98. Die diskreditierende Macht eines Internetforums
oder
„Ich habe mich über Sie erkundigt und storniere deshalb meinen Termin“
Solcherart Terminabsagen sind zwar sehr selten, kommen aber vor. So auch kürzlich, als mich ein potenzieller Kunde kontaktierte und einen Termin vereinbarte, um seinen Hund erziehen zu lassen. Er stornierte jedoch das Ganze kurze Zeit später mit dem Hinweis, er habe sich noch ein wenig über mich informiert, und ihm würden deshalb meine Methoden weder schlüssig noch seriös erscheinen. Um welche Informationsquellen es sich bei der Recherche und um welche meiner Methoden es sich handelte, die diese Informationsquellen offenbar als nicht schlüssig und unseriös bewerten, offenbarte er in der Absage jedoch nicht.
Nun treibt mich solcherart Geschehen nicht in den Ruin, irritiert aber schon und hat sogar meinen Anwalt zu einer bemerkenswerten Äußerung veranlasst. Es könne nämlich den Anfangsverdacht der Geschäftsschädigung erfüllen, falls es sich bei den Informationsquellen, derer sich die abgeschreckten potentiellen Kunden bedienen, um solche handelt, denen man eine unlautere Absicht nachweisen könne. Ob die Quellen dies bewusst tun oder unbewusst, sei nicht von Belang.
Eines dieser „verminten Terrains“ der Verleumdung oder Verunglimpfung seien beispielsweise Internetforen, weil hier die vermeintliche Anonymität so manch einen Meinungshelden zu riskanten verbalen Äußerungen verleite und die Grenze des Unzulässigen relativ schnell überschritten sei und zumindest eine Abmahnung begründe.
Hinzu komme, dass man in meinem Fall unterstellen könne, dass derartige Absagen, die erst im Nachhinein einer zuvor getroffenen Terminvereinbarung erfolgen würden, nur die Spitze des Eisbergproblems repräsentiere. Denn die überwiegende Mehrheit der potenziellen Kunden werde sich sicherlich nicht erst im Nachhinein, sondern eher im Vorfeld, also bevor sie überhaupt eine Terminvereinbarung in Erwägung ziehen, über mich als Hundetrainer und meine Fachkompetenz erkundigen. Und sollten sie dann bei ihrer Recherche auf diese fragwürdigen Wissensquellen stoßen, werde deren warnende und abschreckende Wirkung dafür sorgen, dass sie gar nicht erst eine Kontaktaufnahme in Erwägung ziehen. Insofern könne das Ausmaß der eigentlichen Geschäftsschädigung noch wesentlich größer sein, als ich sie durch solche Absagen wie oben erwähnt überhaupt wahrnehme.
Aber etwas Grundsätzliches vorab, um nicht missverstanden zu werden: Ich bemängele hiermit in keiner Weise jedwede Kritik oder Skepsis an und gegenüber dem, was ich als Hundetrainer tue oder äußere. Auch jeder kritischen Auseinandersetzung mit meinen veröffentlichten Fachartikeln oder Fachbüchern stehe ich aufgeschlossen gegenüber und bin für diese sogar dankbar. Denn auch ich maße mir nicht an, in Anspruch zu nehmen, der Weisheit letzter Schluss sei mir erschienen. Aber eine kritische Auseinandersetzung mit mir und meinen Theorien kann ich nur akzeptieren, wenn sie sachlich geführt wird und nicht in einer Verunglimpfung mündet.
Eine Recherche zu solchen Internetforen, die ich in Auftrag gegeben habe, hat ergeben, dass sie u.a. von Personenkreisen ins Leben gerufen werden, die entweder selbst Halter von Hunden mit unerwünschtem Verhalten sind (denn warum sonst sollten sie sich im Netz auf die Suche nach Hundetrainern machen?) oder sogar Hundetrainer oder Personen, die stellvertretend deren Interessen anonym wahrnehmen, um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen.
Was die ganze Geschichte in meinem Fall in einem besonders interessanten Licht erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass es sich bei dem Personenkreis auch um solche Kritiker und Kritikerinnen handelt, die offensichtlich selbst große Schwierigkeiten haben, sogenannte verhaltensauffällige Hunde erfolgreich zu sozialisieren geschweige denn sie zu resozialisieren. Letzteres betrifft die kritischen Fälle, in denen sich die Aggressionen des Hundes bereits deutlich manifestiert haben, weil der Hund mit dieser Strategie immer wieder erfolgreich war. Auch solche Fälle, bei denen sogar Übergriffe auf Menschen und insbesondere Kinder zu beklagen sind, zählen dazu. Hier berichten meine Kunden, die zu mir Kontakt aufnehmen, weil ihnen in diesen „Fachkreisen“ zuvor nicht geholfen werden konnte, von sehr fragwürdigen „Fachexpertisen“. Angefangen von solch absurden Empfehlungen wie einer Kastration (bei der übrigens aufgrund der hormonellen Konsequenzen oftmals genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was eigentlich Ziel einer Resozialisierung ist) bis hin zur Einschläferung, weil der Hund angeblich unerziehbar sei. Aber die überwiegende Mehrheit kapituliert bereits vor dem im Grunde genommen relativ harmlosen Erziehungsproblem eines „Leinenrabauken”.
Beinahe ausnahmslos alle meine Kunden, die mich kontaktieren, um ihre Hunde sozialisieren oder resozialisieren zu lassen, hatten zuvor Kontakt zu mindestens einem Hundetrainer. In der überwiegenden Mehrheit sogar zu mehreren verschiedenen Hundeschulen oder Trainern, auch zu solchen, die sich selbst explizit als “Problemhundetrainer” vermarkten. Kürzlich berichtete mir eine Kundin von einem solchen „Experten“, der für ein sogenanntes Erstgespräch bereits 120,- EUR in Rechnung stellte mit einem anschließenden 7-maligen Training a 70,- EUR. Man verzeihe mir meine flapsige Ausdrucksweise, aber da schüttelt es den Hund samt seiner Hütte. Welchem Zweck sollte im Rahmen einer Hundeerziehung ein Erstgespräch dienen, welches eine Abzocke von 120,- EUR rechtfertigt? Und was soll eine 7-malige Wiederholung im Rahmen einer Erziehung? Wir reden hier schließlich nicht von der Ausbildung des Hundes, bei der man ihm das zuverlässige Befolgen von Sitz, Platz & Co. beizubringen beabsichtigt. Da mag die Wiederholung als Mittel der Konditionierung der Königsweg sein. Aber wir reden hier ausschließlich von der Erziehung, Sozialisierung oder Resozialisierung.
Wenn beispielsweise ein Hundebesitzer einen Hundetrainer um Hilfe bittet, seinen „Leinenrabauken“ von seinen „Macken“ wie Zerren, Bellen, Jagen oder sonstigen Aggressionen zu befreien, sollte doch wohl jeder gut ausgebildete Hundetrainer in der Lage sein, allein schon anhand solcher Schlüsselbegriffe oder des verwendeten Vokabulars zu wissen, wo der Hund begraben ist und was er zu tun hat. Da bedarf es keiner großartigen Analysen. Sollten solche Begriffe fallen, kann es sich schließlich nur und ausschließlich um ein Erziehungsproblem und nicht etwa um ein Ausbildungsproblem handeln, denn der Kunde hat am Telefon nicht darüber geklagt, dass es bei seinem Schützling partout nicht klappen würde mit der Rolle rückwärts oder dem Zick-Zack-Laufen durch seine Beine. Und dann stünde auch bereits nicht nur die “Diagnose” fest, sondern ebenso die „Therapie“. Erstgenanntes (die “Diagnose”) wäre die dem Hund überlassene Verantwortung für seine Sicherheit und die seiner Bezugsperson oder irgendeiner Ressource und sein daraus resultierendes Beschützerverhalten. Und Zweitgenanntes (die “Therapie”) wäre die Entbindung des Hundes von dieser Verantwortung bei gleichzeitiger Einschränkung seines Entscheidungsspielraums. Mit anderen Worten: die Beseitigung des Grundes für sein unerwünschtes Verhalten. Dazu bedarf es weder eines 120-Euro-Erstgespräches und schon gar nicht einer siebenmaligen Wiederholung. Denn die beschriebene „Therapie“ ist nichts anderes, als eine durch den Hund deutlich wahrnehmbare Änderung des Verhaltens der Bezugsperson ihm gegenüber. Es ist also keine Hexerei, einen „verhaltensauffälligen“ Hund – der er ja im Grunde genommen noch nicht einmal ist – zu erziehen oder zu resozialisieren, sondern lediglich eine Verhaltensänderung des Menschen dem Hund gegenüber. Und wenn die Bezugsperson sich von jetzt an konsequent an das veränderte Verhalten hält, welches der Trainer ihr im Rahmen des Trainings erläutert und begründet hat – im Fachterminus als Compliance (Therapietreue) bezeichnet –, bedarf es in der Regel noch nicht einmal einer einzigen Wiederholung. Wozu denn auch? Der Trainer könnte dem Halter oder der Halterin auch beim zweiten, dritten oder vierten Mal nichts Neues erzählen. Eine Erziehung oder Resozialisierung hat im Gegensatz zur Ausbildung nämlich nichts mit wiederholendem Üben zu tun, sondern lediglich mit Konsequenz im Verhalten.
Ein anderer Kunde berichtete mir von einem Internetforum, in dem man sinngemäß meine Erziehungserfolge in der geschilderten Effizienz als unmöglich abkanzelt, weil ich schließlich auch nur den einen „Werkzeugkasten“ zur Verfügung hätte, aus dem sich alle Hundetrainer bedienen würden.
Im Grunde genommen stimme ich der Metapher des Werkzeugkastens sogar zu, denn ich habe nie behauptet, ein neues oder anderes Werkzeug entdeckt zu haben, geschweige denn einen ganzen Werkzeugkasten. Allerdings habe ich in vielen meiner Fachbeiträge und in meinen Fachbüchern nachgewiesen, dass diejenigen, die an der Erziehung oder Resozialisierung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes scheitern, sich schlichtweg der falschen Werkzeuge bedienen. Sie übersehen offensichtlich, dass der Kasten verschiedene Werkzeuge enthält. Und zwar fein säuberlich getrennt nach solchen, die für die Ausbildung des Hundes geeignet sind und solchen, die im Zuge seiner Erziehung bevorzugt werden sollten.
Auch ein gut ausgebildeter Zahnarzt wird nicht der Versuchung erliegen, einen Zahn mit Hilfe seines Bohrers entfernen zu wollen, sondern sich stattdessen des effektiven und viel effizienteren Werkzeugs Zange bedienen. Denn abgesehen davon, dass er mit Hilfe des Bohrers vielleicht irgendwann den Zahn auch herausgewürgt bekommt und somit oberflächlich hingeschaut, das Problem beseitigt zu haben scheint, sollte aber nicht nur der Schaden, den er danach angerichtet hat, erheblich sein, sondern die Wurzel, die die eigentliche Ursache des Übels ist, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch da sein – nur eben nicht zu sehen.
Wenn der Trainer, so wie mir dies von vielen meiner Kundinnen und Kunden beschrieben wird, schon bei der Diagnose danebenliegt und offensichtlich noch nicht einmal ein Ausbildungsproblem von dem einer Erziehung unterscheiden kann, wie soll er dann erst die richtige Wahl des geeigneten Werkzeugs treffen. Wenn er in allen Problemen glaubt, einen Nagel zu erkennen, wird er mit traumwandlerischer Zuverlässigkeit stets zum Hammer greifen. Und nicht, wie es notwendigerweise sinnvoll wäre, zum Schraubendreher, wenn der Nagel das Ausbildungs- und die Schraube das Erziehungsproblem repräsentiert. Die Frage ist also recht einfach formuliert: Warum erkennen so viele Hundetrainer das geeignete Werkzeug nicht?
Der ungarische Physiker Albert von Szent-Györgyi hat einmal gesagt: “Eine Entdeckung macht man, wenn man sieht, was jeder gesehen hat, und dabei denkt, was niemand gedacht hat.” Die Interpretation überlasse ich meiner verehrten Leserschaft.
Und nun vergegenwärtige man sich einmal die Absurdität dessen, dass solche Meinungshelden und „Fachexperten“, die nicht nur offenbar, sondern durch Aussagen meiner Kunden belegbar, selbst große Probleme bei der Erziehung verhaltensauffälliger Hunde haben, sich anmaßen, in den Internetforen über meine Arbeit und meine Theorie der Hundeerziehung zu urteilen und diese als unseriös abzukanzeln. Ein Kunde sagte einmal zu mir, der zuvor eine regelrechte Tortur an gescheiterten Hundetrainerexperimenten hinter sich hatte, die ihm obendrein auch ein kleines Vermögen gekostet haben, und der auch diese Internetforen kannte, dass er sich nur sehr schwer vorstellen könne, dass diese in der Anonymität mutig agierenden Meinungshelden ihre dort geäußerten verbalen Attacken mir gegenüber wiederholen würden, wenn sie mir Auge in Auge gegenüberstünden und meine Arbeit auch nur im Ansatz verstanden hätten. Wir hatten nämlich zuvor seinen Hund in nur einem einzigen Spaziergang von seinem Konflikt befreit.
Ich habe mich aus hiesigem Grund entschlossen – was ich ansonsten ungern tue, um nicht den Vorwurf der Selbstbeweihräucherung zu riskieren –, nachfolgend die von ihm bei Google geschriebene Bewertung einmal zu zitieren:
„Vorweg, Sascha war die beste Investition, die wir jemals getätigt haben, er ist jeden Cent wert. Wir haben eine aggressive Rottihündin, die keine anderen Hunde akzeptierte und bis gestern auf alles losging, was sich bewegte. Jede Gassierunde war der Horror, das ist nun Geschichte. Sascha kam, wir gingen mit ihm die übliche Feldrunde und innerhalb kürzester Zeit war unser Hund wie ausgewechselt. Sascha hat enorme Fachkompetenz, strahlt Ruhe, Gelassenheit aus und geht auf alle Fragen ein, so dass alles erklärte sofort umgesetzt werden kann. Mit der Befürchtung, dass es ohne seine Anwesenheit nicht klappt, gingen wir heute Morgen raus und stellten fest, dass wir seit 2 Jahren das erste Mal entspannt und ohne Stress mit unserer Zora spazieren gehen konnten, trotz echt enger Hundebegegnungen. Tausend Dank Sascha“
Da stellt sich doch die berechtigte Frage nach dem Zweck solcher Internetforen.
Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Verfasser solcher Pamphlete sich lediglich als im Dienste der aufopferungsvollen und selbstlosen Pflichterfüllung stehende und der absoluten Wahrheit verpflichtete Protagonisten verstehen, die dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen beabsichtigen, indem sie die ahnungslose Hundehaltergemeinde vor meinen vermeintlich absurden Theorien und unseriösen Praktiken versuchen zu beschützen und sie somit vor einem nicht wieder gutzumachenden Schaden zu bewahren.

