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Kategorie: Erziehung

39. DIE LECKERLI-FRAKTION

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und

der Irrtum mit der Erziehung

Nach wie vor scheint die Frage, ob ein Hund mittels Leckerlis erzogen werden kann, immer noch ein kontrovers diskutiertes Thema zu sein. Dass dies bei der Ausbildung ein effektives, also erfolgreiches Mittel ist, steht außer Frage. Aber nach Aussagen meiner KundInnen sei dies immer noch und sogar in Hundeschulen eine vertretene Praxis und erklärtes Mittel der Hundeerziehung. Deshalb sei mir an dieser Stelle gestattet, dass ich dazu aus meinen Erfahrungen aus der Resozialisierung von Hunden, noch einmal meine Kenntnisse formuliere. Denn die Resozialisierung ist eine klassische Erziehung und keine Ausbildung.

Um die Unmöglichkeit der Erziehung eines Hundes mittels Leckerlis zu begreifen, ist es zunächst notwendig, den Unterschied zwischen Ausbildung und Erziehung zu verstehen:

Dieser besteht nämlich im unterschiedlichen Umgang mit den handlungsauslösenden Reizen bzw. Motivatoren, die beim Hund eine determinierte Reaktion bewirken:

  • Im Gegensatz zur Erziehung setzt man bei der Ausbildung einen Reiz, um eine gewünschte Reaktion des Hundes zu initiieren. Beispielsweise wird der Hund mittels eines Leckerlis (Reiz) zur Ausführung eines Kommandos in Form eines gewünschten Handelns (Reaktion) motiviert oder nach Ausführung quasi belohnt. Man nennt das Ganze im Falle des Erfolges eine gelungene Konditionierung.
  • Bei der Erziehung ist genau das Gegenteil der Fall. Hier nimmt man ihm einen Reiz, der ihn ansonsten zu einem Verhalten veranlassen würde, welches man aber nicht will. Da bei der Erziehung in der Regel das Ziel verfolgt wird, den Hund von einem unerwünschten agonistischen Verhalten abzubringen, geht es darum, den Reiz, der den Hund zu diesem Verhalten von Natur aus veranlasst, zu beseitigen. Dabei nimmt man ihm quasi den Reiz in Form des Handlungsgrundes durch dessen Beseitigung.

Demzufolge geht es im ersten Fall darum, dem Hund etwas beizubringen, was er von Natur aus noch nicht kann. Wir nennen das Ganze deshalb Ausbildung; vergleichbar mit dem, was ein Kind in der Schule erfährt, im Falle des Erfolges es dann vielleicht den dritten Hauptsatz der Thermodynamik perfekt herbeten kann, weil es dafür eine Eins plus oder sonstiges „Leckerli“ bekommt. Den Reiz, der die Motivation darstellt, nennen wir in diesem Falle „extrinsisch“. Er kommt also von außen.

Im Gegensatz dazu geht es aber im zweiten Fall, also bei der Erziehung, darum, den Hund von einem Verhalten abzubringen, welches er von Natur aus an den Tag legen würde, aber nicht soll. Im Erfolgsfall wäre der Hund dann gut erzogen und legt beispielsweise ein sozial verträgliches Verhalten an den Tag. Wieder vergleichbar mit dem Kind, welches sich anständig verhält und nicht bei jeder unpassenden Gelegenheit seine Mitschüler verprügelt, weil man ihm beigebracht hat, dass es dafür keinen Grund gibt. Den Reiz, der die Motivation zum Verprügeln der Mitschüler darstellen würde und im Rahmen der Erziehung beseitigt werden müsste, nennt man „intrinsisch“. Er kommt also von „Innen“ und wäre sozusagen natürlich vorhanden.

Daraus wird übrigens auch deutlich, dass ein sehr gut ausgebildeter Hund, der alle möglichen Hundeschulsequenzen erfolgreich durchlaufen hat, noch lange nicht gut erzogen sein muss. Selbst wenn er auf Befehl auf Zehenspitzen tanzen könnte, kann er trotzdem noch eine aggressive Bestie sein, der Kindern das Gesicht zerfleischt.

Somit liegt doch zumindest schon die Vermutung nahe, dass auch die Mittel und Methoden zur jeweiligen Zielerreichung zumindest unterschiedlich sein könnten.

Und so ist es tatsächlich. Sollte also jemand den Versuch unternehmen, ausgestattet mit einem „Patronengürtel“ voller Leckerli, mit seinem Inhalt einen Hund in dessen Verhalten beeinflussen zu wollen, wäre er gut beraten, sich bewusst zu sein, dass er auf keinen Fall im Sinn haben sollte, einen Hund erziehen zu wollen. Sein Ansinnen sollte vielmehr die Konditionierung des Hundes sein. Und das kann wiederum nur bedeuten, dass er ihn ausbilden will.

Erstaunlicherweise ist die Fraktion der Leckerli-Anbeter in der Szene, die trotzdem vorgeben, einen Hund mittels Leckerli erziehen zu können, offensichtlich immer noch relativ stark. Und sie würden sicherlich nicht im Brustton der Überzeugung von der Richtigkeit ihres Handelns sprechen, wenn sie nicht glaubten, genügend Beweise in der Hinterhand zu haben. Woraus sich die Frage herleitet: Aus welchem Topf der Erkenntnis füllt sich ihr Füllhorn der guten Nachrichten über ihre Erfolge?

Die Antwort findet sich in deren Eigenschaft. Sie sind nämlich nur scheinbare Erfolge.

Warum?

Es ist unstrittig, dass mittels des Reichens eines Leckerlis das Verhalten eines Hundes beeinflusst werden kann. Aber nehmen wir einmal an, dass Bello von Frauchen die Verantwortung übertragen bekommen hätte, für beider Sicherheit zu sorgen. Und nehmen wir weiterhin an, dass dies durch Frauchen unbewusst geschehen sei, indem sie Bello in einigen Schlüsselszenen durch ihr Verhalten gezeigt habe, dass sie entweder nicht willens oder nicht in der Lage sei, für beider Sicherheit zu sorgen. Jedenfalls interpretiert Bello ihr Verhalten so. Die Folge wäre, dass Bello diese Aufgabe intrinsisch motiviert auch sofort enthusiastisch übernimmt  und seiner Verantwortung gerecht wird, indem er nun jeden feindlichen Artgenossen, der in seine Toleranzgrenze droht einzudringen, bekämpfen will. Dazu hat ihm die Natur alle Möglichkeiten eines agonistischen Verhaltens mit in die Wiege gelegt, und auch den Willen dazu. Das heißt, ein agonistisches Verhalten muss man dem Hund nicht beibringen; über ein solches Repertoire verfügt er bereits von Geburt an. Sein Verhalten zur Verteidigung beider ist also eine ihm angeborene Verhaltensbegründung und wäre für einen Hund, mit dem jeder Spaziergang im Park, in dem auch andere Hunde verkehren, für Frauchen zu einer kräftemessenden Tortur an der Leine ausartet, eine logische Erklärung. Summa summarum hätten wir hier also einen typischen Erziehungsfall und keine Ausbildung vor uns.

Da Frauchen ihr falsches Verhalten als Auslöser für Bellos Aggressionen nicht bewusst ist, denn ansonsten würde sie es ja einfach nur ändern, käme sie nun stattdessen vielleicht auf die tolle Idee, immer wenn ein „Feind“ am Horizont auftaucht, ein Leckerli zu zücken und Bello zu überlisten, statt des Feindes doch lieber das Leckerli zu fressen. Und nehmen wir auch einmal an, Bello ließe sich tatsächlich dazu verleiten, dem Leckerli den Vorzug zu geben.

Ist das Ergebnis dann tatsächlich der Erfolg einer Erziehung, also der Beseitigung des intrinsischen Motivs zur Verteidigung von Frauchen bzw. seiner eigenen Unversehrtheit?

Mit Sicherheit nicht!

Denn der scheinbare Erfolg entpuppt sich bei näherer Betrachtung als nichts anderes als das Ergebnis eines erfolgreichen Ablenkungsmanövers. Und er stellt sich auch nur ein, so der Reiz des Leckerlis in Bellos Motivationssystem eine größere Wirkung hinterlässt, als der Reiz, seiner Verantwortung zur Gewährleistung beider Sicherheit gerecht zu werden. Mit anderen Worten, der eine Reiz überlagert den anderen.

Das eigentliche Ziel der Erziehung, nämlich den handlungsauslösenden Reiz zu beseitigen, also den Grund für seine Verteidigungsabsichten, wäre mitnichten erreicht. Der Reiz, Frauchen verteidigen zu wollen, bleibt latent weiterhin vorhanden, unabhängig davon, wie viele Kilogramm Leckerli sie ihn auch zu fressen nötigt. Ein solcher Hund wäre nach wie vor latent eine Gefahr für andere, denn der Grund seines Verteidigungsstrebens wäre ja durch die Leckerli nicht verschwunden. Sowie deren Reiz ihre Wirkung nicht mehr erzielen sollte, bricht sich der natürliche Reiz zum Angriff wieder Bahn.

Die aus meiner Sicht und Erfahrung einzige Möglichkeit, eine solche „Bombe zu entschärfen“ ist die tatsächliche Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Dies geschieht durch ein verändertes Verhalten Frauchens ihm gegenüber, indem sie ihm demonstrativ klar macht, dass sie selbst ab sofort für ihre beider Sicherheit sorgt und es demzufolge für ihn potentiell keinen Feind mehr gibt, den es zu bekämpfen gilt. Der Hund quittiert dies anschließend mit einem absoluten Desinteresse an seinen Artgenossen oder anderen Mitgliedern der Fauna, weil er weiß, dass Frauchen alles im Griff hat.

Dies sollten sich zumindest all diejenigen bewusst machen, die sich bei der Wahl ihres hündischen Lebensabschnittsbegleiters für eine Rasse entschieden haben, denen ein Hüte-, Bewachungs- oder Beschützer-Gen mit in das Genom gezüchtet wurde. Insbesondere in diesen Fällen sollte man davon ausgehen, dass den Hunden im Rahmen ihrer Erziehung ihre intrinsische Motivation zur Verteidigung genommen wird, indem man sie bewusst von dieser Verantwortung entbindet. In allen anderen Fällen geht es dann höchstens darum, sie von ihrer notwendigen intrinsisch motivierten Selbstverteidigung zu entbinden, indem ihnen in Schlüsselsituationen demonstrativ vorgelebt wird, dass sie sich auch darum „keinen Kopf zu machen haben“, weil Frauchen oder Herrchen zuverlässig und stets für ihre Sicherheit sorgen.

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38. FELL- UND HAUTERKRANKUNGEN

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und

ihre Vermeidung durch Stressvermeidung

Als medizinischer Laie sich zur Diagnostik oder sogar zur Therapie von pathologischen Symptomen zu äußern, ist nicht nur in der Humanmedizin leichtfertig, sondern in der Veterinärmedizin nicht minder. Insofern liegt es mir fern, mich auf ein solches „Eis“ zu begeben. Jedoch halte ich es für legitim, Erkenntnisse aus meiner langjährigen Praxis als Hundetrainer kundzutun, die zumindest erwähnens- und diskussionswürdige Schlüsse nahelegen, weil sie auf einer derartigen Fülle an Fällen basieren, die kaum noch mithilfe von möglichen Korrelationen – also zufällig gemeinsam auftretenden Erscheinungen – erklärbar sind, sondern durchaus den Schluss von Kausalitäten – also Ursache und Wirkung – zulassen.

Es handelt sich um die Wahrnehmung von Zusammenhängen zwischen zwei Merkmalen, nämlich einer besonderen Form der psychischen Belastung, dem Stress, und den gleichzeitig auftretenden Krankheitssymptomen wie Haut- und Fellerkrankungen. Und wie so oft werden solche Kausalitäten – übrigens auch in der Wissenschaft – erst durch das zufällig beobachtete gleichzeitige Verschwinden beider Merkmale erkannt. Will meinen, wenn sie gemeinsam präsent sind, registriert man sie eventuell nur als zufällig gemeinsam auftretende Merkmale; erst wenn sie auch gemeinsam verschwunden sind, liegt der Schluss ihrer Kausalität nahe.

Aus einer Vielzahl von Rückmeldungen meiner KundInnen, deren Hunde wir erfolgreich von ihren vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten „befreit“ haben, geht hervor, dass mit der Verhaltensänderung ihrer Hunde in einer relativ kurzen zeitlichen Nähe auch die Symptome ihrer Haut- und Fellerkrankungen einschließlich entsprechender Verhaltensweisen wie Kratzen und Nagen verschwanden.

Nun ist ein solcher Zusammenhang zwischen körperlichen und psychischen Erscheinungen in der Humanmedizin hinlänglich bekannt und bewiesen; in der Veterinärmedizin sind entsprechende Studien allerdings kaum zugänglich. Zwar wird hier und da bei der Beschreibung von Krankheitsbildern und ihren möglichen Ursachen seitens der Veterinäre auch mal der Stress als eine mögliche erwähnt, aber meistens nicht als primäre, sondern als eine von vielen. Aus der interdisziplinären Forschung von Endokrinologie (Lehre von den Hormonen) und Psychologie ist aber längst bekannt, dass es ein Zusammenspiel von Neuronen und Hormonen gibt. Insofern können wir davon ausgehen, dass auch bei einem Hund sich eine psychische Belastung auf seinen Hormonhaushalt auswirkt und dieser wiederum sich auf den Stoffwechsel des Tieres. Und letzterer steht im direkten Zusammenspiel mit den Zellaktivitäten und deren Replikation. Die Endokrinologen sagen sogar, dass nicht nur Hormone das Verhalten beeinflussen, sondern auch anders herum, das Verhalten die Hormone. Das heißt ein Hund, der sich aus welchen Gründen auch immer durch seinen sich ändernden Hormonhaushalt aggressiv verhält, durch sein aggressives Verhalten selbst wiederum seinen Hormonhaushalt beeinflusst. Es kommt also zu einer Spirale der sich gegenseitigen Beeinflussung.

Ich halte es deshalb für nicht sehr unwahrscheinlich, dass sich die psychische Belastung eines Hundes, insbesondere wenn diese in Stress übergegangen ist, in Haut- und Fellproblemen manifestiert.

Das für mich erstaunlichste und bemerkenswerteste an dem hier geschilderten Sachverhalt ist, dass es keinem der HundebesitzerInnen bewusst war, dass ihre Hunde Stress hatten. Wenn ich ihnen gesagt habe, dass ihre Schützlinge typische Stresssymptome zeigen, reagierten sie ungläubig.

Zwei interessante Fragen, die sich daraus ergeben, lauten nun: Was ist Stress und woran erkenne ich ihn bei meinem Hund? Bevor man dann der Frage nachgeht, wie er im konkreten Fall verursacht wurde und wieder beseitigt werden kann.

Ich bin auf das Thema Stress auch in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ eingegangen und habe in dem Zusammenhang Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer aus seinem Buch „Rotkäppchen und der Stress“ zitiert, weil er nach meiner Meinung hier nicht nur eine der treffendsten Definitionen zum Stress formuliert, sondern insbesondere seine Abgrenzung gegenüber der allgemeinen psychischen Belastung auf den Punkt bringt. Letzteres ist deshalb so wichtig, weil vielfach die Bezeichnung „Stress“ für viele Situationen inflationär verwendet wird, obwohl es sich im konkreten Fall oftmals nur um eine gewöhnliche psychische Belastung handelt. Das führt dann nicht selten dazu, dass tatsächlicher Stress, wenn es zwingend notwendig wäre, nicht erkannt wird und dann fatale Folgen hat.

Laut Manfred Spitzer ist der Stress nämlich an eine besondere Rahmenbedingung der psychischen Belastung gekoppelt: Der Protagonist muss nämlich das Gefühl haben, nicht mehr Herr der Lage zu sein oder keinen Einfluss mehr auf den Ausgang des Geschehens zu haben. Als Beispiel bringt er den Fall der beiden Affen, die in einen voreinander getrennten Käfig gesperrt wurden, aus denen sie sich gegenseitig aber beobachten konnten. Affe A wurde nun dahingehend konditioniert, blitzschnell, sowie eine Lampe aufleuchtet, innerhalb eines kurzen Zeitfensters einen Taster zu betätigen, um dadurch zu verhindern, dass beide Affen über ihre Metallkäfige einen zwar nicht schlimmen aber immerhin unangenehmen Stromstoß verabreicht bekommen. War Affe A schnell genug, blieb beiden, also auch Affe B, dieses unangenehme Erlebnis erspart. Wenn nicht, mussten beide die „Strafe“ gemeinsam ertragen. Affe B war allerdings zur Untätigkeit verdammt und konnte das Geschehen nur beobachten, ohne selbst Einfluss nehmen zu können; während Affe A unter einem vermeintlich enormen psychischen Druck stand, ständig auf der Hut zu sein, auf die Lampe zu achten, um sofort reagieren zu können.

Am Ende des Experiments wurden beide Affen auf Stresssymptome untersucht. Und siehe da, die Verblüffung war groß. Nicht wie erwartet wies etwa Affe A, der ständig unter einer hohen psychischen Belastung stand, solche Symptome auf, sondern im Gegenteil, ausschließlich Affe B. Dieser hatte offensichtlich puren Stress, weil er, im Gegensatz zum Affen A, völlig hilflos dem Geschehen ausgeliefert war, also keinerlei Einfluss nehmen konnte auf dessen Ausgang.

Insofern ist es anders herum sehr gut nachvollziehbar, wenn ein Hund, dem eine ihn psychisch hoch belastende Aufgabe übertragen wurde – beispielsweise die Bewachung eines Grundstückes, die seine permanente Aufmerksamkeit und Aktivität erfordert – trotzdem keinerlei Stresssymptome entwickelt. Warum? Er hat es offensichtlich im Griff und auch das Gefühl, Chef am Ort des Geschehens zu sein. Es wäre also ein Irrtum anzunehmen, dass psychische Belastungen grundsätzlich etwas Negatives seien, also Stress. Im Gegenteil, das vegetative Nervensystem ist dazu da, mit Reizen aller Art klarzukommen, entsprechende Reaktionen auszulösen und diese im Sinne des Überlebens seines „Chefs“ zu nutzen. Wichtig ist nur, dass es zwischen dem Sympathikus (Action) und dem Parasympathikus (Erholung) stets zu einem Ausgleich kommt, weil der Organismus nicht ununterbrochen in Action sein kann. Ansonsten kann auch eine permanente psychische Belastung, ohne Stress zu sein, negative Folgen auf den Organismus haben. Aber davon reden wir hier nicht.

Hinzu kommt, dass vielen Hunderassen ein solches aufgabenbezogenes Verhalten, welches potentiell als eine ständige psychische Belastung interpretiert werden könnte wie das Bewachen, Beschützen oder Hüten, ihnen bereits durch ihre Zuchtlinie in die Gene geschrieben wurde und sie bei deren Erfüllung sogar regelrechte Befriedigung erfahren. Von einer negativen Belastung kann hier also keine Rede sein. Und ein solcher Hund, der unter einer hohen psychischen Belastung steht, aber die sie verursachende Situation gefühlsmäßig und tatsächlich unter Kontrolle hat, wird sicherlich auch keine Haut- und Fellprobleme entwickeln; zumindest nicht aus diesem Grund.

Problematisch wird es erst dann, wenn der Hund entweder mit der ihm übertragenen Aufgabe überfordert ist, oder – und das ist meistens der Fall – es einen Konflikt gibt zwischen der ihm übertragenen Aufgabe bzw. Verantwortung einerseits und dem ihm zugestandenen Entscheidungsspielraum andererseits. Eine der so am häufigsten durch Herrchen oder Frauchen verursachten Konflikte, die dann beim Hund zu Stressreaktionen führen, ist die dem Hund unbewusst übertragene Verantwortung entweder für die Sicherheit oder für irgendeine Ressource, der er aber durch den ihm eingeschränkten Entscheidungsspielraum nicht nachkommen oder gerecht werden kann, indem man ihm entweder nicht die Erlaubnis gibt oder nicht die Möglichkeit, für diese Sicherheit auch tatsächlich sorgen zu können.

Was heißt das nun für unsere eingangs geschilderte Beobachtung?

Ich will damit nur die Empfehlung aussprechen, sollte ihr Hund solche Symptome wie Hautirritationen, Fellprobleme oder unnormalen Juckreiz zeigen, dass sie nicht nur ihren vertrauten Tierarzt konsultieren, der nach organischen oder Stoffwechselproblemen, die durchaus auch im falschen Futter zu finden sind, sucht, sondern sich der kritischen Analyse eines erfahrenen Hundetrainers oder Therapeuten stellen, ob ihr Hund vielleicht einem solchen Stress wie beschrieben ausgesetzt ist. Der Großteil meiner Therapiearbeit bezieht sich jedenfalls auf diese Stressanalyse bzw. die sich daraus ergebende Befreiung des Tieres von den ihn auslösenden Konflikten. In der Regel liegt die Lösung im veränderten Verhalten der HundebesitzerInnen, mit dem sie ihrem Schützling demonstrieren, dass er ab sofort keinerlei Verantwortung mehr trägt, weder für seine eigene oder ihre gemeinsame Sicherheit noch für irgendeine Ressource.

Bevor sie also ihren Liebling mit allerlei Salben und Cremes, Spritzen und sonstigen therapeutischen Experimenten traktieren, lassen sie lieber mal sein psychisches Umfeld unter die Lupe nehmen.

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37. HUNDEERZIEHUNG AUS DEM BAUCH

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oder

der Kampf zwischen Intuition und Ratio

„Ich frage mich, was diese ganze Theorie der Hundeerziehung eigentlich soll. Der eine predigt dies und der andere predigt jenes. Und alle meinen, sie hätten Recht. …Ich mach‘ das lieber intuitiv.“

So in etwa lauten hin und wieder mal die Reaktionen von HundebesitzerInnen oder auch LeserInnen meiner Beiträge. Und ich gehe davon aus, sie würden nicht so reagieren, wenn sie nicht zumindest das Gefühl hätten, damit Erfolg zu haben.

In ähnliche Richtung tendieren auch Äußerungen wie: „Ich verhalte mich dem Hund gegenüber instinktiv immer richtig. Da brauch‘ ich keine Theorie!“

In diesen Fällen stellt sich mir immer die Frage nach der Berechtigung solcher Auffassungen ohne sie gleich in Bausch und Bogen abzulehnen. Ich mache zwar keinen Hehl daraus, eher ein Anhänger wissenschaftlicher oder zumindest durch ausreichende Empirie – also durch methodisch-systematische Sammlung von Daten – bewiesener Kenntnisse zu sein. Aber wenn sich jemand wie oben aus Überzeugung äußert, sollte es doch wenigstens Wert sein, seinen oder ihren Argumenten auf den Grund zu gehen. Vorausgesetzt es gibt sie.

Somit stellt sich die Frage: Was sagt die Theorie oder Lehre zu Meinungen dieser Art? Oder gibt es vielleicht sogar Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die die Berechtigung solcher Überzeugungen belegen?

Und siehe da, ein ganzer Wissenschaftszweig befasst sich mit dem Thema „Intuition“ oder allgemeinverständlicher „Bauchgefühl“.

Die Frage lautet also: Macht es mehr Sinn für Herrchen oder Frauchen, einen Hund aus dem Bauchgefühl heraus zu erziehen, oder ist es sinnvoller, ihn nach Methoden, die auf wissenschaftlichen oder empirisch gewonnenen Erkenntnissen basieren, zu einem sozial verträglichen Wesen zu machen?

Die Antwort, die sich aus der Wissenschaft ergibt, wird vielleicht verblüffen: „Sowohl als auch“!

Deshalb zunächst ein kleiner Exkurs in die Erkenntnisse der Psychologie oder Kognitionswissenschaft zum Thema „Intuition“:

Aus der Anzahl der Nervenzellen ergibt sich rein rechnerisch, dass pro Sekunde etwa zehn Millionen Sinneseindrücke auf den Menschen einprasseln. Diese alle bewusst zu verarbeiten, wäre natürlich für unser Gehirn, das nur über sehr eingeschränkte Kapazitäten verfügt, ein Ding der Unmöglichkeit. Gerade mal vierzig davon schafft schätzungsweise unser Arbeitsspeicher. Um aber eine rational begründete Entscheidung zu treffen, wäre jedoch die Verarbeitung von weitaus mehr Informationen notwendig. Die Theorie des sogenannten Homo oeconomicus, dem alle Informationen über seine Handlungsalternativen zur Verfügung stehen und er dann diejenige wählt, die ihm den größten Nutzen bringt, ist ja bekanntlich eine Illusion oder eben nur ein theoretisches Modell. Die vollkommene Information gibt es quasi nicht. Uns fehlen in der Regel sogar die meisten Informationen, um rational richtig zu entscheiden. Abgesehen davon, dass selbst unsere Sinnesorgane nur einen Bruchteil aller möglichen Informationen überhaupt empfangen können, weil sie nur für einen Bruchteil aller möglichen Reize sensibel sind. Und dann reden wir noch gar nicht von der schier unglaublichen Menge an Entscheidungssituationen, vor denen der Mensch und sein Gehirn im alltäglichen Leben stehen.

Mit anderen Worten: Es ist gar nicht möglich, alle Entscheidungen rational zu treffen, weil entweder nicht alle Informationen zur Verfügung stehen oder gar keine Zeit dafür da ist.

Also müssen andere Entscheidungshilfen her. Und dazu zählen Gefühle und Intuitionen. Wie verbreitet das Entscheiden aus dem Bauchgefühl ist, belegen Studien wie z. B. die von Gary Klein, der mit seinem Forscherteam Entscheidungen von Menschen untersucht hat, die unter hohem zeitlichen Druck und einem großen Risiko für Leib und Leben arbeiten. 80 Prozent ihrer Entscheidungen treffen sie demnach intuitiv. Oder die Psychologin Kathy Mosier von der Universität von Kalifornien in San Francisco beobachtete Piloten in schwierigen Situationen im Flugsimulator. „Praktisch keine Zeit wurde damit vergeudet, verschiedene Möglichkeiten zu vergleichen.“

Der Mensch entscheidet und handelt offensichtlich in der überwiegenden Mehrheit der Situationen aus dem Bauch oder nach seinem Gefühl. Das würde er nicht machen, wenn die Evolution ihm nicht Recht gegeben hätte; er also durch dieses Verhalten keinen Überlebensvorteil gehabt hätte. Und wenn wir die eingangs geschilderte Misere zwischen der schier unendlichen Fülle an potentiellen Entscheidungseinflüssen und der sehr begrenzten kognitiven Kapazität und Zeit des Gehirns bedenken, bleibt der Schluss nur übrig, dass es von Vorteil sein muss, überhaupt zu entscheiden und zu handeln als ehrfurchtsvoll zu erstarren.

Allerdings muss es einen Mechanismus geben, der dem Gehirn ermöglicht, die offensichtlich wichtigsten Entscheidungseinflüsse blitzschnell aus der Fülle herauszufiltern. Und diesen Mechanismus gibt es tatsächlich. Er läuft allerdings im Unterbewusstsein ab, auf das das Bewusstsein keinen Einfluss und keinen Einblick hat.

Solche Prozesse werden einem dann besonders bewusst, wenn man in komplexen Entscheidungssituationen eine Entscheidung getroffen hat, über deren Richtigkeit man im Nachhinein selbst erstaunt ist. Und man sich dann fragt: „Wow, wer hat meine Hand denn da geführt?“ Und nicht selten fängt selbst der eingefleischteste Atheist an, in solchen Fällen an Gott zu glauben.

Noch krasser wird die Bedeutung des unbewussten Entscheidens in Gefahrensituationen. Wenn also Gefahr für Leib und Leben im Spiel ist. Dann läuft der Entscheidungsprozess nicht über den zeitaufwändigen oberen Weg über den Cortex, bei dem das Bewusstsein zunächst alle Vor- und Nachteil, Für und Wider gegeneinander abwägt, sondern über den unteren und wesentlich schnelleren, bei der die Amygdala des Limbischen Systems das Kommando übernimmt. Weil jetzt Gefühle im Spiel sind, die die Entscheidung wesentlich mit beeinflussen, geht der Handlungsbefehl unter Ausschluss des Bewusstseins direkt an die ausführenden Organe. Wer kann sich nicht die Situation vorstellen, wenn man abends im Dunkeln durch den Garten geht und beim Wahrnehmen einer Schlange beinahe zu Tode erschrickt und entweder erstarrt oder reflexartig flieht. Erst später sagt der Cortex: „Bleib cool, das war der Gartenschlauch.“ Und der Puls geht wieder runter.

Die Frage ist allerdings, woraus sich die Gefühle oder Intuitionen speisen und auf welcher Grundlage das Unterbewusstsein aus der Fülle der Faktoren die für die Entscheidung offensichtlich wichtigen herausfiltert?

Die Antwort findet sich einerseits im angeborenen, also vererbten, sogenannten Weltwissen und im persönlichen Erfahrungsschatz. Beides sind Entscheidungs- und Wissensquellen, die aus den Erfahrungen unserer Vorfahren gespeist oder im Zuge unseres eigenen Lebens abgespeichert wurden. Und diese Erfahrungen sind in vielen Fällen Ereignisse oder Nuancen von Ereignissen und Zusammenhängen, die uns überhaupt nicht bewusst sind. Die das Gehirn aber vorsorglich abgespeichert hat, um im Bedarfsfall als Entscheidungshilfe in Form eines wiedererkannten Musters zu dienen.

Die Wissenschaft hat für den Wiedererkennungsprozess sogar zwei Regionen im Gehirn ausgemacht, die dafür unter anderem verantwortlich sind: Genannt Corpus Striatum, ein Bestandteil des Großhirns, das Emotionen, Motivation und Denken miteinander verbindet und Anteriorer Cingulärer Cortex, welcher vergangene Erfahrungen mit neuen Eindrücken zusammenfügt. Sie reagieren blitzschnell und sehr zuverlässig, sobald sie ähnliche oder gleiche oder aber auch widersprechende Muster einer Situation erkennen. Beide Regionen sind auch in der Lage, Vorausahnungen zu treffen, sobald sie ähnliche Muster erkennen, die sie in der Vergangenheit registriert und gespeichert haben. Und all das läuft im Unterbewusstsein ab, ohne dass unser Bewusstsein davon etwas mitbekommt.

Aber warum interessiert uns das alles im Zusammenhang mit der Hundeerziehung?

Ganz einfach: Wenn wir meinen, intuitiv besser zu handeln als auf der Grundlage rationaler Entscheidungen, dann stimmt das nur in solchen Situationen, die wir in ähnlicher Weise schon einmal erlebt haben und uns dabei richtig oder vorteilhaft verhalten haben, ohne dass uns dies bewusst ist. Ansonsten ist und bleibt es ein Zufall, wenn sich ein Verhalten als richtig herausstellt, ohne dass das Unterbewusstsein sich in seinen Entscheidungen auf abgespeicherte Erfahrungswerte berufen konnte.

Alle anderen Entscheidungen und Verhaltensweise bleiben das Spielfeld der Rationalität. Wenn das Gehirn sich also auf ausreichende Fakten und ausreichendes bewusst zugängliches Wissen berufen kann und genügend Zeit zur Verfügung steht, hat die Ratio seine gut begründete Berechtigung.

Wenn uns also heute bekannt ist – und das sollte als ausreichend wissenschaftlich und durch Empirie belegtes und damit auch bewusst zugängliches Wissen akzeptiert werden – dass das soziale Verhalten eines Hundes einerseits durch seine Grundbedürfnisse bestimmt wird und andererseits durch die ihm entweder im Zuge der Domestikation oder während der jetzigen Haltung vom Menschen übertragenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten, dann macht es mehr Sinn, bei einem verhaltensauffälligen Hund in diesen beiden Bereichen nach den Ursachen zu suchen, als aus dem Bauchgefühl oder intuitiv zu handeln. Wer beispielsweise einen verhaltensauffälligen Hund mit dem Reichen von Leckerli von seinem Verhalten abhalten will, weil er in anderen Situationen ihm damit erfolgreich das Tanzen auf einem Bein beigebracht hat, handelt zwar intuitiv, aber in diesem Falle falsch. Hier führt eine rational getroffene Entscheidung, basierend auf knallharten und dem Bewusstsein zugänglichen Kenntnissen eher zum Erfolg.

Insofern macht es schon Sinn, auf den Rat erfahrener und mit viel Wissen ausgestatteter HundetrainerInnen zu hören, falls der Erfahrungsschatz des eigenen Unterbewusstseins noch ziemlich klein ist.

Aber eine Botschaft an alle Fans des intuitiven Handelns habe ich noch: Wenn ein sogenannter Hundetrainer ihrem verhaltensauffälligen Vierbeiner seine Macken mit Hilfe von Leckerli austreiben will, vertrauen sie doch lieber ihrem Bauchgefühl.

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36. DER ANTHROPOMORPHISMUS

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oder

Ist die Vermenschlichung des Hundes eine berechtigte Schelte?

Zunächst einmal zur Erklärung der Begrifflichkeit:

Unter Anthropomorphismus versteht die Psychologie das Übertragen menschlicher Eigenschaften auf andere Wesen, Dinge und Naturerscheinungen, also Tiere, Götter oder sogar leblose Gegenstände. Er ist charakteristisch für das vorwiegend naiv-anschauliche Erleben sowie das noch wenig ausgebildete Abstraktionsvermögen von Kindern. Deshalb findet man den Anthropomorphismus auch insbesondere in der Kinderliteratur und den Märchen, wo oftmals Tiere vermenschlicht dargestellt werden wie bei den Bremer Stadtmusikanten.

Nach einer Position der Erkenntnistheorie, dem Radikalen Konstruktivismus, hat der Mensch sogar gar keine andere Möglichkeit, die Welt zu erkennen, als sie zu anthropomorphisieren, denn er ist nur in der Lage, sich selber zu beschreiben bzw. alles nur in Bezug auf sich selbst zu erkennen. Denn jede Wahrnehmung ist komplett subjektiv und kann kein Abbild einer Realität produzieren, sondern ist immer nur ein Konstrukt seiner eigenen Sinnesreize und Gedächtnisleistung.

Bei jeder menschlichen Wahrnehmung werden die Sinnesreize nicht nur in elektrische Impulse umgewandelt, sondern zwischen den Neuronen zusätzlich in chemische Stoffe und wieder zurück. Diese Verarbeitung im Nervensystem macht es somit unmöglich, einen Rückschluss zu ziehen auf die natürliche und tatsächliche Beschaffenheit des auslösenden Dinges. „Niemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstands mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen“. (Ernst von Glasersfeld: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität.) Das bedeutet, die Wahrnehmung und Erkenntnis sind konstruktive, nicht abbildende Vorgänge.

Die beiden Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel führten bereits im Jahre 1944 ein Experiment zum Anthropomorphismus durch, in dem sie in einem Zeichentrickfilm ohne Ton drei geometrische Figuren – ein kleines und ein großes Dreieck und einen kleinen Kreis – als Protagonisten zeigten. Anschließend befragten sie die Probanden nach dem vermeintlichen Inhalt. Die Schilderungen zeigten, dass selbst einfachste bewegte Objekte als soziale Akteure wahrgenommen und interpretiert werden. Die Probanden meinten, eine Liebesgeschichte mit Happy End gesehen zu haben zwischen dem kleinen Dreieck und dem kleinen Kreis, die das böse große Dreieck versucht habe zu sabotieren.

Es ist uns Menschen offensichtlich eigen, sogar toten Gegenständen eine Persönlichkeit anzudichten. So bauen wir beispielsweise auch eine emotionale Bindung nicht nur zu unserem Auto auf sondern sogar zum Rasentraktor oder Staubsauger.

Der Anthropomorphismus ist ebenso wie die kognitive „Kunst“ zur Heuristik (siehe meinen Beitrag „30. Das Fehlinterpretieren hündischen Verhaltens…“) Fluch und Segen zugleich. Der Segen besteht in den sich daraus ergebenden Vorteilen im Überlebenskampf; dass wir uns also trotz unserer Begrenztheit in der Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt doch relativ erfolgreich in ihr zurechtfinden und überleben können.

In der Beziehung zu unserem Hund heißt das, dass wir mit ihm deshalb überhaupt erfolgreich interagieren und ein Verständnis für ihn entwickeln können. Ohne sein Vermenschlichen wären wir dazu gar nicht in der Lage.

Aber wir dürfen den Fluch solcher menschlichen Beschränktheit nicht vergessen. Denn das Ganze hat dann einen dummen Haken, wenn die Konsequenzen nicht nur nachteilig sind sondern sogar vermeidbar wären.

Und damit zu meiner eingeschränkt berechtigten Schelte am Vermenschlichen des hündischen Wesens.

Machen wir ein Gedankenspiel, welches uns mit Hilfe des Anthropomorphismus nicht schwer fallen sollte:

Nehmen wir einmal an, wir würden hundert HundebesitzerInnen fragen, wie ihre Schützlinge wohl auf die Frage antworten würden – vorausgesetzt sie könnten unsere Frage verstehen und sie auch beantworten – ob sie gerne gemeinsam mit anderen Hunden und deren BesitzerInnen einen Spaziergang durch Wald und Flur unternehmen möchten.

Ich vermute, dass die überwiegende Mehrheit annehmen würde, dass ihre Hunde dies mit „Ja“ beantworten würden, wenn sie könnten. Denn wenn man sich allein die vielen bewusst organisierten Hunde-Treffen vor Augen führt oder die sogar von Hundeschulen regelmäßig initiierten Zusammentreffen von Bello und Co., bleibt einem kaum eine andere Vorstellung, oder?  Diese Treffen werden ja sicherlich nicht organisiert, um Bello und Co. bewusst zu ärgern.

Worin mag diese eklatante Fehlinterpretation hündischen Interesses begründet sein? Die Antwort liefert offensichtlich der Anthropomorphismus; in diesem Falle nicht das Übertragen menschlicher Eigenschaften, sondern das irrtümliche Projizieren menschlicher Wünsche und Interessen auf den Hund. Herrchen und Frauchen gehen offensichtlich davon aus, dass ihre Schützlinge zumindest den gleichen Spaß am Zusammentreffen mit Gleichgesinnten haben wie sie selbst.

Der Mensch sucht und findet Kontakt zu seinesgleichen auch außerhalb sexueller Interessen, weil dies ein wichtiges Überlebenselixier ist und Grundvoraussetzung für sein Wohlbefinden. Der Mensch hatte evolutionsbiologisch nämlich einen Vorteil davon, wenn er nicht nur in der Gemeinschaft lebte und agierte, sondern auch immer wieder Kontakt zu Fremden aufnahm. Einsiedler waren und sind biologische Ausnahmen und keine Garanten des erfolgreichen Fortbestehens der menschlichen Gattung.

Aber treffen diese Zusammenhänge auch auf den Hund zu? Selbst sein Vorfahre Meister Isegrim hat kaum Interesse am Kontakt mit seinesgleichen außerhalb seines Rudels. Für ihn ist das Rudel der Inbegriff und Hort des Wohlbefindens. Fremde sind für ihn sogar Todfeinde. Nur vereinzelte Alleingänger suchen in weiten Odysseen ihr Glück; meiden dabei aber auch jeden unnötigen Kontakt, außer zur Fortpflanzung.

Der Schritt des Wolfes auf den Menschen zu hat ihm evolutionsbiologisch einen riesigen Vorteil gebracht. Wenn heute vielleicht noch weltweit an die 130.000 Wölfe leben, so sind es mindestens 7 Millionen Hunde allein in Deutschland; also eine Erfolgsstory, die ihresgleichen sucht. Aber diese Erfolgsstory beinhaltet auch eine Veränderung seines Wesens und seiner Interessen. Die ohnehin schon vorhandene Skepsis gegenüber Fremden, die sein Vorfahre ihm mit in die Gene „geschrieben“ hat, ist noch einmal verstärkt worden.

Der Hund ist in erster Linie auf seine menschliche Bezugsperson orientiert und hat dadurch eine ökologische Nische gefunden, die ihm im Überlebenskampf einen entscheidenden Vorteil bietet. Wenn er Hilfe braucht, beispielsweise bei der Lösung von schwierigen Aufgaben, sucht er diese bei seinem Menschen. Anders der Wolf, der löst das Problem entweder allein oder mit Hilfe seines Rudels. Und diese regelrechte Fixierung auf seine Bezugsperson Mensch hat den Hund geradezu desinteressiert gemacht an seinesgleichen. Alle anderen Hunde sind für ihn nur eines: Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Und Konkurrenten möchte man entweder aus dem Wege gehen oder sie verjagen.

Befördert wird die falsche Vorstellung vom hündischen Interesse am Kontakt zu anderen seiner Art außerdem durch die von vielen Hunden abverlangte Aufgabenerfüllung im Sinne einer Schutz- oder Wachfunktion. Viele Rassen haben eine Zuchthistorie hinter sich, die sie nicht nur befähigt haben, Ressourcen einschließlich Haus und Hof oder Herrchen und Frauchen zu bewachen, sondern ihnen auch den Willen und Ehrgeiz dazu anerzogen. Deshalb wird ihre wahrgenommene Beschützerrolle auch oftmals fehlinterpretiert als ein Interesse, gerne mit anderen ihresgleichen Kontakt aufzunehmen. In Wirklichkeit ist es nur ihr Aufklärungswille, ob die anderen etwas Böses im Schilde führen oder nicht.

Aber um auf das zuvor genannte Gedankenspiel und die erwähnte Frage an Bello und Co. zurückzukommen. So manch ein(e) HundebesitzerIn würde wahrscheinlich große Augen machen, wenn er oder sie die sicherlich unerwartete Antwort ihres Schützlings hört. Die würde nämlich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lauten: „O.k., wenn die anderen HundebesitzerInnen ohne ihre Hunde kommen, komme ich mal mit.“

Will meinen, es ist ein großer Irrtum und sogar Quelle von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten bei Hunden, wenn man meint, ihnen etwas Gutes zu tun, indem man an irgendwelchen Hundemeetings teilnimmt oder zu gemeinsamen Waldspaziergängen aufruft.

Der gemeinsame Waldspaziergang mit Gleichgesinnten tut dem Wohlbefinden von Frauchen und Herrchen sicherlich gut, ohne Zweifel, denn dies korreliert mit ihren Urinstinkten und Interessen und führt zur Ausschüttung des Wohlfühlhormons Dopamin. Eine gleiche Gefühlswelt aber den Hunden anzudichten, weil auch sie die Nähe und Anwesenheit vieler anderer Hunde zu ihrem Wohlbefinden bräuchten; das wäre Anthropomorphismus, der einen Tadel verdient.

Denn schauen wir uns einmal gedanklich als Beobachter so ein Hundewaldspaziergangstreffen an. Wie läuft ein solches  Meeting ab, wenn alle pünktlich am vereinbarten Ort mit ihren angeleinten Schützlingen erscheinen? Und wir beobachten jetzt nur einmal Bello und Co. und nicht ihre BesitzerInnen, von denen die Mehrheit verzweifelt versucht, sie an straffer Leine vom gegenseitigen Übereinander-Herfallen abzuhalten.

Wird allen Protagonisten trotzdem genügend Leine gelassen, zeigt sich mit Sicherheit ein wildes und aufgeregtes gegenseitiges Abchecken, worin denn wohl die Absichten des anderen bestehen. Am wilden Rutengewedel meint der Laie Freude festzumachen; was allerdings ein weiterer Irrtum ist. Denn das Wedeln mit der Rute ist nichts anderes als ein Indiz dafür, dass Bello und Co. unsicher sind, wie die Geschichte weitergeht. Freude ist wahrscheinlich komplett abwesend. Anwesend sind dagegen die Psychische Anspannung und u.U. sogar der Stress, falls jemand der Protagonisten meint, keinen Einfluss mehr zu haben auf das, was hier passiert. Wenn man in dieser Situation die Möglichkeit hätte, den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu messen, würden alle, die ihre Hunde lieben, ihre Schützlinge sofort und unverzüglich aus diesem Scharmützel herausholen und sie aus dieser durchaus von Angst erfüllten Situation befreien.

Sind die Absichten der anderen dann – hoffentlich, aber nicht selbstverständlich – als friedlich und harmlos identifiziert, von ihnen also keinerlei Gefahren auszugehen scheint, löst sich dieses wilde Getümmel relativ schnell wieder auf und alle laufen sternförmig auseinander. Von jetzt an scheint sich plötzlich niemand mehr für den anderen zu interessieren. Auch das wilde Rutengewedel lässt nach. Warum? Ist etwa schlagartig die Freude abhandengekommen?

Nein, vielmehr ist es wohl so, dass die Absichten der anderen abgeklärt und als harmlos identifiziert wurden und es jetzt keinen Grund mehr gibt, unsicher zu sein.

Beachtenswert sollte dabei für den Beobachter aber auch sein, dass nicht alle Protagonisten an diesem Ritual teilnehmen. Einige wenige bleiben offensichtlich, statt an der wilden Begrüßungsorgie lebhaft teilzuhaben, an dem Geschehen scheinbar völlig desinteressiert, lieber bei ihren Frauchen und Herrchen.

Sind das etwa die, die keinen Spaß haben wollen, so wie alle anderen?

Im Gegenteil, das sind die, die in den Genuss einer Erziehung gekommen sind, im Rahmen derer Frauchen oder Herrchen sie von jeglicher Verantwortung für ihre eigene oder gemeinsame Sicherheit einschließlich des Reviers entbunden haben. Das sind also diejenigen, die nicht im Auftrage ihrer BesitzerInnen die Absichten anderer rivalisierender und konkurrierender Spezies aufzuklären haben, weil sie stattdessen von ihnen Schutz und Fürsorge erfahren. Sie zeigen deshalb auch keinerlei Interesse, einem anderen Hund seine Beschwichtigungssignale abzuverlangen oder selbst zu zeigen. Sie sind diejenigen, die anschließend auch nicht an straffer Leine vorne weg zerren und das Revier aufklärerisch inhalieren und markieren. Im Gegenteil, sie genießen im Gefühl des Wohlbefindens und völliger Entspanntheit die wohltuende Nähe von Frauchen und Herren und schlendern genüsslich an ihrer Seite durch den Wald.

Aber alle Hunde, ob sie nun erzogen sind oder nicht, würden nach der Beantwortung der ihnen zuvor gestellten Frage noch ergänzend hinzufügen, dass sie viel lieber mit Frauchen oder Herrchen allein einen Waldspaziergang machen würden. Denn sie allein und nur der Kontakt zu ihnen sind Garanten ihres Wohlbefindens; aber kein fremder Hund.

Ich bin in meinem Buch auch kritisch auf den nicht wirklich nachvollziehbaren Sinn einer Welpenspielgruppe als besondere Form des „Hundetreffens“ eingegangen. Welpen sollten stattdessen möglichst lange im Rudel der Mutter bleiben, mindestens bis zur 12. Woche, um die wichtigsten „Spielregeln“ zu erlernen. Welpen-„Spiel“-Gruppen  (was für ein irreführender Begriff!) bergen in erster Linie Stress, wenn nicht sogar die Gefahr von Traumatisierungen. Wenn stattdessen der neue Besitzer ab sofort seine Beschützerroller dem Hund gegenüber wahrnimmt und ihn auch von jeglicher Verantwortung für irgendeine Ressource entbindet, läuft der Hund auch nicht Gefahr, irgendeine Aggression zu entwickeln. Alles was der kleine oder später auch junge Hund an Lebenserfahrung “sammeln” muss, sollte er zwingend in Anwesenheit und unter dem Schutz von Frauchen oder Herren “zusammentragen”. Das alleinige und “losgeleinte” Sammeln von Erfahrungen beim Begegnen mit seinesgleichen kann durchaus schiefgehen.

Mir ist bisher kein einziger wissenschaftlicher Nachweis untergekommen, der belegt hätte, dass ein Hund grundsätzlich das Verlangen hätte, mit anderen und ihm fremden Hunden Kontakt aufnehmen zu wollen oder einen solchen zu suchen, um sein Wohlbefinden zu steigern. Im Gegenteil, es gibt eine Studie eines internationalen Forscherteams der Emory University, die belegt, dass Hunde die Gerüche von Menschen favorisieren vor denen ihrer Artgenossen. Es zieht sie also eher hin zum Menschen als hin zu ihren Konkurrenten. Es gibt nur eine Ausnahme: Wenn sie ihrem Grundbedürfnis nach Replikation nachgehen wollen.

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35. DIE TÜCKE LIEGT IM DETAIL

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oder

Noch eine Kritik am Wesenstest

Ich habe mich schon einmal zur Absurdität der Art und Weise einiger Wesenstests geäußert; aber aus aktuellem Anlass eines konkreten Falles reizt es mich, dies nochmal zu tun, ohne mich wiederholen zu wollen. Deshalb will ich mich diesmal nur zu einem ausgewählten Detail äußern, obwohl es eigentlich, um mit Fontane zu sprechen, ein weites Feld ist.

Um aber keinen falschen Eindruck zu erwecken, will ich nicht versäumen, meine Einstellung zum notwendigen Handeln des Staates und seiner dafür zuständigen Organe kundzutun, wenn ein Hund auffällig geworden ist und er Tieren oder sogar Menschen Leid zugefügt hat oder dafür eine plausible Gefährdung besteht. Und ich stehe auch dann Sanktionen sehr aufgeschlossen gegenüber, oder bin zumindest sensibilisiert, wenn Personen sich augenscheinlich nur aus einem einzigen Grund eine bestimmte Hunderasse an die Leine holen; nämlich um ihr erbärmliches Ego aufzupäppeln. Was nebenbei bemerkt eine der Hauptgründe ist, warum es überhaupt sogenannte Listenhunde gibt. Ein Hund in falschen Händen wird dann schnell mal zu einer nicht beherrschten Waffe. Und für die sich daraus ergebenden Gefahren schafft die Legislative berechtigterweise Schranken oder Regeln. Insofern liegt es mir fern, prinzipiell an einer vernünftigen Prävention irgendetwas zu kritisieren.

Aber nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Und so auch im Falle des einen oder anderen Details eines Wesenstestes bei auffällig gewordenen Hunden.

Im konkreten Fall handelt es sich um einen Hund, der eine aufwendige Spezialausbildung bestanden hat und hier auch erfolgreich Einsätze absolviert. Aber er zeigt – und das trotz seiner hervorragenden Ausbildung – vermeintliche Marotten bei der Begegnung mit seinesgleichen. Und so kam, was kommen musste; er hat einen seiner Rivalen gebissen. Als Konsequenz auferlegte man Frauchen mit ihrem Schützling von Amts wegen die Absolvierung eines Wesenstestes.

So weit so gut.

Da ich, wie Goethe spricht, “…ein gebranntes Kind scheut das Feuer…”, immer argwöhne, wenn ich von Wesenstests Kenntnis erlange, die zudem aufgrund des Föderalismus einer sehr unterschiedlichen Bundesländerprägung unterworfen sind, interessierte ich mich in diesem Falle für Näheres und fragte Frauchen, wie dieser denn geplant sei abzulaufen, so man sie darüber überhaupt schon in Kenntnis gesetzt habe. Leider war alles, was man ihr im Vorfeld dazu sagte und in Aussicht stellte, vermutlich eine gestellte Szene, bei der ihr Hund angeleint von ihr “abgelegt” werden solle, bevor der Prüfende ihn mit einem „aggressiven“ seiner Spezies konfrontieren und dabei seine Reaktionen testen wolle. Auf meine in der notwendigen Detailverliebtheit begründeten Frage, ob sie sich bei diesem Test in unmittelbarer Nähe ihres Hundes aufhalten – und wenn ja, wo konkret – oder sich entfernen und der Hund allein diese Szene erleben solle, konnte sie aufgrund mangelnder Informationen bedauerlicherweise nicht antworten.

Schade, denn u.a. liegt in solchen vermeintlichen Details einer der Schlüssel zum Erfolg. Und mit Erfolg meine ich die Qualität einer sachlich begründeten Aussage des Testes.

Warum?

In meinem Beitrag „Die Paradoxie eines Wesenstestes“ habe ich die Einflussfaktoren auf das Verhalten eines Hundes bereits beschrieben und die deshalb zwingend notwendige Vorbereitung des Hundes auf den Test durch einen geschulten Hundetrainer angemahnt, um möglichst viele der das Ergebnis verfälschenden Einflüsse im Vorfeld herauszufiltern. Dies will ich hier nicht wiederholen, stattdessen nur auf ein bedeutsames Detail und seine Konsequenzen für ein objektives Urteil, so dies überhaupt im Rahmen des Möglichen liegt, aufmerksam machen:

Ein wichtiger Einflussfaktor auf das Verhalten des Hundes ist bekanntlich das Resultat seiner Erziehung; nicht zu verwechseln mit seiner Ausbildung. Denn wie in diesem Falle auffallend, muss ein perfekt ausgebildeter Hund – bei einer Katastrophen- , Leichen- oder Such- und Rettungshundeausbildung sollte man davon ausgehen können, denn dabei gehen schon mal locker 3 bis 4 Jahre ins Land – noch lange nicht richtig erzogen sein. Denn eine Erziehung ist mitnichten seine Konditionierung zur Erfüllung irgendwelcher Aufgaben, und seien sie noch so komplex, sondern einzig und allein seine Sozialisierung. Und diese gilt nur dann als erfolgreich abgeschlossen, wenn Bello und Co. sozial verträglich nicht nur mit seinesgleichen, sondern auch mit allen anderen Mitgliedern der Faune auskommt, also auch mit allen menschlichen Wesen. Außer es wurde explizit aus triftigen Gründen davon Abstand genommen (siehe Schutz- oder Wachhund).

Der Weg zu seiner Sozialisierung führt am effizientesten über sein Grundbedürfnis nach Sicherheit, welches er befriedigt wissen will. Da sein soziales Verhalten durch die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse geprägt ist – das nach Fortpflanzung und Stoffwechsel in diesem Kontext aber vernachlässigbar ist – dreht sich demzufolge all sein Verhalten in erster Linie um die Gewährleistung seiner Sicherheit oder die seines „Rudels“. Und genau das ist das entscheidende Detail. Denn wenn der Hund die Verantwortung für seine eigene und eventuell sogar für die Sicherheit von Frauchen übertragen bekommen hat, dann wird er dieser auch jederzeit gerecht werden wollen. Manche Spezies riskieren dafür – so absurd es auch klingen mag – sogar ihr Leben.

Und nun nehmen wir einmal an, Bello sei die Verantwortung für seine und die Sicherheit von Frauchen im Rahmen der Erziehung übertragen worden. Das muss nicht bewusst geschehen sein; meistens geschieht dies auch tatsächlich unbewusst durch Gesten und Verhaltensweisen von Frauchen in entscheidenden oder kritischen Situationen.

Wird nun – so wie oben beschrieben – dem Hund im angeleinten Zustand ein aggressiv wirkender Zeitgenosse vor die Nase geführt, sollte es doch wohl mit dem Teufel zugehen, wenn er diesen nicht umgehend aus seinem Sicherheitsbereich und dem von Frauchen verjagen wollte. Und dies mit all seinem ihm zur Verfügung stehenden agonistischen Verhaltensrepertoire. Es wäre geradezu seine “Pflicht”. Deshalb ist auch das Detail so wichtig, ob Frauchen sich während des Testes in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten soll, und wenn ja, wo konkret. Denn sein Verteidigungsverhalten wird auch dadurch bestimmt, ob er nur seine eigene oder auch die Sicherheit von Frauchen meint, verteidigen zu müssen. Tut er dies in beiden Fällen, also nicht nur, wenn Frauchen bei ihm ist, wäre es ein Indiz dafür, dass er schon mal selbst in Abwesenheit von Frauchen schlechte Erfahrungen mit seinesgleichen gemacht hat, was einer Klärung bedürfte. Tut er es nur in Gegenwart seines zu beschützenden Frauchens, wäre das Motivs seines Handelns eindeutig.

Welcher mit Sach- und Fachverstand ausgestattete Gutachter wollte nun ernsthaft begründet den Stab über ihm zerbrechen, ohne sich dem Vorwurf der Scharlatanerie aussetzen zu wollen, wenn der Hund nichts anderes macht, als seinen Job?

Nach meinen langjährigen Erfahrungen mit vermeintlich aggressiven Hunden resultiert ihre Aggressivität in der Regel aus der ihnen übertragenen Verantwortung. Und das hat mit ihrem „schlechten“ Wesen gar nichts zu tun. Die wenigen tatsächlich im Wesen begründeten Aggressionen sind wahrscheinlich ausschließlich pathologisch begründet.

Und auf diesen konkreten Fall zurückzukommen: Wer wollte ernsthaft behaupten, dass dieser perfekt ausgebildete Hund, der eine ganze Reihe seinen Intellekt herausfordernde Prüfungen bestanden hat, pathologisch belastet sei. Die Wahrscheinlichkeit ist doch wohl relativ gering.

Und wir können das Ganze sogar noch „verfeinern“. Es gibt nämlich Erkenntnisse, die belegen die intellektuellen Fähigkeiten des Hundes zur Differenzierung der Verteidigungswürdigkeit verschiedener Personen; so z.B. in Abhängigkeit ihres Geschlechts. Der Hund bewertet sie offensichtlich danach, ob derjenige oder diejenige seinem Empfinden nach sich selbst verteidigen kann oder nicht. Demnach neigt der Hund bei relativ vertrauten Personen, die nur gelegentlich in seinem „Rudel“ verkehren, zu deren Verteidigung, weil er wahrscheinlich ihre eigene Verteidigungsfähigkeit nicht bewerten kann oder aufgrund falscher Signale der Personen falsch bewertet. Nach dem Motto: „Das ist ein Freund des Hauses, den man sicherheitshalber beschützen sollte, bevor er Schaden nimmt.“

Ich selbst hatte diesbezüglich bereits vor meiner Trainertätigkeit ein interessantes und lehrreiches Aha-Erlebnis:

Viele Jahre fuhr ich mit meinen Eltern nach Österreich zum Skifahren; und jedes Mal ins gleiche Quartier. Ein wichtiges Mitglied der sympathischen Gastgeberfamilie war Billy, ein seinen Ruf als intelligentes und aufgewecktes Tier alle Ehre machender Border Collie. Nun waren mir dessen angezüchtete Hütequalitäten zwar hinlänglich bekannt; aber sein konkretes Verhalten überraschte mich dann doch.

Abends nach dem Skilaufen machte sich mein Vater gelegentlich noch auf seine Joggingrunde. Er war zwar schon immer ein Hundefreund aber ohne jegliche Erfahrung in deren Führung. Und er war Billy durch die regelmäßigen Besuche relativ vertraut. Somit, bezüglich unseres hiesigen Themas, zwei perfekte Probanden für meine Erklärungen.

Mit Zustimmung des Gastgebers forderte nun mein Vater, motiviert durch die Überzeugung, Border Collies seien Bewegungsfanatiker, Billy auf, ihn auf einer seiner Joggingrunden zu begleiten. Dabei war für mich ein sehr wichtiges Detail, ob Billy sofort und bedingungslos mit meinem Vater davonlief, oder ob er sich zuvor die Erlaubnis seines Herrchens einholte. Denn dieses Detail ist bei seiner Handlungsbewertung mit zu berücksichtigen; weil sich daraus eine unterschiedliche Beziehung zwischen ihm und seinem Herrchen bzw. ihm und meinem Vater und deren Konsequenzen herleiten lässt. Und so war es auch. Erst nachdem Herrchen Billy zustimmend zunickte und verbal ermutigte mitzulaufen, rannte er los. Und zur Überraschung des Gastgebers vorneweg. Was diesen zu der Bemerkung veranlasste: „Nanu, das macht er bei mir nicht; da läuft er hinterher.“

Nach der Rückkehr beider Protagonisten gab es eine handfeste Überraschung für alle Beteiligten. Denn mein Vater berichtete von einer regelrechten Stresstour. Mit entspanntem Joggen habe das Ganze nicht viel zu tun gehabt; sondern eher mit einem ständigen Kampf oder Bemühen, Billy von Nahkämpfen mit allen ihnen über den Weg gelaufenen Hunden abzuhalten. Billy hatte sich demzufolge mit jedem seiner Artgenossen auf dieser Laufrunde in die Wolle gekriegt. Für den Gastgeber aber ein völlig unverständlich und nahezu unglaubhaft klingender Bericht. Nach seiner und sehr überzeugend und glaubhaft klingenden Darstellung kenne Billy alle im Umkreis von 10 km lebenden Hunde und kümmere sich „in der Wurzel“ nicht um andere seiner Spezies. In seiner Gegenwart laufe Billy völlig entspannt an anderen seiner Artgenossen vorbei, ohne sie scheinbar auch nur eines Blickes zu würdigen.

Was war das Ergebnis oder die wichtigste Erkenntnis meiner Beobachtungen?

Mein Vater hatte offensichtlich – im Gegensatz zur Persönlichkeit des Gastgebers –durch sein Verhalten, seine Körpersprache und vielleicht sogar mit ängstlich wirkenden verbalen Äußerungen, ohne dies sogar gewollt zu haben, in entscheidenden Situationen bei Billy den Eindruck hinterlassen, selbst nicht in der Lage oder willens zu sein, für seine oder beider Sicherheit zu sorgen. Billy war scheinbar davon überzeugt, meinen Vater beschützen zu müssen. Interessant war seinerzeit für mich auch, dass sich mein Vater dieses, seines falschen Verhaltens gar nicht bewusst war. Und ich bin davon überzeugt, wenn ich meinen Vater gefragt hätte, wäre bei seiner Einschätzung bezüglich des Wesens von Billy sicherlich ein Vokabular wie „aggressiv“ gefallen.

Billy‘s Herrchen dagegen hätte ihn nie und nimmer als aggressiv beschrieben; im Gegenteil. Aber er hatte ihm offensichtlich bereits mehrfach oder in entscheidenden Situationen zu verstehen gegeben, selbst der „Chef im Ring“ zu sein und im Bedarfsfalle alle Feinde abzuwehren. Warum sollte Billy also in seiner Gegenwart andere Hunde als Rivalen oder Bedrohung wahrnehmen? Er konnte sie, solange er sich an der Seite seines Chefs wähnte, getrost und gelassen einfach ignorieren.

Und deshalb ist es unerlässlich, dass in Vorbereitung eines Wesenstestes durch einen geschulten Trainer überprüft wird, ob dem Hund eine solche Verteidigungs- oder Beschützerrolle übertragen wurde, und wenn ja, nur für sich selbst oder auch für Frauchen; und je nachdem, ihn vor dem Test von dieser zu entbinden. Wenn nicht, lässt seine eventuelle und aggressiv wirkende Reaktion zumindest keinerlei Rückschlüsse auf sein vermeintlich aggressives Wesen zu.

Eine abschließende Bemerkung sei mir noch gestattet zur Spezialhundeausbildung. Da ich diesbezüglich nur rudimentäre Kenntnisse und keinerlei praktische Erfahrungen habe, kann ich mich dazu auch nur als „Therapeut“ und nicht als Ausbilder äußern. Soweit meine Recherchen stimmen, sollte beispielsweise zum Ziel einer Katastrophen- oder Such- und Rettungshundeausbildung auch gehören, dass der Hund im Team mit anderen Hunden problemlos „arbeiten“ können muss. Insofern halte ich natürlich neben der Ausbildung insbesondere auch seine Sozialisierung – sprich Erziehung – für zwingend notwendig. Vielleicht ist es in diesem konkreten Fall schlicht und ergreifend versäumt worden.

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34. MEIN HUND WILL DOCH NUR SPIELEN!

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oder

Was ist ein Irrtum?

Eine alltägliche Situation: Beim Spazierengehen begegnen sich HundeliebhaberInnen mit ihren „Schutzbefohlenen“. Das dann stets folgende Ritual ist meistens und auffallend ähnlich: Die Hunde rennen – so Herrchen oder Frauchen ihnen dazu die „Freiheit“ lassen – vermeintlich „freudig“ erregt aufeinander los, oder – wenn man ihnen nicht die besagte „Freiheit“ zugesteht – sie zerren an der Leine, als gebe es kein Morgen mehr, vor ihnen scheinbar davon fliehend im Streben, den entdeckten Artgenossen schnellstmöglich zu erreichen.

Auf der Wiese nimmt das Ganze noch illustrere Formen an. Losgeleint bildet sich aus den vielen Protagonisten sehr schnell ein riesiges Knäuel; und ein scheinbar ungebändigtes „Spiel“ nimmt seinen Lauf.

Wenn sich mir in solchen Situationen die Gelegenheit bietet, den einen oder die andere HundeliebhaberIn zur Beantwortung der Frage zu bewegen, was wohl ihrer Meinung nach ihr „Schutzbefohlener“ in diesem Moment empfinde, kommt in der Regel im Brustton der Überzeugung: „Natürlich Freude, was denn sonst!“ Und wenn ich dann noch weiterbohre, was dann wohl das Motiv ihrer „Schützlinge“ für dieses Ritual sei, kommt ebenso selbstsicher die Antwort: „Die wollen doch nur spielen!“

Aber ist es das wirklich? Wie sieht es denn mit dem Gegenbeispiel aus? Wenn ein Hund kein Interesse am anderen seiner Artgenossen zeigt; ist er dann ein Spielmuffel?

Ich höre nicht selten von “Kennern der Szene”, wenn sie statt des eingangs geschilderten Verhaltensmusters einen völlig entspannt wirkenden Hund an der Seite ihrer BesitzerIn durch die Straßen schlendern sehen und dieser sich beim Anblick eines seiner Artgenossen offensichtlich nicht „in der Wurzel“ für jenen zu interessieren scheint, er sei sicherlich schon „in den Jahren“ oder „nicht ganz gesund“.

Aber ich denke, dass es sich in beiden Fällen um einen vermeintlichen Irrtum handelt. Vermeintlich deshalb, weil der erkenntnistheoretische Ansatz zur Erklärung eines Irrtums hier doch wohl nicht wirklich greift. Der setzt nämlich schon nach Meinung der antiken Philosophen voraus, dass die Quelle des Irrtums in der Unvollkommenheit der sinnlichen Wahrnehmung oder in der Unvollkommenheit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen zu finden sei. Aber eine solche ist immer gebunden an eine nicht ausreichende Zugänglichkeit notwendiger Erkenntnisse. Und das ist unter den Bedingungen heutiger Verfügbarkeiten aller möglichen Wissensquellen doch eher fraglich. Ich unterstelle stattdessen, dass es sich hier um keinen echten Irrtum handelt, sondern um eine willentliche Ignoranz der Realität. Um mit Christian Morgenstern zu sprechen: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Ich behaupte vielmehr, dass alle notwendigen Erkenntnisse zu den verhaltensbiologischen Ursachen eines Hundes für jedermann und Frau zugänglich sind, wenn er oder sie die auslösenden Faktoren hündischen Verhaltens in einer Situation wie eingangs beschrieben tatsächlich verstehen wollten.

Nicht, dass ich das Spielinteresse des Hundes an sich infrage stelle. Im Gegenteil, insbesondere junge Hunde zeigen ein hohes diesbezügliches Interesse, ähnlich wie Kinder. Und auch noch „pubertierende“ Hunde neigen zu spielerischem Kräftemessen. Sogar ältere Hunde nutzen noch das Spiel, um den jüngeren Protagonisten zu zeigen, wie sie erfolgreich das hündische Leben meistern können. Dies sollte aber nicht verwechselt werden mit den Aufklärungsabsichten eines Hundes am Beginn einer Begegnung mit seinesgleichen und seinen tatsächlichen Handlungsmotiven. Denn das Verwechseln solcher Interessen und Motive kann dann leicht zu unterschätzende Auswirkungen auf das künftige Verhalten des Hundes haben – zum Beispiel durch unterlassene Hilfeleistung oder Korrektur – oder ein Symptom sein für die Ursachen seiner Verhaltensauffälligkeiten.

Wenn ich in meinem Blog über vermeintlich verhaltensauffällige Hunde und deren Ursachen spreche, meine ich hier natürlich auch nur solche Fälle, bei denen das Verhalten des Hundes bei einer Begegnung mit seinesgleichen einer kritischen Analyse bedarf, weil hier Ansatzpunkte für seine Therapie zu finden wären. Denn ich habe schon immer betont, dass das Verhalten eines Hundes nur dann Anlass zum Handeln seiner BesitzerInnen gibt, wenn dieses Verhalten bei ihren BesitzerInnen auf Ablehnung stößt und als störend oder auffällig empfunden wird und insbesondere die Interessen anderer beeinträchtigt. Allerdings sollten sich Herrchen und Frauchen auch dann einmal die Zeit nehmen, über eine Veränderung und Einflussnahmen auf das Verhalten Ihrer Schützlinge nachzudenken, selbst wenn dieses ihnen bisher nicht als ein auffälliges erscheint oder sie stört. Und zwar allein schon mit dem Ziel, das eventuell unerkannte und latent vorhandene Stressniveau ihrer Lieblinge zu reduzieren.

Deshalb bitte ich Sie, sich einmal auf ein gedankliches Experiment einzulassen, ohne gleich von vornherein eine ablehnende Haltung einzunehmen, nur weil allein schon die Vorstellung, meine Thesen könnten richtig sein, absurd erscheint:

Nehmen wir einmal an, dass jegliche Begegnungen von Hunden, die nicht einem gemeinsamen Rudel zugehörig sind, ein Aufeinandertreffen potentieller Wettbewerber, Konkurrenten und sogar Rivalen oder Feinde sei und sie nur deshalb aufeinander zu rennen, weil sie die wahren Absichten der anderen aufklären wollten.

Und nehmen wir weiterhin an, dass das Verhalten eines Hundes durch drei grundsätzliche Anlagen bestimmt und beeinflusst werde:

  1. Durch seine Domestikation und der sich daraus entwickelten Zuneigung zum Menschen, weil er in seiner Nähe Nahrung und Schutz erhält.
  2. Durch seine Zuchthistorie, die ihm durch Zufallsmutationen den Willen anerzogen und herausselektiert hat, dem Menschen entweder allgemein oder in einer spezifischen Art zu dienen; also bestimmte Aufgaben zu erfüllen und
  3. durch sein Interesse, immer und überall seine Grundbedürfnisse, insbesondere das nach Sicherheit, befriedigt zu wissen.

Wenn man diese Annahmen einmal zu Ende denkt, erscheint das vermeintlich wilde Spielinteresse zweier aufeinander treffender Protagonisten plötzlich in einem völlig anderen Lichte. Nämlich gar nicht mehr in einem so harmlosen. Im Gegenteil, es wird aus solchen Begegnungen ein Ereignis, vor dem man seinen „Schutzbefohlenen“ eher bewahren sollte, anstatt es anzustreben in der irrigen Annahme, ihm damit einen riesigen Gefallen zu tun.

Deshalb nehmen wir andererseits einmal den Idealfall an, dass andere Hunde für den eigenen Hund keine Konkurrenten oder gar Feinde mehr wären. Eine Vorstellung, die gar nicht so unmöglich ist, denn die Voraussetzung dafür wäre relativ simpel. Nämlich, dass es keine Ressource gebe, um die konkurriert oder wettgeeifert werden könnte. Der einfachste Weg dahin wäre, dem Hund keine Ressource zu überlassen oder ihm die notwendige Verantwortung für eine solche gar nicht erst zu übertragen. Und schon sollte der erstaunte Laie feststellen, dass Bello plötzlich gar kein Interesse mehr an irgendwelchen vermeintlichen Spielchen zu haben scheint. In Wirklichkeit hätte er nämlich keinerlei Aufklärungsinteresse mehr, die Absichten des anderen zu identifizieren.

Und eine weitere Annahme lohnt des Nachdenkens: Nehmen wir an, dass Herrchen oder Frauchen sich ihrer Verantwortung bewusst geworden seien, welche sich aus der Domestikation des Hundes herleitet, und sie sich tatsächlich darüber im Klaren wären, was es bedeute, für die Sicherheit des Hundes Sorge zu tragen. Sie hätten demzufolge ihrem Hund unzweideutig demonstriert, dass sie ihm in allen Lebenslagen Schutz vor allen nur möglichen Feinden bieten. Das Ergebnis wäre genauso eindeutig: Der Hund würde alle anderen Hunde einfach ignorieren, denn es wäre kein Feind mehr weit und breit zu erspähen, bei denen geklärt werden müsste, was sie im Schilde führen.

Bleibt noch eine letzte Annahme, deren Realität interessante Konsequenzen hätte. Nehmen wir an, Herrchen oder Frauchen würden die Zuchthistorie der Rasse ihres Schützlings tatsächlich kennen und damit auch deren sich daraus ergebende Veranlagungen und Verhaltensweisen. Da in einer ganzen Reihe von Zuchtlinien die Fähigkeit des Hundes selektiert wurde, Haus und Hof, Kind und Kegel zu beschützen und zu verteidigen, liegt es diesen Hunden sozusagen in den Genen, Herrchen und Frauchen verteidigen zu wollen, unabhängig davon, ob es was zu verteidigen gäbe oder nicht. Deshalb nehmen wir auch einfach mal an, dass Herrchen oder Frauchen – weil sie sich dessen bewusst sind – ihre Schützlinge explizit von dieser Aufgabe entbunden hätten. Und siehe da, urplötzlich verzichtet Hasso und Co. auf diese Aufgabenerfüllung und trottet stattdessen völlig entspannt an der Seite neben Herrchen und Frauchen her, selbst wenn eine ganze Horde seinesgleichen ihre Wege kreuzen. Hasso und Co. würden sich dann nämlich in Sicherheit wähnen, und wissen, dass Herrchen oder Frauchen sich statt ihrer darum kümmern.

Ergo – um nochmal auf die eingangs geschilderte Szene zurückzukommen – ist es schon ein Contradictio in adiecto (ein Widerspruch in sich), wie der Lateiner sagt, wenn der „Schutzbefohlene“ (jemandes Schutz oder Obhut Anvertrauter – in diesem Falle der Hund) zur Aufklärung und zum Schutze seines Herrchens oder Frauchens die Absichten seiner Artgenossen zu identifizieren hat. Vielmehr sollte anders herum “ein Schuh draus werden”; nämlich Herrchen und Frauchen haben diese Schutzfunktion gegenüber ihrem Hund zu erfüllen. Und was soll die heuchlerische Beschreibung von „Freiheit“, die dem Hund angeblich eingeräumt werde, wenn man ihn gezwungenermaßen in das Scharmützel mit seinesgleichen schickt, weil man selbst nicht den Mut dazu hat. Und nicht zuletzt wird die Sinnhaftigkeit der vermeintlichen „freudigen“ Erregtheit des Hundes beim Aufeinandertreffen mit seinen Feinden ad absurdum geführt; denn mit Freude hat die übertragene Aufklärungsarbeit zunächst einmal gar nichts zu tun, im Gegenteil. Bevor nicht die Absichten des anderen abgeklärt sind und diese sich als harmlos erwiesen haben, solange stehen alle Zeichen auf Rot und alle Glocken läuten Alarm. In vielen Fällen darf deshalb nicht nur von einer psychischen Anspannung und Belastung des Hundes ausgegangen, sondern sollte sogar die Möglichkeit puren Stresses in Erwägung gezogen werden, wenn Hunde sich, so sie nicht zu einem Rudel gehören und sich sehr gut kennen, auf der Straße begegnen.

Quod erat demonstrandum (was zu beweisen war): Ein Hund, der von der Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder die des Herrchens oder Frauchens und jeglicher Ressource entbunden wurde, zeigt kein Interesse an seinen Rivalen; denn es gibt dann keine.

Mit einer Ausnahme: Die Replikationsabsicht; aber die wirkt nur temporär.

Ich habe aus gleichem Grunde wie hier auch in meinem Buch (siehe Shop) relativ ausführlich die Fragwürdigkeit einer “Welpenspielgruppe” oder sonstiger angeblich therapeutischer “Hundetreffen” diskutiert. In allen Fällen liegt eine Fehlinterpretation hündischen Interesses vor und damit eine Quelle von vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten.

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33. SENTA

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oder

Warum fällt uns der Abschied so unsagbar schwer?

Es ist die Geschichte einer jungen Frau und ihrer treuen Begleiterin, die fünfzehn Jahre lang an ihrer Seite lief, ohne auch nur ein einziges Mal die Selbstverständlichkeit ihrer Zusammengehörigkeit in Frage zu stellen oder gar sie zu enttäuschen. Ich spreche von einer jungen Frau und ihrer Golden Retriever Hündin namens Senta.

Ich schäme und ärgere mich ein wenig für das Zögern, diese Geschichte an dieser Stelle überhaupt erzählen zu wollen. Denn die Geschichte ist nicht nur einfach Wert, erzählt zu werden; sondern – nüchtern betrachtet – habe ich als Hundetrainer beiden Protagonistinnen nicht nur unzählige schöne Stunden zu verdanken, sondern sogar sehr viel Wissen um die Beziehungen zwischen Hund und Mensch. Auch deshalb erzähle ich ihre Geschichte, verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Dankbarkeit.

Es ist eine Geschichte, die, wenn man sie mit den Fähigkeiten eines Steven Spielberg oder Woody Allen erzählen könnte, sicherlich für jede Soap taugen könnte. Diese Fähigkeiten habe ich aber leider nicht. Deshalb kann ich sie nur sehr nüchtern aus der Perspektive eines Beobachters erzählen, der am Ende der Geschichte eine sehr traurige junge Frau sieht, die man einfach nur in den Arm nehmen möchte, um sie zu trösten. Auch wenn man weiß, dass man das eigentlich gar nicht kann.

Die heute junge Frau, damals ein junges Mädchen von 13 Jahren, bekam von ihrer Mutti zum Geburtstag nach langem Betteln das schönste Geschenk, was man diesem Mädchen überhaupt hatte machen können: Ein kleines acht Wochen altes weißes Knäuel, dessen Antlitz alle Klischees eines Kuscheltieres erfüllte. Nichts auf dieser Welt hätte das Mädchen dazu gebracht, dieses kleine lebhafte und sanftmütige Wesen je wieder herzugeben. Vielleicht war es von der Mutti sogar als eine Art Trost oder vielleicht sogar sozialer Ersatz gedacht, denn zu dieser Zeit musste das Mädchen einige Schicksalsschläge verkraften. Denn nicht nur, dass ihre Schwester die elterliche Wohnung verließ und damit eine wichtige Bezugsperson verloren ging. Viel schlimmer traf sie der ewige elterliche Streit, der in ihrer Trennung einen traurigen Höhepunkt fand; eine der für Kinder wohl schlimmsten Szenarien und in ihrer Konsequenz unendlich traurig machende Katastrophe.

Und damit war wohl mehr ungewollt als gewollt die wichtigste Rolle dieses kleinen Hundes besiegelt, die er auch noch mehrfach viele Jahre später spielen sollte: Ein durch nichts zu ersetzender Tröster in so manch unerträglich traurig erscheinenden Momenten. Wenn einem scheinbar nichts mehr auf dieser Welt als Trost taugt; ein Hund kann es allemal. Auch wenn er, rational betrachtet, einem Menschen in solchen Situationen nicht wirklich effektiv helfen kann; allein schon seine wohltuende Präsens, ohne zu fragen oder eine Gegenleistung zu erwarten, bietet er dem Menschen eine Stütze, ohne die so manch einer vielleicht sogar umfallen würde.

Und was mir immer wieder in ähnlichen Situationen auffällt, ist die nicht nur scheinbare, sondern tatsächlich gezeigte soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz eines Hundes. Er ist faktisch in der Lage, mittels seiner Instinkte und ihrer kognitiven Verarbeitung die Gemütslage des Menschen sehr genau zu interpretieren und nicht nur empathisch, sondern sogar altruistisch zu reagieren. Dazu sind nicht einmal Kinder in der Lage, die uns beispielsweise noch weiter „nerven“, selbst wenn Hunde schon längst erkannt haben, jetzt lieber aufzuhören, die eigenen Interessen als Maß aller Dinge zu sehen. Aus dieser Fähigkeit leiten sich nicht zuletzt auch ihre therapeutischen Wirkungen und Erfolge ab.

Aber zurück zu unserer Senta. Warum hat mich diese Hündin auch als Hundetrainer so begeistert?

Sie war für mich der Inbegriff eines sozialisierten Hundes. Immer wenn mich Kunden fragen, was denn einen sozialisierten und damit gut erzogenen Hund ausmacht, antworte ich noch heute reflexartig: „Er muss sein wie Senta.“ Obwohl mir natürlich bewusst ist, dass niemand weiß, wer Senta ist. Aber dann fange ich an zu schwärmen und erzähle, was dieses Tier ausmacht, oder, traurigerweise, ausgemacht hat. Mir ist bisher kein anderer Hund begegnet, der derart in sich ruhend, ausgeglichen und scheinbar glücklich durch die Welt eines Hundes gelaufen ist. Sie war nicht nur interspezifisch, also gegenüber anderen Spezies der Faune einschließlich Menschen, sozialisiert, sondern insbesondere sehr auffallend auch intraspezifisch. Das heißt, sie zeigte anderen Hunden gegenüber ein scheinbar absolutes Desinteresse; andere schienen sie „in der Wurzel nicht zu interessieren“. Erst durch sie habe ich wirklich begriffen, dass ein sozialisierter, erzogener Hund keinerlei Verlangen nach der Begegnung mit anderen Hunden hat und es somit eines der größten Irrtümer ist, anzunehmen, Hunde würden sich unendlich freuen, auf der „Hundespielwiese“ – wie diese deshalb auch heuchlerischer kaum zu bezeichnen ist – einander zu begegnen und miteinander zu raufen. Erst Senta hat mich gelehrt, dass das Begegnen fremder Hunde untereinander immer das Begegnen von Rivalen oder Konkurrenten ist, wodurch sie zumindest psychisch belastet werden oder sogar in puren Stress geraten. Echtes Interesse eines Hundes an einem anderen gibt es nur während der Läufigkeit oder innerhalb eines Rudels, wenn alle sich gut kennen oder die Absichten des anderen abgeklärt sind.

Aber Senta war natürlich nicht nur für mich als Hundetrainer ein Segen, sondern in erster Linie für die junge Frau. Sie war nicht nur ihr moralischer Tröster in schwierigen Lebenssituationen, nein, sie war sogar ungewollt ihr und sogar mein Glücksbringer. Und zwar durch ihre beinahe schon liebenswerte Verfressenheit. Durch sie habe ich begriffen, dass Hunde sich scheinbar im wahrsten Sinne des Wortes totfressen können. Senta hat alles gefressen, was ihr vor die Nase kam. Leider – oder für mich eben glücklicherweise – auch Döner samt Alufolie und Plastiktüte. Im Ergebnis dessen ich mich in diese junge Frau verliebt habe. Denn ich habe ihr den Vielfraß gefühlte zehn Kilometer zum Tierarzt getragen und anschließend nach Hause. Zwar hat sie mir damals noch „aus Dankbarkeit“ die Tür vor der Nase zugeschlagen, doch das hat sich später verflüchtigt und in “Gastfreundschaft” gewandelt.

Senta hat uns beide anschließend nach Gran Canaria begleitet, wo wir einige Jahre unseren Träumen nachgelaufen sind, und auch hier wieder nicht nur über sehr viel Heimweh hinweggeholfen. Und wieder hat mich ein Hund gelehrt, dass er ein treuer Freund ist, selbst wenn er an seine Leistungsgrenzen stößt. Denn Gran Canaria im Sommer ist Afrika. Aber ein Hund, dessen Grundbedürfnisse durch Frauchen zuverlässig befriedigt werden, quittiert nicht seinen Dienst. Er bleibt ein zuverlässiger und treuer Freund.

Und eine weitere wichtige Kenntnis hat mich diese Hündin gelehrt, als unser kleiner Sohn das Licht der Welt erblickte. Wochenlang zuvor haben wir uns darüber Gedanken gemacht, worauf wir zu achten hätten, wenn eine Hündin sozusagen in ihrem Rudel einen menschlichen Nachwuchs zu akzeptieren hat. Kommt es dabei vielleicht zu Eifersüchteleien oder sonstigen Konflikten? Alles Quatsch! Ein erzogener Hund, der interspezifisch sozialisiert ist, sieht in dem Kind keinen Konkurrenten; im Gegenteil, das Kind ist der Nachwuchs des „Rudels“ und besitzt damit alle Narrenfreiheiten und genießt sogar ihren Schutz. Senta hätte für unseren Sohn ihr Leben geopfert.

Jetzt hat uns Senta leider verlassen. Der Tierarzt hat sie von ihrem Leiden befreit. Fünfzehn Jahre sind zwar eine lange Zeit, aber dann doch viel zu kurz. Die junge Frau steht am Fenster und blickt mit ihrem kleinen Sohn in den Garten, als er fragt: „Wo ist denn Senta?“ Mama weint und antwortet ihm mit Blick auf einen kleinen frisch gepflanzten Baum im Garten: „Sie schläft jetzt.“

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32. DER MYTHOS “TRAINEREFFEKT”

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oder

Die unterschätzte Intelligenz des Hundes

Frage: Gibt es einen „Trainereffekt“?

Antwort: Jein, um mit einem Portemanteau-Wort zu antworten. Ja, es gibt ihn insofern, dass die Trainerpersönlichkeit, wie aber jede andere auch, auf das Verhalten des Hundes Einfluss nimmt, wenn der Trainer die Führung des Hundes übernimmt. Aber Nein, es gibt ihn nicht in dem Sinne, wie er argumentativ oftmals verwendet wird, um zu begründen, dass ein schneller Therapieerfolg eines verhaltensauffälligen Hundes nur ein scheinbarer sei, weil er nur so lange anhält wie der Trainer den Hund führt.

Warum Nein? Weil die Hunde neurobiologisch nicht so unterentwickelt sind wie sie sein müssten, um einem in solcher Weise gemeinten Trainereffekt zu erliegen.

Hin und wieder höre ich mal in unterschiedlichem Zusammenhang die Begrifflichkeit „Trainereffekt“. Mir selbst wird er manchmal vorgehalten, wenn ich behaupte, dass ein vermeintlich verhaltensauffälliger Hund durchaus in einer einzigen Trainingseinheit resozialisiert werden kann. Zugegeben, ich will damit auch ein wenig provozieren und zum Nachdenken oder Diskutieren anregen, aber dem Grundsatz nach stehe ich dazu. Meine „Kritiker“ begründen damit ihre Überzeugung, dass eine Umerziehung des Hundes viel zu komplex und deshalb in so kurzer Zeit unmöglich und der vermeintliche Trainingserfolg eben nur ein scheinbarer sei, weil der Hund sein Verhalten nur aufgrund meiner Trainerpersönlichkeit und deren Wirkung auf ihn kurzzeitig ändere. Insofern wäre die Verhaltensänderung, die zwar anerkannt wird, keine nachhaltige und würde sich, sowie Herrchen oder Frauchen wieder das Kommando übernehmen, quasi in Luft auflösen.

Aber bevor ich dies aus psychologischer und verhaltensbiologischer Sicht ad absurdum führe, macht es Sinn, die Begrifflichkeit Trainereffekt zu definieren, damit wir auch über das Gleiche reden.

Nach meinen Recherchen tauchte der Begriff ursprünglich in der Welt des Fußballs auf. Hier gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die an den Unis Erfurt und Gießen durchgeführt wurden und der Frage nachgingen, ob ein Trainerwechsel auch langfristig einen Erfolg bringe. Das Ergebnis war ernüchternd, denn von über 70 Trainerwechseln, die untersucht wurden, blieben weit über 60 ohne eine entsprechende Auswirkung. Man habe lediglich nachweisen können, dass ein neuer Trainer manchmal motivierend auf die Spieler wirke, wenn sie sich ihm gegenüber profilieren wollten.

Aber ich glaube, dass der Trainereffekt, so wie seine AnhängerInnen ihn in unserem Kontext argumentativ nutzen, anders gemeint ist. Nämlich wie zuvor beschrieben, dass quasi der Hund sich in Gegenwart eines Trainers, wenn dieser seine Führung übernehmen sollte, anders verhält als unter der Führung der BesitzerInnen, und dass dieses Verhalten nach Wieder-Übernahme der Führung durch die BesitzerInnen wieder verschwindet, also nicht von Dauer ist. Und insofern sei das veränderte Verhalten nicht auf die tatsächliche Umerziehung des Hundes zurückzuführen, sondern ausschließlich auf den Persönlichkeitseinfluss des Trainers.

Die gleiche Argumentation höre ich hier und da auch mal von meinen TrainerkollegInnen, die damit ihre Überzeugung begründen, warum sie grundsätzlich nicht selbst beim Hund der KundInnen „Hand anlegen“, sondern im Falle einer notwendigen Demonstration diese an ihren eigenen Hunden praktizieren und dann durch die TeilnehmerInnen mit ihren Hunden nachahmen lassen.

Grundsätzlich habe ich an dieser Praxis auch nichts zu bemängeln. Im Gegenteil, wenn das Trainingsziel dies erlaubt, kann ich diese Praxis durchaus als richtig „unterschreiben“. Aber nicht mit der Begründung, dadurch den „Trainereffekt“ ausschließen zu wollen. Das wäre nicht korrekt. Denn dann müsste man unterstellen, dass dem Hund die kognitiven Voraussetzungen fehlen würden, ein verändertes Verhalten des Menschen nur beim Trainer wahrnehmen zu können und nicht auch bei Herrchen oder Frauchen. Und das widerspräche allen aktuellen Studien zu den intellektuellen Fähigkeiten von Hunden. Auf der einen Seite ist man nahezu verschwenderisch mit der Vergabe von Superlativen, was die hündische Intelligenz betrifft, aber jetzt wird man plötzlich geizig und unterstellt, dass der hündische Intellekt hier Lücken hätte.

Zum besseren Verständnis meines Zweifels an einem solchen Trainereffekt wie ich ihn verneine, muss ich noch einmal auf die Methode des Trainings zur Erziehung eines “Problemhundes” eingehen:

Wenn ein Hund sich auffällig verhält, ist dieses in der Regel – außer in pathologisch begründeten Fällen – in Wirklichkeit ein völlig natürliches Verhalten im Rahmen seines agonistischen Repertoires einschließlich dessen, welches sich aus seiner rassespezifischen Zuchthistorie ergibt. Der konkrete Verhaltensauslöser ist irgendeine ihm durch die BesitzerInnen unbewusst übertragene Verantwortung, der er jetzt mittels dieses Verhaltensrepertoires gerecht werden will. Er verhält sich also tatsächlich gar nicht auffällig, sondern nur scheinbar, und zwar nur aus Sicht von Herrchen oder Frauchen. Sie erkennen nämlich nicht, dass die eigentliche Ursache ihr eigenes falsches Verhalten ist, indem sie dem Hund dadurch signalisiert haben, er hätte jetzt eine Verantwortung. Eine solche Verantwortung könnte sein, für seine eigene oder sogar beider Sicherheit sorgen zu müssen oder die Verantwortung für ein Revier. Ein Indiz dafür, dass ihre Verantwortungsübertragung unbewusst geschehen ist, zeigt sich in ihrem Unverständnis für das hündische Verhalten und sein Fehlinterpretieren als ein auffälliges. Wenn Herrchen oder Frauchen ihre Verantwortungsübertragung auf den Hund bewusst wäre, würden sie ja das hündische Verhalten auch nicht als auffällig identifizieren. Ich nenne in diesem Zusammenhang immer gerne das  Beispiel eines Wachhundes. In seinem Falle würde auch niemand auf die Idee kommen, sein ohrenbetäubendes Gekläffe als Verhaltensauffälligkeit zu brandmarken, wenn er jeglichen Eindringling verscheuchen oder auf ihn aufmerksam machen will.

Deshalb setzt eine „Hundetherapie“ in erster Linie auch nicht beim Korrigieren des hündischen Verhaltens an, sondern beim Versuch, das falsche Verhalten von Frauchen und Herrchen abzuändern, um dem Hund den Grund für sein „auffälliges“ Verhalten zu nehmen. Erst danach folgt die Korrektur des Hundes, falls es dann überhaupt noch notwendig ist. Im wahren Leben ist die Reihenfolge allerdings aus pragmatischen Gründen oftmals anders herum, da der Hund erst verstehen muss, dass Herrchen oder Frauchen ihm ab jetzt die Verantwortung entzogen haben. Aber die Diskussion über die Reihenfolge von hündischer Korrektur und menschlichem Verhalten hat etwas von Huhn und Ei. Daher ist es eben auch nicht falsch, wenn der Trainer den Hund an dieser Stelle übernimmt, um ihn zunächst in seinem Verhalten zu korrigieren und dann zu demonstrieren, dass er bei ihm die bisherige Verantwortung nicht mehr hat, so dass der Hund schon mal einen Aha-Effekt erfährt. Dabei ist die entscheidende Erfolgsvoraussetzung, dass beides korreliert, also die Korrektur nicht im Widerspruch zum Verhalten des Trainers steht. Ansonsten käme der Hund in einen Konflikt. Dies demonstriert der Trainer dem Hund durch sein Verhalten möglichst zeitnah zur Korrektur in einer gestellten Situation, und zwar in einer solchen, in der der Hund bisher seiner Verantwortung hätte gerecht werden müssen, aber jetzt eben nicht mehr, weil der Trainer jetzt diese Verantwortung anstatt seiner übernimmt. Das kann zum Beispiel die demonstrative Verteidigung gegenüber anderen Hunden sein. Und da der Hund – wie auch durch die „Kritiker“ anerkannt – sofort sein Verhalten ändert, muss unterstellt werden, dass er aufgrund seiner neurobiologischen Voraussetzungen und somit kognitiven Fähigkeiten auch dazu in der Lage ist, dieses andere Verhalten des Trainers mit der ihm entzogenen Verantwortung in Verbindung zu bringen und sein eigenes Verhalten dieser neuen Situation auch anzupassen.

Allerdings, und jetzt kommt der „Haken“, müssen Herrchen und Frauchen, wenn sie dann den Hund vom Trainer wieder übernehmen, sich in gleicher Weise und sofort wie der Trainer verhalten. Dann ist auch der Hund aufgrund seiner mentalen Kompetenz durchaus in der Lage, die Situation kognitiv so zu verarbeiten, dass er das veränderte Verhalten von Herrchen oder Frauchen mit der ihm entzogenen Verantwortung assoziiert.

Da dieses Verändern des Verhaltens von Herrchen und Frauchen dem Hund gegenüber aber einer Veränderung ihrer bisherigen Gewohnheiten gleichkommt, sind wir beim Problem, welches ich im vorherigen Beitrag erläutert habe.

Insofern unterstelle ich, dass das nicht nachhaltige Ändern des hündischen Verhaltens nach einer Therapie nicht auf einen sogenannten Trainereffekt zurückzuführen ist, sondern auf das nicht nachhaltige Ändern des Verhaltens von Herrchen und Frauchen dem Hund gegenüber. In der Humanmedizin nennt man dieses Phänomen „mangelnde Compliance“ des Patienten, also mangelnde Therapietreue, auf die ich auch in meinem Buch Problemhunde und ihre Therapie eingegangen bin.

Der Hund ist aufgrund seiner neurobiologischen Voraussetzungen sogar in der Lage, nuancierte Verhaltensänderungen des Menschen wahrzunehmen. Er kann sogar Stimmungsschwankungen bei Herrchen und Frauchen registrieren. Und man unterstellt ihm die Fähigkeit, mittels seines Geruchssinnes Gemütszustände seiner BesitzerInnen zu identifizieren.

Sollte man dann dem Hund nicht auch die Fähigkeiten zubilligen, ein geändertes Verhaltensmuster seiner Führungsperson zu erkennen und sich entsprechend angepasst zu verhalten? Ich denke, diesen Respekt sind wir ihm schuldig.

Zusammengefasst: Es gibt insofern einen sogenannten Trainereffekt in Form der unmittelbaren und wirkungsvollen Einflussnahme durch die Trainerpersönlichkeit auf den Hund mit der Folge, dass dieser sein Verhalten sofort ändert. Aber der gleiche Effekt stellt sich auch ein, wenn es dem Trainer gelingt, Herrchen oder Frauchen dazu zu motivieren, sich ab sofort so zu verhalten wie der Trainer. Dann müssten wir das Ganze aber auch “Herrcheneffekt” oder “Fraucheneffekt” nennen.

Deshalb ist der sogenannte Trainereffekt, so wie er argumentativ zur Begründung des Scheiterns der Transmission eines schnellen in einen auch nachhaltigen Trainingserfolg verwendet wird, nichts anderes als die Vertuschung des Scheiterns, das menschliche Verhalten von Frauchen oder Herrchen nicht ausreichend schnell ändern zu können.

Das Ganze soll keine unkollegiale Kritik an meinen KollegInnen sein, denn wenn Sie nochmal meinen vorherigen Beitrag über das Scheitern eines Trainings lesen oder sich in Erinnerung rufen, sollten Sie wissen, dass ich mich selbst hier nicht ausnehme. Auch mir gelingt dieses kommunikative Kunststück der erfolgreichen Motivation der HundebesitzerInnen nicht immer. Aber dann sollten wir das Kind auch beim Namen nennen und unser Scheitern nicht mit dem sogenannten Trainereffekt euphemisieren.

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31. WARUM EINE HUNDEERZIEHUNG MISSLINGT

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oder

die Macht der Basalganglien

Ein einfaches Experiment: Verschränken Sie Ihre Arme vor der Brust. Nach wenigen Sekunden tauschen Sie die Positionen der Arme, so dass sich der zuvor obenauf liegende unten befindet.

Was sagt Ihr Gefühl? Komisch, oder?

Ihr Gehirn musste soeben seinen gewohnten Pfad verlassen und produzierte deshalb dieses komische Gefühl. Wenn es stattdessen Routinehandlungen ausführen lässt, belohnt es sich selbst mit endogenen (körpereigenen) Opioiden, was zu einem angenehmen Gefühl des Geborgenseins führt. Deshalb fühlt der Mensch sich wohl, wenn alles seinen „gewohnten“ Gang geht. Selbiges fand aber beim gerade beschriebenen Experiment nicht statt, im Gegenteil.

Wenn Sie jetzt schätzen sollten, wie viele Wiederholungen oder wie lange Sie brauchen würden, um das Verschränken Ihrer Arme in der korrigierten Variante zur Gewohnheit werden zu lassen und das Gehirn dann statt des komischen Gefühls wieder das Wohlfühlhormon ausschüttet, lägen Sie bestimmt daneben. Bei manchen Gewohnheiten sprechen Experten von mehreren Monaten, bis eine Handlung in eine Routine übergegangen ist. Essgewohnheiten können schon mal locker 3 Jahre in Anspruch nehmen, bis sie stabil sind.

Mag sein, dass dieses Experiment im ersten Moment weit hergeholt erscheint; aber ich habe gerade eine der Ursachen beschrieben, warum gelegentlich die Therapie eines „Problem“-Hundes im ersten Anlauf scheitert.

Ich bekam nämlich kürzlich eine nicht wirklich lieb gemeinte Mail eines offensichtlich von mir enttäuschten Kunden, in der er seinem Frust unüberlesbar Ausdruck verlieh und äußerte, dass sich mittlerweile das Problemverhalten seines Hundes in genau der gleichen Art wieder eingestellt habe, wie es vor meinem „sogenannten Training“ der Fall gewesen sei. Ich konnte mich auch sofort an diesen Fall erinnern; auch daran, dass wir relativ schnell einen Erfolg erzielt hatten und er recht zufrieden war.

Nachdem ich ihm dann mit viel Zureden nochmal einen auf Kulanz kalkulierten Besuch nahelegen konnte – denn einerseits tun mir solche Fälle natürlich weh und andererseits war ich mir sicher, wo die Lösung lag – haben wir das Problem auch im zweiten Anlauf aus der Welt schaffen können.

Es ärgert mich schon, wenn mich KundInnen kontaktieren müssen, um mir enttäuscht mitzuteilen, dass sich der anfängliche und relativ schnell eingestellte Erfolg unserer Therapie sozusagen in Luft aufgelöst habe und ihr Liebling die gleichen Verhaltensauffälligkeiten zeige wie zuvor. Das ist zwar nur selten der Fall, aber es kommt vor. Und mir ist auch bewusst, dass alle, die an dem schnellen Erfolg eines solchen Trainings zweifeln, solche Misserfolge zu gerne auf den sogenannten Trainereffekt reduziert wissen wollen. Aber dem widerspricht die Erfolgsrate, die man in solchen Fällen durch eine einzige Wiederholung des Trainings erzielt. Auch aus dem Grunde werde ich in einem meiner nächsten Beiträge auf diesen offensichtlich in aller Munde befindlichen „Trainereffekt“ einmal eingehen und eine wahrscheinlich verblüffende Erklärung des Sozialpsychologen bringen und den Mythos ein wenig relativieren. Es gibt aus meinen Erfahrungen nur einen einzigen Grund, wann ein Erziehungstraining scheitern muss und trotz richtigen Verhaltens des Menschen, der Hund sein Verhalten nicht ändert: Wenn ein pathologischer Befund vorliegt.

Zum besseren Verständnis weise ich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich darauf hin, dass ich in diesem Kontext mit der Begrifflichkeit Therapie bzw. Erziehung des Hundes nicht seine Ausbildung meine. Eine solche ist wahrhaftig nicht in kurzer Zeit erfolgreich realisierbar, weil sie u.a. auf Wiederholungen basiert und allein schon deshalb, neben dem Anwenden teilweise völlig anderer Mittel und Methoden, mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber davon rede ich hier nicht, sondern von der Erziehung, die im Grunde genommen nicht mehr und nicht weniger ist als die Entbindung des Hundes von irgendeiner Verantwortung, die ihm – meistens unbewusst – durch ein falsches Verhalten der HundebesitzerInnen übertragen wurde. Und da dies in der Regel nichts anderes ist, als die Unterweisung der HundebesitzerInnen mit einer gleichzeitigen Korrektur ihres bisherigen Verhaltens dem Hund gegenüber, ist es eigentlich auch in relativ kurzer Zeit machbar.

Das klingt allerdings einfacher als es ist. Denn die Voraussetzung für den Erfolg dieses Unterfangens ist, dass mir als Trainer zwei Dinge gelingen (was nicht selbstverständlich ist):

  1. Ich muss nicht nur vermeintlich, sondern tatsächlich mit meiner Analyse des hündischen Fehlverhaltens und ihrer Erklärung das Bewusstsein der KundInnen erreichen. Dass mir das nicht zwingend gelungen sein muss, selbst wenn sie mir verbal zu verstehen gegeben haben, dass sie es verstanden hätten, habe ich bereits in einem meiner vorherigen Beiträge erläutert. Und – wie ich es auch in dem Beitrag bereits beschrieben habe – liegt die Verantwortung für das Scheitern dieses Vorhabens in der Regel nicht bei den EmpfängerInnen meiner Nachricht, sondern bei mir.
  2. Es muss mir als Trainer gelingen, Herrchen oder Frauchen zu motivieren, ihr gewohntes Verhalten dem Hund gegenüber tatsächlich zu korrigieren.

Und damit sind wir beim Problem. Wie das zu Beginn beschriebene Experiment zeigt, bedarf eine Gewohnheit, bis sie zu einer solchen wird, mehr oder weniger viele Wiederholungen eines erfolgreichen Handelns. Allerdings ist diese Anzahl von Wiederholungen noch relativ harmlos im Vergleich zu den Wiederholungen, die notwendig sind, um eine Gewohnheit wieder zu “löschen” und durch eine neue oder alternative erfolgreich zu ersetzen.

Welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn Gewohnheiten entstehen, hat Ann Graybiel, Professorin für Neurowissenschaften am Brain and Cognitive Sceinces Department des Massachusetts Institute of Technology erforscht. Sie ließ Ratten in einem Labyrinth nach einem versteckten Stück Schokolade suchen. Dies wiederholte sie mehrmals und maß währenddessen mittels angeschlossener Elektroden ihre Gehirnaktivitäten. Anfänglich waren alle Gehirnareale beteiligt, die für komplexe Denkprozesse und Entscheidungen zuständig sind und eine erhöhte Aufmerksamkeit bedürfen und dadurch wichtige Bereiche des Gehirns sozusagen in Beschlag nehmen. Je öfter die Tiere aber übten und den Weg zur Belohnung immer sicherer fanden, umso inaktiver wurden diese Bereiche, bis sie ganz aufhörten zu feuern. Aber ein Zellhaufen im Gehirninneren, den man bisher nur mit motorischen Aktivitäten in Verbindung brachte, blieb weiterhin aktiv: Sie werden als Basalganglien bezeichnet, eine Gruppe von Neuronenhaufen, die unterhalb der Großhirnrinde liegt und zum Großhirn gezählt wird. Heute geht man davon aus, dass sie eine Art Handlungsgedächtnis sind, das alle Bewegungsmuster speichert, die sich einmal als erfolgreich bewährt haben. Während sie aktiv sind, kann das restliche Gehirn quasi schlafen, oder steht für wichtigere Dinge zur Verfügung, die das Nachdenken erfordern.

Ein weiterer Effekt von Gewohnheiten ist, neben der guten Energiebilanz, das mit ihnen einhergehende angenehme Gefühl der Sicherheit, welches sie vermitteln. Aber damit entsteht auch das „Problem“, nämlich ihre Macht, die Macht der Gewohnheit. Fluch und Segen zugleich. Der Segen ist die Entlastung des Gehirns von Banalitäten, die in einer komplexen Umwelt erheblich sein können und das Gehirn sehr schnell an seine Kapazitätsgrenzen führen würden, wenn sich das Gehirn in Form von Aufmerksamkeit und Bewusstheit um sie kümmern müsste. Aber was ist der Nachteil?

Der Nachteil von Gewohnheiten wird uns bewusst, wenn wir einmal schlechte Routinen, falsche oder uns nicht guttuende Gewohnheiten ablegen und durch neue ersetzen wollen. Gewohnheiten lotsen uns zwar sozusagen durch das Labyrinth des Lebens und schützen uns vor Überforderung durch Details im Alltag. Aber diese Form der Energieeinsparung ist auch der Grund, warum wir uns so schwer tun mit dem Verändern. „Gewohnheiten sind kleine Süchte“, sagt Professor Wolfram Schultz, Neurowissenschaftler an der University of Cambridge. Das Gehirn trickst sich quasi selbst aus, indem es erfolgreiches Handeln zur Routine werden lässt und dann jedes Mal, wenn die Routine angewendet wird, wieder zusätzlich belohnt, indem es Botenstoffe ausschüttet, die das erwähnte angenehme Gefühl begründen, wie bei einem Junkie. Ohne dass wir es merken, grenzen uns Gewohnheiten ein. Sie führen sogar dazu, dass wir neue Informationen gar nicht mehr wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn die neue Information vernünftig klingt und die Lösung eines Problems verspricht. Nach dem Motto: „Wer einen Hammer hat, für den sieht jedes Problem wie ein Nagel aus.“ „Achtsamkeit, Spontaneität und Neugierde sind die Gegenpole zur Gewohnheit“, sagt auch der bekannte Therapeut Nicolas Hoffmann.

Gewohnheiten sind also dann gut, wenn sie uns von unnötigem kognitivem Aufwand befreien; sie sind aber schlecht, wenn sie uns hindern, notwendige Änderungen vorzunehmen. Und genau das trifft zu, wenn ich von Herrchen oder Frauchen verlange, von ihren bisherigen Verhaltensgewohnheiten im Umgang mit ihren Lieblingen Abstand zu nehmen und stattdessen eine andere Verhaltensweise zu ihrer Gewohnheit zu machen.

Grundvoraussetzung für das Gelingen dieses Unterfangens ist natürlich erst einmal das tatsächliche Erkennen und Begreifen des Falschen an der bisherigen Gewohnheit, um überhaupt eine innere Bereitschaft zur Änderung zu erlangen. Erst dann kann der aufwendige Mechanismus zur Etablierung einer neuen Gewohnheit starten. Insofern ist es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass es eine neue Gewohnheit gar nicht schafft, zu einer solchen zu werden, wenn es mir als Trainer nicht gelingen sollte, beim Erklären der Kausalitäten des hündischen Verhaltens einen Aha-Effekt zu erreichen, der sich beispielsweise in Herrchens oder Frauchens Aussage wie folgt offenbaren würde: „Mensch, das ist ja völlig logisch, was sie da sagen!“ Erst wenn Herrchen und Frauchen den Sinn und die Richtigkeit des neuen Verhaltens tatsächlich verstanden und auch akzeptiert haben, sind sie mental bereit, ihr gewohntes Verhalten zu ändern.

An dieser Stelle will ich nochmal auf den eingangs genannten Fall zurückkommen, bei dem ein Hundebesitzer mir seine Enttäuschung mitteilte. Ich konnte ihn – trotz seiner Frustrierung – dazu bewegen, mir eine kurze Videosequenz zuzuschicken, die sein erneutes Problem beim Spaziergang mit dem Hund dokumentiert. Und siehe da: Genau das, was ich ihm zu Beginn unseres damaligen Trainings als Ursache der hündischen Verhaltensauffälligkeit  beschrieben hatte, nämlich die dem Hund übertragene Verantwortung für ihre beider Sicherheit und das Revier, war auf dieser Videosequenz in genau gleicher Weise wieder zu erkennen, obwohl er mir seinerzeit glaubhaft versichert hatte, meine Analyse verstanden zu haben. Der Hund lief jetzt wieder wie zuvor – und von mir als Indiz für eine ihm übertragene Verantwortung identifiziert – an straffer Leine vor ihm her, mit der Nase am Boden, alle „feindlichen“ Informationen inhalierend und den Schwanz steil nach oben gerichtet. Aber von einer sofortigen Korrektur dieses Verhaltens, die ich ihm seinerzeit angeraten hatte, einhergehend mit der demonstrativen Entbindung des Hundes von dieser Verantwortung, war allerdings nichts zu erkennen. Herrchen war offensichtlich wieder in seine alte und „Dopamin produzierende“ Gewohnheit zurückgefallen und ließ den Hund nicht nur gewähren, sondern verlangte von ihm, wie zuvor, das feindliche Revier aufzuklären und sich und Herrchen vor allen Gefahren zu bewahren.

Die Frage, die sich daraus stellt, lautet: Wer trägt dafür die Schuld? Ich als Trainer? Oder er als Hundebesitzer, der das, was ich ihm als Therapieansatz vermittelt habe, nicht anwendet?

Die Antwort, die der Kommunikationswissenschaftler oder Sozialpsychologe darauf geben, lautet: Mache nicht den Empfänger für das Misslingen deiner Wissensvermittlung verantwortlich.

Mir ist es offensichtlich nicht gelungen, mit meiner Analyse zu den Ursachen, warum sich der Hund so verhält wie er sich verhält, das Bewusstsein des Kunden zu erreichen, auch wenn er mir verbal eigentlich bestätigt hatte, es verstanden zu haben. Es ist mir nicht nur nicht gelungen, mit meiner Botschaft bei ihm eine solche Überzeugtheit zu erlangt, dass er bereit gewesen wäre, von seiner alten gewohnten Umgangsform mit seinem Hund Abstand zu nehmen. Es ist mir erst recht nicht gelungen, ihn zum mühsamen Anlegen einer neuen Gewohnheit zu animieren.

Der Unternehmensberater Dr. Reinhard Springer sagt dazu so treffend: „Die Macht der Gewohnheit ist der härteste Klebstoff der Welt.“ Als Trainer bin ich also nur dann erfolgreich, wenn es mir gelingt, für diesen Klebstoff ein Lösungsmittel zu finden.

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30. DAS FEHLINTERPRETIEREN HÜNDISCHEN VERHALTENS

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oder

Ein kleiner akademischer Exkurs in die Crux mit der Komplexität

Über das leidige Problem des Fehlinterpretierens hündischen Verhaltens sowie seinen Ursachen und Folgen habe ich mich ja schon ausführlich geäußert. Dabei muss aber nicht nur das von mir erwähnte Vermenschlichen der Kreatur Hund und die dadurch bedingte unzulässige Deutung seines Verhaltens die Ursache sein, sondern es kann auch etwas völlig anderes „die Finger im Spiel haben“. Etwas, was im ersten Moment vielleicht ein wenig weit her geholt erscheint, aber bei genauerer Betrachtung doch als Begründung für so manch eine Fehlinterpretation und als Ursache falschen Verhaltens des Menschen dem Hund gegenüber zu taugen scheint, nämlich: Die Komplexität der Ursachen und Einflussfaktoren auf das hündische Verhalten in einer konkreten Situation, in der sich der Hund in einer bestimmten Art und Weise verhält; und die durch sie bedingte Unfähigkeit des Menschen, das Verhalten des Hundes korrekt zu interpretieren und dann folgerichtig zu reagieren.

Was ist damit gemeint? Für ein besseres Verständnis macht es Sinn, einen kleinen Exkurs in die Theorie des menschlichen Fehlverhaltens oder auch menschlichen Versagens zu unternehmen. Die Wissenschaft befasst sich seit langem mit den kognitiven Fehlern und ihren evolutionsbiologischen Grundlagen. Dabei untersucht man eine ganze Reihe von sogenannten Fehlerfamilien; die nicht nur negativ zu bewerten sind, sondern evolutionsbiologisch sogar Sinn machten und dem Menschen eben auch Vorteile im Überlebenskampf brachten, indem er dadurch in hoch komplexen Situationen überhaupt handelte, anstatt vor Angst oder Ehrfurcht zu erstarren. Pro Sekunde treffen auf die menschlichen Sinnesorgane mehr als eine Million Informationen. Diese zu verarbeiten, ist für die begrenzte Kapazität des Säugetiergehirns ein Ding der Unmöglichkeit. Also galt und gilt es, herauszufiltern und zu simplifizieren. Eine sich daraus ergebende Fehlerfamilie nennt sich Schnelligkeit und Vereinfachung durch Reduktion, die wiederum in zwei Bereiche unterteilt ist, nämlich in den Umgang mit Komplexität und in die Heuristiken.

Letzteres ist die Fähigkeit des Gehirns, in hoch komplexen Situationen, ohne Kenntnis aller Zusammenhänge, durch starke Vereinfachung eine halbwegs brauchbare Entscheidung zu treffen. Diese ist dann zwar hin und wieder falsch, aber in der Gesamtsumme wirkt es sich eben als Überlebensvorteil aus, überhaupt zu handeln, statt zu erstarren.

Ein Beispiel, dass auch Hunde diese Fähigkeit nutzen, kennt jeder: Wer hat sich nicht schon mal gefragt, wie es sein kann, dass sein Liebling die Frisbeescheibe, die man ihm zuwirft, mit relativ hoher Zuverlässigkeit auch tatsächlich fängt. Und das sogar selbst dann, wenn man sie ihm nicht direkt ins Maul schmeißt, sondern im hohen Bogen in eine völlig andere Richtung. Sein Fangversuch wird zwar nicht immer von Erfolg gekrönt, aber immerhin auffallend oft. Und das Ganze, ohne dass er wie unsereins im Physik- und Mathematikunterricht gesessen und schon mal etwas von Newtons Gravitationsgesetz oder Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie gehört und die Formel zur Berechnung einer Flugbahn auswendig gelernt hätte. In diesem Falle müsste er sogar nicht nur die Parabelfunktion mit all ihren zu berücksichtigenden Variablen wie Abwurfgeschwindigkeit, Abwurfwinkel, Gewicht, Gravitation usw. im Kopf haben, wie es „nur“ notwendig wäre, wenn man ihm einen Tennisball zuwerfen würde; sondern im Falle der Frisbeescheibe müsste er zusätzlich noch deren Auftriebskraft unter Berücksichtigung von Luftdichte, Flug- und Drehgeschwindigkeit, Auftriebsbeiwert, Auftriebsfläche, Staudruck sowie den Wind mit Stärke und Richtung  mit in seine Berechnungen einbeziehen, um den Ort vorauszuberechnen, an den er sich zu begeben hat. Obwohl Bello diese Berechnungen nicht anstellen kann, läuft er trotzdem zielgenau dorthin, wo die Scheibe ihm quasi direkt ins Maul fällt oder er nur noch zuzuschnappen braucht. Wie kann das sein?

Die Antwort liefert die Heuristik: Weil Bello und Co. sich nicht des hochkomplexen Mittels zur Berechnung der Flugbahn bedienen, aus der sich der Ort ergeben würde, an den sie sich begeben müssen, um erfolgreich zu sein, sondern stattdessen eines wesentlich simpleren: Sie laufen einfach nur mit ständigem Blick zur Scheibe so, dass ihr Blickwinkel immerfort konstant bleibt. Das ist eine Fähigkeit des Säugetiergehirns, welches ihm evolutiv einen Vorteil brachte, indem es für hochkomplexe Entscheidungssituationen einen verblüffend einfachen Lösungsansatz wählt.

Das klingt natürlich erst einmal nach einem Segen. Aber wie so oft hat das Ganze auch seine Kehrseite, den Fluch. Und der kommt zum Tragen, wenn man Heuristiken dann und dort anwendet, wenn und wo sie gar nicht angebracht sind und die Protagonisten noch nicht einmal unter Zeitdruck handeln, sondern nur nicht willens oder in der Lage sind, sich alle notwendigen Kenntnisse für eine vernünftige Entscheidung anzueignen. Bei der Beurteilung des hündischen Verhaltens haben wir diese Zeit zur Aneignung notwendiger Kenntnisse aber eigentlich. Trotzdem neigen wir immer wieder zur Vereinfachung der Gründe, warum Bello und Co. sich so und nicht anders verhalten.

Für unseren Versuch, das Fehlinterpretieren hündischen Verhaltens durch den Menschen besser zu verstehen und zu erklären, macht aber die Betrachtung des erstgenannten Bereiches der erwähnten Fehlerfamilie noch etwas mehr Sinn, der sich da nennt: Umgang des menschlichen Gehirns mit Komplexität.

Zwei Fragen, die sich daraus im hiesigen Kontext ergeben, lauten: Was ist eine komplexe Situation bzw. wodurch ist sie gekennzeichnet? Und inwiefern trifft dies auf die Situation des hündischen Verhaltens und ihrer menschlichen Interpretation zu?

Auf die erste Frage gibt die Psychologie eine Antwort, indem sie die Merkmale einer komplexen Situation beschreibt:

„(…) Intransparenz, Dynamik, Vernetztheit und Unvollständigkeit oder Falschheit der Kenntnisse über das jeweilige System (…)“ (Dörner 1989, S. 59).

Eine komplexe Situation ist demnach daran zu erkennen, wenn es eine Vielzahl von Einflussfaktoren oder Merkmalen gibt, von denen noch nicht einmal alle bekannt sind, die sich obendrein auch noch verändern können und sich dadurch untereinander beeinflussen. Und noch schlimmer wird es, wenn der Mensch die wenigen Merkmale, die er kennt, obendrein auch noch falsch bewertet. Mit anderen Worten, der Mensch mit seinen begrenzten kognitiven Fähigkeiten, solche Situationen zu durchschauen, ist kaum in der Lage, bei seiner Entscheidungsfindung alle Merkmale zu berücksichtigen, die aber notwendig wären, berücksichtigt zu werden, wenn man eine vernünftige Entscheidung treffen will.

Auf die Situation mit einem hündischen Verhalten bezogen bedeutet dies, dass die Einflussfaktoren, warum ein Hund sich in einer konkreten Situation so und nicht anders verhält, vielseitig und gegenseitig beeinflussbar sind und eine Reihe von Ursachen haben können, von denen nicht alle bekannt sind oder falsch eingeschätzt werden.

Ein schönes Beispiel liefert eine Situation unmittelbar vor dem Gassi-Gehen, die sich auszumalen, sicherlich jeder im Stande sieht: Bello liegt dösend, ruhig und sichtbar entspannt auf seiner Decke, während Frauchen auf der Couch liegend höchst gelangweilt in einer Zeitschrift blättert und ab und zu an ihrer Tasse Tee nippt. Der Kreislauf beider ist heruntergefahren und der Parasympathikus des vegetativen Nervensystems hat alle Systeme auf Entspannungslevel gefahren.

Aber nun kommt Frauchen auf die Idee – wie es in einer nach Beamtendeutsch klingenden Quelle so schön heißt – den Hund zum Versäubern ins Freie zu führen. Dazu steht sie auf, was Bello zumindest zum Heben der Augenlider veranlasst, aber anschließend eine ganze Reihe von kausal verschlüsselten Aktivitäten auslöst, sowie für ihn Frauchens wahre Absicht aus konkreten Handlungsequenzen abzuleiten ist. Dazu zählen zum Beispiel nonverbale Indizien wie ihr Gang in Richtung Flur, das Rascheln ihrer Kleidung, das Klimpern mit dem Schlüsselbund oder der Griff zur Leine. Nahezu unmittelbar werden reflexartige Aktivitäten des Hundes sichtbar wie Gähnen, Hecheln und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein wildes Rotieren der Rute. Simultan beginnt Bello aber auch, auf und ab zu trappeln, und das nicht nur zur Tür hin, sondern auch von ihr wieder weg.

Wenn ich in solchen gestellten Situationen Frauchen oder Herrchen frage, wie sie diese Situation und das hündische Verhalten bewerten, höre ich prompt ebenso mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: „Der Hund freut sich“ oder „er ist aufgeregt und freut sich.“ Wenn ich dann weiter bohre, woran konkret man denn meine, insbesondere die Freude festzumachen? Dann kommt in der Regel wie aus der Pistole: „Na gucken Sie doch mal, wie er hechelt und mit dem Schwanz wedelt!“

Aber ist es das wirklich? Ich behaupte: Mitnichten grundsätzlich. Nur diese kurze Sequenz des hündischen Verhaltens kann nämlich durch eine ganze Reihe unbekannter Einflussfaktoren begründet sein. Und zwar durchaus auch hervorgerufen durch Einflussfaktoren weit weg von Freude und sonstigen angenehmen Gefühlen. Wenn Bello mit der Rute wedelt, ist das ein sicheres Indiz dafür, dass er zumindest psychisch angespannt ist und die weitere Entwicklung der Situation nicht sicher voraussehen kann. Das kann durchaus mit Freude korrelieren, muss es aber nicht. Im Extremfall ist es sogar ein Zeichen von purem Stress, welcher sich dann ergibt, wenn Bello für das Problem keine Lösung hat oder glaubt, die Situation nicht beeinflussen zu können und daraus eine potentielle Gefahr für seine Sicherheit ableitet. Die äußerlich identische Reaktion zeigt der Hund beispielsweise nicht nur aufgrund der Aktivierung seines vegetativen Nervensystems, indem der Sympathikus seinen Körper auf die bevorstehende physische Belastung vorbereitet und ihn mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt; deshalb das Gähnen und Hecheln und Herumlaufen. In diesem Falle also eine zunächst harmlos einzuschätzende Situation. Aber wie sieht es aus, wenn der Auslöser dieser Reaktion ein vor der Tür stehender Besucher ist, den er als Gefahr ausmacht. Dann wäre die Situation nämlich gar nicht mehr so harmlos. Und Herrchen oder Frauchen müssten sich fragen lassen, ob diese Revierverantwortung oder Verantwortung für die Sicherheit des „Rudels“, der er hier offensichtlich gerecht werden will, ihm willentlich und bewusst übertragen wurde, oder ob es das Ergebnis einer unzulänglichen Erziehung ist.

Noch anders sieht es aus, wenn Bello in der Vergangenheit bei seinen „Spaziergängen“ böse Erfahrungen gemacht haben sollte, weil ihm – meistens unbewusst – die Beschützerfunktion übertragen wurde, indem ihm im Rahmen seiner Erziehung diese Aufgabe nicht demonstrativ und konsequent abgenommen wurde. Wenn er also weiß, dass jetzt wieder einmal ein Streifzug durch vermintes Feindesland bevorsteht, welches er aufzuklären und jeden Feind sich und Frauchen vom Leibe zu halten hat. Das bedeutet, die jetzt gleichen wie zuvor beschriebenen und in Vorbereitung des Verlassens der Wohnung gezeigten Reaktionen, die durch das vegetative Nervensystem veranlasst wurden, haben keinen nur harmlosen, sondern einen Stress verursachenden Auslöser. Und dem sollte völlig anders begegnet werden als einem freudigen.

Hätte man in solchen Situationen das Mittel der Cortisol-Messung zum Nachweis des Stressniveaus zur Verfügung, wäre die Klärung der Verhaltensursachen natürlich einfach. Nur, das ist in der Alltagssituation nicht machbar. Es wäre aber möglich nachzuweisen, dass die äußerlich sichtbaren Indikatoren u.U. völlig identisch sind, obwohl sich die eigentlichen Auslöser in ihrem Charakter erheblich unterscheiden. Ein probates und alltagstaugliches Mittel zur Identifizierung der tatsächlichen Auslöser der Indikatoren bzw. Verhaltensmerkmale habe ich bereits im Beitrag unter dem Titel „Der Wandel in der Mensch-Hund-Beziehung“ genannt, indem Herrchen oder Frauchen sich in allen Verhaltenssituationen, die ihnen als auffällig oder störend vorkommen, die beiden in dem Artikel am Ende genannten Fragen beantworten.

Mit anderen Worten: Die Auslöser und Ursachen eines bestimmten Verhaltens des Hundes dürfen nicht nur losgelöst und isoliert in der unmittelbar aktuellen Situation gesucht werden, die vielleicht sogar, oberflächlich betrachtet, eine einleuchtende Rechtfertigung oder Erklärung hergeben, sondern können durchaus auch in solchen Dingen wie den gemachten Erfahrungen des Hundes in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen und den sich daraus für ihn in diesem Moment ergebenden Assoziationen und Erwartungshaltungen liegen, oder in seiner Ausbildung und seinem Erziehungsgrad, bis hin zu seinen sich aus der Rasse ergebenden Veranlagungen und der Zuchthistorie. Und ein weiterer wichtiger Faktor bei der falschen Beurteilung konkreten Verhaltens ist das Fehlinterpretieren einzelner Gesten oder Indikatoren in diesem Kontext, wie Wedeln mit der Rute, insbesondere deren Richtung; Nase und Maul Lecken; Kopfschütteln; dem Blickkontakt ausweichen und Wegdrehen usw.

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