte, muss er ja noch lange nicht das Falsche an seinem Verhalten, wofür er bestraft wird, verinnerlicht haben. Er wird also unter Umständen nur aufgrund der zu erwartenden Sanktion von seinem eigentlich gewollten Verhalten Abstand nehmen. Das birgt jedoch die Gefahr in sich, dass er beim vermuteten Ausbleiben der Bestrafung, beispielsweise weil Herrchen oder Frauchen weit und breit nicht zu sehen sind, wieder in sein altes Verhaltensmuster zurückfällt. Die Nachhaltigkeit eines solchen Erziehungsversuches lässt also sehr zu wünschen übrig.

Aber ich meide eine Bestrafung noch aus einem anderen Grund, insbesondere bei relativ extremen Fällen der Aggression. Da diese meistens mit einem enormen Stress des Hundes einhergehen, er also das Gefühl hat, die Situation nicht mehr im Griff zu haben, wird er bei einer ähnlichen oder für ihn gefühlten noch stressigeren Situation die Bestrafung unter Umständen sogar mit in Kauf nehmen. Oder anders ausgedrückt, der Grad der Bestrafung müsste demzufolge abhängig gemacht werden von der subjektiven Wertigkeit der Ressource, die der Hund mittels seiner Aggression verteidigt und die diese für ihn in diesem Moment hat. In der Wissenschaft wird sie als „subjective resource value“ bezeichnet. Die Ressource wird also vom jeweiligen Hund mit einer subjektiven und situationsabhängigen Wertigkeit belegt. Das heißt, die Härte der Strafe müsste sich jeweils angepasst aus der Wertigkeit der Ressource für den Hund ergeben. Hätte die Ressource eine enorme Wichtigkeit für ihn, müsste ich ihn ja halb totprügeln, damit er davon ablässt. Spätestens an dieser Stelle wird die Paradoxie des falschen Bestrafens deutlich.

Aber nochmal, ich will damit auf keinen Fall die Bestrafung an sich als Erziehungsmittel in Frage gestellt wissen. Sie ist in der Natur eines der gängigsten und effizientesten Mittel. Man kann sogar sagen: Ohne Bestrafung keine Erziehung. Dazu muss man nur einmal einem Hundezüchter über die Schultern schauen, was dort in einem Rudel so abgeht.

Eine Aggressivität ist meistens begründet entweder in der bedrohten physischen Unversehrtheit des Hundes oder in einer bedrohten Ressource, die er besitzt oder für die er die Verantwortung übertragen bekommen hat. Somit liegt die Lösung eigentlich auf der Hand: Im ersten Fall sollte in einem erfolgreichen und vor allem nachhaltigen Resozialisierungstraining dem Hund die Verantwortung für die Befriedigung seines Bedürfnisses nach physischer Unversehrtheit abgenommen werden, indem Herrchen oder Frauchen ihm demonstrieren, dass sie ab sofort seinen Schutz übernehmen, was sie offensichtlich zuvor nicht getan haben. Und im zweiten Fall muss dem Hund die Verantwortung für die Ressource entzogen werden. Im Ergebnis dessen muss er also das Interesse an beidem verloren haben.

Somit zielt mein Resozialisierungstraining eines verhaltensauffälligen Hundes nicht darauf ab, dass er eine drohende Bestrafung vermeiden will, sondern dass er gegenüber jeglicher Ressource ein ausreichendes Desinteresse entwickelt und dass er weiß, dass er sich um seine Sicherheit quasi keine Gedanken machen muss.

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17. AUS DEM ALLTAG EINES HUNDETRAINERS

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„Wie läuft denn so ein Training ab, wenn mein Hund verhaltensauffällig ist, und was kommt da auf mich zu?“

…war die ängstlich wirkende Frage einer Kundin, die, um mit ihren Worten zu sprechen, lange gezögert habe, ob sie mich wegen ihres Problemhundes überhaupt kontaktiere.

Ähnliche Zurückhaltungen erlebe ich immer wieder, offensichtlich aufgrund mangelnder oder falscher Vorstellung über das, was den Kunden erwartet, wenn er mich bittet, seinen vermeintlichen Problemhund zu therapieren. Andererseits höre ich aber auch immer wieder im Anschluss an ein Training, dass man nicht so lange zögerlich gewesen wäre, wenn man gewusst hätte, wie unproblematisch das Ganze abläuft. Oftmals ist die Zurückhaltung aber auch in einer schon vorhandenen Mutlosigkeit begründet, die in einem bereits absolvierten aber erfolglosen “Marathon” von Hundeschulbesuchen ihre Ursache hat.

Deshalb nachfolgend ein paar „ermutigende Worte“:

Da die meisten Herrchen oder Frauchen mir nicht den “Gefallen tun”, in meiner unmittelbaren Umgebung zu wohnen, um im Bedarfsfall mal schnell “vorbeizukommen” und ihr “Problem” beseitigen zu lassen, reise ich seit geraumer Zeit quasi als Vagabund durch Deutschland und biete vor Ort regional meine Hilfe an. Das ist aber auch deshalb sinnvoll, weil ein Training mit so genannten verhaltensauffälligen Problemhunden immer das Ziel verfolgt, ihre Sozialisierung oder Resozialisierung zu erreichen und keine Ausbildung ist. Letztere ließe sich sehr wohl auf einem für den Hund fremden Ausbildungsgelände bei mir zu Hause erfolgreich praktizieren. Aber bei den von mir durchgeführten Trainings handelt es sich nicht um eine solche, sondern um einen Erziehungsprozess. Und bei einer Erziehung ist es nach meinen Erfahrungen nicht nur von Vorteil, sondern in den meisten Fällen sogar zwingend notwendig, dass es im gewöhnlichen sozialen Umfeld des Tieres passiert und insbesondere dort, wo sich die Verhaltensauffälligkeiten zeigen.

Deshalb biete ich regelmäßig – üblicherweise über Facebook – immer wieder vor Ort-Termine von mehreren Tagen an, an denen ich mich dann planmäßig in dieser Gegend aufhalte. Und jeder, der Interesse hat, kann innerhalb dieses Zeitraumes mit mir einen Wunschtermin vereinbaren; am unkompliziertesten per Telefon. Bei Bedarf verlängere ich auch meinen Aufenthalt.

Während dieser Zeit ist mein Bus mein gewohntes Zuhause, bei dem mich mein treuester Freund begleitet, der im Falle einer notwendigen intraspezifischen Sozialisation des Probanden als Therapiehund fungiert und dabei einen tollen Job macht. Gewöhnlich plane und vergebe ich pro Tag nur einen Termin, um nicht unter Zeitdruck zu handeln und, wie versprochen, jedes „Problem“ auch innerhalb eines Trainings zu beseitigen. Nur in sehr seltenen Fällen klappt dies nicht. Aber dabei handelt es sich dann meistens um medizinisch-klinische oder pathologische Ursachen. Sie sollten jedoch erst einmal nicht davon ausgehen, dass Ihr Hund ein solch seltener Fall ist.

Der Rest ist schnell erzählt: Wenn ich zu Ihnen nach Hause komme, schildern oder demonstrieren Sie mir zunächst, was Sie am Verhalten Ihres Vierbeiners stört. Dabei wird es sich sehr wahrscheinlich um eine mangelnde intraspezifische, interspezifische oder umweltspezifische Sozialisation des Hundes handeln, was ich Ihnen auch ausführlich erläutere. In der Regel übernehme ich anschließend in Ihrer Anwesenheit das Tier und korrigiere es. Bei der Korrektur geht es einerseits um die Entbindung des Hundes von jeglicher Ressourcenverantwortlichkeit und andererseits um die Demonstration, dass ab sofort nicht mehr er selbst für die Befriedigung seines Grundbedürfnisses nach Sicherheit oder ihrer beider Sicherheit die Verantwortung trägt, sondern der Hundeführer oder die Hundeführerin. Danach übernehmen Sie Ihren Hund und korrigieren ihn in gleicher Weise; bei Notwendigkeit unter meiner Anleitung. In einem abschließenden Gespräch klären wir gemeinsam noch Ihre sogenannte Compliance, auf Deutsch Therapietreue, denn nur mit ihr wird der während des Trainings relativ schnell erreichte Erfolg auch nachhaltig und von Dauer sein.

In diesem Sinne freue ich mich auf Ihren Anruf!

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16. MUSS ICH EINE BINDUNG ZU MEINEM HUND AUFBAUEN?

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„Wenn mein Hund aggressiv oder verhaltensauffällig ist, habe ich dann keine gute Bindung zu meinem Hund aufgebaut?“

So in etwa war die Frage einer Kundin, die nach eigenen Angaben im Internet gelesen habe, dass eine Verhaltensauffälligkeit eines Hundes ein Indiz sei für eine mangelnde Bindung zwischen Hund und Mensch. Und die passenden Lösungen seien gleich mitgeliefert worden: So sei es für die Entwicklung einer intensiven Bindung zwischen beiden wichtig – habe sie gelesen – viel Zeit miteinander in der Natur zu verbringen; mit dem Hund Wandern zu gehen; mit ihm ein Picknick zu machen; während der gemeinsamen Spaziergänge nicht zu telefonieren sondern stattdessen mit ihm zu kommunizieren; immer ein Leckerli dabei zu haben oder versuchen herauszufinden, ob er lieber Berge hoch klettere oder eher das Spielen am See mag; mit ihm Frisbee fangen zu spielen; ihn an einer Longe um sich herumlaufen zu lassen oder gemeinsam einen Hundefilm anzuschauen – am besten Lassie; in ein Krankenhaus oder Altersheim zu gehen, um gemeinsam fremde und neue Menschen kennen zu lernen oder mit ihm eine Reise zu machen usw., usw.

Im ersten Moment dachte ich, die gute Frau wolle mich veräppeln oder habe diese tollen Ratschläge am 1. April gelesen, aber sie hinterließ keinerlei Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit.

Ob dies alles tatsächlich so im Netz der freien Meinungsäußerung zu lesen ist, sei dahingestellt. Abgesehen davon, dass die meisten Ratschläge, wenn wirklich so geschrieben, wohl eher spaßig gemeint sein sollen, um mittels einer gewaltigen Portion Ironie die Vermenschlichung der Hundeseele durch so manch einen „Hundekenner“ zu thematisieren, bedeutet einiges davon für den Hund, wenn ich an die letztgenannten Ratschläge denke, nichts anderes als puren Stress. Dem Abbau von Verhaltensauffälligkeiten wäre es jedenfalls alles andere als förderlich.

Aber die eigentliche Problematik, warum ich auf die Frage der guten Frau hier überhaupt eingehe, findet sich vielmehr in der Behauptung, dass zwischen beiden Sachverhalten, nämlich einer Verhaltensauffälligkeit des Hundes wie beispielsweise der Aggression einerseits und einer mangelnden Bindung zwischen Mensch und Hund andererseits, eine Kausalität zu sehen sei. Wenn dies tatsächlich so wäre, dürften es nach meiner Überzeugung eigentlich gar keine Verhaltensauffälligkeiten geben. Denn ein Hund baut immer und grundsätzlich eine mehr oder weniger intensive Bindung zu einem Menschen auf, so dieser ihm seine Grundbedürfnisse auch nur ansatzweise befriedigt. Ich will ja die Vernünftigkeit eines häufigen gemeinsamen Zeitverbringens überhaupt nicht in Frage stellen, was sich schon aus der Logik des Anschaffens eines Hundes ergeben sollte. Es liegt immer im Interesse des Wohlbefindens eines Hundes, wenn Herrchen oder Frauchen sich viel mit ihm beschäftigen. Aber im Umkehrschluss würde die Behauptung ja bedeuten, dass Hunde, mit denen sich Herrchen oder Frauchen viel beschäftigen, keine oder zumindest weniger Verhaltensauffälligkeiten entwickeln würden. Aber dem ist bei weitem nicht so.

Die meisten meiner Therapiekunden haben nämlich eine sehr intensive Bindung zu ihren Vierbeinern entwickelt. Und trotzdem zeigen ihre Hunde alle nur denkbaren Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu sehr gefährlichen Aggressionen. Der Grund dafür muss also woanders liegen.

Die Antwort findet sich nach meinen Erfahrungen nicht in einer mangelnden Bindung, sondern ausschließlich in der Nichterfüllung des Grundbedürfnisses des Hundes nach Sicherheit.

Mir fällt dazu eine Geschichte ein, die mich schon als kleiner Junge faszinierte. Und ich benutze das Wort „fasziniert“ bewusst, weil ich hierbei an die Definition dieses Begriffes von Erich Küthe, dem leider schon verstorbenen und ehemaligen Professor an der Uni Köln, denke: Faszinierend sei etwas, was abstoßend und anziehend zugleich sei.

Ich erinnere mich nämlich an einen Hund, besser gesagt, an eine geschundene Kreatur, die misstrauisch und menschenscheu in der Nähe des Ferienhauses meines Onkels ihr Unwesen trieb. Alle denkbaren Verhaltensauffälligkeiten bis hin zum Beißen waren in diesem Tier vereint. Mein Onkel erzählte mir, dass er der Nachbarin gehöre und von ihr nichts außer Prügel beziehe. Mich hat seitdem immer wieder eine Frage bewegt: Warum ist dieser Prügelknabe immer wieder zurück nach Hause zu dieser bösen Frau gelaufen und nicht einfach abgehauen? Der Grund dafür war die Bindung, die der Hund zu dieser Frau aufgebaut hat, weil sie ihm sein Grundbedürfnis nach Nahrung erfüllte. Dies war für ihn wichtiger als sein Bedürfnis nach Sicherheit. Aber weil sie ihm letzteres nicht erfüllte, entwickelte er die Verhaltensauffälligkeiten. Die Bindung, die ein Hund zu einem x-beliebigen Menschen aufbaut, ist bereits in seinen Genen über viele Generationen hinweg hinterlegt. Ein Hund baut also relativ schnell und auch relativ intensiv eine Beziehung zum Menschen auf, sowie dieser zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse beiträgt. Aber der Grad der Intensität bewirkt nicht zwingend sein auffälliges Verhalten. Letzteres wird ausschließlich durch die Befriedigung seines Bedürfnisses nach Sicherheit beeinflusst. Und so war es auch mit meinem geschundenen „Freund“. Eines schönen Tages nämlich nahm sich ein völlig fremder Mann dieses Tieres an, dem der Hund zuvor noch nie begegnet war. Und der Hund war wie ausgewechselt, quasi über Nacht. Und ich habe diesen Mann natürlich gefragt, was der Grund für den Sinneswandel dieser „Bestie“ sein könnte. Er antwortete mir damals: „Ein Hund braucht Schutz, nicht nur Nahrung!“

Dieser Satz hat mich in meinem Trainerjob bis heute geprägt. Wenn ihr Hund also Verhaltensauffälligkeiten zeigt, zweifeln sie nicht an ihrer vermeintlich mangelnden Bindung. Ihr Hund braucht sie und sucht immer ihre Nähe. Aber er muss sich an ihnen orientieren können und benötigt zwingend ihren Schutz. Wenn sie ihm diesen nicht gewähren, bewusst oder unbewusst, wird er sich dementsprechend verhalten, was sie dann als auffällig empfinden oder als Problemverhalten bezeichnen. Wenn sie ihren Hund aber fragen könnten, würde er sein eigenes Verhalten als alles andere als problematisch bezeichnen. Er würde es schlicht und einfach als begründet und als Selbstverteidigung erklären.

Um dieses sogenannte Problemverhalten abzustellen, sind zwei Dinge simultan notwendig: Der Hund muss in seinem Verhalten korrigiert werden, um ihm klar zu machen, dass sein Verhalten unerwünscht ist; und sie als Herrchen oder Frauchen müssen ihm den Grund für sein Verhalten nehmen. Letzteres bedeutet, dass Sie ihm ab sofort das Gefühl vermitteln, ihn und sich selbst in allen Lebenssituationen zu beschützen; es also nicht zu seinen Aufgaben zählt, sich und sie oder sonst eine Ressource zu beschützen oder zu verteidigen. Erst dadurch macht auch die Korrektur seines Verhaltens erst Sinn, denn erst dadurch versteht er sie. Wenn nämlich der Grund für sein Verhalten nicht beseitigt werden würde, käme der Hund bei der Korrektur seines Verhaltens in Konflikte, denn er würde aus seiner Sicht ja quasi für ein korrektes, weil begründetes Verhalten, bestraft werden.

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