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Schlagwort: Verhalten

49. DER HYPERAKTIVE HUND

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oder

„the self-fulfilling-prophecy“

Neulich begrüßte mich eine englisch sprachige Hundebesitzerin, die mich erst nach langem Zögern gerufen hatte, um ihren Hund vielleicht doch noch vom „strain at the leash“ und „hunting“ zu befreien, mit folgenden Worten:

„…I’m afraid it’s no use …thereon several dog-schools had a tough time on …they told me he would be an hyperactive dog …“

Will meinen, dass es wohl nicht mehr viel Zweck habe, denn an ihrem angeblich hyperaktiven Hund hätten sich schon mehrere Hundeschulen erfolglos die Zähne ausgebissen.

Mir kam sofort wieder der Gedanke an das Thema, welches ich im letzten Beitrag aufgegriffen hatte, aber diesmal aus einem anderen Grund:

Die Konsequenzen des ständigen Vorausberechnens der nächsten Geschehnisse durch das Gehirn sind nämlich noch andere, als ich sie in dem Beitrag beschrieben hatte. Sie führen auch zur Herausbildung einer Erwartungshaltung. Und diese beeinflusst daraufhin wiederum die Wahrnehmung.

Anders ausgedrückt: Wenn der Mensch etwas wahrnimmt, wird seine Wahrnehmung wesentlich von seiner zuvor entwickelten Erwartung, was er wohl gleich wahrnehmen werde, beeinflusst.

Einfacher ausgedrückt: Man sieht, hört, riecht, fühlt und schmeckt, was man erwartet, gleich zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Die Wahrnehmung der Realität wird also wesentlich beeinflusst, um nicht zu sagen beeinträchtigt, durch die eigene Vorhersage und die dadurch erzeugte Erwartungshaltung.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, sie gingen am 31. Dezember gegen Mitternacht durch den Wald und hörten einen Knall. Wenn man Sie am nächsten Tag als Zeuge befragen würde, würden Sie wahrscheinlich Stein und Bein schwören, dass da jemand einen Silvesterknaller gezündet habe. Würde Ihnen gleiches aber am 31. Oktober widerfahren, wäre Ihre Wahrnehmung wahrscheinlich die eines waidmännischen Schusses. Ob aber beides mit der Realität übereinstimmt, wäre fraglich.

Woran liegt das?

Ihr Gehirn hat vorausberechnet, dass in der Silvesternacht sehr wahrscheinlich Knaller in die Luft gejagt werden und im Herbst im Wald die Tiere.

Und so ging es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch meiner Hundebesitzerin, deren Wahrnehmung durch das ihr offensichtlich von den Hundeschulen vermittelte Wissen beeinflusst wurde. Und wenn dieses vermittelte Wissen fragwürdig ist – um nicht zu sagen falsch – ist natürlich die Wahrnehmung auch fragwürdig bzw. falsch.

Der Psychologe nennt das Ganze auch „Selbsterfüllende Prophezeiung“, oder – um der netten Dame in ihrer Sprache zu antworten – um eine „self-fulfilling-prophecy“.
Die komplette Form einer solchen wäre beispielsweise:

Das eigene Denken beeinflusst das eigene Handeln, welches wiederum das Denken und Handeln anderer beeinflusst und somit das eigene Denken vermeintlich bestätigt. Mit anderen Worten: Wenn ich von jemandem denke – vielleicht weil mir dies irgendjemand aus bösem Grunde so suggeriert hat – er sei unsympathisch, verhalte ich mich ihm gegenüber auch so, dass dieser von mir denkt, ich fände ihn unsympathisch und verhält sich dann auch adäquat, so dass ich ihn dann tatsächlich auch als unsympathisch wahrnehme und er damit dann meine Erwartung voll erfüllt. In Wirklichkeit ist er vielleicht ein hoch anständiger Kerl und würde sich auch so verhalten, wenn ich mich ihm gegenüber auch so verhielte, dass er denken könnte, ich fände ihn sympathisch.

Eine verkürzte Form finden wir im Falle meiner Kundin:

Wenn einer Hundebesitzerin beispielsweise durch fragwürdige Experten fragwürdiges Wissen zu den Ursachen des hündischen Verhaltens ihres Lieblings vermittelt wurde – wie beispielsweise im oben genannten Fall, ihr Hund sei hyperaktiv – entwickelt sich bei ihr auch eine solche Erwartungshaltung, ihr Hund sei hyperaktiv und verhalte sich deshalb so, wie er sich verhält.

Das führte dann dazu, dass die gute Frau irgendwann eine Erwartungshaltung entwickelt hatte, dass ihr Hund, wenn er nun einmal hyperaktiv sei, offensichtlich gar nicht anders könne, als an der Leine zu zerren und zu jagen.

Die Wirtlichkeit sah aber völlig anders aus:

Nachdem ich den Hund innerhalb eines einzigen Trainings von seiner Verantwortung für seine eigene Sicherheit und die seines Frauchens befreit und dadurch auch seinen Entscheidungsspielraum drastisch eingeschränkt hatte, war von seiner angeblichen Hyperaktivität nicht mehr viel übriggeblieben, um nicht zu sagen gar nichts. Er hatte plötzlich weder Interesse am Zerren an der Leine noch am Jagen hinter seinesgleichen.

So passiert es mir eben sehr häufig, dass mir HundebesitzerInnen von falschen Diagnosen angeblicher Hundeexperten berichten, durch die sich bei ihnen eine völlig falsche Erwartungshaltung herausgebildet hatte und sie dadurch mental kaum noch bereit waren, die tatsächlichen Ursachen des hündischen Verhaltens zu suchen. Dadurch akzeptierten sie den Istzustand sozusagen als höhere Gewalt und ihre Prophezeiung erfüllte sich von ganz allein.

Um so trauriger ist das Ganze ja deshalb, weil eine Fehleinschätzung sowohl des Verhaltens eines Hundes als auch der dieses Verhalten verursachenden Gründe dazu führt, dass der Hund unter einem völlig unnötigen Stress leidet. Ich wage sogar zu behaupten – zumindest belegen dies alle meine Therapiefälle – dass in allen Fällen, wenn ein Hund als störend hyperaktiv eingeschätzt wird, es sich in Wirklichkeit ausschließlich um ein Stresssymptom handelt. Und dieser Stress wiederum ist in einer dem Hund übertragenen Verantwortung begründet, der er gerecht werden will, aber unter seinen konkreten Rahmenbedingungen eben nicht gerecht werden kann. Wenn er seiner Verantwortung gerecht werden könnte, indem man ihm auch den dazu notwendigen Entscheidungsspielraum überlässt, würde er auch diese Symptome nicht zeigen und „locker“ mit der Verantwortung umgehen.

Dass viele HundebesitzerInnen dies aber nicht als solches erkennen, ist meistens darin begründet, dass die Übertragung der Verantwortung unbewusst stattgefunden hat. Dadurch erkennen sie auch nicht, dass das Verhalten des Hundes – beispielsweise das Zerren an der Leine und das Jagen – in der ihm übertragenen Verantwortung begründet und somit ein eigentlich völlig natürliches Verhalten ist. Wenn Frauchen dann versucht, ihn von diesem Verhalten abzuhalten oder ihn sogar mehr oder weniger dafür “bestraft”, kommt er in Konflikte und entwickelt Stresssymptome.

Die bessere Lösung ist aber immer – außer er soll ganz bewusst als Wachhund Bewachungsaufgaben erfüllen – dass man dem Hund gar nicht erst diese Verantwortung überträgt und als HundebesitzerIn selbst die Verantwortung für die Sicherheit des Hundes und seine eigene übernimmt und dies auch dem Hund demonstrativ zeigt.

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48. DER IRRTUM MIT DEM RUTEN-WEDELN

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oder

Warum können wir uns nicht selbst kitzeln?

Wenn HundebsitzerInnen mich rufen, damit ich ihnen helfe, ihre vierbeinigen Schützlinge von irgendeiner ungewollten „Macke“ zu befreien, lasse ich mir in der Regel zunächst das vermeintliche Problem beschreiben; getreu der Marx’schen Erkenntnis, die er in seinem Werk „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ formulierte:

„Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess des Werdens begriffen sind.”

Einfacher ausgedrückt: Wenn der Mensch in der Lage ist, das Problem zu formulieren, ist er auch in der Lage, es zu lösen.

Und so erlebe ich nicht selten, dass meine KundInnen den Lösungsansatz für ihr Problem eigentlich schon selbst im Rahmen ihrer Problembeschreibung mit beschreiben; allerdings ohne es zu wissen. Denn daran hindert sie in der Regel ihr falsches Interpretieren des hündischen Verhaltens. Sie erkennen und beschreiben zwar durchaus richtig eine Kausalkette von Verhaltensweisen des Hundes, aber scheitern dann immer an deren falscher Interpretation, um zu richtigen Schlüssen zu kommen. Auf eine der dafür verantwortlichen Ursachen, das Phänomen des Anthropomorphismus (das Vermenschlichen des tierischen Verhaltens), bin ich an anderer Stelle schon eingegangen und will mich nicht wiederholen.

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen betrifft das Wedeln der Rute. Beispielsweise wenn meine KundInnen den Versuch unternehmen, den Gemütszustand ihres Schützlings in einer „Problemsituation“ zu beschreiben und im Zuge dessen – quasi als Beweis – das wilde Rotieren seiner Rute anführen.

Anders ausgedrückt: Gemütszustände wie Erregung oder gar Aggressivität aber auch Freude werden fälschlicherweise am Rutenwedeln festgemacht.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Wedeln mit der Rute kann durchaus mit solchen Gefühlen korrelieren; allerdings ist es nicht kausal miteinander verbunden. Das heißt, das auslösende Moment sind nicht solche Gefühle wie Angst oder Freude. Diese können zwar zufällig simultan präsent sein, aber sie führen nicht ursächlich zum Rutenwedeln.

Ich habe auch diese Zusammenhänge in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ ausführlich beschrieben. Deshalb will ich es an dieser Stelle aus einem etwas anderen Blickwinkel tun, nämlich aus dem der Neurowissenschaften des menschlichen Gehirns. Denn dort ist ein Phänomen, welches zur Erklärung unseres Problems dienlich ist, mittlerweile sehr gut untersucht. Und da die Neurophysiologie beider Gehirne ähnlich ist, kann man mit ausreichender Sicherheit davon ausgehen, dass auch das Canidengehirn gleichermaßen funktioniert.

Das Ganze hat nämlich etwas mit einem kognitiven Prozess unter anderem im Kleinhirn zu tun.

Eine der wichtigsten Funktionen oder Aufgaben des Gehirns ist bekanntlich, seinen Besitzer im Überlebenskampf zu unterstützen bzw. diesen überhaupt zu ermöglichen. Und dazu gehört das Abwehren von Gefahren.

Eine der effizientesten Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr ist deren eventuelle Voraussage. Deshalb berechnet das Kleinhirn alle kommenden Geschehnisse im Millisekundenbereich voraus. Das Ganze läuft natürlich im Unterbewusstsein ab, um die Kapazitäten des Bewusstseins nicht zu überfordern.

Das diesem Prozess zugrundeliegende Modell nennt sich Reafferenzprinzip. Demnach wird bei einem Kommando vom Gehirn, etwa an einen Muskel, eine Kopie dieses Befehls abgespeichert. Die Rückmeldungen werden dann mit dieser Kopie abgeglichen. Stimmt beides überein, ist keine Fehlermeldung an höhere Hirnbereiche nötig und somit keine weitere kognitive Aktivität. Erst wenn beides nicht übereinstimmt, die Voraussage also etwas anderes erwarten ließ, als tatsächlich geschehen ist, kommt eine Art Alarm und die Aufmerksamkeit wird aktiviert. Denn nur von etwas Unerwartetem oder Neuem kann eine Gefahr ausgehen. Und nur dem muss auch Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn Aufmerksamkeit bindet wertvolle Kapazitäten, von denen nicht im Überfluss vorhanden ist.

Dieses Prinzip der Gefahrenvoraussage kennt jeder, der sich schon einmal selbst kitzeln wollte und wahrscheinlich enttäuscht feststellen musste, dass das nicht funktioniert. Denn wenn das Gehirn den Befehl über den motorischen Kortex an die Arm- und Handmuskulatur ausgegeben hat, sich in Richtung Hals zu begeben, um dort eine kitzelnde Tätigkeit auszuführen, hat das Gehirn lange vor Eintreffen der Finger am Ort des Geschehens bereits vorausberechnet, was hier sogleich passieren wird. Treten die Vorausberechnungen dann auch tatsächlich ein, gibt das Gehirn „Entwarnung“ und das Lachen verursachende Empfinden bleibt aus. Denn das kitzlige Gefühl wäre nichts anderes als ein Alarmsignal. Dafür liegt aber kein Grund mehr vor, weil das Geschehen vom Unterbewusstsein quasi schon erwartet wurde.

Anders sieht es allerdings aus, wenn ein anderer den Hals berührt. Deren motorische Aktivitäten kann das eigene Gehirn nämlich nicht vorausberechnen und gibt deshalb aufgrund der unvorhersehbaren Ereignisse „Alarm“ und der unerwartet Berührte lacht sich halb tot.

Was hat das Ganze nun aber mit dem „Rutenwedeln“ zu tun?

Ganz einfach:

Die Aufmerksamkeit, oder besser gesagt die Art der Aufmerksamkeit – denn es gibt eine allgemeine Aufmerksamkeit und eine fokussierende Aufmerksamkeit (letztere betrifft das Konzentrieren auf eine spezielle Sache) – korrespondiert mit dem Prozess des Vorausberechnens insofern, dass wenn ein Ereignis für den Hund eine genügende Bedeutung besitzt, seine fokussierende Aufmerksamkeit aktiviert wird und ab jetzt der Versuch der Vorausberechnung sogar ins Bewusstsein übergeht. Von jetzt an wird das Geschehen von ihm nicht nur teilnahmslos und höchst gelangweilt und entspannt beobachtet, sondern das weitere Geschehen wird dem Versuch unterzogen, in seiner weiteren Entwicklung vorausberechnet zu werden. Und ein Indiz dafür ist das Bewegen der Rute. Je unsicherer sich ein Hund bezüglich der weiteren Entwicklung des Ereignisses ist und je bedeutungsvoller es für ihn ist, umso intensiver „arbeitet“ seine Rute.

Der Grad der Bedeutung ist wiederum situationsabhängig unterschiedlich. Beispielsweise erlangt ein Stock in der Hand von Frauchen in manchen Situationen eine geradezu außerordentliche Bedeutung und die Rute wedelt auf Hochtouren, wenn Bello nicht weiß und nicht vorausberechnen kann, was Frauchen wohl als nächstes mit ihm anstellen wird; und ein andermal ist dieser selbe Stock nicht einmal eines müden Blickes wert und die Rute liegt mit samt seines Besitzers gelangweilt in der Ecke.

Nun können die beschriebenen Situationen natürlich durchaus mit solchen Gefühlen wie Freude oder Angst korrelieren. Das heißt, der Hund wird wahrscheinlich ein Gefühl der Trennungsangst verbunden mit einem Kontrollverlust über die Situation empfinden, wenn Frauchen das Haus verlässt; und er wird unter Umständen herzzerreißend bellen und wild mit der Rute wedeln. Aber der Auslöser für sein Rutenwedeln ist dann nicht das Gefühl der Angst. Der Auslöser ist ausschließlich seine Unsicherheit bezüglich des weiteren Geschehens verbunden mit dem Versuch, dieses vorauszuberechnen.

Ähnlich sieht es aus mit der vermeintlichen Wiedersehensfreude, wenn Frauchen abends nach einem langen Arbeitstag endlich wieder nach Hause kommt. Das wilde und ungestüme Wedeln der Rute ist dann auch nicht im Gefühl der Freude begründet, sondern im Versuch, vorauszuberechnen, was wohl als nächstes geschieht. Denn warum sollte Bello schlagartig das Gefühl der Wiedersehensfreude abhandenkommen, sowie Frauchen Hinweise zum nächsten Geschehen gegeben hat, beispielsweise mit einem Leckerli.

Kurzum, immer wenn Bello und Co. mit der Rute wedeln, überkam sie offensichtlich kurz zuvor ein Gefühl der Unsicherheit und hält an, solange es ihren Gehirnen nicht gelungen ist, die Zukunft vorauszuberechnen zu etwas, was ihre Aufmerksamkeit begründet hat.

Nun könnte man natürlich abwinkend behaupten, dass das alles nur akademisches Theoretisieren ist und kaum Bedeutung für den Therapieversuch eines verhaltensauffälligen Hundes besitzt. Aber weit gefehlt.

Da ich bereits in vielen meiner Beiträge dargestellt und versucht habe zu beweisen, dass eine vermeintliche Aggressivität oder das Zerren an der Leine oder sonsteine Verhaltensauffälligkeit immer etwas mit einer dem Hund übertragenen Verantwortung zu tun hat, der er gerecht werden will und sich deshalb so verhält wie er sich verhält, liegt die Lösung solcher Probleme immer im Entbinden des Hundes von dieser Verantwortung. Aber dazu müssen die HundebesitzerInnen doch zunächst solche Situationen überhaupt erst einmal erkennen, in denen der Hund eine ihm übertragene Verantwortung zu erkennen gibt. Und eine sehr typische Situation ist die, wenn der Hund zerrend an der Leine vor Frauchen daherläuft, die Schnauze schnüffelnd an der Erde und die Rute steil nach oben gerichtet wild rotiert.

Dann ist ein untrügliches Zeichen für die ihm übertragene Verantwortung, neben allen anderen Indizien wie „vorne daherlaufen zerrend an der Leine“, eben genau das Rotieren der Rute. Und erst wenn man erkannt hat, dass dieses Rotieren nichts, aber auch gar nichts mit freudiger Erregtheit gepaart mit einem angeblichen Wunsch nach Kommunikation mit seinesgleichen zu tun hat, sondern ausschließlich mit der ihm übertragenen Verantwortung für beider Sicherheit und er deshalb das Territorium nach Feinden aufklärt und sein Gehirn verzweifelt versucht, das kommende Geschehen vorauszusehen, um Gefahren zu erkennen, wird man begreifen, welchem Stress man seinen Schützling eigentlich aussetzt.

Und die logisch sich daraus ergebende „Therapie“ ist dann seine Entbindung von solcher Verantwortung, deren Erfolg sich darin manifestiert, wenn Bello völlig entspannt mit ruhig nach unten gerichteter Rute neben Frauchen dahertrottelt.

Deshalb ist das korrekte Interpretieren des Rutenwedelns eben keine akademische Spinnerei.

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47. „BELLO, KOMM‘ HER! …

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Bello, kommst du her!?!  …

Donnerwetter nochmal, kommst du jetzt endlich her!“

Gottfried Herder übersetzte 1792 die lateinische Form eines aus dem 16. Jahrhundert stammenden Sprichwortes wie folgt: “Lerne schweigen, o Freund. Dem Silber gleichet die Rede, aber zu rechter Zeit Schweigen ist lauteres Gold.”

Der Volksmund machte daraus: „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold“.

Was hat das Ganze mit der Hundeerziehung zu tun?

Ich habe in dem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ auch einen Passus platziert, in dem ich mich vorsichtig kritisch zum in Mode geratenen „nonverbalen Hundetraining“ geäußert habe und ein Plädoyer pro „Reden Sie mit dem Hund“ gehalten. Denn abgesehen davon, dass der Hund im Rahmen seiner Domestikation die Sprache des Menschen als dessen unverwechselbares „Markenzeichen“ nicht nur identifiziert, sondern sie sogar liebgewonnen hat und mittlerweile in einer verblüffenden Vielfalt sehr gut versteht, ist die Sprache auch ein wichtiges Mittel, dem Hund unmissverständliche Anweisungen zu geben, an denen er sich zuverlässig orientieren kann. Und letzteres ist einer der Schlüssel des Erfolges in der konfliktfreien Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Ich kann sogar sagen, dass eine mangelhafte Orientierungsmöglichkeit des Hundes an seiner Bezugsperson der Nährboden ist für seine vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten. Nur dadurch, dass der Mensch ihm keine zuverlässige Bande bietet, an die er zu seiner Korrektur anstößt, übernimmt er selbst die Verantwortung, so z.B. für seine eigene Sicherheit. Aber eben nicht nur die Gewährleistung seiner physischen Unversehrtheit durch Frauchen bietet ihm im Wortsinne Sicherheit, sondern auch die unmissverständliche Lenkung und Führung. Immer wenn es zu Missverständnissen in der Kommunikation kommt, kommt es auch zu vermeintlichen Verhaltensauffälligkeiten. Und zwar im doppelten Sinne. Nämlich auch in dem Sinne, dass der Mensch sogar die folgerichtige Reaktion des Hundes auf das missverständliche Verhalten des Menschen wiederum falsch interpretiert und dadurch erneut falsch reagiert.

Mit anderen Worten: Die unmissverständliche Kommunikation zwischen Mensch und Hund ist das A und O. Und deshalb sollte der Mensch die ihm von Natur aus gegebenen Mittel dazu auch nutzen.

Aber eben nicht nur das, sondern er muss sie auch korrekt nutzen. Und die Kommunikationsmittel korrekt nutzen heißt, es darf zu keinem Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Mitteln der Kommunikation untereinander kommen.

Einer der häufigsten Widersprüche lässt sich beispielsweise erkennen zwischen der Körpersprache bzw. Handlung des Menschen einerseits und seinen verbalen Äußerungen andererseits. Und nicht immer als Quelle der gestörten Kommunikation erkannt wird die mangelnde Konsequenz in Form eines nicht sofortigen, eindeutigen und energischen Reagierens des Menschen bei Nichtreagieren des Hundes auf eine verbale Anweisung.

Ein typisches Szenarium habe ich in der Kopfzeile dieses Artikels wiedergegebenen. Ein Indiz für eine ungestörte Kommunikation wäre nämlich gewesen, wenn Bello auf die allererste Anweisung „Bello, komm‘ her!“ auch reagiert hätte. Jede weitere Anweisung, ohne dass zuvor und sofort eine korrigierende Reaktion des Menschen stattgefunden hat, ist aber eine Störung der Kommunikation, an der sich der Hund nicht mehr zuverlässig orientieren kann.

Um in unserer Metapher zu bleiben, wäre also die Anweisung „Bello, komm‘ her!“ das Silber gewesen. Das anschließende Schweigen – und statt des erneuten Redens ein energisches Handeln – wäre dann das Gold.

Viele meiner KundInnen, die mich rufen, weil ihr Liebling partout nicht macht, was er machen soll, haben die Botschaft „Reden Sie mit Ihrem Hund!“ offensichtlich missverstanden und nicht bedacht, dass zu viel Reden kontraproduktiv ist. Ähnlich wie aus einer Medizin bei richtiger Dosis schnell ein Gift werden kann, wenn die Dosis zu hoch ist.

Denn führen wir das obige Beispiel noch fort:

Bello läuft also davon, was Frauchen missfällt. Ihre darauf folgende reflexartige Reaktion: „Bello, komm‘ her!“ Aber Bello denkt nicht dran, herzukommen, weil er offensichtlich in der Vergangenheit mit keiner unangenehmen Konsequenz zu rechnen hatte. „Bello, kommst du her?!“ Bello würdigt sie nicht einmal eines Blickes. Die wiederholte Anweisung klingt ja auch beinahe schon wie eine Frage. „Donnerwetter nochmal, kommst du jetzt endlich her?!!!“ Irgendwann kommt Bello dann vielleicht. Und Frauchen ist derart erleichtert, dass sie ihn sogar streichelt mit dem Gefühl der tiefen Dankbarkeit.

Für Bello stellt sich letztendlich die Situation sogar so dar, dass er für sein „tolles“ Verhalten eine streichelnde Anerkennung erfährt.

Die Lehre aus der Geschichte: Reden Sie mit ihrem Hund und geben ihm in Form unmissverständlicher Vokabularien, die immer im selben Kontext angewendet, eine zuverlässige Bande bietet wie dem Bobfahrer die Bobbahn, an der er sich sicher ins Ziel des konfliktfreien Zusammenlebens mit Ihnen bewegen kann. Aber denken Sie daran, wenn die Bande aufgrund mangelnder Härte in Form einer ausbleibenden Konsequenz nachgibt, fliegt der Bob aus der Bahn und erreicht nicht sein Ziel.

Deshalb zeige ich meinen KundInnen im Rahmen eines einzigen Trainings, wie sie dem Hund mittels einer unmissverständlichen Einheit von verbaler Anweisung und handelnder Konsequenz eine zuverlässige Orientierung bieten.

Reden Sie also mit ihrem Hund insofern, dass Sie ihm mittels der Sprache eine unmissverständliche Anweisung geben, aber „labern“ Sie ihn nicht „besoffen“, wenn er nicht sofort reagiert. Denn mit letzterem geben sie ihm keine zuverlässige Orientierung. Scherzhaft ausgedrückt, würden Sie damit höchstens einen Psychologen animieren, sie der Logorrhoe oder Polyphrasie (krankhafte Geschwätzigkeit) zu bezichtigen. Ersetzen Sie stattdessen das sinnlose Reden mit einem konsequenten Handeln. Das bietet ihrem Hund diese ultimativ notwendige zuverlässige Orientierung.

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46. SOLLTE EIN HUND IM RAHMEN SEINER ERZIEHUNG AUCH AUSGEBILDET WERDEN?

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oder

Die „Hohe Schule“ der Hundeschule

Ich ernte bekanntlich regelmäßig Kritik oder sogar Unverständnis, wenn ich immer und immer wieder Versuche in der Hundeschulung anprangere, bei denen ein Hund mittels Ausbildungsmethoden erzogen werden soll. Hier und da werde ich sogar als Nestbeschmutzer beschimpft, wenn ich einzelne meiner FachkollegInnen dieses Fehlers bezichtige. Und meine KundInnen reagieren – moderat ausgedrückt – irritiert distanziert, wenn ich auf ihre verzweifelten Schilderungen ihrer erfolglosen Hundeschulbesuche mit der, zugegeben, etwas überheblich anmutenden Aussage reagiere, dass das Scheitern in ihren Fällen doch unvermeidlich gewesen sei und dass das, was sie mir schildern, niemals zum Erfolg hätte führen können, zumindest nicht zu dem, den sie sich eigentlich vom Besuch der Hundeschule erwartet hätten. Und übrigens, wofür sie – was sie mir auf meine Nachfrage auch bestätigen – nicht wenig Geld bezahlt haben.

Denn immer, wenn mir HundebesitzerInnen die Abläufe ihrer erfolglosen und sie nicht selten regelrecht deprimierenden Hundeschulbesuche schildern – und nur von solchen wird mir ja berichtet, und auch nur auf solche bezieht sich meine Kritik – insbesondere, wenn sie mir die durch die Trainer angewendeten Methoden und Mittel erläutern, berichten sie beinahe ausschließlich von Handlungssequenzen der Trainer, die gemeinhin ausschließlich zum Repertoire der Ausbildung eines Hundes zählen sollten. Und das, obwohl man sich angeblich an die Hundeschule gewandt habe mit der ausdrücklich erklärten Absicht, den Hund von seinen ungewollten Verhaltensweisen zu befreien; also eindeutig mit der Absicht seiner Erziehung – und eben nicht seiner Ausbildung. Ergo, dem Liebling sollte nicht „Sitz, Platz und Co.“ beigebracht werden, sondern er sollte beispielsweise nicht mehr an der Leine zerren oder über seine Artgenossen herfallen.

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle eine wiederholte und von mir schon mehrfach gemachte Schilderung des wesentlichen Unterschiedes zwischen Ausbildung und Erziehung in der Hundeschulung. Auch auf die Gefahr hin, ähnlich zu erscheinen wie Professor Crey in der Feuerzangenbowle, der bei jeder unpassenden Gelegenheit auf sein Buch „Die Gerechtigkeit des Lehrers unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalten“ verwies, verweise ich trotzdem an dieser Stelle nochmal auf mein Buch „Problemhunde und ihre Therapie“, denn darin habe ich diesen Unterschied ausführlich geschildert. Insofern erspare ich mir dies an dieser Stelle. Der Extrakt sollte aber im Hinterkopf sein, da ansonsten meine weiteren Erläuterungen u.U. nicht wirklich verstanden werden.

Ich möchte dieses Thema nämlich nochmal zum Anlass nehmen, auf eine Frage einer Kundin einzugehen, die sinngemäß lautete:

„Ist denn – vor dem Hintergrund Ihrer ständigen Kritik der fälschlich angewendeten Ausbildungsmethoden – eine Ausbildung des Hundes im Rahmen seiner Erziehung generell falsch oder sogar überflüssig?“

Ein des Hundetrainings kundiger Advokat würde auf ihre Frage sicherlich antworten: „Kommt drauf an!“

In den mir überwiegend bekannten Fällen, in denen man mich ruft, um den Hund von seinem „auffälligen“ Verhalten zu befreien, müsste ich die Frage allerdings mit einem „Ja“ beantworten. Denn bei der Mehrheit dieser Fälle erübrigt sich eine die Erziehung ergänzende Ausbildung. Weil es sich bei fast allen nur um das folgerichtige Verhalten des Hundes aufgrund seiner nicht erfolgten Erziehung handelt. In der Regel sind sie sogar ganz gut ausgebildet. Anders ausgedrückt: Alle diese Hunde wurden nicht von ihrer Verantwortung entbunden und ihnen wurde dadurch ein zu großer Entscheidungsspielraum überlassen, was grundsätzlich zu einem Verhalten führt, welches viele dann als auffällig empfinden, was es in Wirklichkeit jedoch gar nicht ist. Es handelt sich bei diesen Fällen also ausschließlich um solche, bei denen die Erziehung nicht stattgefunden hat und die Notwendigkeit einer Ausbildung überhaupt nicht zur Debatte steht.

Doch um der Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit meiner Antwort auf die Frage der Kundin gerecht zu werden, müsste ich dem Advokaten insofern aber zustimmen, wie ich in meiner Antwort natürlich auch diejenigen Fälle berücksichtigt wissen will, bei denen der Hund gewollt in der Lage sein soll, in unterschiedlichen Situationen differenziert zu reagieren und ihm dafür gewollt – ein zwar sehr begrenzter aber immerhin – ein Entscheidungsspielraum überlassen wird. Und für die Nutzung dieses eng begrenzten Entscheidungsspielraumes bedarf es dann aber zusätzlich seiner Ausbildung durch Konditionierung. In diesen Fällen ist dann die Ausbildung die Ergänzung der Erziehung.

Damit betreten wir allerdings – wie man so schön sagt – die Arena der „Hohen Schule“ der Hundeschule. Und ich würde auch jedem, der nicht über das notwendige Wissen und die notwendigen einschlägigen Erfahrungen sowohl in der Hundeausbildung als auch in der Hundeerziehung verfügt, insbesondere solcher Hunde, die für die Verteidigung von Personen oder Ressourcen die notwendigen physischen Voraussetzungen mitbringen, wie beispielweise die sogenannten Listenhunde, dringend davon abraten, laienhafte Versuche zu unternehmen, diese Arena betreten zu wollen.

Gestatten Sie mir dazu ein kurzes Gedankenspiel:

Nehmen wir einmal an, eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Sohn häufig allein zu Hause weilt, weil der Mann ständig beruflich umherreist, und der nächste Nachbar nicht unbedingt in Hörweite, ängstige sich in solchen Situationen – auch aufgrund der örtlichen Gegebenheiten – und schaffe sich deshalb einen Hund an, der ihr ein sichereres Gefühl vermitteln und im „Ernstfall“ – der hoffentlich niemals eintrete – ihr und ihrem Sohn als „Alarmanlage“ und Schutz zur Seite stehen solle. Selbstverständlich habe sie sich diesbezüglich umfassend mit den §§32 StGB bzw. 227 des BGB auseinandergesetzt und kenne nicht nur ihre Rechte, sondern beherrsche gleichwohl ihre Pflichten, die sich aus der Selbstverteidigung ergeben.

Und nehmen wir des Weiteren aber auch an, ihre Intension sei nicht nur, einen Hund zu führen, der ihr und ihrem Sohn Schutz zu bieten vermag, sondern der trotzdem intra- und interspezifisch sozialisiert sei, mithin perfekt erzogen.

Mit anderen Worten, er solle auf Befehl entweder aggressiv oder fügsam sein.

Etwas ausführlicher beschrieben: Er solle einerseits auf Anweisung zwar aggressiv aber trotzdem in jeder Situation abrufbar sein und er solle andererseits alle Wesen in seiner ihn umgebenden Faune ignorieren.  

Ein solches Szenarium ist gar nicht so selten; wird aber hinsichtlich seiner Komplexität und der zwingend notwendigen Differenzierung im dazu notwendigen Training sogar von vermeintlichen Fachleuten nicht selten gar nicht oder nur vage erkannt. Denn viele HundebesitzerInnen hätten nämlich gerne einen solchen Hund, der einerseits ein „Beschützer“ sein sollte, der aber andererseits sich nicht grundlos mit jedem seiner Artgenossen in die Wolle kriegt oder andere Menschen ankläfft und auf die Nerven geht oder wie ein Wahnsinniger an der Leine zerrt.

Der Weg zu diesem Ziel ist nicht nur möglich, sondern sollte eigentlich in den genannten Fällen selbstverständlich sein. Ultimative Voraussetzung dafür ist aber das obligat einzuhaltende Prozedere und die richtigen Mittel und Methoden sowohl der Erziehung als auch der Ausbildung.

Ein ebenso zwingendes Muss ist die einzuhaltende Reihenfolge in diesem Prozedere des Trainings, nämlich die der Erziehung vor der Ausbildung. Erst wenn der Hund im Rahmen seiner Erziehung ein uneingeschränktes Vertrauen zu seinem Frauchen aufgebaut hat, darf die Ausbildung beginnen, im Rahmen derer der Hund den eng begrenzten Entscheidungsspielraum für das „Beschützen auf Anweisung“ übertragen bekommt. Das heißt aber auch: Kein Beschützen ohne Anweisung!

Die wiederum ultimative Voraussetzung für das uneingeschränkte Vertrauen ist seine konsequente Entbindung von jeglicher Verantwortung, sowohl für die seiner eigenen Sicherheit oder die von Frauchen als auch die für irgendeine Ressource. Erst wenn der Hund durch seine Erziehung davon überzeugt wurde – und nichts anderes ist seine Erziehung – dass Frauchen nicht nur willens, sondern vor allem auch in der Lage ist, für beider Sicherheit zu sorgen, darf man ihm mittels der Ausbildung einen eng begrenzten Entscheidungsspielraum übertragen, im Rahmen dessen er dann sozusagen „auf Anweisung“ agiert. Erst dann hat der Hund verinnerlicht, einen potentiellen „Feind“ nicht aufgrund Frauchens Schwäche angreifen zu müssen, sondern aufgrund der ihm in dieser Situation von Frauchen erteilten Anweisung.

Wem Zweifel daran kommen sollten, dass dem Hund diesbezüglich die kognitiven Fähigkeiten fehlen sollten, zwischen diesen beiden Situationen unterscheiden zu können, ob Frauchen aus Schwäche so handelt oder nur, weil sie ihm den Befehl dazu gibt, den kann ich beruhigen. Bello und Co. haben diese Fähigkeiten nicht nur aufgrund ihres Genoms, sondern insbesondere durch die Jahrtausende der Domestikation. Sie haben es im Rahmen der Evolution „gelernt“, dass sie von uns sowohl beschützt werden können als auch für uns auf Anweisung Aufgaben zu erfüllen haben, zu denen auch unsere Verteidigung zählt. Allerdings hat das Ganze auch eine Kehrseite: Wenn der Mensch nicht für seinen Schutz sorgt, sorgt der Hund instinktiv selbst für seinen Schutz. Und das bezeichnen viele dann fälschlicherweise als „auffälliges“ Verhalten.

Die diesem Artikel beigefügte Videosequenz zeigt einen erst 7 Monate jungen Hund, bei dem die Erziehung bereits erfolgreich abgeschlossen wurde. Er kann somit ohne Leine von Frauchen geführt werden und genießt ihren Schutz. Alle Artgenossen und fremden Personen ignoriert er weitestgehend. Aber, wie in diesem Falle auf das Kommando „Komm rein“ (er soll zwischen die Beine von Frauchen und solange dort bleiben wie sie Druck auf seine Flanken ausübt), übernimmt er dann sozusagen auf Anweisung die Verteidigungsaufgabe. Letzteres ist das Ergebnis seiner Ausbildung. Der nächste Ausbildungsschritt könnte dann beispielsweise das Angreifen auf Anweisung sein, beispielsweise wenn der Druck auf seine Flanken nachlässt.

Aber Achtung: All diese Ausbildungssequenzen setzen zwingend die vorherige Erziehung voraus. Ansonsten wäre der Hund u.U. nur schwer oder gar nicht mehr abrufbar, wenn er seine Aufgabe nicht mehr wahrnehmen soll. Solche Situationen sehe ich nicht selten bei ausgebildeten Schutzhunden, die durch ihren Führer nur mit Mühe wieder aus einer eskalierten Situation zurückgezogen werden können. Das wäre dann zwar nicht der einzige Grund, aber es könnte einer sein.

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45. BABYSCHWIMMEN UND WELPENTREFFEN –

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alles

„Dummes Zeug“

Kürzlich las ich einen Beitrag in der Schweriner Volkszeitung, in dem sich der Neurobiologe Prof. Dr. Ralph Dawirs den Fragen der Journalistin Sina Wilke zum Sinn oder Unsinn von Babyschwimmen, PEKiP, Englisch im Kindergarten und sonstigen Kinderförderprogrammen äußerte.

Was PEKiP bedeutet, musste ich natürlich erst einmal ergoogeln: „Das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP) ist ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, das im Rahmen einer Krabbelgruppe den Prozess des Zueinanderfindens unterstützen soll und auf eine Frühförderung der Babys sowie einen Erfahrungsaustausch der Eltern abzielt.“

Der Ehrgeiz der Eltern scheint keine Grenzen zu kennen und reicht von Babymassage über Babyturnen bis hin zum frühkindlichen Faktenwissen-Training; und alles möglichst immer in Gruppen.

Bei allen angeführten Begründungen des Wissenschaftlers zum Unsinn solcher neurobiologisch sehr fragwürdigen Praktiken musste ich unwillkürlich an Welpenspielgruppen, Welpenschulen oder sonstige Welpenförderprogramme aller Art denken, die nur einen einzigen Nutzen haben: Der Anbieter verdient sehr leicht und gutes Geld.

Interessant für mich waren die Parallelitäten, die ich in den ablehnenden Begründungen erkannte zu meinen Missbilligungen, die ich vorbringe, wenn mich eine Kundin fragt, ob sie die soziale und emotionale Kompetenz ihres kleinen Schützlings nicht in einer Welpenspielgruppe fördern lassen solle.

„Delfi (ähnlicher Quatsch wie PEKiP – der Autor), Babyrhythmik oder Yoga mit Kind? ‚Dummes Zeug‘, sagt Ralph Dawirs. ‚Damit wird ein Riesen-Reibach gemacht, aber für die Entwicklung des Kindes bringt es nichts. Im Gegenteil: Es schadet ihm, weil es die Eins-zu-Eins-Bindung stört. … Und Säuglinge stören andere Säuglinge.“

Auf die Frage, was ein Baby dann stattdessen braucht, antwortet der Neurobiologe: Das Baby brauche zunächst einmal die Erfüllung seiner Bedürfnisse, die Sicherheit, nicht allein gelassen zu werden und viel Körperkontakt; also nichts anderes, als die enge Bindung zur Bezugsperson. „Hier wird der Grundstein für emotionale Kompetenz und Empathie gelegt. Hauptsache Mutter und Kind sind zusammen.“

Treffender könnte man es bezogen auf kleine Welpen kaum ausdrücken. Die Begriffe „Baby“ und „Welpe“ könnten gegeneinander ausgetauscht werden.

Auch kein Welpe braucht zu seiner Persönlichkeitsentwicklung – und schon gar nicht für seine Sozialisation, wie es von den Befürwortern immer gerne vorgebracht wird – irgendeine Begegnung mit anderen Welpen in Form von Welpentreffen aller Couleur. Der Grundstein hierfür  wird stattdessen bereits in seiner Geburtsfamilie gelegt. Und hier sollte er auch möglichst bis zu seiner neunten Woche verbleiben. Alle anderen wichtigen Erfahrungen zur Erlangung seiner intra- und interspezifischen Sozialisation sammelt er in der Eins-zu-Eins-Beziehung mit seiner Bezugsperson, mit der er im Idealfall sein Leben lang zusammenbleibt. Diese Bezugsperson gibt ihm Nähe und körperlichen Kontakt und sorgt in erster Linie für seine Sicherheit. Wenn letzteres der Fall ist, benötigt kein Welpe dieser Welt Kontakt zu anderen Hunden, um seine soziale Kompetenz zu entwickeln. Denn wozu auch? Wenn Frauchen oder Herrchen stets für die Erfüllung seiner Bedürfnisse sorgt, muss er deren Befriedigung ja nicht in der Auseinandersetzung mit seinesgleichen durchsetzen. Er kann völlig entspannt auf die Unterstützung seiner Bezugsperson setzen.

Ein untrügliches Indiz dafür, ob Frauchen oder Herrchen dieses Ziel in der Erziehung ihres Schützlings erreicht haben, ist seine Ignoranz anderen Hunden gegenüber; wenn er ihnen gegenüber ein scheinbar völliges Desinteresse an den Tag legt. Außer während der Läufigkeit.

Die Gefahr, dass ein kleiner Welpe bei einem vom Menschen organisierten „Welpen-Spiel-Treffen“ einen mentalen Schaden nimmt – beispielsweise durch ein vom Menschen kaum wahrnehmbares Mobbing innerhalb dieser sogenannten Spielgruppe – ist ungleich größer als irgendein vermeintlicher Nutzen. Diesen Schaden trägt der kleine Leidtragende aber unter Umständen sein Leben lang mit sich rum und ist der Grundstein für Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen in seinem Jugend- und Erwachsenenalter. Und ein solcher kann später nur sehr mühsam oder sogar gar nicht durch eine aufwendige Erziehung im wahrsten Sinne des Wortes lediglich „unterdrückt“ oder „überspielt“ werden.

Wesentlich sinnvoller ist stattdessen die demonstrative Übernahme seines Schutzes durch die Bezugsperson, indem diese ihm alle seine Konkurrenten, Rivalen und Feinde vom Leibe hält und sich, auch im wahrsten Sinne des Wortes, demonstrativ vor ihn stellt, wenn einer seiner Artgenossen seinen Weg kreuzt. Wenn Frauchen oder Herrchen stets in seiner Nähe sind und ihn beschützen, ist dies die beste und erfolgreichste Sozialisation, die er sich nur wünschen kann.

Denn Sozialisation bedeutet, konfliktfrei mit seinesgleichen oder anderen Spezies seiner Faune zurechtzukommen. Und die konsequenteste Form einer solchen „friedlichen Koexistenz“ ist die gegenseitige Nichtbeachtung, weil eine gegenseitige Kontaktaufnahme immer nur einem einzigen Zweck dient: Klärung der Absichten des Anderen. Wenn aber die Absichten des Anderen nicht mehr von Interesse sind, weil Frauchen oder Herrchen dies klären, zeigt kein Hund dieser Welt mehr Interesse an einem Kontakt zu einem anderen Hund. Wie gesagt, außer zum Zwecke der Replikation und Weitergabe des eigenen Genoms.

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44. DER HUND ZERRT NICHT MEHR AN DER LEINE

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oder

Die unerfüllte Sehnsucht vieler HundebesitzerInnen

Folgender Beitrag war im Netz der Facebook-Community von einer Corinna zu lesen und hat mich zu diesem Artikel motiviert.

Sie schreibt: „…trotz professioneller Hilfe und Konsequenz bis zum Erbrechen glaubt unser Monsterlabbi immer noch, wer zerrt, gewinnt. Aber ich vertraue auf das Versprechen unserer Tierärztin, die meint, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus, auch wenn es die ersten zehn Jahre nicht danach ausschaut. In diesem Sinne bleibe ich mit stoischem Optimismus gelangweilt stehen, wechsle die Laufrichtung, trainiere an der Schleppleine, belohne jedes Fußlaufen, als wäre es nobelpreisverdächtig…“

Immer wenn ich solche – zwar wie in diesem Falle, mit einem Schuss selbstironischem Humor versehen, aber doch eher verzweifelte – Äußerungen lese oder von ihnen höre, kribbelt es in mir und ich möchte es laut hinausschreien:

Warum wird seitens vermeintlicher Fachleute den ahnungslosen HundebesitzerInnen heute immer noch solch ein zum Himmel schreiender Unsinn geraten, wie sie ihre zerrenden Hunde angeblich von selbigem abhalten können?

Und aus Sicht des Hundes möchte ich noch hinterherschreien:

Warum mutet man der Kreatur Hund so lange und vollkommen unnötig eine solche psychische Belastung und fügt ihm damit ein solches Leid zu?

Wenn das Ganze ihr gegenüber auch noch als professionelle Hilfe deklariert wird, wie Corinna durch ihre Darstellung unsereins glauben lässt, ist es umso erbärmlicher.

Warum?

Ausnahmslos alle von ihr aufgezählten vermeintlichen „Umerziehungsmaßnahmen“, die man ihr offensichtlich seitens der Tierärztin oder einer Hundeschule angeraten hat, sind in Wirklichkeit absolut ungeeignete Mittel, ihren „Monsterlabbi“ vom Zerren abzuhalten. Im Gegenteil, sie dienen sogar der Konditionierung und damit der Manifestation und Verstärkung seines ungewollten Verhaltens.

Ich habe den Mut – auch wenn es wieder einmal viele meiner Kritiker auf den Plan ruft – es wie folgt auf den Punkt zu bringen:

Ein an der Leine zerrender Hund kann in wenigen Minuten zu einem völlig entspannt an der Seite von Frauchen laufenden und damit psychisch entlasteten und glücklichen Wesen erzogen werden. Und damit könnte auch Corinna in nur wenigen Minuten zu einer wahrscheinlich glücklichen Hundebesitzerin „gemacht“ werden, die auf eine Leine sogar völlig verzichten könnte.

Böswillig könnte ich behaupten, dass dies aber offensichtlich nicht im wirtschaftlichen Interesse ihrer Hundeschule ist. Denn dann würde eine zahlende Corinna ja nur ein einziges Mal kommen.

Das Schlüsselwort oder die Lösung des Problems, was aber offensichtlich auch in der Fachwelt einiger weniger meiner KollegInnen immer noch nicht durchgängig verstanden wurde, lautet:

Erziehung.

Alle von Corinna erwähnten „Gegenmaßnahmen“ wie stehen bleiben, Laufrichtung wechseln, Trainieren an der Schleppleine und insbesondere Belohnen sind aber definitiv keine geeigneten Mittel der Erziehung und damit zum Scheitern verurteilte Sinnlosigkeiten. Sie sind allesamt, wenn überhaupt, reine Ausbildungsmethoden. Mit solchen Methoden ist aber ein Hund von seinem Zerren an der Leine mit Sicherheit nicht abzuhalten. Denn davon kann ich ihn nur durch eine Erziehung abbringen. Außer, er gibt vielleicht nach über zehn Jahren aus Altersgründen auf, weil er meint, jetzt keinen Bock mehr haben zu müssen, weiterhin die Verantwortung zu tragen. Die ahnungslosen Klugscheißer würden dann aber sicherlich voller Selbstüberschätzung rufen: „Na siehst du, Konsequenz zahlt sich nach hinten raus aus!“

Damit bin ich aber beim eigentlichen Problem. Es gibt nämlich nur einen einzigen Grund, warum ein Hund an der Leine zerrt:

Ihm wurde eine Verantwortung übertragen, bewusst oder unbewusst.

Welche, das muss und kann im Einzelfall relativ schnell eruiert werden. In der Regel ist es aber die Verantwortung für seine eigene und die Sicherheit von Frauchen bzw. Herrchen. In einigen Fällen kann es auch die Verantwortung für eine Ressource wie Haus und Hof sein. Ein guter Trainer sollte dies aber relativ schnell diagnostizieren können.

Also liegt doch eigentlich die Lösung sonnenklar auf der Hand:

Wenn der Hund nicht mehr an der Leine zerren soll, muss man ihn lediglich von seiner ihm übertragenen Verantwortung im Rahmen einer Erziehung entbinden.

Zum besseren Verständnis sollte sich aber jede(r) Hundebesitzer(in) bewusst machen, dass ein Hund aufgrund seiner genetischen Veranlagungen – mit wenigen Ausnahmen in Abhängigkeit seiner Rasse – grundsätzlich erst einmal die Verantwortung zumindest für seine eigene Sicherheit selbst übernehmen will und übernimmt, wenn man ihn nicht bewusst von selbiger entbindet. Deshalb beinhaltet jede Erziehung als erstes, ihn davon zu entbinden.

Vorausgesetzt natürlich, Frauchen oder Herrchen will es überhaupt. Wenn sie stattdessen aber einen Wachhund ihr eigen nennen wollen, ist diese Entbindung natürlich nicht notwendig.

Andernfalls aber, wenn der Schützling kein Wachhund sein soll und die Entbindung von seiner Verantwortung aber ausbleibt, wird er immer zum Zerren an der Leine neigen, um seiner Verantwortung gerecht zu werden. Denn zur Wahrnehmung dieser Verantwortung gehört nun mal, zumindest aus seiner Sicht, die Aufklärung des vor ihm befindlichen Reviers nach Konkurrenten, Wettbewerbern oder gar Feinden. Wenn ihm dann noch das verstärkende Signal „Straffe Leine“ gegeben wird, sollte es mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht zerrt.

Eine Entbindung von seiner Verantwortung erreicht man aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mittels der erwähnten Maßnahmen. Im Gegenteil. Wenn man den Hund beispielsweise an der Schleppleine laufen lässt, übergibt man ihm sogar demonstrativ die Verantwortung für seine eigene Sicherheit, die von Frauchen und sogar fürs nach Feinden und Konkurrenten aufzuklärende Revier.

Übrigens, die Absurditäten können sogar noch gesteigert werden. Wenn nämlich der Hundebesitzerin – wie ich es erst kürzlich von einer Kundin hörte – seitens vermeintlicher Fachleute obendrein noch der Rat gegeben worden sei, zum Schutze des empfindlichen Kehlkopfes, dem Hund doch wenigsten ein Hundegeschirr um den Oberkörper zu würgen, damit, wenn er schon zerre, sich selbst wenigstens keinen physischen Schaden zufüge. Wenn man das macht, sollte man sich aber des Signals bewusst sein, welches dem Hund damit gegeben wird: Der Befehl, jetzt erst recht zu zerren, weil er jetzt viel mehr Kraft entfalten kann.

Ein Hundegeschirr sollten Sie ihrem Liebling nur anlegen, wenn sie planen, mit ihm gemeinsamen einen Fallschirmsprung zu absolvieren oder er sie auf einem Schlitten durch Sibirien zerren soll.

Ich habe das Ganze etwas ausführlicher in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ beschrieben – siehe Shop.

Ich kann allen verzweifelt hinter ihrem Zerrer Herlaufenden den Mut machen, mich anzurufen. Ich verspreche Ihnen, in nur wenigen Minuten und nur einer einzigen Trainingseinheit kriegen wir das in den Griff. Und Ihr Zerrer wird anschließend – vorausgesetzt, Sie übertragen ihm nicht wieder die Verantwortung – sogar ohne Leine neben Ihnen hertrotteln. Warum? Er sieht nach seiner Erziehung und Entbindung von der Verantwortung keinen Grund mehr, vor Ihnen davonzulaufen, um nach Feinden Ausschau zu halten.

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43. DER ZEITLICHE AUFWAND EINER HUNDEERZIEHUNG

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oder

Die durchschaubare Manipulationsabsicht eines Schlagwortes

Zwei Dinge haben mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben.

Das erste war ein Beitrag, den ich in der Facebook-Community entdeckte, in dem eine Hundebesitzerin offensichtlich voller Freude und Glückseligkeit postete, dass sich ihr Hund nun endlich, nach „hunderten von Stunden des Trainings und Übens“, so verhalte wie sie es sich schon lange wünschte.

Welches konkrete Verhalten sie damit meinte, war leider nicht zu lesen. Aber nachdem ich mir das dazugehöre Bild, welches sie sozusagen als Beleg mit ins Netz stellte, anschaute – vorausgesetzt, ich interpretiere die Szene richtig – bestand der „Trainingserfolg“ dieses sehr langen und aufwendigen Bemühens offensichtlich darin, dass ihr Schützling jetzt einem anderen fremden Hund nicht mehr, so wie er es wahrscheinlich zuvor tat, hinterherjagte, sondern ihn nur noch aus der Distanz beobachtete.

Das zweite war eine Mail, die mir eine meiner Kundinnen schickte, in der sie zwar ihre Zufriedenheit mit dem Ergebnis meiner Arbeit äußerte, aber doch ihr Erstaunen zum Ausdruck brachte über den Preis, den ich verlangte. Dieser stand nach ihrem Empfinden offensichtlich im Widerspruch zur Kürze meines Trainings. Ich war nämlich, verglichen mit ihren bisherigen Hundeschulbesuchen, nicht sehr lange bei ihr „zu Gast“.

Die rhetorische Frage, die sich mir nun aus beiden Fällen hinsichtlich des zeitlich sehr unterschiedlichen Aufwandes für einen Trainingserfolg stellte, lautet also:

Wie lange dauert oder sollte die erfolgreiche Erziehung eines verhaltensauffälligen Hundes dauern? (Schauen Sie dazu auch einmal in mein Buch “Problemhunde und ihre Therapie” – siehe Shop)

Meine Antwort mag salomonisch anmuten:

Sie dauert solange wie der Trainer benötigt, Herrchen oder Frauchen davon zu überzeugen, was sie falsch machen und sie ihr Verhalten dem Hund gegenüber ändern.

Oder anders ausgedrückt: Die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes nimmt so viel Zeit in Anspruch wie die Befreiung von seinen Konflikten dauert. Denn seine Konflikte, die das unerwünschte Verhalten verursachen, sind begründet im falschen Interpretieren seiner Bedürfnisse durch Herrchen oder Frauchen und ihrem daraus resultierenden falschen Verhalten ihm gegenüber.

Eine „Hundeerziehung“ ist nichts anderes als das Unterfangen, die HundebesitzerInnen nicht nur von ihren Verhaltensfehlern zu überzeugen, sondern sie auch erfolgreich zu motivieren, ihr Verhalten dem Hund gegenüber sofort und konsequent abzuändern.

Deshalb ist übrigens das Verhalten des Hundes auch nur in den seltenen Fällen, in denen eine pathologische Ursache diesem zugrunde liegt, ein tatsächlich auffälliges. Und es sollte übrigens auch nur in diesen Fällen von einer Therapie gesprochen werden. Denn eine solche setzt die Diagnose eines Krankheitsbildes voraus. Alle Fälle, die mir in meiner Trainerpraxis bisher bekannt geworden sind, erfüllen dieses Kriterium jedenfalls nicht. Das „auffällige“ Verhalten meiner „Klienten“ waren ausschließlich nur vermeintliche Auffälligkeiten, also keine tatsächlichen. In allen Fällen entpuppten sie sich nur als eine durch den Menschen empfundene und als eine von ihnen fälschlicherweise so interpretierte. Der Hund hat sich nämlich in allen Fällen nur so verhalten, wie es zur Wahrung seiner Bedürfnisse notwendig und demzufolge ethologisch auch normal ist.

Selbst aggressive und durch Beißattacken auffällig gewordene Hunde, zu deren “Erziehung” ich hinzugezogen werde, sind nicht im pathologischen Sinne, oder weil sie ein schlechteres Wesen als andere hätten, auffällig. Nein, sie verhalten sich nur deshalb beispielsweise aggressiv oder sonst wie unerwünscht, weil sie offensichtlich auf anderem Wege ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können, nämlich die nach Nahrung, Fortpflanzung und Sicherheit.

Und da die Bedürfnisse nach Nahrung und Fortpflanzung entweder als grundsätzlich befriedigt gelten können oder nur temporär wirken, reduzieren sich die meisten der genannten Fälle auf das Bedürfnis nach Sicherheit als Auslöser ihres „komischen“ Verhalten.

Will meinen: In den überwiegenden Fällen, in denen der Hund als verhaltensauffällig gilt, kann davon ausgegangen werden, dass sein Bedürfnis nach Sicherheit aus seiner Perspektive nicht erfüllt oder durch Herrchen oder Frauchen nicht gewährleistet ist. Er muss demzufolge selbst für seine Sicherheit oder die der ihm anvertrauten Ressource sorgen.

Im Umkehrschluss heißt letzteres aber, dass die Erziehung eines vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes sogar innerhalb weniger Minuten möglich wäre, so es dem Trainer gelänge, Herrchen oder Frauchen innerhalb weniger Minuten verständlich zu machen, was sie falsch machen und er sie sofort und unmittelbar zum veränderten Verhalten dem Hund gegenüber motivieren könnte. Denn die logische Schlussfolgerung aus der Behauptung, der Hund verhalte sich nur aufgrund des falschen Verhaltens von Herrchen oder Frauchen „falsch“, wäre ja, dass der Hund sich, so sich das Verhalten von Herrchen oder Frauchen ändert, auch anders verhält.

Und das ist tatsächlich der Fall.

Einen ungewollten Beweis für die Richtigkeit meiner These liefern sogar meine Kritiker, die es vehement ablehnen zu glauben oder gar anzuerkennen, dass ein “verhaltensauffälliger” Hund in nur einer einzigen Trainingseinheit „therapierbar“ sei. Meine schnellen Erfolge, die sie übrigens nicht in Abrede stellen, seien deshalb aber nur scheinbare, weil der Hund sich nur in meiner Gegenwart anders verhalte als zuvor, und anschließend, wenn Herrchen oder Frauchen wieder das „Kommando“ übernehmen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in sein altes Verhaltensmuster zurückfalle; der anfänglich schnelle Trainingserfolg deshalb also kein nachhaltiger und damit auch kein wirklicher sei. Und als einprägsames und populistisch wirkungsvolles Schlagwort verwenden sie in diesem Zusammenhang zu gerne das Catchword „Trainereffekt“, mit dem sie den nur kurzfristigen Erfolg meinen, begründet zu wissen.

Abgesehen davon, dass ich den sogenannten Trainereffekt und das, was damit schlechterdings gemeint ist, bereits in einem meiner vorherigen Beiträge ad absurdum geführt und aus verhaltenstheoretischer und ethologischer Sicht widerlegt habe, ist aber der Effekt, der dabei unterstellt und auch anerkannt wird, ein Beweis dafür, dass ein Hund sich sofort und unmittelbar auf eine Veränderung des Verhaltens seiner Bezugsperson einstellt und sein Verhalten ihrem Verhalten auch sofort anpasst.

Eine Bemerkung sei mir noch gestattet zum Thema „Schlagwort“: Wenn jemand in seiner Argumentation ein solches verwendet, hat das für mich immer einen faden Beigeschmack. Es gibt dazu in der Sprachwissenschaft sogar einen Forschungszweig, der den Sinn und die Wirkung von Schlagwörtern, im Englischen  buzzwords und Französischen slogan genannt, untersucht. Schlechterdings werden sie verwendet zugunsten des Wohlklangs und zu Lasten der vermittelten Information. Ihre Verwendung ist oftmals einem manipulativen Zweck geschuldet, der die eigene Glaubwürdigkeit steigern soll. Wenn also jemand den Begriff „Trainereffekt“ verwendet, sollte man vorsichtig sein, ob derjenige nicht mangelnde Fachkenntnisse mit einer Art stellvertretendem Autoritätsbeweis beschönigen will.

Bleibt noch die Frage: Warum hat es dann im oben aus dem Facebook-Netz zitierten Fall so unendlich lange gedauert, bis der Hund sein Frauchen glücklich machte?

Ich denke, die Antwort liefert ihr mitgepostetes Foto. Es zeigt nämlich den vermeintlich „umerzogenen“ Protagonisten, wie er seinen Rivalen aus der Ferne beobachtet und dabei aber eine steil nach oben aufgerichtete Rute präsentiert.

Deshalb ist meine erste Vermutung, dass ein tatsächlicher Erziehungserfolg gar nicht vorliegt, sondern nur ein scheinbarer. Ein tatsächlicher wäre es nämlich erst dann, wenn der Hund ein erkennbares Desinteresse an seinem Rivalen demonstriert. Sowohl seine fixierende Aufmerksamkeit, die dem anderen Hund sichtlich gilt, als auch seine aufgestellte Rute lassen aber das Gegenteil vermuten.

Und meine zweite Vermutung lautet: Sein unterlassenes „Hinterherjagen“ ist nicht das Resultat seiner erfolgreichen Erziehung, sondern könnte vielmehr in einer erfolgreichen Konditionierung begründet sein, wofür auch die lange Zeitdauer bis zum vermeintlichen Erfolg spricht. Denn man kann einen Hund durchaus durch Konditionierung wie positiver Bestärkung, oder wie man es auch nennen mag, zu einem veränderten Verhalten bewegen. Dies dauert aber seine Zeit, denn sie ist durch viele Wiederholungen gekennzeichnet. Man sollte dann aber immer bedenken, dass der vermeintliche Erfolg nicht das Ergebnis seiner Erziehung ist, was es, um nachhaltig zu wirken, aber sein sollte. Es wäre dann vielmehr das Ergebnis einer Ausbildung mit Pawlow’schem Effekt. Also das Ergebnis einer Überlagerung des eigentlichen instinktiven Verhaltens durch einen ablenkenden und konditionierenden Reiz. Problematisch ist ein solcher scheinbarer Erziehungserfolg deshalb, weil die Wirkung des Reizes nicht nachlassen darf.

Übrigens ein untrügliches Indiz dafür, ob ein Training der Ausbildung und nicht der Erziehung dienen soll, ist der „Patronengürtel“ voller Leckerli. Was nicht heißen soll, dass ich den Erfolg eines Trainings mittels Leckerli in Abrede stelle. Hunde sind sogar bereit, für ein Leckerli auf einer Pfote zu tanzen oder sich sonst wie zum Affen zu machen. Aber wenn ich stolz darauf bin, dass mein Schützling, statt anderen seiner Artgenossen hinterherzujagen, brav neben mir herläuft und mich dabei ständig anblickt und ich beide Fäuste voller Leckerli habe, ist sein Verhalten mitnichten das Ergebnis einer erfolgreichen Erziehung. Wenn der Hund erfolgreich erzogen und sozialisiert ist, bedarf es keiner ablenkenden Mittel. Denn er verhält sich dann aus intrinsischen Motiven so wie er sich verhält, nicht aus extrinsischen.

Ich empfehle in solchen Fällen, in denen man sich nicht wirklich sicher ist, ob eine Erziehung mit dem Ziel der intraspezifischen Sozialisation erfolgreich war, immer einen kleinen „Aufmerksamkeits-Check“: Beobachten Sie Ihren Schützling bei einem Spaziergang in fremdem Revier dabei, wenn Sie ihn losgeleint seinen Bedürfnissen überlassen. Fängt er reflexartig an, das Revier schnüffelnd wie eine Kehrmaschine zu inhalieren und an der erstbesten Stelle mit erhobenem Hinterlauf – so es ein Rüde ist – zu markieren und schenkt jedem seiner Artgenossen zumindest eine erkennbare Aufmerksamkeit? Dann ist er noch weit entfernt vom Erziehungsziel, in anderen seiner Artgenossen keinen Konkurrenten, Rivalen oder gar Feind mehr zu sehen. Denn er klärt immer noch das Revier nach Feindesinformationen auf.

Oder aber zeigt er diesbezüglich ein völliges Desinteresse und schlendert stattdessen sichtbar entspannt mit herabgelassener Rute neben ihnen her, konzentriert sich nur auf Sie und genießt Ihre Anwesenheit? Und entleert er seine Blase auch als Rüde wie ein „Mädchen“ und nur dann, wenn es notwendig ist? Nur dann können Sie sicher sein, dass die Erziehung im Interesse seiner intraspezifischen Sozialisation von Erfolg gekrönt ist. Denn erst jetzt sieht er in anderen seiner Artgenossen keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr. Sein “Lohn”: Ein stressfreies und völlig entspanntes Leben an Ihrer Seite mit dem Genuss des Hier und Jetzt. Ein „auffälliges“ Verhalten wird er sicherlich nicht mehr an den Tag legen, denn er weiß jetzt, für seine Sicherheit sorgen Sie.

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42. WIE WIRD UND WANN IST EIN HUND SOZIALISIERT?

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oder

Die Ursachen menschlichen Fehlverhaltens

Laut Definition ist die Sozialisierung ein „Prozess der Eingliederung bzw. Anpassung des [Heranwachsenden] in die ihn umgebende Gesellschaft und Kultur. Da [er] nicht über [entsprechende] Instinkte verfügt, die sein Handeln steuern, muss er im Prozess der Sozialisation soziale Normen, Verhaltensstandards und Rollen erlernen, um ein im jeweiligen sozialen Kontext handlungsfähiges und verhaltenssicheres soziales Wesen zu werden und seine soziokulturelle Persönlichkeit zu entwickeln.“

Wenn ich diese Definition meinen Kunden, die mich wegen ihres vermeintlich verhaltensauffälligen Hundes gerufen haben, vortrage und sie frage, ob diese Definition wohl auch auf den Hund zutreffe, kommt in der Regel die Antwort: „Ich denke schon.“

Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran es wohl liegen mag, dass solche Erkenntnisse, die eindeutig nur den Menschen betreffen, völlig unkritisch auch für Tiere und insbesondere Hunde als zutreffend angesehen werden.

Die Antwort liefern unter anderen die Neuro- oder auch die Kognitionswissenschaften: Das menschliche Gehirn steht nämlich vor einem Dilemma. Denn einerseits liefern ihm die Sinnesorgane nur einen winzig kleinen Bruchteil an Informationen von der realen Welt da draußen. Nehmen wir beispielsweise die visuelle Wahrnehmung: Die Retina in den Augäpfeln mit ihren Stäbchen und Zapfen kann überhaupt nur den kleinen Bereich von ca. 380 nm bis ca. 780 nm Wellenlänge der elektromagnetischen Photonen, die von der Oberfläche eines Objektes reflektiert werden, registrieren. Schon bei den angrenzenden UV- oder Infrarotbereichen ist sie hoffnungslos überfordert.  Andererseits treffen aber immerhin noch rein rechnerisch mehr als ca. 100 Mio. Sinneseindrücke pro Sekunde auf unsere „Antennen“. Selbst diese zwar objektiv sehr wenigen aber subjektiv sehr vielen kann das Gehirn noch nicht einmal ansatzweise verarbeiten. Man geht von etwa 40 dieser 100 Mio. aus. Also muss das menschliche Gehirn quasi ein Wunder vollbringen und aus dieser objektiv sehr begrenzten Anzahl an Informationen, diejenigen herausselektieren, mittels denen es dann ein zwar extrem vereinfachtes aber trotzdem noch halbwegs brauchbares Bild von der Realität produziert, um seinen „Chef“ handlungs- und entscheidungsfähig zu machen.

Dass bei dieser extremen Vereinfachung leider auch eine Vielzahl an falschen Vorstellungen oder „Abbildern“ produziert werden, nahm die Evolution großzügig in Kauf. Nach dem Motto: Lieber überhaupt eine Vorstellung als gar keine. Denn die Konsequenz wäre, nicht handeln oder entscheiden zu können. Typisches Beispiel ist die dunkle Unheil verheißende Gestalt hinter dem Gartenzaun, die sich später, nachdem man sich panikartig in Sicherheit gebracht hat, als harmlose Vogelscheuche entpuppt. Lieber einmal grundlos weggelaufen als einmal zu wenig. Denn diejenigen, die diese Reflexe nicht besaßen, gehören nicht mehr zu unserem Genpool.

Zusätzlich bedient sich das Gehirn beim Versuch, die Realität  in Form einer Vorstellung abzubilden, auch sehr gerne der Anwendung von vereinfachenden Regeln. Der englische Psychologe James Reason hat eine Reihe von Fehlertypen, die dabei auftreten, analysiert und systematisiert. Einer dieser Fehlertypen ist das Anwenden falscher Regeln oder das falsche Anwenden ansonsten richtiger Regeln. Letzteres heißt, der Mensch wendet Regeln auf Situationen fälschlicherweise an, die sich in einem anderen Kontext zwar als richtig bewährt haben, in der jetzigen Situation aber nicht passen. Ein Phänomen übrigens, das auch bei Tieren nachweisbar und offensichtlich eine zumindest beim Säugetiergehirn typische Erscheinung ist. So konnte man Kühe dabei beobachten, die wie selbstverständlich abends bei Eintritt der Dunkelheit von der Weide in ihren Stall trotteten. Gleiches taten sie aber auch, als mittags um zwölf eine Sonnenfinsternis auftrat. Eine Stunde später, als das Spektakel vorbei war, standen sie dann wie verdattert wieder vor dem Stall.

In diese Fehlerfamilie passt auch das Anwenden von Erkenntnissen, die sich zwar in der menschlichen Welt bewährt haben, aber auf die tierische oder hündische Welt nicht anwendbar sind. Ein typisches Beispiel ist der von mir schon mehrfach angesprochene Anthropomorphismus; also das vermenschlichen anderer Wesen. Eine beliebte Methode in der Märchenwelt, wenn wir an die Bremer Stadtmusikanten denken. Kinder können sich aufgrund ihrer noch stark eingeschränkten Assoziationsmöglichkeiten halt die Welt der Tiere besser vorstellen, wenn sie vermenschlicht wird.

Wenn also der Mensch Erkenntnisse aus seiner eigenen Erlebniswelt auf eine andere ihm unbekannte, in unserem Fall die der Hunde, anwendet, ist dies keine böse Absicht, sondern der Versuch, diese andere fremde unbekannte Welt besser verstehen zu können. Wenn der Mensch die Welt des Hundes nicht wirklich kennt, wendet er der Einfachheit halber seine eigene Erlebniswelt auch auf die des Hundes an. Selbst auf die Gefahr hin, sich zu irren. Denn prähistorisch hat es sich ja als Vorteil erwiesen, überhaupt eine Vorstellung zu haben als gar keine.

Die nicht sehr unwahrscheinliche Konsequenz ist dann aber auch, sich hin und wieder zu irren.

Und so passiert es, wenn beispielsweise die oben zitierte Definition der menschlichen Sozialisation eins-zu-eins auch auf den Hund angewendet wird. Denn dann läuft man Gefahr, Welpenspielgruppen, Hundespielwiesen oder sonstige Hundetreffen mit Kindergarten, Spielplatz oder Schule zu verwechseln und für etwas zu halten, was der Sozialisierung diene. Dies ist aber nicht der Fall; im Gegenteil.

Die Sozialisation des Hundes ist nämlich völlig anders begründet und verfolgt damit auch eine völlig andere Zielstellung.

Zwar lässt sich die zitierte Definition teilweise mit etwas Fantasie auf die Erziehungsmaßnahmen einer Hundefamilie adaptieren, wenn Hundevater und Hundemutter ihren Schützlingen durch Vormachen und Korrigieren ein Grundverständnis für den Überlebenskampf vermitteln und sie so auch die Grundregeln des Zusammenlebens in einem Rudel erfahren lassen; denn dafür fehlen auch ihnen die Instinkte.

Aber was heute oftmals mit der beabsichtigten Sozialisierung verbrämt wird, indem beispielsweise Welpenspielgruppen oder Hundetreffen aller Couleur in ihrer Sinnhaftigkeit oder gar Notwendigkeit mit ihr begründet werden, ist reinweg falsch.

Bedauerlicherweise wird dies auch immer wieder durch sogenannte Fernsehhundetrainer, die scheinbar eine große Vorbildwirkung haben, behauptet, dass dem kleinen Welpen im frühen Alter möglichst viele Kontakte zu seinen Artgenossen ermöglicht werden sollten, um ihn auf das spätere „harte Leben“ vorzubereiten. Oder viele Hundefreunde treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Hundetreffen und Spaziergängen, um ihren Schutzbefohlenen die Möglichkeit vielschichtiger „Kommunikationen“ zu verschaffen.

Man nehme mir mein Vokabular bitte nicht übel, aber das ist Quatsch. Und ich bringe es gerne auf den Punkt, auch wenn es für so manch einen Fan der „Hundekommunikation“, der meint, sie sei für das Wohlbefinden des Hundes unabdingbar, eine fette Kröte sein mag:

Kein Hund würde freiwillig zur Steigerung seines Wohlbefindens zu einem fremden Hund, der nicht zu seinem Rudel gehört, Kontakt aufnehmen, um sein Bedürfnis nach Kommunikation befriedigen zu wollen.

Es gibt nur eine einzige Ausnahme, die eine freiwillige Kontaktaufnahme begründet: Die Befriedigung des Bedürfnisses nach Fortpflanzung.

Alle anderen Arten von Kontaktaufnahmen, die fälschlicherweise mit seinem ihm angeblich innewohnenden Bedürfnis nach „freudebereitender Kommunikation“ begründet werden, sind unfreiwillig und nur eine Folge seines instinktiv determinierten Bedürfnisses nach Sicherheit oder Wahrnehmung einer ihm übertragenen Verantwortung.

Das heißt, ein Hund, der zu einem fremden Hund selbstständig Kontakt aufnimmt, will entweder seine Gene weitergeben oder abklären, welche Absichten der andere hegt.

Der Mensch kann dies deshalb so schwer nachvollziehen und sträubt sich offensichtlich mit Händen und Füßen gegen diese Vorstellung, weil ihm selbst im Rahmen der Evolution eine andere Sequenz ins Genom geschrieben wurde. Er ist nämlich regelrecht süchtig nach kommunikativem Kontakt zu seinen Mitmenschen, weil ihm dies im Überlebenskampf einen Vorteil geboten hat. Der Hund aber hat durch den Kontakt zu fremden Hunden keinen Vorteil. Im Gegenteil, sie sind für ihn grundsätzlich Konkurrenten, Rivalen oder sogar Feinde. Der einzige, der ihm im Überlebenskampf einen Vorteil geboten hat, war der Mensch, also sein Frauchen. Deshalb anvertraut er sich ihr auch in Form eines bedingungslosen Andienens bis hin zur Selbstopferung.

Sogar die Wissenschaft hat diesen Unterschied zwischen Mensch und Hund längst nachgewiesen. Wenn Menschen sich begegnen und sympathisch finden, schüttet das Hormonsystem zwei Bekannte aus, Dopamin und Oxytocin; bekannt als Glücks- und Kuschelhormone. Gleiches passiert im Hundegehirn, wenn er Frauchen entdeckt oder beide sich in die Augen schauen. Begegnet er aber fremden Artgenossen, kann man in seinem Urin unter Umständen Katecholamine und Cortisol nachweisen, typische Stresshormone.

Die Sozialisation bei Mensch und Hund ist deshalb nicht identisch, weil nicht nur die Zielstellungen sich voneinander unterscheiden, sondern auch der Grund.

Beim Menschen besteht das Ziel seiner Sozialisation im Kennenlernen und Beherrschen von Regeln, um sozial verträglich miteinander klar zu kommen, um die Vorteile des gemeinsamen Zusammenlebens nutzen zu können. Der Mensch hatte dadurch einen Vorteil im Überlebenskampf, wenn er sich in Gruppen zusammentat. Und der Grund, warum er diese Regeln im Rahmen der Sozialisation erst erlernen muss, liegt in seinen fehlenden Instinkten.

Völlig anders sieht es beim Hund aus. Das Ziel seiner Sozialisation besteht eben nicht in seiner Befähigung zum sozial verträglichen gemeinschaftlichen Zusammenleben mit Fremden, um deren Vorteil im Überlebenskampf zu nutzen. Bei ihm besteht vielmehr das Ziel der Sozialisation darin, ihn von seiner Verantwortung für die eigene oder anderer Sicherheit zu entbinden, weil nur in der Wahrnehmung dieser Verantwortung sein Interesse begründet ist, Kontakt zu fremden Hunden aufzunehmen, bei der es dann unter Umständen zu Aggressionen kommen kann. Wie gesagt, mit einer Ausnahme: Seine Replikationsabsicht.

Wenn beim Menschen die Sozialisation in der Definition mit den fehlenden Instinkten begründet wird, muss sie beim Hund mit ihrem Vorhandensein begründet werden. Das ist ein wesentlicher Unterschied, ob der Mensch aufgrund fehlender Instinkte etwas erlernen muss oder ob der Hund aufgrund vorhandener Instinkte etwas, was er aufgrund dieser Instinkte machen würde, unterlassensoll. Beides ist aber mit dem Begriff Sozialisation belegt.

Der Mensch muss im Gegensatz zum Hund nicht von Urinstinkten befreit werden, die ihn ansonsten sozial unverträglich machen (außer in pathologisch begründeten Fällen), sondern er muss Regeln lernen, die er aufgrund fehlender Instinkte noch nicht kennt. Der Hund aber muss von instinktiv determiniertem Verhalten befreit werden. Und dazu bedarf es keiner sozialen Kontakte zu fremden Hunden.

Der Hund ist im Gegensatz zum Menschen – natürlich graduell unterschiedlich in Abhängigkeit seiner Zuchthistorie – mit Anlagen ausgestattet, die ihn in einer Konkurrenzsituation, in der es von Feinden und Rivalen nur so wimmelt, zurechtkommen lassen. Wir nennen sie das agonistische Verhaltensrepertoire. Wenn wir an all die Hunde denken, bei denen wir aggressive Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Beißattacken auch gegenüber dem Menschen registrieren, müssen wir nicht nur von ihrer Existenz ausgehen, sondern im Gegenteil, wir sollten bedenken, dass diese Anlagen sogar zielgerichtet vom Menschen im Rahmen ihrer Züchtung selektiv verstärkt wurden. Beispielsweise um Haus und Hof zu verteidigen.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Der Hund ist durch die Domestikation mit einer Anlage „ausgestattet“ worden, die ihn nicht nur befähigt, sondern geradezu danach streben lässt, sich und sein Frauchen ständig beschützen und verteidigen zu wollen. Demnach muss ihm diese Aufgabe gar nicht erst durch Training oder Ausbildung übertragen werden; im Gegenteil, es ist bereits als Urinstinkt vorhanden.

Nun wäre das alles überhaupt kein Problem, wenn dem Hund, der mit diesen Veranlagungen auf die Welt gekommen ist, auch eine adäquate Aufgabe übertragen werden würde. Das heißt, wenn ein Schäferhund hüten und bewachen oder ein Bull Terrier Kinder beschützen sollte. Denn bemerkenswerterweise spricht kein Mensch bei einem typischen Wachhund, dem auch tatsächlich die Aufgabe zur Bewachung eines Grundstückes übertragen wurde, von seiner notwendigen Sozialisierung. Aber das Übertragen einer adäquaten Aufgabe entsprechend seiner Züchtung ist heutzutage kaum noch der Fall bzw. meistens sogar unerwünscht. Die Liste der Hunde mit ihren angezüchteten unterschiedlichen Fähigkeiten ist bekanntermaßen sehr lang. Aber wenn ich mir die faktischen Aufgaben der Hunde anschaue, zu deren Therapie ich gerufen werden, weil sie vermeintlich verhaltensauffällig sind, und diese mit den ihnen im Rahmen der Rassezucht mitgegebenen wie zwei Blaupausen versuche aufeinanderzulegen, stimmt keines davon überein. In der Regel wird heute ein Großteil der Hunde nicht mehr entsprechend ihrer Fähigkeiten angeschafft, sondern vorwiegend als Begleithund oder gar als eine Art sozialer Ersatz. Er soll heute dem Menschen als Partner dienen, der den Alltag verschönert und zu gemeinsamem Spiel und Spaß motiviert.

Die notwendige Konsequenz ist, wenn der Hund nicht mehr die ihm eigentlich angezüchteten Fähigkeiten nutzen soll, dass ihm demonstrativ gezeigt werden muss, dass er diese Aufgaben nicht mehr hat. Er muss also durch Sozialisation von seinen Aufgaben, die er instinktiv determiniert wahrnehmen will, entbunden werden.

Im Ergebnis einer erfolgreichen Sozialisation wird der Hund alle anderen fremden Hunde ignorieren und ab sofort keinerlei Interesse mehr an ihnen zeigen. Denn warum auch? Sie sind ab sofort keine Konkurrenten, Rivalen oder gar Feinde mehr. Das ist sowohl der Grund als auch das Ziel seiner Sozialisation.

Demzufolge ist die Sozialisierung des Hundes nicht seine Gewöhnung an fremde Hunde, um mit ihnen in einer Art friedlichen Koexistenz zusammenzuleben, sondern die Entbindung von seiner Verantwortung, die er instinktiv übernehmen würde, wenn man ihn davon nicht bewusst befreit. Ob sie erreicht ist, lässt sich unschwer daran messen, ob er Fremde ignoriert. Rennt er allerdings bei einem Hundetreffen oder auf der Hundespielwiese vermeintlich freudig erregt auf sie zu, ist er von seiner Sozialisierung noch weit entfernt.

Eine abschließende und positive Nachricht für alle Skeptiker, die an der Machbarkeit einer solchen Sozialisierung zweifeln, habe ich noch:

Was nämlich den Hund wesentlich von seinem Urvater, dem Wolf, unterscheidet, ist seine relativ widerspruchslose Bereitschaft, die Verantwortung für seine eigene Sicherheit in die Hände von Frauchen oder Herrchen zu legen. Ein Wolf hingegen wird kaum seinem Betreuer, selbst wenn er ihn per Flasche aufgezogen haben sollte, die Verantwortung für seine eigene Sicherheit anvertrauen. Der Hund sieht das aber relativ entspannt, denn es ist ihm seit über 30.000 Jahre demonstriert worden, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, ihn nicht nur zu ernähren, sondern ihn sogar zu beschützen. Im Gegenzug erfüllt er ihm alle möglichen und unmöglichen Aufgaben.

Allerdings ist dieses Anvertrauen der eigenen Sicherheit in die Verantwortung des Menschen kein Selbstläufer. Zunächst einmal, wenn ihm diese Verantwortung nicht demonstrativ abgenommen wird, sieht er sich grundsätzlich in der Eigenverantwortung und strebt instinktiv selbst nach Schutz der eigenen Unversehrtheit. Im Rahmen der Sozialisation muss und kann dieser Instinkt aber in relativ kurzen Erziehungseinheiten in seiner Wirkung unterdrückt werden. Und seine Bereitschaft wird mit einem völlig entspannten Leben an der Seite von Frauchen honoriert. Stress ist für den Hund ab sofort ein Fremdwort. Und sollte ein Vertreter seiner Artgenossen seinen Weg kreuzen, wird er allenfalls höchst gelangweilt die Augenbrauen heben. Außer die Schönheit kokettiert mit Läufigkeit.

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41. VERURSACHT BESTRAFUNG BEI DER ERZIEHUNG VERHALTENSAUFFÄLLIGER HUNDE TATSÄCHLICH FRUSTRATION?

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oder

Ein weiteres Beispiel für den Leim des Anthropomorphismus

Auf meinen vorherigen Beitrag, in dem ich auf die Erziehung von Hunden eingegangen bin, denen teilweise schwere Beißattacken auch gegenüber Menschen zur Last gelegt werden, reagierte eine Leserin mit der Meinung, dass Gewalt oder Bestrafung beim Hund Gegengewalt bzw. Frustration erzeuge und sie selbige deshalb ablehne.

Ich habe sogar Verständnis dafür, wenn jemand instinktiv geneigt ist, dieser Aussage sofort zuzustimmen. Insbesondere wenn er oder sie sich gedanklich gerade in unserer gesellschaftspolitischen Welt, also der der Menschen, befindet.

Aber ist diese Weisheit der Kausalität von Bestrafung und Frustration auch so einfach anzuwenden auf die Welt der Hundeerziehung? Ich meine, nein. Denn nicht einmal in der humanen Welt ist sie so eineindeutig, wenn man bedenkt, dass selbst da das Gefühl der Frustration immer durch das Element der zumindest gefühlten Ungerechtigkeit bedingt ist. Fehlt dieses Element, ist selbst da der Frust nach einer Bestrafung nicht obligat. Auch wenn diese Weisheit lieb gemeint ist und scheinbar in den Zeitgeist passt, wonach vermeintliche Erziehungsmethoden mit „positiver Bestärkung“ o.ä. Hochkonjunktur zu haben scheinen, sie ist nicht so einfach anwendbar. Nicht nur Laien, bewusst oder unbewusst, projizieren immer wieder unberechtigt den Maßstab der humanen Welt auch auf die Welt der Kaniden und werden dadurch – oftmals sicherlich unwillentlich – „Opfer“ des Anthropomorphismus und gehen diesem auf den Leim. Das „Vermenschlichen“ des Hundes ist übrigens eine der wichtigsten Gründe, wenn nicht sogar der wichtigste, für das Missverstehen zwischen Mensch und Hund (siehe dazu auch mein Buch „Problemhunde und ihre Therapie“).

Wir sollten uns aber immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Erkenntnisse aus der Erziehungswissenschaft des Menschen, insbesondere natürlich die der Kinder, nicht eins zu eins auch auf die Welt des Hundes angewendet werden können und dürfen.

Denn zunächst einmal sollten wir uns vergegenwärtigen und akzeptieren – selbst wenn es nicht in die Welt des modernen und aufgeklärten Menschen passt: Bestrafungen, Sanktionen oder Korrekturen sind in der animalischen Welt völlig legitime und selbstverständliche Mittel der Erziehung. Selbst wenn einige dieser Mittel sogar Elemente von Gewalt enthalten. Man kann sogar sagen, dass eine Erziehung ohne diese Mittel in einer Familie der Kaniden ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Wie wollten ansonsten Hundemutter und Hundevater ihren Schützlingen die Welt erklären und ihnen die notwendigen Regeln für ein erfolgreiches Überleben vermitteln? Sie haben nur zwei Möglichkeiten: Vormachen und Korrigieren. Verbale Erklärungen, Erläuterungen oder gar meinungsbildende Diskussionen als Mittel der Erkenntnisfindung gehören bekanntermaßen nicht zu ihrem Repertoire. Und Leckerli als Mittel der Erziehung kennen sie schon mal gar nicht. Die hat sich nur der Mensch als probates Mittel zur Ausbildung von Hunden oder anderen Tieren einfallen lassen, um ihnen irgendwelche Tricks wie das Tanzen auf zwei Pfoten beizubringen; wo sie übrigens auch völlig legitim sind. Als Mittel der Erziehung sind selbst sie aber ungeeignet und haben hier auch nichts zu suchen.

Vielleicht liegt die Ablehnung dieser Vorstellung auch in der Assoziation begründet, die der Begriff „Gewalt“ in unserem cerebralen Cortex produziert. In meinem Beitrag, auf den sich die eingangs erwähnte Leserinnen-Kritik bezieht, habe ich auch bewusst den Begriff „Gewalt“ verwendet. Nicht nur, um eine Diskussion zu provozieren, sondern auch um deutlich zu machen, dass die meisten Mittel der Korrektur durchaus Merkmale von Gewalt enthalten. Aber bitte unterstelle man deshalb nicht, dass die hier gemeinte Gewalt grundsätzlich gleichbedeutend wäre mit Schlägen oder Tritten. Eine solche Gewalt ist von mir auch überhaupt nicht grundsätzlich gemeint gewesen. Aber ein kräftiger Ruck an der Leine beispielsweise trägt eben auch Züge von Gewalt. Deshalb müssen auch solche Mittel mit dem Begriff „Gewalt“ belegt werden dürfen, ohne dass man dabei gleich vor Scham im Boden versinken müsste.

Aber nun zur eigentlichen und eingangs erwähnten Frage: Verursacht Bestrafung – die auch Züge von Gewalt in sich tragen kann – grundsätzlich Gegengewalt oder Frustration?

Um die Antwort nicht zu verkomplizieren, beschränke ich mich in der Beschreibung auf die Frustration. Sinngemäß gilt es aber auch für die Gegengewalt.

Zunächst müssen wir uns die Definition von Frustration anschauen:

Ich zitiere dazu einen Passus aus dem Lexikon der Psychologie: „Frustration bezeichnete zunächst in psychoanalytischem Kontext das emotionale Resultat einer verhinderten Triebreduktion … und schuf dadurch einen ersten engen Bezug zur Aggression. Allgemein- bzw. alltagspsychologisch verwendet beschreibt Frustration hingegen das komplexe Erlebnis einer wirklich erlittenen oder auch nur als solcher wahrgenommenen Benachteiligung. Dies rückt Frustration … in die Nähe sozialpsychologischer Ansätze der (Un-) Gerechtigkeit und birgt andererseits eine Verbindung zum motivationspsychologischen Begriff der Erwartung.“

Da sich diese Definition auch wieder nur auf den Menschen bezieht, müssten wir eigentlich erst einmal diskutieren, ob sie auch auf den Hund anwendbar ist. Dies verkneife ich mir aus zwei Gründen der Einfachheit halber, weil zum einen auch beim Hund tatsächlich Anzeichen von Frustration, die mit dem menschlichen Empfinden vergleichbar zu sein scheint, beobachtet werden können. Insbesondere durch Abreaktionen sind diese erkennbar. Und zum anderen würde uns eine solche Grundsatzdiskussion nicht wirklich bei der Klärung des eigentlichen Problems helfen. Allerdings müsste das Zutreffen des zweiten Teils der oben zitierten Definition schon diskutiert werden. Denn aus ihm geht ein Moralaspekt der Frustration hervor. Das bedeutet, wir müssten klären, ob auch Hunde Moralkriterien kennen. Bei Primaten sind sie eindeutig belegt. Bei Hunden kann man sie bisher nur vermuten oder allenfalls vage belegen. Deshalb lasse ich diesen Aspekt an dieser Stelle beiseite und konzentriere mich auf den ersten Teil der Definition: „… das Resultat einer verhinderten Triebreduktion …“. Denn dies reicht aus zur Erklärung des Problems.

Das Gefühl der Frustration entsteht demzufolge dann, wenn der Hund den Trieb, dem er in einer bestimmten Situation folgt, nicht abbauen bzw. reduzieren kann. Denn im Ergebnis einer von Trieben gesteuerten Handlung soll immer deren Befriedigung stehen. Wenn nicht, kommt es zur Frustration.

Also gilt es zunächst zu klären, von welchen Trieben wir im hiesigen Kontext eigentlich sprechen bzw. ich in meinem vorherigen Beitrag gesprochen habe? Es geht und ging nämlich um die Befriedigung des Bedürfnisses des Hundes nach seiner eigenen Sicherheit bzw. die seines Herrchens oder Frauchens oder irgendeiner Ressource, für die er bewusst oder unbewusst die Verantwortung übertragen bekommen hat. Gleiches gilt auch für irgendeine ihm übertragene Aufgabe wie beispielsweise das Beschützen oder Behüten.

Wenn nun der Hund, wie ich beschrieben habe, in seiner unerwünschten Handlungsabsicht oder nach einer unerwünschten Handlung korrigiert wird, entweder durch eine Bestrafung oder Sanktion, kann es nur zu einem Gefühl der Frustration kommen, wenn nicht simultan eine Triebreduktion stattfindet. Und wer meinen Text aufmerksam gelesen hat, wird sich erinnern, dass ich ausdrücklich darauf hingewiesen habe, dass eine Korrektur oder Sanktion nur dann sinnvoll ist, wenn dem Hund gleichzeitig der Grund für sein beabsichtigtes oder tatsächliches Handeln genommen wird. Und indem ihm der Grund genommen wird, wird ihm quasi auch der Trieb “genommen”.

Insofern wäre es doch absurd zu behaupten, ein Hund empfinde Frustration, obwohl ihm der Trieb, den er befriedigen bzw. reduzieren wollte, „abhandengekommen“ ist.

Wird ein Hund allerdings bestraft oder ihm gegenüber Gewalt angewendet, ohne dass ihm der Grund für sein unerwünschtes Verhalten genommen wird, er also weiterhin noch den Trieb besitzt, kommt es tatsächlich zu Reaktionen, die sich seinerseits in Frustration oder sogar in einer Art Gegengewalt offenbart. Denn er fühlt sich zu „Unrecht“ bestraft (ob der Begriff „Unrecht“ in der hündischen Welt verwendet werden kann, müsste ebenfalls diskutiert werden, denn laut Definition bedingt er einen sozialpsychologischen Moralaspekt; zumindest aber kommt der Hund in einen Konflikt, wenn die Bestrafung für ihn nicht logisch ist und im Widerspruch zu seiner ihm übertragenen Aufgabe steht).

Wenn also beide „Maßnahmen“ grundsätzlich gleichzeitig stattfinden, 1. die Korrektur (bzw. Bestrafung) und 2. die Entbindung von der Verantwortung, ginge es, salopp ausgedrückt, mit dem Teufel zu, wenn der Hund trotzdem noch „wütend“ werden sollte. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher: Entbindet man ihn seiner Verantwortung, wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von nun an regelrecht entspannt und relaxt neben Frauchen dahertrotteln und schon gar nicht auf die Idee kommen, fremde Kinder attackieren zu wollen. Warum auch? Wenn Frauchen selbst für ihre und sogar seine Sicherheit sorgt, warum soll er dann selbst noch diesen „Stress“ auf sich nehmen.

Somit will ich abschließend noch einmal das in meinem vorherigen Text gegebene Statement wiederholen und bekräftigen:

Sollte ein Hund einem kleinen Kind gegenüber auch nur das kleinste Zeichen von Aggressionen zeigen – und dazu gehören schon das Knurren oder alle übrigen Indizien seiner Körpersprache, die bedauerlicherweise oftmals vom Laien gar nicht erkannt werden – muss ihm sofort, unmittelbar und kompromisslos durch eine energische Korrektur (Sanktion oder Bestrafung, die auch weh tun darf) demonstriert werden, dass dies für ihn ein absolutes „No Go“ ist. Allerdings muss ihm simultan zwingend!!! und demonstrativ der Grund für seine Aggression genommen werden. Denn er ist nicht grundlos aggressiv. Es gibt keinen Trieb ohne Grund oder Auslöser. Und dazu bedarf es einer Analyse hinsichtlich der ihm bewusst oder unbewusst übertragenen Verantwortungen. Denn der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Beseitigung des Grundes für die Aggression. Nur ein Hund, dem die Verantwortung für seine eigene Sicherheit oder die seines „Rudels“ oder die einer Ressource übertragen wurde, entwickelt Aggressionen. Denn diese zählen zu seinem natürlichen agonistischen Verhaltensrepertoire. Insofern gebe ich auch niemals dem Hund die „Schuld“ für seine Attacken. Die tatsächliche „Schuld“ lastet auf Herrchen oder Frauchen, die ihm – meistens unbewusst – eine Verantwortung übertragen haben, der er nur gerecht werden will.

Eine abschließende Bemerkung kann ich mir aber nicht verkneifen:

Man sollte sich bei der Beurteilung oder Bewertung von Erziehungsmaßnahmen, bevor man sie sofort in Bausch und Bogen verurteilt und ablehnt, auch immer mal wieder vor Augen halten, wie man sich als HundebesitzerIn gegenüber einer jungen Familie rechtfertigen wollte, deren kleines vierjähriges Kind durch den Hund bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Ob man dann auch diesen Eltern gegenüber den Mut aufbringen würde zu sagen, es tue einem zwar Leid, was dem Kind wiederfahren sei, aber Gewalt oder Bestrafung lehne man in der Erziehung seines Hundes kategorisch ab?

Ich würde auch allen Kritikern, die so vehement das Mittel der Bestrafung verurteilen und dabei auch immer gerne die Keule der Moral schwingen, zu gerne die Begleitung eines Amtstierarztes ans Herz legen, wenn dieser dem oder der  betreffenden HundebesitzerIn die Konsequenzen der Beißattacke ihres Hundes klar macht und nicht selten die Einschläferung als Option in Erwägung zieht.

Ist es da nicht sogar moralisch die bessere Option, auch oder insbesondere im Interesse des Tieres, im Rahmen seiner konsequenten Korrektur – auch unter Nutzung bestrafender Methoden, die durchaus auch mit Schmerz korrelieren – dem Ganzen ein Ende zu bereiten, in dessen Ergebnis der Hund erfahrungsgemäß in einer völligen Entspanntheit sein weiteres Leben genießen darf? Denn – auch wenn ich mich wiederhole – die korrekte und von mir gemeinte Korrektur wird immer flankiert durch die Entbindung des Hundes von seiner Verantwortung. Eine andere Art der Bestrafung habe ich auch nie gemeint, auch wenn man dies gerne in meine Texte hineinlesen möchte.

Wenn mein Hund – und ich liebe ihn sehr – einem fremden Kind Leid zufügen würde, würde ich ihm sicherlich sogar sehr wehtun. Allein schon aus Scham den Eltern gegenüber. Allerdings müsste ich mir dann auch eingestehen, bei der bisherigen Erziehung meines Hundes völlig versagt zu haben.

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40. DIE ENERGISCHE KORREKTUR

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versus

Ressentiments der Moralapostel

Ein Reizthema ist nach wie vor die Erziehung durch Anwendung von Gewalt. Sogar Papst Franziskus hat hierzu seinen heftig umstrittenen Beitrag geleistet, als er auf die Aussage eines Vaters, dass er seine Kinder manchmal ein bisschen schlage, antwortete: „Wie schön“.

Ich rede hier zwar nicht von der Erziehung der Kinder, sondern im Gegenteil, von der der Hunde. Doch auch da ist die Anwendung von Gewalt bei so manch einem ein absolutes „No-Go“. Ganz zu schweigen von den medialen Angriffen und ganzen Foren im Netz gegen einen Cesar Millan und seinen heftig kritisierten Erziehungsmethoden.

Zur thematischen Einschränkung und zum besseren Verständnis meiner Position ist es notwendig, dass ich die Erziehungsfälle, von denen ich hier rede, sehr konkret benenne. Denn nur von diesen und ähnlich gelagerten Fällen rede ich und von keinen anderen. Ich rede nicht von Oma Hedwigs Schoßhund, der jeden Fremden mit seinem ohrenbetäubenden Kläffen belästigt und wie ein Wahnsinniger an der Leine zerrt, als wolle er flüchten.

Sondern bei den Fällen, von denen ich hier spreche, handelt es sich um Beißvorfälle, die nach meiner festen Überzeugung hätten verhindert werden können, wenn die HundebesitzerInnen bereits bei den ersten signifikanten Verhaltenssymptomen ihrer Hunde adäquat und konsequent reagiert hätten. Was sie aber offensichtlich nicht taten, weil irgendwelche selbsternannten Moralapostel ihnen erfolgreich ein schlechtes Gewissen eingeredet haben. Interessant war, dass die Auswertung aller Fälle ein einheitliches Bild über die Einstellung der HundebesitzerInnen zur Erziehung ihrer Hunde unter Anwendung von Gewalt ergaben: Alle gaben an, diese abzulehnen, um dem Hund nicht weh zu tun oder sogar, ihn nicht zu erniedrigen.

Um welche Fälle handelt es sich?

Ich verzichte im Folgenden bewusst auf die Nennung der jeweiligen Hunderasse, weil nach meinen Erfahrungen diese nur sehr eingeschränkt kausal mit dem konkreten Vorfall in Verbindung stehen. Sicherlich hat die Größe und Rasse etwas mit dem Verhalten und vor allem mit deren Folgen zu tun. Aber die Nennung der Rasse würde von der eigentlichen Ursache sehr schnell ablenken und den Laien veranlassen, voreingenommen der eigentlichen Ursachenanalyse aus dem Wege zu gehen und zu behaupten: „Na typisch, das ist doch klar, dass diese Bestien unberechenbar sind.“ Aber ob ein Hund beißt oder nicht, ist kein Resultat eines genetischen Programmiercodes in Abhängigkeit seiner Zuchthistorie.

Es handelt sich um Fälle mit sehr unterschiedlichen Hunderassen. In einem Fall biss die Hündin, die bereits mehrere Jahre bei dem Ehepaar lebte, in Gegenwart des Ehemannes der Ehefrau in den Unterarm. Im anderen Fall verbiss sich das Tier, ein Rüde, in den Rücken eines vierjährigen fremden Kindes und verletzte es schwer. In einem weiteren Fall attackierte der Hund ein dreijähriges Kind in der eigenen Familie und entstellte es derart, dass das Kind nicht nur physische sondern vor allem psychische Folgeschäden davontrug. Und in einem Fall bissen zwei im Rudel lebende Hunde einen fremden Hund, der auf sie zu rannte, in Folge dessen dieser eingeschläfert werden musste. Die Liste solcher Vorfälle ließe sich weit und lang fortsetzen. Ich will mit diesen wenigen nur auf die Art und Schwere der von mir gemeinten Aggressionen hinweisen.

Und nun versuche man sich einmal vorzustellen, in solchen Situationen bei der Mutter oder dem Vater eines drei-, vier- oder fünfjährigen Kindes, das durch eine Hundeattacke schwer verletzt wurde, um Verständnis bitten zu wollen, dass sie doch einsehen mögen, dass man einen Hund mittels Strafe nicht erziehen dürfe, denn das tue ihm doch weh oder erniedrige ihn. Würde ein Hund meinem kleinen Sohn so etwas angetan haben, würde ich ihm auf der Stelle sehr wehtun und erniedrigen. Und das, obwohl mir Hunde und ihr artgerechtes Wohlergehen sehr am Herzen liegen; ansonsten würde ich meinen Job wohl auch nicht machen können.

Bevor ich die aus meiner Sicht einzige effiziente und nachhaltige Erziehungsmaßnahme zur Vermeidung aggressiven und beißwütigen Verhaltens von Hunden beschreibe, müssen wir zunächst die Gründe für ihre Aggressionen verstehen. Denn im Umkehrschluss ist die Beseitigung dieser Gründe der Schlüssel zum Erfolg und erfahrungsgemäß die Voraussetzung, die Möglichkeiten ihres Vermeidens oder Beseitigens auch zu akzeptieren.

Wenn wir die pathologisch begründeten Aggressionen einmal vernachlässigen und außer Acht lassen, reduziert sich die auslösende Situation für aggressives Verhaltens immer auf drei Bedingungen, die gleichzeitig in dieser Situation bestehen oder da sein müssen:

  1. Bedingung: Der Hund fühlt sich selbst für seine Sicherheit verantwortlich oder ihm wurde diese Verantwortung übertragen und genießt nicht den Schutz des Besitzers bzw. der Besitzerin. Dazu zählt auch die Verantwortung für die Sicherheit anderer Tiere oder Menschen oder das Revier oder irgendeine Ressource. Dabei spielt es natürlich keine Rolle, ob ihm diese Verantwortung willentlich oder unbewusst durch die HundebesitzerInnen übertragen wurde. Meine Erfahrungen belegen aber, dass diese Verantwortungsübertragung meistens unbewusst geschieht, denn wenn ich in solchen Fällen die BesitzerInnen darauf anspreche, diese mit Unverständnis reagieren und mir entgegnen, dass sie dies nicht bewusst getan hätten.
  2. Bedingung: Der Hund fühlt sich akut in der konkreten Situation in seiner Sicherheit bedroht oder sieht die Sicherheit der ihm anvertrauten Personen oder Ressourcen als akut bedroht an. Zugegebenermaßen ist dies zu identifizieren bei der Ursachenanalyse die schwierigste Herausforderung. Denn dazu bedarf es immer der Kenntnis seiner „Geschichte“ oder Lebensumstände. So war es beispielsweise in einem der oben genannten Fälle die psychische Erkrankung der Ehefrau, die durch ihr „unnormales“ Verhalten für den Hund eine Bedrohung darstellte und der Ehemann, der die eigentliche Bezugsperson für den Hund war, ihm offensichtlich nicht das Gefühl vermittelt hat, ihm genügend Schutz zu bieten. Auch Kinder hinterlassen durch ihr oftmals unberechenbares Verhalten oder Reagieren beim Hund den Eindruck, seine Sicherheit oder die seiner Ressource zu gefährden. Fatalerweise kommt hier noch hinzu, dass Kinder die Drohsignale des Hundes als Freundlichkeit fehlinterpretieren.
  3. Bedingung: Ihm wurde ein zu großer Entscheidungsspielraum überlassen oder zugestanden, indem ihm im Rahmen der Erziehung oder Sozialisierung bisher keine Grenzen oder gar Tabus gesetzt wurden, an denen er das Nutzen seines agonistischen Verhaltensrepertoires ausrichten kann. Dieser Punkt korreliert direkt mit dem erstgenannten und ist mit ihm teilweise identisch. Denn das Übertragen einer Verantwortung geht immer einher mit dem Übertragen eines dazugehörigen Entscheidungsspielraums. Diesen Zusammenhang habe ich auch in meinem Buch „Problemhunde und ihre Therapie“ beschrieben. Auch deshalb ist hier oftmals die Irritation der HundebesitzerInnen groß, wenn ich sie darauf anspreche und ihnen erkläre, dass sie offensichtlich dem Hund den Entscheidungsspielraum überlassen hätten, sein agonistisches Verhaltensrepertoire auszunutzen, wozu auch seine Aggressionen einschließlich das Beißen zählen. Denn wie soll er ansonsten seiner ihm übertragenen Verantwortung gerecht werden. Das wäre ja vergleichbar mit einem Polizisten, den man all seiner hoheitlichen Mittel beraubt hätte.

Wenn einem diese drei Rahmenbedingungen als Voraussetzung für eine Beißattacke oder irgendeine sonstige Aggression bewusst geworden sind, lässt sich auch leicht die Erziehungsmethode verstehen, mittels derer der Hund im Rahmen seiner Sozialisierung oder Resozialisierung zu einem friedfertigen Wesen gemacht werden kann.

Und die positive Nachricht: Es bedarf keinerlei langwieriger Konditionierungsverfahren oder Übungen, sondern in der Regel nur einiger weniger Korrekturen. Allerdings müssen diese nicht nur konsequent sondern vor allem auch demonstrativ energisch erfolgen. Dazu muss man natürlich auch akzeptieren, dass solche modern gewordenen und mit wunderschön klingenden Namen verbrämten aber zum Scheitern verurteilten Methoden wie „positive Bestärkung“ oder das Reichen von Leckerli oder sonstige Firlefanz-Ablenkungsmanöver hier völlig fehl am Platze sind.  Stattdessen muss konsequent und energisch gehandelt werden:

  1. Man entbindet den Hund kompromisslos von der Verantwortung und bietet ihm simultan in allen Lebenssituationen einen demonstrativen Schutz. Dazu gehört zum Beispiel das energische Verweisen des Hundes hinter oder wenigstens neben sich. Und das insbesondere in Situationen, in denen andere Personen oder Artgenossen auftauchen. Der Grundsatz muss lauten: „Ich als HundebesitzerIn befinde mich immer zwischen der Gefahr und meinem Hund – niemals dahinter!“ Das konterkarierende Gegenteil wäre, den Hund an der „langen Leine“ vor sich herlaufen zu lassen und ihn dadurch schon objektiv immer als ersten mit der Gefahr oder Bedrohung zu konfrontieren, während ich mich gesichert hinter ihm unter seinem Schutz befinde. Für den Hund wäre dies eine unmissverständliche und demonstrative Verantwortungsübertragung mit einem adäquaten Entscheidungsspielraum inklusive der Aufgabenübertragung zur Gefahrenabwehr.
  2. Man entzieht ihm rigoros seinen Entscheidungsspielraum, indem er bei jeglichem Verstoß gegen ein Tabu oder Überschreiten einer Grenze sofort korrigiert wird. Und dieses Korrigieren ist in seiner Konsequenz unabhängig vom Grad des Verstoßes. Je konsequenter und energischer umso effizienter und effektiver. Wichtig dabei ist, dass dem Hund bereits beim kleinsten Anzeichen wie beispielsweise dem Knurren unmittelbar und ultimativ das Tabu demonstriert wird. Und sollte er aggressive Signale einem Kind gegenüber zeigen, müssen die HundebesitzerInnen erst recht und betont konsequent ihre Korrektur anbringen, um dem Hund den besonderen Schutz des Kindes zu verdeutlichen.

Nun kommt es natürlich einem akademischen Philosophieren gleich, darüber zu diskutieren, ob es überhaupt noch notwendig wäre, den Hund zu korrigieren, wenn ihm doch bereits die Verantwortung entzogen wurde. Damit wäre ihm ja schon der Grund für seine Aggressionen genommen. Einem solchen Einwand würde ich natürlich sofort zustimmen. Aber wir reden hier ja nicht nur von der Erziehung des Hundes bevor etwas passiert ist, sondern ebenso von Hunden, die bereits extrem auffällig geworden sind und denen Beißattacken vorgeworfen werden. In diesen Fällen muss beides simultan erfolgen, nämlich das energische Korrigieren – oder nennen wir es ruhig Bestrafen – und anschließende demonstrative Entbinden von der Verantwortung in Kombination mit der Demonstration seines Beschützens.

Zwei abschließende Bemerkungen seien mir noch gestattet zur Korrektur oder Bestrafung.

  1. Wir sollten im Interesse insbesondere unserer Kinder die scheinheiligen Ressentiments ablegen und nicht fälschlicherweise die Erziehung eines Kindes mit der Erziehung eines Hundes auf eine moralische Stufe stellen. Wenn ich ein Kind unter Anwendung oder sogar nur Androhung von Gewalt erziehe, beschädige ich seine Persönlichkeitsrechte. In der Tierwelt ist es aber das probateste und effizienteste Mittel einer Erziehung. Ohne sie wäre beispielsweise in der Welt der Säugetiere eine Erziehung undenkbar. Und seien Sie versichert, der Hund ist robust genug, um auch eine relativ grobe physische Sanktion zu verkraften.
  2. Erfahrungsgemäß laufen die meisten Korrekturen und Sanktionen ins Leere und bewirken keinerlei Veränderung im Verhalten des Hundes, weil die HundebesitzerInnen den eigentlichen Grund für das ungewollte hündische Verhalten als ultimative Voraussetzung nicht beseitigen, nämlich die dem Hund übertragene Verantwortung. Wenn nicht beides simultan geschieht, die Entbindung von der Verantwortung und die Korrektur, also Einschränkung seines Entscheidungsspielraumes, nützt kein Schimpfen, Hauen, Zerren oder Greifen in den Nacken. Im Gegenteil, der Hund, dem die Verantwortung weiterhin gehört aber korrigiert wird, kommt in einen Konflikt und verstärkt unter Umständen sein auffälliges oder aggressives Verhalten. Mit anderen Worten: Wenn man den Hund an der Leine vor sich herlaufen und an jeder nur denkbaren Stelle schnüffeln und markieren, ihn an jeden anderen seiner Konkurrenten heran lässt und sich freut wie toll er mit vielen anderen seiner Rivalen „kommuniziert“, kann man sich nicht nur jegliche Korrektur verkneifen, sondern sollte es sogar. Eine versuchte Korrektur ohne Ursachenbeseitigung hat ebenso fatale Folgen wie gar kein Handeln.
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