No products in the cart.

Kategorie: Erziehung

100. Können Hunde mit Methoden der Ablenkung erzogen werden? oder „… das Fernsehen im harten Dienst der Volksverblödung …“

Können Hunde mit Methoden der Ablenkung erzogen werden?
oder
„… das Fernsehen im harten Dienst der Volksverblödung …“

99. Ist der Haushund noch ein Rudeltier?

Man hört und liest auch heute immer wieder, dass Hunde Rudeltiere seien. So ein rein akademischer Hintergrund der Auslöser eines Diskurses darüber wäre, würde es mich als Hundetrainer auch weitestgehend kalt lassen. Aber das ist bedauerlicherweise nicht immer der Fall. Im Gegenteil,

98. Die diskreditierende Macht eines Internetforums

oder

„Ich habe mich über Sie erkundigt und storniere deshalb meinen Termin“

Solcherart Terminabsagen sind zwar sehr selten, kommen aber vor. So auch kürzlich, als mich ein potenzieller Kunde kontaktierte und einen Termin vereinbarte, um seinen Hund erziehen zu lassen. Er stornierte jedoch das Ganze kurze Zeit später mit dem Hinweis, er habe sich noch ein wenig über mich informiert, und ihm würden deshalb meine Methoden weder schlüssig noch seriös erscheinen. Um welche Informationsquellen es sich bei der Recherche und um welche meiner Methoden es sich handelte, die diese Informationsquellen offenbar als nicht schlüssig und unseriös bewerten, offenbarte er in der Absage jedoch nicht.

Nun treibt mich solcherart Geschehen nicht in den Ruin, irritiert aber schon und hat sogar meinen Anwalt zu einer bemerkenswerten Äußerung veranlasst. Es könne nämlich den Anfangsverdacht der Geschäftsschädigung erfüllen, falls es sich bei den Informationsquellen, derer sich die abgeschreckten potentiellen Kunden bedienen, um solche handelt, denen man eine unlautere Absicht nachweisen könne. Ob die Quellen dies bewusst tun oder unbewusst, sei nicht von Belang.

Eines dieser „verminten Terrains“ der Verleumdung oder Verunglimpfung seien beispielsweise Internetforen, weil hier die vermeintliche Anonymität so manch einen Meinungshelden zu riskanten verbalen Äußerungen verleite und die Grenze des Unzulässigen relativ schnell überschritten sei und zumindest eine Abmahnung begründe.

Hinzu komme, dass man in meinem Fall unterstellen könne, dass derartige Absagen, die erst im Nachhinein einer zuvor getroffenen Terminvereinbarung erfolgen würden, nur die Spitze des Eisbergproblems repräsentiere. Denn die überwiegende Mehrheit der potenziellen Kunden werde sich sicherlich nicht erst im Nachhinein, sondern eher im Vorfeld, also bevor sie überhaupt eine Terminvereinbarung in Erwägung ziehen, über mich als Hundetrainer und meine Fachkompetenz erkundigen. Und sollten sie dann bei ihrer Recherche auf diese fragwürdigen Wissensquellen stoßen, werde deren warnende und abschreckende Wirkung dafür sorgen, dass sie gar nicht erst eine Kontaktaufnahme in Erwägung ziehen. Insofern könne das Ausmaß der eigentlichen Geschäftsschädigung noch wesentlich größer sein, als ich sie durch solche Absagen wie oben erwähnt überhaupt wahrnehme.

Aber etwas Grundsätzliches vorab, um nicht missverstanden zu werden: Ich bemängele hiermit in keiner Weise jedwede Kritik oder Skepsis an und gegenüber dem, was ich als Hundetrainer tue oder äußere. Auch jeder kritischen Auseinandersetzung mit meinen veröffentlichten Fachartikeln oder Fachbüchern stehe ich aufgeschlossen gegenüber und bin für diese sogar dankbar. Denn auch ich maße mir nicht an, in Anspruch zu nehmen, der Weisheit letzter Schluss sei mir erschienen. Aber eine kritische Auseinandersetzung mit mir und meinen Theorien kann ich nur akzeptieren, wenn sie sachlich geführt wird und nicht in einer Verunglimpfung mündet.

Eine Recherche zu solchen Internetforen, die ich in Auftrag gegeben habe, hat ergeben, dass sie u.a. von Personenkreisen ins Leben gerufen werden, die entweder selbst Halter von Hunden mit unerwünschtem Verhalten sind (denn warum sonst sollten sie sich im Netz auf die Suche nach Hundetrainern machen?) oder sogar Hundetrainer oder Personen, die stellvertretend deren Interessen anonym wahrnehmen, um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen.

Was die ganze Geschichte in meinem Fall in einem besonders interessanten Licht erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass es sich bei dem Personenkreis auch um solche Kritiker und Kritikerinnen handelt, die offensichtlich selbst große Schwierigkeiten haben, sogenannte verhaltensauffällige Hunde erfolgreich zu sozialisieren geschweige denn sie zu resozialisieren. Letzteres betrifft die kritischen Fälle, in denen sich die Aggressionen des Hundes bereits deutlich manifestiert haben, weil der Hund mit dieser Strategie immer wieder erfolgreich war. Auch solche Fälle, bei denen sogar Übergriffe auf Menschen und insbesondere Kinder zu beklagen sind, zählen dazu. Hier berichten meine Kunden, die zu mir Kontakt aufnehmen, weil ihnen in diesen „Fachkreisen“ zuvor nicht geholfen werden konnte, von sehr fragwürdigen „Fachexpertisen“. Angefangen von solch absurden Empfehlungen wie einer Kastration (bei der übrigens aufgrund der hormonellen Konsequenzen oftmals genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was eigentlich Ziel einer Resozialisierung ist) bis hin zur Einschläferung, weil der Hund angeblich unerziehbar sei. Aber die überwiegende Mehrheit kapituliert bereits vor dem im Grunde genommen relativ harmlosen Erziehungsproblem eines „Leinenrabauken”.

Beinahe ausnahmslos alle meine Kunden, die mich kontaktieren, um ihre Hunde sozialisieren oder resozialisieren zu lassen, hatten zuvor Kontakt zu mindestens einem Hundetrainer. In der überwiegenden Mehrheit sogar zu mehreren verschiedenen Hundeschulen oder Trainern, auch zu solchen, die sich selbst explizit als “Problemhundetrainer” vermarkten. Kürzlich berichtete mir eine Kundin von einem solchen „Experten“, der für ein sogenanntes Erstgespräch bereits 120,- EUR in Rechnung stellte mit einem anschließenden 7-maligen Training a 70,- EUR. Man verzeihe mir meine flapsige Ausdrucksweise, aber da schüttelt es den Hund samt seiner Hütte. Welchem Zweck sollte im Rahmen einer Hundeerziehung ein Erstgespräch dienen, welches eine Abzocke von 120,- EUR rechtfertigt? Und was soll eine 7-malige Wiederholung im Rahmen einer Erziehung? Wir reden hier schließlich nicht von der Ausbildung des Hundes, bei der man ihm das zuverlässige Befolgen von Sitz, Platz & Co. beizubringen beabsichtigt. Da mag die Wiederholung als Mittel der Konditionierung der Königsweg sein. Aber wir reden hier ausschließlich von der Erziehung, Sozialisierung oder Resozialisierung.  

Wenn beispielsweise ein Hundebesitzer einen Hundetrainer um Hilfe bittet, seinen „Leinenrabauken“ von seinen „Macken“ wie Zerren, Bellen, Jagen oder sonstigen Aggressionen zu befreien, sollte doch wohl jeder gut ausgebildete Hundetrainer in der Lage sein, allein schon anhand solcher Schlüsselbegriffe oder des verwendeten Vokabulars zu wissen, wo der Hund begraben ist und was er zu tun hat. Da bedarf es keiner großartigen Analysen. Sollten solche Begriffe fallen, kann es sich schließlich nur und ausschließlich um ein Erziehungsproblem und nicht etwa um ein Ausbildungsproblem handeln, denn der Kunde hat am Telefon nicht darüber geklagt, dass es bei seinem Schützling partout nicht klappen würde mit der Rolle rückwärts oder dem Zick-Zack-Laufen durch seine Beine. Und dann stünde auch bereits nicht nur die “Diagnose” fest, sondern ebenso die „Therapie“. Erstgenanntes (die “Diagnose”) wäre die dem Hund überlassene Verantwortung für seine Sicherheit und die seiner Bezugsperson oder irgendeiner Ressource und sein daraus resultierendes Beschützerverhalten. Und Zweitgenanntes (die “Therapie”) wäre die Entbindung des Hundes von dieser Verantwortung bei gleichzeitiger Einschränkung seines Entscheidungsspielraums. Mit anderen Worten: die Beseitigung des Grundes für sein unerwünschtes Verhalten. Dazu bedarf es weder eines 120-Euro-Erstgespräches und schon gar nicht einer siebenmaligen Wiederholung. Denn die beschriebene „Therapie“ ist nichts anderes, als eine durch den Hund deutlich wahrnehmbare Änderung des Verhaltens der Bezugsperson ihm gegenüber. Es ist also keine Hexerei, einen „verhaltensauffälligen“ Hund – der er ja im Grunde genommen noch nicht einmal ist – zu erziehen oder zu resozialisieren, sondern lediglich eine Verhaltensänderung des Menschen dem Hund gegenüber. Und wenn die Bezugsperson sich von jetzt an konsequent an das veränderte Verhalten hält, welches der Trainer ihr im Rahmen des Trainings erläutert und begründet hat – im Fachterminus als Compliance (Therapietreue) bezeichnet –, bedarf es in der Regel noch nicht einmal einer einzigen Wiederholung. Wozu denn auch? Der Trainer könnte dem Halter oder der Halterin auch beim zweiten, dritten oder vierten Mal nichts Neues erzählen. Eine Erziehung oder Resozialisierung hat im Gegensatz zur Ausbildung nämlich nichts mit wiederholendem Üben zu tun, sondern lediglich mit Konsequenz im Verhalten.

Ein anderer Kunde berichtete mir von einem Internetforum, in dem man sinngemäß meine Erziehungserfolge in der geschilderten Effizienz als unmöglich abkanzelt, weil ich schließlich auch nur den einen „Werkzeugkasten“ zur Verfügung hätte, aus dem sich alle Hundetrainer bedienen würden.

Im Grunde genommen stimme ich der Metapher des Werkzeugkastens sogar zu, denn ich habe nie behauptet, ein neues oder anderes Werkzeug entdeckt zu haben, geschweige denn einen ganzen Werkzeugkasten. Allerdings habe ich in vielen meiner Fachbeiträge und in meinen Fachbüchern nachgewiesen, dass diejenigen, die an der Erziehung oder Resozialisierung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes scheitern, sich schlichtweg der falschen Werkzeuge bedienen. Sie übersehen offensichtlich, dass der Kasten verschiedene Werkzeuge enthält. Und zwar fein säuberlich getrennt nach solchen, die für die Ausbildung des Hundes geeignet sind und solchen, die im Zuge seiner Erziehung bevorzugt werden sollten.

Auch ein gut ausgebildeter Zahnarzt wird nicht der Versuchung erliegen, einen Zahn mit Hilfe seines Bohrers entfernen zu wollen, sondern sich stattdessen des effektiven und viel effizienteren Werkzeugs Zange bedienen. Denn abgesehen davon, dass er mit Hilfe des Bohrers vielleicht irgendwann den Zahn auch herausgewürgt bekommt und somit oberflächlich hingeschaut, das Problem beseitigt zu haben scheint, sollte aber nicht nur der Schaden, den er danach angerichtet hat, erheblich sein, sondern die Wurzel, die die eigentliche Ursache des Übels ist, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch da sein – nur eben nicht zu sehen.

Wenn der Trainer, so wie mir dies von vielen meiner Kundinnen und Kunden beschrieben wird, schon bei der Diagnose danebenliegt und offensichtlich noch nicht einmal ein Ausbildungsproblem von dem einer Erziehung unterscheiden kann, wie soll er dann erst die richtige Wahl des geeigneten Werkzeugs treffen. Wenn er in allen Problemen glaubt, einen Nagel zu erkennen, wird er mit traumwandlerischer Zuverlässigkeit stets zum Hammer greifen. Und nicht, wie es notwendigerweise sinnvoll wäre, zum Schraubendreher, wenn der Nagel das Ausbildungs- und die Schraube das Erziehungsproblem repräsentiert. Die Frage ist also recht einfach formuliert: Warum erkennen so viele Hundetrainer das geeignete Werkzeug nicht?

Der ungarische Physiker Albert von Szent-Györgyi hat einmal gesagt: “Eine Entdeckung macht man, wenn man sieht, was jeder gesehen hat, und dabei denkt, was niemand gedacht hat.” Die Interpretation überlasse ich meiner verehrten Leserschaft.

Und nun vergegenwärtige man sich einmal die Absurdität dessen, dass solche Meinungshelden und „Fachexperten“, die nicht nur offenbar, sondern durch Aussagen meiner Kunden belegbar, selbst große Probleme bei der Erziehung verhaltensauffälliger Hunde haben, sich anmaßen, in den Internetforen über meine Arbeit und meine Theorie der Hundeerziehung zu urteilen und diese als unseriös abzukanzeln. Ein Kunde sagte einmal zu mir, der zuvor eine regelrechte Tortur an gescheiterten Hundetrainerexperimenten hinter sich hatte, die ihm obendrein auch ein kleines Vermögen gekostet haben, und der auch diese Internetforen kannte, dass er sich nur sehr schwer vorstellen könne, dass diese in der Anonymität mutig agierenden Meinungshelden ihre dort geäußerten verbalen Attacken mir gegenüber wiederholen würden, wenn sie mir Auge in Auge gegenüberstünden und meine Arbeit auch nur im Ansatz verstanden hätten. Wir hatten nämlich zuvor seinen Hund in nur einem einzigen Spaziergang von seinem Konflikt befreit.

Ich habe mich aus hiesigem Grund entschlossen – was ich ansonsten ungern tue, um nicht den Vorwurf der Selbstbeweihräucherung zu riskieren –, nachfolgend die von ihm bei Google geschriebene Bewertung einmal zu zitieren:

„Vorweg, Sascha war die beste Investition, die wir jemals getätigt haben, er ist jeden Cent wert. Wir haben eine aggressive Rottihündin, die keine anderen Hunde akzeptierte und bis gestern auf alles losging, was sich bewegte. Jede Gassierunde war der Horror, das ist nun Geschichte. Sascha kam, wir gingen mit ihm die übliche Feldrunde und innerhalb kürzester Zeit war unser Hund wie ausgewechselt. Sascha hat enorme Fachkompetenz, strahlt Ruhe, Gelassenheit aus und geht auf alle Fragen ein, so dass alles erklärte sofort umgesetzt werden kann. Mit der Befürchtung, dass es ohne seine Anwesenheit nicht klappt, gingen wir heute Morgen raus und stellten fest, dass wir seit 2 Jahren das erste Mal entspannt und ohne Stress mit unserer Zora spazieren gehen konnten, trotz echt enger Hundebegegnungen. Tausend Dank Sascha“

Da stellt sich doch die berechtigte Frage nach dem Zweck solcher Internetforen.

Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Verfasser solcher Pamphlete sich lediglich als im Dienste der aufopferungsvollen und selbstlosen Pflichterfüllung stehende und der absoluten Wahrheit verpflichtete Protagonisten verstehen, die dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen beabsichtigen, indem sie die ahnungslose Hundehaltergemeinde vor meinen vermeintlich absurden Theorien und unseriösen Praktiken versuchen zu beschützen und sie somit vor einem nicht wieder gutzumachenden Schaden zu bewahren.

97. Kann mein Hund spüren, wann ich nach Hause komme?

[et_pb_section admin_label=”section”]
[et_pb_row admin_label=”row”]
[et_pb_column type=”4_4″][et_pb_text admin_label=”Text”]

oder

Ist da etwas dran, an der sogenannten Fernwirkung?

Immer wieder mal erzählen mir HundehalterInnen von unerklärlichen Fähigkeiten ihrer Vierbeiner, die vermeintlich das Wirken übernatürlicher Kräfte oder eine Art Informationserhalt aus der Zukunft vermuten lassen. Dazu gehören Geschichten, in denen Bello und Co. das Leben ihrer Besitzer retten, indem sie nahende Gefahren oder sich anbahnendes Unheil schon lange vor ihrem Eintreten zu erkennen scheinen und Herrchen oder Frauchen warnen, als hätten sie einen „siebten Sinn“. Zuletzt fragte mich eine Kundin, ob da etwas dran sein könne, dass ihr Hund wisse oder spüre, wann Herrchen von der Arbeit nach Hause komme, denn kurz zuvor werde er jedes Mal unruhig?

Dazu gibt es eine Reihe von Erklärungsversuchen, die unter anderem darauf hinauslaufen, dass Bello und Co. anhand von Algorithmen oder Regeln, die in ihrer Umwelt im Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis immer wieder ablaufen oder auf diese anwendbar sind, erkennen können und daraus dann die entsprechenden Schlüsse ziehen. Sei es das typische Verhalten Dritter, wie das von Frauchen im Zusammenhang mit dem Heimkehren des Herrchens, oder irgendwelche anderen assoziativ und kausal wirkenden Ereignisse.

Einen unerbittlichen Streit zur Erklärung solcher und ähnlicher Phänomene liefern sich traditionell natürlich auch die Theisten und Atheisten. Die einen glauben, Gott habe seine Finger im Spiel, die anderen lehnen solcherart Ansätze rundherum ab und versuchen, unter Wahrung des sogenannten Dualismus (Trennung von Geist und Materie) eine auf der klassischen Physik basierende deterministische Erklärung zu finden.  

Einen völlig anderen und überraschenden Erklärungsansatz, der sogar ein versöhnlicher werden könnte für die beiden zerstrittenen Lager des Idealismus und Materialismus, liefert seit geraumer Zeit die Quantenphysik.

Das Ehepaar Christine Mann, Tochter des Physikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg (Vater der Quantenphysik) und Frido Mann, Enkel des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann, geben in ihrem Buch „ES WERDE LICHT – Die Einheit von Geist und Materie in der Quantenphysik“ einen verblüffenden Erklärungsversuch für solcherart vermeintlich übernatürlicher Erscheinungen und führen dazu auch folgendes Beispiel an:

„Inzwischen gilt es als nachgewiesen, dass es Haustiere, besonders Hunde und Katzen gibt, bei denen eine solche Fernwahrnehmung für ihren Besitzer beobachtet werden kann. Ein Wissenschaftler, dessen Hund immer dann schwanzwedelnd an die Tür ging, wenn Herrchen von seinem Arbeitsplatz nach Hause aufbrach, dachte sich folgendes Arrangement aus, um zu überprüfen, ob der Hund nur bestimmte Signale seiner Frau, die seine Ankunftszeit wusste, wahrnahm, oder ob es sich wirklich um eine weitergehende Fähigkeit seines Hundes handelte. Er beauftragte seine Frau, genau zu notieren, wann der Hund unruhig war, sagte aber, dass er zu ganz unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen würde. Dann beauftragte er einen Kollegen von seinem Arbeitsplatz, eine Woche lang festzulegen, wann er jeweils nach Hause gehen solle. Dieser Kollege übergab ihm jeden Morgen bei der Ankunft am Arbeitsplatz einen verschlossenen Briefumschlag. Diesen öffnete der Wissenschaftler jeweils kurz vor dem frühestmöglichen Dienstschluss, blieb aber noch so lange im Dienst, wie in dem Briefumschlag vorgegeben. Der Hund konnte also weder von ihm noch von seiner Frau irgendwelche Signale darüber erfahren, wann sein Herrchen nach Hause kommen würde. Trotzdem wurde er pünktlich um die Zeit unruhig, als sein Besitzer seinen Arbeitsplatz verließ.“

Nach Meinung der Verfasser des Buches könnten die Fernwahrnehmungen, „ähnlich wie Intuition oder Inspiration, eventuell durch die langwelligen, im EEG messbaren elektromagnetischen Wellen mit ihren sehr energiearmen Photonen übertragen werden.“

Es gebe jedoch noch eine andere Theorie, die als Erklärung in Frage käme: Im Rahmen der Quantenphysik ist das Phänomen der sogenannten Verschränkung von Elementarteilchen (beispielsweise Photonen) über eine schier unendliche Entfernung nachgewiesen worden. Wenn beispielsweise zwei Photonen (Lichtquanten), die aus einer Quelle stammen, also eine Art Zwillingsphotonen sind, in entgegengesetzter Richtung auf Reisen geschickt werden und dann auf eines der beiden Photonen eingewirkt werde, reagiere ohne Zeitverzögerung ebenfalls das andere. Und das sogar über Distanzen von Lichtjahren. Dieses Phänomen widerspricht Einsteins Argument, dass die höchst mögliche Geschwindigkeit für den Austausch von Informationen in Form elektromagnetischer Wellen die Lichtgeschwindigkeit ist. Dieser Konflikt ist bis heute nicht gelöst.

Daraus stellt sich für die Wissenschaftler die Frage, ob die beiden Elementarteilchen, die aus einer Quelle stammen, eventuell für immer miteinander verbunden oder sogar eines bleiben. Oder dass sich dahinter eine Art Weltgeist verbirgt. Und vielleicht werden sich sogar irgendwann einmal die Theisten und Atheisten im Rahmen einer völlig neuen Erklärung des Universums wiederfinden und miteinander versöhnen. Dazu müssten aber wahrscheinlich beide Seiten ihre Dogmen aufgeben.

Für alle HundehalterInnen wäre es jedenfalls eine ernstzunehmende und auch beruhigende Erklärung für so manch unerklärliches und unheimlich anmutendes Verhalten ihrer Lieblinge.

[/et_pb_text][/et_pb_column]
[/et_pb_row]
[/et_pb_section]

96. “Macht es überhaupt Sinn, meinen Hund zu erziehen, wenn andere ihre Hunde nicht erziehen?”

Oder die Unart vieler Hundehalter.

(Im Interesse der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf eine Gendersprache.)

Immer mal wieder erreichen mich derart resigniert klingende Fragen oder beklagen sich Kunden mir gegenüber, dass der Erfolg, den wir bei der Erziehung ihrer „Leinenrambos“ relativ schnell erreicht haben, sofort wieder zunichte gemacht werde durch das unvernünftige Verhalten anderer Hundehalter. Damit meinen sie insbesondere deren Unart, ihre Hunde ohne Zustimmung meiner Kunden zu ihren Hunden Kontakt aufnehmen zu lassen.

Dies führe beispielsweise meine Forderung nach einer konsequenten „Therapietreue“ – auch Compliance genannt –, die die unabdingbare Voraussetzung für die Nachhaltigkeit einer erfolgreichen Hundeerziehung sei, ad absurdum. Denn all ihr Bemühen, meine Forderungen durchzusetzen, zu denen unter anderem auch eine Kontaktvermeidung zu fremden Hunden zähle, werde quasi zunichte gemacht oder sei schier unmöglich.

Es scheint offenbar eine unter vielen Hundehaltern weit verbreitete Unsitte zu sein, die Hunde ohne Zustimmung der anderen Halter untereinander Kontakt aufnehmen zu lassen. Ich selbst kann dies aus eigener Erfahrung hinlänglich bestätigen. Wenn ich beispielsweise andere Halter auffordere, ihre Hunde bitte zurückzuhalten, widerfährt mir nicht selten, dass ich nicht nur auf deren Unverständnis stoße, sondern sogar recht böse Reaktionen erfahre. Will sagen, viele Halter fühlen sich offensichtlich sogar im Recht mit ihrer Unvernunft und sehen es vermutlich als eine Art natürliches Recht ihrer Hunde an, zu allen und jedem ihrer Artgenossen – unabhängig davon, ob sie sich jemals zuvor begegnet sind oder nicht – Kontakt aufnehmen zu lassen. Einer Recherche zufolge glauben sie sogar, damit ihren Hunden eine artgerechte Haltung zu gewährleisten, weil es artspezifisch sei, dass Hunde untereinander Kontakt aufnehmen wollen.

(Warum letztere Konklusion Unfug ist, habe ich übrigens ausführlich in meinen beiden Büchern begründet.)

Hinzu kommt aber auch, dass seitens dieser unvernünftig handelnden Zeitgenossen die Auffassung vertreten wird, dass andere Halter dies zu akzeptieren oder zumindest zu dulden hätten.

Ist das aber wirklich so?

Zum besseren Verständnis macht es Sinn, dass ich an dieser Stelle nochmal den Kontext erläutere, in dem wir uns hier gedanklich bewegen.

Dazu ist es notwendig zu klären, über welche Hunde wir hier eigentlich sprechen, um dann die Notwendigkeit einer konsequenten Kontaktvermeidung zu rechtfertigen:

Vielleicht beginne ich besser mit der Beschreibung derer, die ich hier nicht meine. Denn dann wird das, was ich meine, vielleicht noch etwas deutlicher. Ich spreche, wenn ich von zu erziehenden Hunden und der damit einhergehenden anschließenden Kontaktvermeidung zu ihresgleichen spreche, nämlich nicht von Oma Hedwigs und Tante Liesbeths Schoßhündchen, deren Problem darin besteht, dass sie sich bei den tagtäglichen Begegnungen ihrer Frauchen auf der Straße wie Brummkreisel um sich selbst drehend am Hinterteil beschnüffeln und dabei doppelte Palsteks in ihre Leinen tütern, worüber sich dann die beiden älteren Damen sogar noch köstlich amüsieren, während sie versuchen, sich nicht selbst in diesem Knäuel an Leinen zu verheddern.

Nein, ich spreche hier vielmehr von Rottweiler & Co., deren nicht nur unerwünschtes, sondern oftmals sogar gefährdendes unsoziales Verhalten für ihre Besitzer zu einem ernstzunehmenden Problem geworden ist. Dabei kann sogar das nervende Zerren an der Leine oder Verbellen jedes anderen Wesens noch als harmlos eingestuft und vielleicht sogar außer Acht gelassen werden. Nicht selten geht es hier vielmehr um intraspezifische oder interspezifische Aggressionen, welche jegliches Bewegen in urbaner Umgebung mit ihnen für ihre Halter zu einem Martyrium oder unmöglichen Unterfangen hat werden lassen. In einigen Fällen sind Beißattacken oder sogar Übergriffe auf Kinder zu beklagen, so dass der Amtstierarzt schon ein Wörtchen mitzureden hat.

Kurzum, es geht hier um Hunde, deren Erziehung zwingend angezeigt ist, um ein Zusammenleben mit ihnen überhaupt noch zu ermöglichen, oder dieses zumindest erträglich zu machen. Und in einigen speziellen Fällen geht es sogar darum, ihnen das Einschläfern zu ersparen.

Und dazu muss man wissen, dass – nur mit Ausnahme des Jagdverhaltens und Verhaltens während der Läufigkeit – alle typischen unerwünschten Verhaltensweisen zum sogenannten agonistischen Verhaltensrepertoire zählen, die der erfolgreichen Auseinandersetzung mit Rivalen, Konkurrenten oder Feinden dienen. Allerdings setzen Hunde dieses agonistische Verhaltensrepertoire nur dann ein, wenn sie einerseits auch die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit oder die der ihrem Schutz anvertrauen Personen und Ressourcen tragen und andererseits ihnen dafür ein ausreichender Entscheidungsspielraum zugestanden wurde. Ansonsten gäbe es weder einen Grund noch die Möglichkeit, dieses Verhalten an den Tag zu legen.

Ein typisches Indiz dafür, dass dem Hund eine solche Verantwortung überlassen oder übertragen wurde und er auch einen ausreichenden Entscheidungsspielraum besitzt, ist sein demonstrierter Wille zum Aufklären des Reviers und Abklären der Absichten Fremder, um auszuschließen, dass von ihnen irgendeine Gefahr oder Bedrohung ausgeht. Insofern ist die Absicht, Kontakt zu einem fremden Artgenossen aufzunehmen, ausschließlich darin begründet, abzuklären, ob dieser böswillig oder friedlich gestimmt ist.

Somit besteht das Ziel der Erziehung eines Hundes darin, ihn von dieser Verantwortung zu entbinden und seinen dazugehörigen Entscheidungsspielraum einzuschränken. Denn die Entbindung von seiner Verantwortung ist gleichzusetzen mit der Beseitigung des Grundes für sein unerwünschtes Verhalten und die Einschränkung seines Entscheidungsspielraums mit der Beseitigung seiner Möglichkeit dazu. Und da eine Erziehung nur von Erfolg gekrönt sein kann, wenn der Grund für ein Verhalten beseitigt ist – da eine Erziehung immer darauf abzielt, beim zu Erziehenden eine „Einsicht“ zu bewirken –, ist die Entbindung von der Verantwortung die Ultima Ratio. (Weshalb übrigens auch jeglicher Versuch der Konditionierung oder Ablenkung beispielsweise mittels Leckerlis als Erziehungsversuch zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist, weil er keinen Verhaltensgrund beseitigt.)

Allerdings macht das Ganze für den Hund nur dann Sinn und führt bei ihm zur „Einsicht“, wenn ab sofort Herrchen oder Frauchen statt seiner dieser Verantwortung nachkommen. Und dieser Verantwortung für die Gewährleistung der Sicherheit von Hund und Mensch muss Herrchen oder Frauchen unter allen Umständen und konsequent wahrnehmen. Weil, sowie der Hund den leisesten Zweifel daran hegen muss, dass Herrchen oder Frauchen weder willens noch in der Lage sind, dieser Verantwortung überhaupt gerecht zu werden, wird er sie sofort selbst wieder übernehmen und in sein altes Verhaltensmuster zurückfallen. Insofern ist die Compliance von ultimativer Bedeutung.

Die beiden Trainingsmethoden, die für eine erfolgreiche Erziehung zur Verfügung stehen sind einerseits die Demonstration – mit deren Hilfe dem Hund die Verantwortung genommen wird – und andererseits die Korrektur – mittels derer dem Hund der Entscheidungsspielraums eingeschränkt wird.

Und nun sollte doch eigentlich die Schlussfolgerung nicht allzu schwerfallen, zu erkennen, dass die empfohlene Kontaktvermeidung zu fremden Hunden im Anschluss an eine erfolgreiche Entbindung von der Verantwortung eine logische Folge ist. Denn die Erziehung durch Entbindung von der Verantwortung führt quasi dazu, dass der Hund keinerlei Anlass oder Grund mehr sieht, überhaupt noch Kontakt zu einem Fremden aufzunehmen. Ein erzogener Hund, dem die Verantwortung genommen wurde, neigt dazu – außer während der Läufigkeit – ein sichtliches Desinteresse an Fremden zu demonstrieren.

Die Gefahr eines Rückfalls in alte Verhaltensmuster ist jedoch enorm, sowie die Halter ihrem Hund doch wieder den Kontakt zu Fremden „ermöglichen“, ungewollt oder absichtlich. Denn der Hund kann nur schwer unterscheiden, ob diese Kontaktaufnahme „aus Versehen“ und ohne Willen von Herrchen oder Frauchen geschieht, oder ob dahinter wieder der Auftrag zum Aufpassen steht.

Somit ist es durchaus eine hilfreiche Situation für eine Nachhaltigkeit des Erziehungserfolges, wenn die Hundehalter gegenüber Fremden laut und konsequent mit der Aufforderung, ihre Hunde bitte zurückzuhalten, ihrem eigenen Hund demonstrieren, dass sie gewillt und in der Lage sind, für ihre beider Sicherheit zu sorgen.  

95. Kann man einen verhaltensauffälligen Hund im Rahmen eines „social walks“ wirklich erziehen?

Oder ein weiterer zum Scheitern verurteilter Versuch der Konditionierung?

Eine Kundin machte mich auf eine Methode einer angeblichen Hundeerziehung aufmerksam, die viele Hundeschulen anböten und bat mich um meine Expertise. Sie hatte mich zuvor kontaktiert, um ihren „Leinenrabauken“ von seinen „Macken“ zu befreien. Denn mit ihrem Hund sei ein entspanntes Gassigehen mittlerweile unmöglich geworden und jede Begegnung mit seinesgleichen gipfele in eine Art Überlebenskampf. Und deshalb fragte sie mich, ob ich denn auch solcherart Trainingsmethoden wie den „social walk“ befürworte oder gar selbst anböte.

Aber bevor ich meine Meinung dazu kundtat, reizte es mich wieder mal, mich über diese vollkommen unnötigen Anglizismen, oder besser gesagt Scheinanglizismen, zu echauffieren, denn die Mehrheit der deutschen Muttersprachler sind nachweislich der englischen Sprache eher schlecht als recht mächtig. Was übrigens der Sprachwissenschaftler Dr. Rudolf-Josef Fischer in einer repräsentativen Umfrage beeindruckend bestätigt hat. Es gaben zwar viele der Befragten an, englisch zu sprechen, aber als er dies durch einen Test überprüfte, war die Ernüchterung groß.

Und da stellt sich mir immer die Frage: Warum bewirbt man als deutschsprachige Hundeschule seine Dienstleistung, die man offensichtlich ausschließlich im deutschsprachigen Raum feilbietet und sich mit ihr sicherlich vorwiegend an eine deutschsprachige Kundschaft wendet, in englischer Sprache? Zumal die Botschaft, die man mit einem solch kurzen und markanten Motto aussenden möchte, möglichst nicht missverstanden werden darf, wenn ihre Wirkung das Ziel nicht verfehlen soll. Denn diese Gefahr besteht im hiesigen Kontext durchaus. Wenn man nämlich mit seinem Hund von einer Hundeschule zu einem „social walk“ eingeladen wird, könnte der Sprachkundige annehmen, es handle sich um einen „geselligen Spaziergang“. Schaut man sich allerdings die Beschreibungen dessen an, was den Hundefreund erwartet und zu welchem Zweck das gemeinsame Schlendern mit Hund und Gleichgesinnten stattfinden soll, wird man eines Besseren belehrt. Allerdings hätte man dann eher solch ein Vokabular wie „socialize“ oder socialized“ in der Ankündigung erwarten können.

Oder verbirgt sich dahinter doch eher die Absicht, kritische Fragen hinsichtlich der fachlichen Sinnhaftigkeit solchen Tuns zu umgehen und dem Ganzen schon mal die Aura eines Axioms zu verleihen, also als etwas erscheinen zu lassen, was beweislos als fachlich richtig gilt? Nach dem Motto: Wenn du kritische Fragen umgehen möchtest, verpasse dem, was du machst, einfach ein kerniges und nach Kompetenz klingendes Synonym, so dass der Laie ob einer solch suggerierten fachlichen Fundiertheit deines Tuns ehrfurchtsvoll in Vertrauensseligkeit verfällt, statt kritisch zu hinterfragen, ob das alles überhaupt Sinn macht.  

Aber sei’s wie es sei, kommen wir lieber zur fachlichen Analyse.

Wenn man in einer Suchmaschine die drei Begrifflichkeiten social walk und Hunde hintereinander eintippt, erzielt man bis zu 3.110.000 Treffer!! Und wenn man sich die Quellen anschaut, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jede Hundeschule oder jeder Hundetrainer, die etwas auf sich halten, ein solches Wunderwerk des Hundetrainings anzubieten scheinen.

Was verbirgt sich nun aber dahinter, ich zitiere:

Ziel der Social Walks ist, das Sozialverhalten des Hundes zu verbessern und zu stabilisieren, sowie Aufregung bei Begegnungen mit fremden Hunden und Menschen zu minimieren.”

Oder an anderer Stelle (Ich habe mir allerdings erlaubt, die grammatikalischen Fehler zu korrigieren):

Unser gemeinsames Ziel! Stressfreie Spaziergänge, ohne dass dein Hund ausflippt, wenn ein anderer Hund sichtbar ist. Wir üben dies mit anderen Leidensgenossen.

Ich denke, es ist somit unstrittig, dass es sich bei der angebotenen Dienstleistung um eine beabsichtigte Erziehung des Hundes und nicht um seine Ausbildung handeln soll, denn die Intension besteht erklärtermaßen in der Einflussnahme auf das Sozialverhalten. Und damit kann es sich nur um eine Erziehung handeln und nicht um eine Ausbildung, bei der in erster Linie Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Sitz, Platz oder Purzelbäume geübt werden.

Allerdings widerspricht dem ein Passus, der da lautet:

„Da Übung den Meister macht, kann ich leider nicht voraussehen, wie viele Trainingseinheiten wir brauchen.“

Abgesehen vom dicken Zaunpfahl, mit dem hier gewunken wird, der zahlende Kunde möge sich schon mal darauf einstellen, mehrmals mit seinem Delinquenten erscheinen zu müssen, ist dies eher ein Indiz dafür, dass das vorgegebene Erziehungsziel mit den jedoch ungeeigneten Methoden der Ausbildung erreicht werden soll. Denn wenn von Übung und Wiederholung die Rede ist, liegt eine solche Vermutung sehr nahe, da eine Erziehung im Sinne der Sozialisierung in der Regel (bei guter Compliance der Hundehalter) selten eine Wiederholung benötigt.

Aber warum ist meine Skepsis bezüglich einer möglichen Sozialisierung eines nicht erzogenen Hundes während eines gemeinsamen Hundespaziergangs groß? Die Erklärung ergibt sich aus der Beantwortung dreier Fragen:

1. Worin ist das soziale Verhalten eines Hundes – im hiesigen Kontext ist sein agonistisches Verhalten gemeint – gegenüber seinen Artgenossen oder ihm fremder Personen begründet, auf das im Rahmen der Erziehung Einfluss genommen werden soll?

2. Worin muss demzufolge das Ziel einer Erziehung bestehen, um nachhaltig das daraus resultierende soziale Verhalten zu verändern und

3. welches Mittel steht für eine solche Erziehung zur Verfügung?

Zu 1.: Das agonistische Verhalten eines Hundes, das sich in Aggressionen oder sonstigen störenden Verhaltensweisen bei Begegnungen mit seinesgleichen oder fremden Menschen offenbart, ist ausschließlich in der ihm überlassenen oder übertragenen Verantwortung begründet (eine Ausnahme können pathologisch begründete Fälle bilden). Er fühlt sich quasi zuständig nicht nur für seine eigene Sicherheit, sondern ebenso für die seiner ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen. Daraus resultiert, dass er in Fremden zunächst einmal grundsätzlich Rivalen, Konkurrenten oder potentielle Gefahren vermutet, deren Absichten es abzuklären und sie gegebenenfalls zu verjagen gilt.

Zu 2.: Will man im Rahmen einer Erziehung den Hund nachhaltig von diesem Verhalten „befreien“, muss man ihm den Grund für sein unerwünschtes soziales Verhalten nehmen. Das heißt, man muss ihn von seiner Verantwortung „befreien“.

Zu 3.: Das Mittel, das dafür zur Verfügung steht, bietet nur die Erziehung, jedoch nicht die Ausbildung, die lediglich Fähigkeiten und Fertigkeiten trainiert. Nur die Erziehung verfügt über das Mittel, dem Hund diese Verantwortung zu nehmen. Und dieses Mittel ist die Demonstration und ggf. die Korrektur. Das heißt, die Bezugsperson muss dem Hund deutlich machen, dass ab sofort sie statt seiner für Sicherheit sorgt und es nicht mehr erwünscht ist, dass er dieser Verantwortung nachkommt.

Jedoch all das, was ich über die Abläufe bei den „sacial walks“ in Erfahrung bringen konnte und mir von Kunden berichtet wurde, hat in keiner Weise etwas mit dem von mir genannten Mittel der Erziehung zu tun. Im Gegenteil, es handelt sich ausschließlich um solche der Konditionierung, offensichtlich mit dem Ziel der Gewöhnung. Die Hunde sollen quasi durch Erfahrung lernen, dass von den an diesem Spaziergang teilnehmenden Rivalen keine Gefahr auszugehen scheint. Unterstützt wird dies einerseits durch Ablenkung (meistens durch Belohnungen) und andererseits durch Vermeidung von Konfliktsituation bspw. durch Unterbindung einer direkten Kontaktaufnahme der Hunde untereinander und nicht – wie es eigentlich im Rahmen einer Erziehung notwendig wäre – durch eine demonstrative Lösung der Konfliktsituation. Ich bezweifle deshalb, dass den Trainerinnen der wahrhaftige und von mir oben genannte Grund des agonistischen Verhaltens tatsächlich bewusst ist. Denn dann müsste ihnen auch bewusst sein, dass es unmöglich ist, mittels der Konditionierung oder Gewöhnung einem Hund den Grund für sein Verhalten zu nehmen.

Abgesehen davon, dass es in Fällen, bei denen das in der ihnen überlassenen Verantwortung begründete agonistische Verhalten besonders stark ausgeprägt ist und es zu erheblichen Aggressionen kommt, ohnehin nicht funktioniert, sie von ihrem unerwünschten Verhalten zu befreien, kann es bei relativ harmlosen Fällen jedoch durchaus zu einem Scheinerfolg kommen. Daraus ergibt sich allerdings auch eine Gefahr. Denn bei einer ausreichend langen aneinander Gewöhnung der Hunde – woraus sich übrigens auch die relativ lange Dauer einer solchen Scheinerziehung ergibt – lernen die Hunde lediglich, dass von diesen konkreten Spezies ihrer Gattung und der sie begleitenden Personen momentan keine Gefahr auszugehen scheint. Das betrifft dann aber noch lange nicht alle anderen Hunde oder Menschen, denen sie später irgendwann einmal begegnen werden. Und selbst bezüglich ihrer jetzigen „Sparringspartner“ ist es noch lange nicht gesagt, dass das ihnen momentan entgegengebrachte Vertrauen auch nachhaltig wirkt. Diese Beobachtung hat man schon bei Wölfen machen können, die sogar vertraute Mitglieder ihres eigenen Rudels jedes Mal aufs Neue nach ihrer Rückkehr von einem Jagdausflug einer Kontrolle unterziehen, ob ihre friedlichen Absichten auch aktuell noch gelten.

Kurzum, im besten Falle führt eine solche Methode der Konditionierung lediglich zu einer temporären Gewöhnung der Hunde aneinander, so dass sie nach mehr oder weniger langen Lernphasen glauben, es bestünde keine Gefahr mehr. Aber auf gar keinen Fall ist den Hunden im Ergebnis eines solchen „geselligen Spaziergangs“ die Verantwortung genommen und die sie deshalb latent immer noch besitzen. Sie wandeln von nun an quasi als kleine Zeitbomben durch die Gegend und wiegen Frauchen oder Herrchen in einer Scheinsicherheit.

Soweit meine harmlose Kritik. Etwas schärfer fällt sie allerdings aus, wenn wir uns das Ganze einmal aus Sicht des Hundes anschauen. Für ihn stellt sich die Situation nämlich völlig anders dar – insbesondere anders, als es die Hundetrainerinnen, die solche geselligen Spaziergänge anbieten, scheinen zu sehen. Bei einem Hund, der sich selbst in der Verantwortung sieht, für Sicherheit sorgen zu müssen, ist sein ganzes Streben darauf gerichtet, zunächst die Absichten seiner Konkurrenten abzuklären und gegebenenfalls zu verjagen. Also versucht er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, sie auf Distanz zu halten oder Kontakt zu ihnen aufzunehmen, was der Laie zumindest am Kläffen und Zerren an der Leine erkennen kann. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beginnt seine psychische Belastungsphase, die sehr deutlich an seinem im Urin nachweisbaren ansteigenden Cortisolspiegel erkennbar ist. Solange der Hund jetzt noch das Gefühl hat, Herr der Lage zu sein, bleibt es bei diesem noch relativ harmlosen psychischen Belastungszustand. Allerdings gerät er durch den dann folgenden Aktionismus seiner Bezugsperson, die ihn an der Wahrnehmung seiner Verantwortung hindert (u.a. auf Anweisung der Hundetrainerinnen), in einen zunehmenden Konflikt. Denn er wird nicht nur an der Wahrnehmung seiner Verantwortung gehindert, sondern erfährt u.U. sogar Sanktionen. Das heißt, er wird für etwas, wofür er eigentlich eine anerkennende Geste erwartet – denn er macht nur seinen Job – reglementiert oder sogar bestraft. Dadurch stellt sich die Situation dem Hund zunehmend als unlösbar dar, was der typische Auslöser von Stress ist. In diesen mentalen Zustand gerät ein Säuger, wenn er das Gefühl hat, keinen Einfluss mehr auf die Situation zu haben und sich dieser hilflos ausgeliefert sieht. Die Folgen sind entweder das Ausweichen in ein Meideverhalten, um der unangenehmen Situation aus dem Wege zu gehen – was der Laie als Gewöhnung und der ahnungslose Hundetrainer als Trainingserfolg fehlinterpretiert –, oder die Manifestation seines Aggressionspotentials. In jedem Fall aber ist es eine unbedingt zu vermeidende Entwicklung, denn sie untergräbt nachhaltig das Vertrauensverhältnis zwischen Bezugsperson und Hund.

Ergo empfehle ich dringend, von solch stümperhaften Versuchen, den Hund von seinem unerwünschten Verhalten abzubringen, Abstand zu nehmen und ihn vor allem vor diesem Stress zu bewahren und ihm lieber eine vernünftige Erziehung angedeihen zu lassen. Denn Letztere entbindet ihn sogar von jeglichem Stress, da ihm die Verantwortung genommen wird.

Eine abschließende ironische Bemerkung kann ich mir aber nicht ersparen. In einem Fall beschreibt die Hundetrainerin die Zielstellung ihres „social walks“ mit den Worten: „Wir üben so lange, bis ihr Hund andere Hunde freundlich anschaut“. Hut ab, mir ist es bisher in meiner langjährigen Praxis noch nicht gelungen, mir die Fähigkeiten anzueignen, im Gesicht eines Rottweilers, Schäferhundes oder gar eines Pitbulls ablesen zu können, ob und wann er seinesgleichen freundlich anschaut. Wahrscheinlich fehlen mir die langjährigen Erfahrungen „geselliger Spaziergänge“!

94. Will der Hund wirklich unser Boss sein?

Oder warum ein Wolf sich nicht erziehen lässt.

Wieder einmal bat mich ein Kunde um meine Meinung zur Sinnhaftigkeit verschiedener Beiträge in den Medien, in denen Hundetrainer Erziehungs-Ratschläge für verhaltensauffällige oder aggressive Hunde geben. In diesem Fall ging es darum, was zu tun sei, wenn der Hund der Boss sein wolle und sein daraus resultierendes Verhalten störe.

Ich will mich hier jedoch nicht vordergründig zu den Ratschlägen äußern, die dort als vermeintliche Lösungen feilgeboten werden, sondern die Formulierung aufgreifen „Wenn der Hund unser Boss sein will“ und versuchen, deren irreführende Botschaft zu widerlegen und damit indirekt zumindest einen Teil der Ratschläge ad absurdum führen. In einer solchen Botschaft ist nämlich auch begründet, warum so viele Versuche, einen unerzogenen Hund erziehen zu wollen, scheitern oder sogar scheitern müssen.

Immer mal wieder höre ich, oder werde wie in diesem Fall von Kundinnen darauf hingewiesen, dass vermeintlich kompetente Hundetrainer argumentieren, aggressives Verhalten sei darin begründet, dass der Hund danach strebe, „der Chef sein zu wollen“ und sich deshalb wie ein Leinenrambo aufführe. Im gleichen Kontext stehen solche “Weisheiten” wie „der Hund sei dominant“ oder „er wolle der Rudelführer sein“.

Noch irrwitziger wird es, wenn es heißt, der Hund komme mit einer angeborenen Rudelstellung auf die Welt, und wenn diese zufällig die des Rudelführers sei, der Mensch sie ihm aber streitig mache, käme es zu einem Konflikt und somit zu den Verhaltensauffälligkeiten. Auf diesen Unsinn hier einzugehen, verzichte ich jedoch, denn zu dessen Widerlegung erscheint mir schon die einfache Schulbildung als ausreichend, wenn man im Biologieunterricht wenigstens die Mendelschen Regeln nur ansatzweise verstanden haben sollte.

All diese „Weisheiten“ lassen unkritische Zeitgenossen jedoch vermuten, der domestizierte Haushund sei immer noch ein Rudeltier oder sein Dispositionsgefüge (Veranlagungen, Instinkte und Bedürfnisse) habe immer noch Ähnlichkeit mit dem seines Stammvaters, dem Wolf. Woraus dann nicht nur Laien schließen, sondern leider eben auch vermeintliche Fachleute, dass der domestizierte Haushund noch ähnliche durch Instinkte gelenkte Verhaltensweisen wie die des Wolfes an den Tag lege. Jedes Kind kennt schließlich die vielen Geschichten über ein wölfisches Rudelleben und das darin angeblich ablaufende Gerangel um die Rangordnung. Woraus dann die oben zitierten „Weisheiten“ entspringen.

Abgesehen davon, dass die Bildung einer Rangordnung in einem Rudel bei weitem nicht so „rüpelhaft“ abläuft wie oftmals suggeriert und die Unterwürfigkeit der Rangniederen sich meistens aus einer reinen Freiwilligkeit ergibt, hat ein domestizierter Haushund, so wie wir ihn heute vorwiegend in der westlichen Zivilisation kennen, mit einer solchen nichts mehr am Hut.

Man darf nämlich nicht vergessen, dass die Wege beider Spezies sich vermutlich schon vor über dreißigtausend Jahren getrennt haben und die Evolution seitdem nicht geschlafen hat. Der Hund hat eine beispiellose Erfolgsstory geschrieben, die seinesgleichen sucht. Er hat wie keine andere Spezies derart erfolgreich eine Nische im Überlebenskampf gefunden, die ihn heute zum am besten angepassten Haustier des Menschen gemacht hat und seine zahlenmäßige Verbreitung den Wolf vor Neid erblassen lässt.

Allerdings zu einem hohen Preis, wenn man diesen an den Veränderungen seines Dispositionsgefüges festmacht. Studien belegen, dass ihm beispielsweise die Instinkte zur Bildung der typischen Strukturen eines Rudels, das unter anderem dadurch gekennzeichnet ist, dass die Mitglieder nicht beliebig austauschbar sind und bestimmte Rangordnungen gebildet werden, quasi abhandengekommen sind. Und zwar aus einem einfachen Grund: Er benötigt diese Fähigkeiten nicht mehr, weil er die Vorteile eines Rudellebens für sein Überleben nicht mehr benötigt. Er kann zwar immer noch in Gruppen zusammenleben, so er dazu gezwungen wird, aber einen Vorteil zieht er daraus nicht mehr. Im Gegenteil, andere Hunde stören ihn eher, als dass er deren Nähe sucht (außer während der Läufigkeit zur Weitergabe seiner Gene). Aber ein domestizierter Haushund würde, so er die Wahl hätte, sich immer gegen die Gemeinschaft mit seinesgleichen zugunsten einer monogamen Beziehung zu einem Menschen entscheiden. Denn nur das ist Garant seines Wohlbefindens.

Nun könnte man ja fragen, was soll’s, oder was ist dabei, wenn man unterstellt, der Hund wolle der Boss sein?

Die Antwort lautet: Dann wäre die Erziehung eines Hundes, dessen störendes Verhalten angeblich in seinem Machogebaren begründet ist, quasi unmöglich oder zumindest nur scheinbar!

Denn die Erziehung des Hundes, im Gegensatz zu seiner Ausbildung oder Dressur, muss immer auf eine Beeinflussung der in seinem Dispositionsgefüge begründeten Verhaltensweisen abzielen, denn nur dadurch führt sie zur “Einsicht”, was das wesentliche Merkmal einer Erziehung ist. Der Hund muss quasi anschließend aus ureigenem Interesse sich so verhalten wie er sich verhalten soll. Ansonsten wäre es keine Erziehung, sondern lediglich eine Konditionierung, so wie zuvor erwähnt bei der Ausbildung oder Dressur. Und wenn das Dispositionsgefüge, welches immer der Auslöser des unerwünschten Verhaltens ist, irrtümlicherweise mit dem eines Wolfes verglichen wird – und das wird es, wenn unterstellt wird, der Hund wolle der Boss oder Rudelführer sein –, wird im Rahmen seiner Erziehung versucht, auf etwas Einfluss zu nehmen, was es gar nicht gibt.

(Im Übrigen ist das ständige Streben eines Wolfes nach dem Chefsessel auch eine alte Mär. Die Unterordnung unter die Rudelführerschaft der Elterntiere geschieht höchst freiwillig. Und wenn mit dem Pubertierenden die Gäule anfangen durchzugehen, verlässt er in der Regel das Rudel. Den ständigen Kampf um den Chefposten gibt es nur in Erzählungen selbsternannter Experten.)

Ein Hund hat es quasi im Rahmen seiner Domestikation „verlernt“, der Boss sein zu wollen oder gar der „Rudelführer“, weil das genaue Gegenteil, also seine nahezu bedingungslose Unterordnung unter den Willen des Menschen, ihm seinen Überlebensvorteil garantierte. Hätte er versucht, seiner menschlichen Bezugsperson wenigstens ebenbürtig sein zu wollen, geschweige denn, ihn zu dominieren, hätte der Mensch ihn zum Teufel gejagt. Das entscheidende Wesensmerkmal, welches den domestizierten Haushund deshalb von seinem Urvater unterscheidet, ist seine Unterwerfung unter den Willen und die Interessen seiner menschlichen Bezugsperson. Nur dadurch weiß er seine Grundbedürfnisse, zumindest das nach Stoffwechsel, zuverlässig befriedigt. Allerdings – wie ich gleich noch erläutern werden – verwechseln offensichtlich selbst vermeintliche Fachleute immer wieder das Streben des Hundes, ständig seinen Besitzer beschützen zu wollen, mit seinem angeblichen Streben nach dem Chefsessel.

Ein Wolf hingegen würde sich niemals „aus Überzeugung“, weil er daraus vermeintlich einen Vorteil generieren könnte, dem Menschen unterordnen. Er tut sich sogar schwer damit – selbst wenn er schon längere Zeit in Gegenwart des Menschen lebt – bei Problemlösungen dessen Hilfe einzufordern. Er klärt alle Probleme entweder allein oder mit Unterstützung seines Rudels. Ein Hund hingegen wird dafür immer die Hilfe des Menschen in Anspruch nehmen.

Hinzu kommt, dass die Erziehung – ebenfalls im Gegensatz zur Ausbildung – immer darauf abzielt, dem Hund den Grund für sein unerwünschtes Verhalten zu nehmen. Weil nur dadurch ihre Nachhaltigkeit gewährleistet wird. Das ist auch der Grund, warum man einen Hund niemals mit Hilfe eines Leckerlis erziehen kann. Denn durch ein Leckerli kann man keinen Verhaltensgrund aus der Welt schaffen, sondern lediglich ein temporär wirkendes Ablenkungsmanöver starten.   

Bleibt noch – wie oben erwähnt – die Frage nach dem Grund, warum selbst Hundetrainer glauben, der Hund wolle der Boss sein.

Die Antwort liefert die offensichtliche Unfähigkeit, den tatsächlichen Grund des unerwünschten Verhaltens (Zerren an der Leine, Aggressionen aller Art, Jagen, Verbellen usw.) zu erkennen. All diese störenden Verhaltensweisen sind nämlich weder in seinem Machogebaren begründet, noch in seinem schlechten Charakter oder sonstigen negativen Veranlagungen, sondern lediglich in der ihm überlassenen oder übertragenen Verantwortung, für seine und die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen Sorge zu tragen.

Im Verlaufe seiner Domestikation wurden dem Hund vorwiegend drei Aufgaben übertragen: Entweder er sollte helfen, bei der Jagd Beute zu machen oder die Tiere auf der Weide hüten oder uns und unser Hab und Gut bewachen. Daraus resultiert ein Wesensmerkmal in seinem Dispositionsgefüge, das ihn grundsätzlich dazu motiviert, ständig für seine und unsere Sicherheit sorgen zu wollen. Und das Ganze sogar, ohne dass wir ihm diese Verantwortung ausdrücklich übertragen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, wenn wir ihn von dieser Verantwortung nicht ausdrücklich entbinden, sorgt er von sich aus für Sicherheit. Dazu checkt er ununterbrochen die Umgebung nach Gefahren ab, versucht, jede potentielle Bedrohung auf Distanz zu halten oder greift sie sogar an.

Somit ist die Erziehung eines Hundes – und damit die Beseitigung seines unerwünschten Verhaltens – nichts anderes, als die erwähnte Entbindung von dieser Verantwortung. Dazu ist es notwendig, ihm zu demonstrieren, dass sein Beschützerverhalten nicht nur unerwünscht, sondern ab sofort sogar unnötig ist, denn Herrchen oder Frauchen werden ab sofort und ständig für ihre gemeinsame Sicherheit sorgen. Anschließend wird man feststellen, dass Bello und Co. noch nicht einmal mehr Interesse an ihresgleichen haben, weil sie deren Absichten nicht mehr gezwungen sind zu eruieren, geschweige denn, irgendeine Gefahr verjagen zu müssen. Der Hund wird ab sofort völlig entspannt an des Menschen Seite dahinschlendern im Vertrauen, Frauchen oder Herrchen sind der Boss und haben alles im Griff.

Gleiches würde bei einem Wolf allerdings nicht funktionieren. Er würde sich niemals die Verantwortung für seine eigene Sicherheit nehmen lassen, denn das würde unter Berücksichtigung seiner Lebenserfahrung den sicheren Tod bedeuten. Deshalb ist es auch sehr schwer bis unmöglich, so genannte Wolfshunde erziehen zu wollen, selbst wenn mehrere Generationen zwischen der Kreuzung liegen. Selbst wenn sie sich anschließend scheinbar dem Schutz des Menschen anvertrauen; es wird immer ein latent vorhandenes Restrisiko des Zurückfallens in alte und durch das Dispositionsgefüge begründete Verhaltensmuster bleiben, das auf die eigenverantwortliche Abwehr potentieller Gefahren abzielt.

93. Der Unsinn Antigiftködertraining und was es sonst noch so alles gibt

Oder was sind Redundanzen und Zielkonflikte in der Hundeerziehung?

(Zur besseren Lesbarkeit verzichte ich auf eine Gendersprache)

Die Angebote für Frauchen und Herrchen, ihre unerzogenen Rüpel erziehen zu lassen, sind so vielfältig wie fragwürdig. Sie reichen von Antijagdtrainings, Antigiftködertrainings, Trainings gegen Hund springt Besucher an oder Hund zieht an der Leine, Hund bellt am Zaun oder Hund bleibt nicht allein, Trainings zur Impulskontrolle bis hin zu Angeboten, die sich da nennen Futterspiele, Beutespiele, Schnüffelspiele etc. pp.

Die Frage, die sich nach all solchen Angeboten stellt, lautet: Macht das alles Sinn?

Immer wieder bekomme ich Anfragen von Hundehaltern zur Zweckmäßigkeit solcher Angebote, die ihnen von Hundeschulen oder Hundetrainern unterbreitet werden oder von denen sie gelesen haben.

Ich könnte es mir einfach machen und auf solche Fragen pauschal mit einem „Nein“ antworten. Aber einerseits würde ich es mir damit zu einfach machen und mir sogar eine berechtigte Kritik einhandeln, wenn ich etwas pauschal kritisiere oder ablehne, ohne es zu begründen. Andererseits – und das ist viel bedeutsamer – verbergen sich hinter den genannten Trainings zumindest in einigen Fällen absurde Zielkonflikte oder sogar die Gefahren einer Konsolidierung des eigentlich unerwünschten Verhaltens des Hundes. Will heißen, sie provozieren das genaue Gegenteil von dem, was vorgeblich erreicht werden soll.

Ein Teil dieser genannten Trainings – insbesondere die erstgenannten –, wenn sie als Einzelmaßnahmen angeboten werden, sind redundant und damit schlicht und ergreifend überflüssig, denn sie machen als solche einfach keinen Sinn. Will meinen, da die Ursache für die unterstellten unerwünschten Verhaltensweisen – deren Beseitigung das Ziel solcher Trainings sein sollte – für alle identisch ist und deshalb mit einem einzigen Training aus der Welt geschafft werden kann, ist hier die Absicherung durch Redundanz unnötig.

Redundanz macht in der Hundeerziehung im Gegensatz zur Ausbildung ohnehin keinen Sinn. Mir fallen in dem Zusammenhang immer die Beschreibungen zur Rolle der Redundanz als unverzichtbares Element zur Gewährleistung der Sicherheit von Hochrisikosystemen ein wie beispielsweise in der Luftfahrt. Um ein Flugzeug und seinen Betrieb sicher zu machen und im Falle von unvermeidbaren Ausfällen die möglichen Folgen zumindest zu minimieren, werden alle für die zuverlässige Funktion zuständigen Systeme und Prozesse immer mindestens einmal oder sogar mehrmals redundant installiert oder ausgeführt. Das heißt, bei Ausfall eines Systems steht immer noch mindestens ein zweites und gleiches System für den sicheren Betrieb zur Verfügung, obwohl es für den Normalbetrieb gar nicht notwendig ist. Und der Grad der Redundanz ist abhängig von der Wahrscheinlichkeit eines Systemausfalls und seiner Folgen. Je wahrscheinlicher und je folgenschwerer ein Ausfall ist, desto höher die Redundanz.

Aber ich denke, solche Szenarien sind in der Hundeerziehung eher fehl am Platz, auch wenn, etwas spaßig gemeint, so manche Hunde durchaus als Hochrisikosysteme eingestuft werden könnten. Aber das ist hier nicht gemeint. Deshalb genügt es in unserem Kontext, einen Hund im Rahmen einer einzigen Erziehung zum Zwecke der Beseitigung seiner unerwünschten Verhaltensweisen, die alle in einer einzigen Ursache begründet sind, aus der Welt zu schaffen.

Also macht es schlichtweg wenig oder vielmehr gar keinen Sinn, zur Beseitigung ein und derselben Ursache verschiedene oder mehrere Trainings redundant anzubieten. Außer natürlich – und das könnte eine Begründung sein, warum man es trotzdem macht – man hat diese eine Ursache überhaupt nicht als solche erkannt und doktert stattdessen mittels unterschiedlichster Methoden nur an den unterschiedlichen Symptomen herum.

Zu solchen unerwünschten Verhaltensweisen, die alle nur eine einzige Ursache haben und die in einem einzigen Training beseitigt werden kann, zählen das Zerren an der Leine, das ständige Bellen oder Verbellen, das Jagen, das Nicht-allein-sein-Wollen, aggressives Verhalten in allen Varianten einschließlich Leinenaggressionen bis hin zum unerwünschten Suchen und Verspeisen von Giftködern usw., usw.

Dieser eine Grund für die aufgezählten unerwünschten Verhaltensweisen findet sich in der dem Hund überlassenen Verantwortung verbunden mit einem ihm zugestandenen zu großen Entscheidungsspielraum.

Mit anderen Worten: Der Hund bräuchte nur erzogen werden und schon wäre der Grund für alle genannten Verhaltensweisen verschwunden, denn die Erziehung ist mit seiner Entbindung von der Verantwortung und der Einschränkung seines Entscheidungsspielraums identisch. Und das ist in einem einzigen Training möglich. Im Ergebnis dessen wird er beispielsweise auch sofort das Suchen von Ködern unterlassen und zumindest beim Auffinden vor dem Verspeisen um Erlaubnis ersuchen, denn sein (nicht vorhandener) Entscheidungsspielraum lässt eine andere Verhaltensweise quasi gar nicht mehr zu.

Nun will ich den Anbietern solcher redundanten Trainingsmethoden auf gar keinen Fall Böswilligkeit in Form einer Abzocke der ahnungslosen Hundehalter unterstellen, indem sie ihnen quasi eine ganze Serie von angeblich notwendigen Hundetrainings unterjubeln, obwohl nur ein einziges Erziehungstraining notwendig wäre. Sondern ich vermute eher, dass die Ideen zu solchen separat angebotenen Trainings wieder einmal im Nichtbeachten des Unterschieds zwischen Ausbildung und Erziehung begründet ist. Denn in der Ausbildung ist Redundanz durchaus angebracht. Wenn dem Hund beispielsweise Sitz, Platz & Co. oder irgendwelche Tricks und Kunststücke beigebracht werden sollen, macht es durchaus Sinn, ihm deren zuverlässiges und sicheres Beherrschen auf mehreren und unterschiedlichen Wegen beizubringen.

Aber wir reden hier nicht von der Ausbildung des Hundes, wenn es um die oben genannten unerwünschten Verhaltensweisen geht. Sie sind vielmehr begründet in einer nicht erfolgten Erziehung. Und für eine Erziehung ist in der Regel eine Redundanz unnötig.

Zum anderen aber gibt es bei einigen der genannten Trainings sogar einen Zielkonflikt durch konkurrierende Ziele, wodurch es durchaus zu paradoxen oder absurden Situationen kommt:

So ist es beispielsweise widersinnig, wenn man zunächst mit dem Hund so genannte Beutespiele, Futterspiele oder Schnüffelspiele zelebriert, bei denen man quasi die hündischen Fähigkeiten nicht nur zum Jagen, sondern auch zum Aufklären des Reviers trainiert, und sich anschließend aber darüber „wundert“, wenn er beim Stöbern in Mutters Natur plötzlich Meister Lampe oder den Rehen hinterherjagt oder gar Giftköder mit einem ausgeprägten Enthusiasmus sucht und frisst. Und dann kommt man auf die tolle Idee, dem naiven Hundehalter ein Antijagdtraining oder ein Antigiftködertraining unterzujubeln, bei dem diese Konditionierungen wieder rückgängig gemacht werden sollen. Das ist das Gleiche, als wenn ein Unfallchirurg seiner potentiellen Klientel beibringen würde, angstfrei so oft es geht, von hohen Bäumen zu springen.

Meistens werden solche unerwünschten Konditionierungen sogar ungewollt manifestiert. Nämlich immer dann, wenn Leckerlis als Ablenkung von einem unerwünschten Verhalten ins Spiel kommen. Beispielsweise hat mir eine Kundin berichtet, dass ihr beim Besuch einer Hundeschule ein Training zur Impulskontrolle zum Zwecke der Unterbindung des Jagens geraten wurde, ihren Hund in kritischen Situationen durch eine mit Leckerlis gefüllte Federtasche abzulenken, nach der sie den Hund dann suchen lassen solle. Sie wunderte sich anschließend darüber, dass ihr Liebling von da an um so aktiver das Revier nach Beute erschnüffelte.

Auch deshalb kann ich immer wieder nur von der Anwendung von Leckerlis in der Hundeerziehung abraten. In der Ausbildung bzw. Dressur kann man meinetwegen das Tier mit Leckerlis zur Freude der Leckerliindustrie und des Tierarztes vollstopfen; aber in der Erziehung haben sie nichts verloren.

Nun will ich den Hundehaltern auf gar keinen Fall ausreden wollen, mit ihren Lieblingen irgendwelche Aktivitäten wie Futter-, Beute- oder Schnüffelspiele etc. zu spielen. Wenn ihre Hunde erzogen und sie keine kleinen Leinenrambos sind, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil, jede Beschäftigung tut ihren Lieblingen gut. Aber wir reden hier von der Erziehung von verhaltensauffälligen Hunden, zu denen in erster Linie auch die gerade erwähnten Leinenrambos zählen. Wenn Sie beispielsweise das Zerren Ihres Lieblings an der Leine stört, sollten Sie bedenken, dass sein Zerren darin begründet ist, entweder potentielle Beute erschnüffeln zu wollen (typisch für alle zur Jagd gezüchteten Spezies) oder das Revier vor Ihnen nach potentiellen Gefahren aufklären zu wollen, weil er sich für Ihre gemeinsame Sicherheit verantwortlich fühlt. Dann wäre es doch absolut kontraproduktiv, genau diese Fähigkeiten noch mit Hilfe von Schnüffel- oder Suchspielen konsolidieren zu wollen. Wenn Sie mit Ihrem Liebling also solche Spiele spielen wollen, sollten Sie ihn zuvor erziehen und ihm sowohl den Entscheidungsspielraum einschränken als auch die Verantwortung für Ihre beider Sicherheit nehmen. Anschließend, wenn seine Erziehung erfolgreich war, können Sie mit ihm Spielchen spielen soviel Sie wollen.

92. Corona-Pandemie und ihre vermeintlichen Vorteile

oder

Ist jetzt die Zeit zum Scherzen?

Momentan an die Erziehung oder Therapie aggressiver oder verhaltensauffälliger Hunde, die an der Leine zerren, jagen oder alles und jeden verbellen, zu denken, kann auch nur einem Hundetrainer oder Hundetherapeuten einfallen, wird so mancher denken. Ich gebe zu, wenn die Hundeerziehung nicht meine Profession wäre, hätte ich sicherlich ähnliche Gedanken. Aber mich erreichen gerade jetzt Anrufe von HundehalterInnen, in denen sie von ihren unerzogenen Hunden berichten und um Hilfe bitten.

Aber in der jetzigen Zeit geht es mir wie vielen Hundeschulen und HundetrainerInnen, denen das Ausüben ihres Gewerbes weitestgehend untersagt wurde. So gerne ich auch helfen würde; in dieser Zeit kann ich dies, außer in begründeten Fällen, wenn Gefahr für die Gesundheit für Mensch und Tier zu befürchten ist, nur fernmündlich.

Aber trotz Pandemie und schrecklich anzuhörender Nachrichten ist es der menschlichen Natur eigen, selbst in vermeintlich aussichtsloser Lage noch Mut zu fassen und mit etwas Galgenhumor seine Lage zumindest mental etwas aufzupäppeln. Deshalb will auch ich hier einen kleinen Beitrag des Trostes und Mutmachens leisten.

Denn mit ein wenig Phantasie kann man auch als Hundehalter(in) der momentanen Situation, in der eine nahezu vollständige soziale Isolation angesagt ist, sogar noch etwas Positives abgewinnen:

Nämlich den Vorteil des Kontaktvermeidens unserer Hunde in Zeiten der Kontaktsperre.

Diejenigen, die meine Homepage wordpress.hundetrainer-bartz.de/ kennen, wissen, dass ich in der Rubrik FACHARTIKEL in lockerer Abfolge seit vielen Jahren Fachbeiträge veröffentliche zum Thema Hundeerziehung. Und in der Rubrik FACHBÜCHER findet jede(r) an der Hundeerziehung Interessierte(r) zwei meiner Bücher zu selbigem Thema. In ihnen gehe ich nicht nur darauf ein, wie ein Hund effizient erzogen werden kann, sondern auch darauf, warum so viele Versuche, einen Hund zu erziehen, oftmals scheitern oder sogar scheitern müssen. Und eine der wichtigsten Ursachen für das Scheitern findet sich im Anthropomorphisieren, wozu der Mensch von Natur aus neigt.

Von Anthropomorphismus spricht man in der Human-Psychologie, wenn man menschliche Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen überträgt, also auf Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo Tiere vermenschlicht dargestellt werden, wie beispielsweise die vier Bremer Stadtmusikanten. Und nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren. Denn der Mensch ist nämlich nur in der Lage, etwas in Bezug auf sich selbst zu beschreiben bzw. zu erkennen. Jede menschliche Wahrnehmung ist komplett subjektiv und schon gar nicht in der Lage, ein reales Abbild der Wirklichkeit zu produzieren. Das Ergebnis ist stets nur ein kognitives Konstrukt der eigenen Sinnesreize und deren neuronaler Interpretation.

In der Beziehung zum Hund heißt das, dass Frauchen oder Herrchen offensichtlich überhaupt nur durch das Anthropomorphisieren mit ihm erfolgreich interagieren und ein einigermaßen passendes Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne das Vermenschlichen wären sie dazu gar nicht in der Lage.

Das Ganze hat jedoch dann einen merklichen Nachteil, wenn durch das Anthropomorphisieren dem Hund eigene menschliche Bedürfnisse angedichtet werden, die er aber gar nicht hat. Und wenn Frauchen oder Herrchen dann versuchen, ihren Lieblingen die Möglichkeit zu verschaffen, diese vermeintlichen Bedürfnisse auszuleben, bringen sie sie in ernst zu nehmende Konflikte. Dazu zählt insbesondere das angebliche Bedürfnis nach möglichst vielen sozialen Kontakten und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Kommunikation.

Dass dem Menschen diese Bedürfnisse eigen sind, hat seine Ursache in dem evolutionsbiologischen Vorteil, den er im Überlebenskampf aus den vielen und ständig erweiterten sozialen Kontakten und der Möglichkeit der Kommunikation gezogen hat. Dem Hund ist Selbiges aber nicht widerfahren. Im Gegenteil, seine evolutionsbiologische Erfolgsstory basiert auf der Domestikation, im Rahmen derer er über 30.000 Jahre im Idealfall jeweils mit nur einer einzigen Bezugsperson in engem Kontakt stand. Und da eine seiner wichtigsten Aufgaben, die ihm dabei übertragen wurden, darin bestand, uns und unser Hab und Gut zu bewachen und zu beschützen, hatte er ohnehin nur einen einzigen Grund, Kontakt zu anderen seiner Spezies aufzunehmen: Nämlich die Absichten der anderen abzuklären, ob von ihnen irgendeine Gefahr für die eigene Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen ausgehen könnte. Es gab nur eine Ausnahme: Während der Läufigkeit, die eigenen Gene weiterzugeben.

Das heißt, eine auf vermeintlichen Bedürfnissen basierende Kontaktaufnahme, so wie sie dem Menschen eigen sind, gibt es beim Hund nicht. Für ihn sind andere Hunde außerhalb der Läufigkeit nichts anderes als Konkurrenten oder Rivalen.

Deshalb sind auch Annahmen, es würde dem Wohlbefinden des Hundes dienlich sein, ihm die Möglichkeit möglichst vieler sozialer Kontakte zu seinesgleichen zu bieten, eine reine Mär und ausschließlich dem Anthropomorphisieren geschuldet.

Insofern sollte jede(r) Hundehalter(in) in Zeiten wie der heurigen, bei denen menschliche soziale Kontakte auf das zwingend Notwendige reduziert werden müssen und so etwas wie gemeinsame Hundewaldspaziergänge oder Treffen auf der Hundewiese untersagt sind, nicht traurig sein oder gar ein schlechtes Gewissen haben, ihren Vierbeinern etwas zwingend Bedürftiges vorzuenthalten, weil sie ihnen keine Kontakte zu ihresgleichen ermöglichen.

Sehen Sie es vielmehr positiv; denn damit ersparen Sie Ihren Schützlingen unter Umständen sogar sehr viel Stress. Denn Hunde mögen keine anderen Hunde, wenn sie selbst noch nicht erzogen wurden. Will heißen, wenn sie im Rahmen ihrer Erziehung noch nicht von ihrer Verantwortung entbunden wurden, für die eigene Sicherheit und die ihrer Bezugsperson sorgen zu müssen. Dann sind andere Hunde für sie nämlich sogar so etwas wie Todfeinde, die es zu verjagen gilt. Jedes Zusammentreffen mit anderen wird dann zumindest zu einer psychischen Belastung. Ob es sogar Stress auslöst, hängt von der mentalen Stärke des jeweiligen Hundes ab, ob er sich noch in der Lage fühlt, Einfluss auf das weitere Geschehen zu haben. Auf jeden Fall haben solche Zusammentreffen wenig mit Spaß und Freude zu tun.

Und sollten die Hunde erzogen, ihnen also die Verantwortung genommen worden sein, haben sie ohnehin kein Interesse mehr an der Begegnung mit anderen Hunden. Denn dann brauchen sie sie noch nicht einmal zwecks Aufklärung ihrer Absichten kontaktieren. Jede(r) Hundehalter(in) wird dann sogar feststellen, dass ihre Schützlinge keinerlei Interesse mehr an ihresgleichen haben und sie sogar regelrecht ignorieren.

Mit anderen Worten: Corona hat offensichtlich doch etwas vermeintlich positives, zumindest für unsere ansonsten gestressten Vierbeiner. Denn die Kontaktsperre erspart ihnen die ohnehin nicht sehr beliebten Hundetreffen.

Und wenn ich im Moment auch nicht zu Ihnen kommen kann, um Ihnen bei der Erziehung Ihrer „Leinenrambos“ oder sonstigen „Aggressoren“ behilflich zu sein, dann hilft Ihnen vielleicht zunächst die Lektüre eines meiner Bücher weiter, bis ich wieder durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren darf. Ich wünsche Ihnen dabei ein wenig Freude und Ihnen und Ihren Lieben, dass Sie gesund bleiben.

Ihr Hundetrainer Sascha Bartz

91. Warum nehmen Hunde-Beißattacken zu?

Oder Liegt das vielleicht an den „modernen“ Erziehungsmethoden?

Laut des Onlinedienstes nordbayern.de habe die Zahl der vom Bayerischen Innenministerium erfassten Hunde-Angriffe deutlich zugenommen. Demnach seien vor neun Jahren 447 Menschen gebissen worden und 23 weitere das Opfer einer Kampfhund-Attacke geworden. 2018 wären es 659 Angriffe von Hunden gängiger Rassen und 45 durch so genannte Kampfhunde gewesen.

Abgesehen davon, dass aus diesen Zahlen hervorgeht, dass die so genannten Kampfhunde bzw. Listenhunde offensichtlich gar nicht das eigentliche Problem zu sein scheinen, wie immer wieder geunkt wurde, ergeben sich daraus u.a. zwei interessante Fragen: Zum einen die nach dem Warum für die steigenden Zahlen, die nicht nur in Bayern oder NRW zu verzeichnen sind und zum anderen, ob zu erwarten ist, dass die Beißattacken auch weiterhin zunehmen werden?

Die letzte Frage ist relativ schnell beantwortet: Ja, da die Ursachen nicht beseitigt werden, wie meine Antwort auf die erste Frage zeigen wird.

Auch wenn es eine einfache Antwort auf die erste Frage nicht geben kann, denn das Problem ist komplex, und ein solches ist schon laut Definition durch eine Vielzahl an Einflussgrößen, deren Vernetztheit untereinander und ihre Intransparenz, Eigendynamik und Polytelie (unterschiedliche Zielstellungen, die mit ihren Veränderungen beabsichtigt werden) gekennzeichnet, lässt meine Antwort trotzdem den Schluss zu, dass in Zukunft die Beißattacken – oder generell die Übergriffe von Hunden auf Menschen und Tiere – zunehmen werden.

Dass es ein komplexes Problem ist, wird schon an den Erklärungsversuchen deutlich. Beispielsweise wird seitens mancher Fachleute als Begründung gerne angeführt, dass sich allein schon aus der stetigen Zunahme der Anzahl von Hunden rein rechnerisch eine Zunahme an Beißattacken ergebe; was statistisch betrachtet nicht ganz falsch ist aber als nennenswerter Grund nicht wirklich taugt. Ebenso die Erklärungsversuche durch die Vorsitzende des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) in Bayern, wonach immer mehr Hunde aus Osteuropa mit einer fragwürdigen Welpen-Prägungsphase in unser Land kämen oder immer mehr Menschen sich einen Hund kaufen würden, die gar keine Zeit für das Tier hätten. Und auch ihr Ruf nach einem verpflichtenden Hundeführerschein ist nicht falsch, geht aber meiner Erfahrung nach ebenfalls am eigentlichen Problem vorbei.

Und dieses Kernproblem offenbart sich in einem ihrer weiteren Erklärungsversuche, wenn sie sagt, Hunde bräuchten neben ausreichender Betreuung und viel Auslauf aber vor allem auch Erziehung und müssten auf die Kommandos “Sitz”, “Platz” und “Fuß” hören. Denn hierin offenbart sich das eigentliche Dilemma:

Zwar nennt sie richtigerweise die fehlende Erziehung der Hunde als einen Grund aber fehlinterpretiert nicht nur ihre zentrale Bedeutung durch das Wörtchen „auch“, sondern definiert sie obendrein auch noch völlig falsch.

Die fehlende Erziehung nur als eines von vielen Ursachen zu beschreiben, selbst wenn sie es mit der Floskel „vor allem“ einleitet, ist schon sehr fragwürdig, denn ich wage zu behaupten, dass fast alle Beißattacken in der ausgebliebenen Erziehung dieser Hunde begründet ist. Deshalb hätte dieser Grund als allererstes und wichtigstes genannt werden müssen. Denn das Beißen zählt zum natürlichen agonistischen Verhaltensrepertoire fast aller Hunderassen, welches sie auch nutzen, so ihnen zuvor der dafür notwendige Entscheidungsspielraum im Rahmen einer Erziehung nicht genommen oder eingeschränkt wurde. Und wenn ein Hund sein agonistisches Verhaltensrepertoire nutzen darf, ist ihm dieser Entscheidungsspielraum definitiv nicht eingeschränkt worden. Mit anderen Worten: Der Hund wurde schlicht und ergreifend nicht erzogen, denn die Einschränkung des Entscheidungsspielraumes ist neben seiner Entbindung von der Verantwortung das zweite Element seiner Erziehung.

Und zum anderen bestätigt sie mit ihrer Aussage wieder die von mir immer und immer wieder kritisierte Wissenslücke zum Unterschied zwischen Erziehung und Konditionierung. Denn wenn sie das Befolgen von Kommandos wie „Sitz“, „Platz“ & Co. in einem Kontext mit der Erziehung nennt, liegt der Verdacht nahe, dass auch sie diesen Unterschied nicht wirklich realisiert. Sitz, Platz & Co. haben mit der Erziehung des Hundes nämlich nichts zu tun, sondern sind ausschließlich das Ergebnis hündischer Konditionierungen. Und dass mittels einer Konditionierung kein Hund erzogen werden kann, habe ich bereits nicht nur in meinen beiden Büchern ausgiebig begründet, sondern ebenso in einer Vielzahl von Beiträgen an dieser Stelle.

Den Unterschied zwischen Erziehung und Konditionierung habe ich übrigens ausführlich u.a. im letzten Beitrag Nr. 90 beschrieben und will es deshalb hier nicht wiederholen.

In diesem quasi Nichterkennen des Unterschiedes zwischen Konditionierung und Erziehung sehe ich den Hauptgrund, warum so viele Hunde nicht erzogen sind. Denn dadurch glauben viele, ihren Hund erzogen zu haben oder ihn erziehen lassen zu haben, obwohl das, was mit dem Hund gemacht wurde, nichts anderes war, als ihn auszubilden. Denn Konditionierung und Ausbildung sind quasi identisch. Und ein Hund, der zuverlässig „Sitz“, „Platz“ & Co. beherrscht, oder sich tanzend auf einem Bein zum Clown macht, ist zwar gut ausgebildet (konditioniert), aber noch lange nicht erzogen. Denn nach seiner Konditionierung ist ja der Grund für seine Beißattacken nicht verschwunden, was bei seiner erfolgreichen Erziehung jedoch der Fall wäre.

Der Grund, der mich zu der Annahme veranlasst, die Hunde seien alle nicht erzogen, leitet sich aus der Vielzahl von Berichten enttäuschter HundehalterInnen her, die alle mindestens einen erfolglosen Hundeschulbesuch hinter sich haben, bei denen ihre Hunde entsprechend ihres vorgebrachten Wunsches hätten erzogen werden sollen. Wenn ich mir dann jedoch die Methoden beschreiben lasse, mit denen die Erziehungsversuche seitens der Hundetrainer unternommen wurden, dann kann es sich nur um Konditionierungsversuche gehandelt haben.

Und damit sind wir wahrscheinlich beim eigentlichen Problem, was letzten Endes zu der hohen und weiterhin steigenden Anzahl an Beißattacken führt: Die Hunde werden schlicht und ergreifend gar nicht erzogen. Und das nicht etwa, weil es jemand vielleicht vergisst oder nicht will. So eigenartig es sich anhören mag, der Grund dafür liegt in der fachlichen Unkenntnis vieler Hundetrainer(innen), was eine Erziehung des Hundes eigentlich ausmacht. Die so genannten „modernen Erziehungsmethoden“ führen wahrscheinlich dazu, dass viele Hundetrainer im guten Glauben meinen, den Hund zu erziehen oder erzogen zu haben; tatsächlich ihn jedoch nur konditioniert haben.

Und woran das wiederum liegt, werde ich in einem meiner nächsten Beiträge erläutern. Nur soviel vorab: Es hat im weitesten Sinne etwas damit zu tun, was das Fernsehen heute „im harten Dienst der Volksverblödung Tag um Tag unternimmt“ – wie Eberhard Schwanitz es in seinem Werk „Bildung – alles, was man wissen muss“ nennt.